Sujet Internationales Jazzfestival Saalfelden 2016
Sujet Internationales Jazzfestival Saalfelden 2016

„Musik zu suchen, Neues zu entdecken, Neues zu erfahren ist das Spannende“ – MARIO STEIDL im mica-Interview

MARIO STEIDL, gemeinsam mit MICHAELA MAYER Intendant des INTERNATIONALEN JAZZFESTIVALS SAALFELDEN, sprach mit Markus Deisenberger über junge Programme, Künstlerinnen und Künstler, die sich etwas trauen, und Zuhören als wichtigstes Thema.

Wie erreicht man ein neues Publikum für den Jazz? Wo setzt man an?

Mario Steidl: Eigentlich wäre es einfach: indem man nicht nur ein Programm für ein altes Publikum macht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das die einzige Rezeptur ist. Uns in Saalfelden ist wichtig, dass wir junge Musikerinnen und Musiker featuren und nicht nur altgediente Jazzer, die natürlich ihren verdienten Platz in der Jazzgeschichte haben, aber keine großartigen innovativen Inputs mehr geben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt altgediente Dinge, die ihre Berechtigung haben, bei denen man sich aber fragen muss, ob man das wirklich noch veranstalten muss. Der für mich richtige Weg ist es, junge, neue Musikerinnen und Musiker zu präsentieren. Ob ich deshalb unbedingt ein jüngeres Publikum bekomme? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Aber ich denke, es ist auf jeden Fall einmal der richtige Weg.

Im Editorial Ihres Festival-Magazins heißt es: „Irgendjemand wird sicher bei dem einen oder anderen Konzert die Frage stellen, ob das jetzt nun Jazz ist oder nicht. Diese Frage ist vermutlich so alt wie der Begriff selbst.“ Da drängt sich die Frage auf: Wie weit muss sich der Jazz in Richtung Pop oder Clubkultur öffnen, ohne sich selbst zu verleugnen?

Mario Steidl: Ein wesentliches Merkmal von Jazz ist ja, dass er nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Haltung ist. Und Jazz ist deshalb so spannend, weil er sich immer schon bei allen möglichen Genres bedient hat. Es ist daher immer schon passiert und passiert auch immer noch, dass er dabei mitunter ins Kommerzielle abgleitet, aber das ist nicht die eigentliche Wesensart, und vor allem nicht die Wesensart des Jazz, die wir hier in Saalfelden repräsentieren. Zum Jazz gehört aus meiner Sicht experimentelle Laptop-Improvisation genauso dazu wie Anklänge aus dem Progressive Rock und dem klassischen Freejazz, vielleicht neu interpretiert. Die Genres sind nur über die Jahre und Jahrzehnte immer mehr geworden, und das teilweise Abgleiten in den Kommerz liegt in der Natur der Sache.

Der Jazz als „offenes System“, der sensibel auf soziale Veränderungen ebenso wie auf festgefahrene soziale Machtstrukturen reagiert – ist dieses Dagegenhalten, dieser Gegenpol zum Mainstream heute wichtiger denn je?

Mario Steidl: Wichtiger denn je würde ich nicht sagen, auch das Reagieren auf festgefahrene Machtstrukturen war ja immer schon Wesensmerkmal des Jazz – sei es als Ausdruck schwarzer Selbstbehauptung, sei es als simples politisches Statement oder als Protesthaltung, wie auch immer. Das war dem Jazz immer schon inhärent, und das gibt es nach wie vor.

Können Sie da konkreter werden?

Mario Steidl: Ich denke da zum Beispiel an Bobby Previte, der sein Album „The Coalition of the Willing“ nannte, oder an die Ahleuchatistas, die bei uns gespielt haben und ihr Album „Remember Rumsfeld at Abu Ghraib“ genannt haben und darauf den Irakfeldzug reflektierten, oder an den alten Haudegen James „Blood“ Ulmer, der letztes Jahr bei uns spielte und mit „Are you glad to be in America?“ eine provokante Frage an uns richtete. Sie alle hinterfragen aktuelle politische Gegebenheiten. Das aber macht nicht nur der Jazz, sondern das tun andere Genres auch. Im Jazz nur war das immer schon da, diese Auseinandersetzung ist eines der wesentlichen Merkmale von Jazz.

Das waren aber jetzt durchwegs US-amerikanische Beispiele, gibt es die Selbstbehauptung im Jazz auch bei uns in Europa bzw. Mitteleuropa?

Mario Steidl: Spontan fällt mir nichts so Direktes ein, das ist sicherlich auch geschichtlich bedingt und hat viel mit der aktuellen Rassismus-Debatte in den USA zu tun. Andrerseits wurde der Unterschied zwischen europäischem und US-amerikanischem Jazz zusehends verwischt und existiert heute nicht mehr so, wie er das einmal getan hat. Aber bei uns gibt es sehr wohl Projekte, die sich etwa ganz deutlich gegen Rechtsentwicklungen positionieren.

„Uns geht es darum, Musikerinnen und Musiker zu finden, die eine eigene musikalische Sprache, eine eigene Individualität entwickeln.“

Was würden Sie als das Wichtigste in Ihrer Programmierung bezeichnen?

Mario Steidl: Das Wichtigste ist die musikalische Offenheit. Uns geht es darum, Musikerinnen und Musiker zu finden, die eine eigene musikalische Sprache, eine eigene Individualität entwickeln. Es gibt wie in jedem anderen Genre ja auch im Jazz viel Phrasendrescherei. Zitate der Geschichte ohne Ende. Da wird es immer schwerer, Musikerinnen und Musiker zu finden, die eine Individualität haben, die man auch erkennt.

Klingt nach ständiger Suche.

Mario Steidl: Ja, natürlich. Das ist aber doch das Schöne. Musik zu suchen, Neues zu entdecken, Neues zu erfahren ist das Spannende. Wir sind mittlerweile im digitalen Zeitalter angelangt und es steht wirklich allen, völlig unabhängig davon, wie lange sie ein Instrument spielen und wie gut sie selbiges beherrschen, frei, ein Album aufzunehmen und die Welt damit zu beglücken. Wir werden regelrecht überflutet. Als Festivalveranstalter bekommen wir unglaublich viel Musik zugeschickt und hören uns auch wirklich alles an, weil darunter Perlen sind, aber – und das wissen auch alle – es ist einfach auch unfassbar viel Schrott unterwegs. Das heißt, die Selektion wird immer aufwendiger, und es wird immer schwerer, das Gute, das Neue und das andere aus der Flut an Erscheinungen herauszufiltern. Aber natürlich ist das, wenn man Programm macht – das muss man einräumen – immer auch zu einem gewissen Grad subjektiv.

Sie haben immer einen Österreich-Schwerpunkt bzw. es wird Jahr für Jahr ein Auftrag an eine österreichische Künstlerin bzw. einen österreichischen Künstler vergeben, der dann auf der großen Bühne das Festival eröffnet. Letztes Jahr war es Maja Osojnik, wenn ich mich recht erinnere. Warum ist das wichtig und wer wird heuer die große Bühne eröffnen?

Mario Steidl: Der Auftrag ist immer mit 10.000 Euro dotiert, zusätzlich übernehmen wir Reise- und Hotelkosten und stellen das Kunsthaus Nexus für Proben zur Verfügung, was auch immer angenommen wird, stellen auch Flugkosten zur Verfügung, wenn es sich um ein internationales Projekt handelt. Ziel ist es, Jahr für Jahr eine österreichische Künstlerin oder einen österreichischen Künstler zu fördern und die Umsetzung eines Projektes zu fördern, das unter normalen Umständen aus finanziellen Gründen vielleicht so nicht möglich wäre. Der Auftrag soll ermöglichen, sich vor einem größeren Publikum zu präsentieren und entsprechend internationale Aufmerksamkeit zu bekommen. Damit verbunden ist natürlich die Möglichkeit, dass dann auch andere Veranstalter das Projekt buchen.

Wer bekommt heuer den Auftrag?

Mario Steidl: Lukas Kranzelbinder. Wenn ich das richtig im Kopf habe, ist er der jüngste Musiker, der je diesen Auftrag bekommen hast.

Was war dafür ausschlaggebend?

Mario Steidl: Der Hauptgrund ist, dass er unheimlich vielseitig ist. Er hat schon eine Oper geschrieben, ist in verschiedenen Projekten von Japan bis Mexiko unterwegs – und zwar äußerst erfolgreich, unter anderem mit Mario Rom‘s Interzone. Und er ist einer der österreichischen Musiker, die jung und frech genug sind, um einer ganzen Szene neue Inputs zu geben, weil er sich etwas traut, sich etwas zutraut und sich bei allen Strömungen bedient. Mit Mario Rom‘s Interzone war er schon einmal bei uns zu Gast. Da lag es dann nahe, dass wir ihn heuer eröffnen lassen. Bei seinem Projekt SHAKE STEW „The Golden Fang” geht es vor allem um die Erforschung genreunabhängiger Klangmöglichkeiten.

Die Salzburger Singer-Songwriterin Mel hat Ihnen neulich Rosen gestreut. Das Kunsthaus Nexus sei ein perfekter Rahmen für unsere Musik“ gewesen, hat sie auf Facebook gepostet. Warum, denken Sie, fühlen sich Musikerinnen und Musiker, die einen intimen Rahmen brauchen, damit sich ihre Musik entfaltet, so besonders wohl im Kunsthaus Nexus?

Mario Steidl: Das hat mehrere Gründe: Architektonisch ist das einfach ein sehr gelungenes Haus mit einem gelungenen Ambiente. Und wir sind mit einem neuen Soundsystem ausgestattet. Aber ich glaube, es liegt darüber hinaus auch zu einem wesentlichen Teil daran, wie man mit Künstlerinnen und Künstlern umgeht. Und da sollte man meinen, dass ein guter Umgang selbstverständlich ist. Nur leider hört man immer wieder, was Künstlerinnen und Künstlern so passiert, wenn sie unterwegs sind. Von wegen Umziehen auf Bierkisten und Essen von Pappkartons. Ich denke, wann man mit Leuten nett und respektvoll umgeht, dann haben sie auch mehr Freude an ihrem Job. Wenn Künstlerinnen und Künstler gut betreut werden, fühlen sie sich wohl, und das schlägt sich auch auf die Performance nieder.

„Insgesamt ist es ein Programm, das sehr jung ist.“

Gibt es im kommenden Programm einige Fixpunkte, auf die Sie sich besonders freuen?

Bild Mario Steidl
Mario Steidl (c) Kunsthaus Nexus

Mario Steidl: Das schon angesprochene Eröffnungsprojekt. Dann Krokofant aus Norwegen, weil ich sehr rockaffin bin und das Projekt sehr starke Progressive-Rock-Einflüsse aufweist. Das Tomeka Reid Quartett mit Tomeka Reid, Mary Halvorson, Jason Roebke und Tomas Fujiwara. Reids letzte Platte ist ein tolles Beispiel für herausragende Individualität. Ich habe sie einen Monat lang immer wieder gehört. Das ist eine Wahnsinnsgrätsche zwischen Eingängigkeit, ohne kommerziell zu sein, und improvisatorischer Freiheit. Und Reid selbst nimmt sich oft so zurück, dass man Halvorson stark hört, die sowieso jemand ist, die man sofort an ihrem Spiel erkennt. Es gibt nur wenige Musikerinnen und Musiker, die diesen eigenen Stil und eine völlig eigene Formensprache haben. Ein absolutes Highlight für mich.
Cassandra Wilson mit Harriet Tubman – eines der wenigen Projekte mit einem wirklich bekannten Namen. Oder auch das Émile Parisien Quintet feat. Kühn und Portal. Oder Edi Nulz, die ganz anders mit dem Thema umgehen, nämlich rotzfrech und locker. Ein super Opener für den Samstag. Chiri aus Australien und Korea, die mit „Return of Spring“ einen bunten Farbklecks auf die Bühne zaubern werden. Insgesamt ist es ein Programm, das sehr jung ist.

Kann man das so zusammenfassen: Die kreative Vermengung der Stile, die Erkundung der Randzonen und die Tradition einer Form des Widerstands, die nicht unbedingt das Etikett des explizit Politischen tragen muss – das ist es, was Ihnen programmatisch besonders wichtig ist?

Mario Steidl: Auf alle Fälle. Die Randzonen sind unheimlich wichtig. Ein weiteres Projekt zeigt Kalle Kalima an der Gitarre, Lucas Niggly am Schlagzeug, Luciano Biondini am Akkordeon und Andreas Schaerer als Vokalkünstler – ein Projekt mit Witz und Charme. Junges Programm, ja, und wir erkunden auch wieder die Randzonen.

„[…] wenn ein Jazzkonzert von einem fünfgängigen Menü begleitet wird, muss ich mich schon fragen, worum es jetzt eigentlich geht.“

Heute geht es bei Festivals vielfach darum, mehr liefern zu wollen als nur gute Konzerte. Man aktiviert spezielle Locations, bewegt sich in Richtung Kulinarik. Dieses Rundherum – wie sehen Sie das? Als unbedingte Notwendigkeit, um eine hohe Qualität zu liefern, oder als entbehrliche „Eventisierung“?

Mario Steidl: Wir haben neulich im Nexus ein Singer-Songwriter-Festival veranstaltet, an dem eben auch Mel teilgenommen hat. Viele Musikerinnen und Musiker haben nachher gesagt, dass unser Publikum so toll ist, weil es tatsächlich da ist und zuhört. Das Zuhören ist ein wichtiges Thema. Einer der Künstler hat mir erzählt, dass er eines seiner letzten Konzerte auf einem Spieleabend gespielt hat. Das heißt, er wurde als Künstler eingeladen, um – das hat sich erst vor Ort herausgestellt – auf einem Spieleabend zu spielen. Das heißt, die Leute spielen miteinander, plaudern, die Kaffeemaschine rennt auf Hochtouren. Er war nur die Dekoration eines bestimmten Settings. Genau das ist auch das Gefährliche an Events: Das aufmerksame Zuhören bleibt auf der Strecke. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen passen, innerhalb derer künstlerische Darbietungen stattfinden. Aber wenn ein Jazzkonzert von einem fünfgängigen Menü begleitet wird, muss ich mich schon fragen, worum es jetzt eigentlich geht. Geht es um das Event, das Kulinarische oder doch die Musik? Die Gefahr ist, dass man das falsch gewichtet.

Wie wird in Saalfelden gewichtet?

Mario Steidl: Da muss man sich unsere Historie anschauen: Unser Festival hat bis 2004 in einem Zelt stattgefunden. Mit deutlich mehr Besucherinnen und Besuchern. Ein Riesen-Event war das – mit Zeltstadt und Campingplatz. Als wir ins Congress gewandert sind, ist ein großer Teil der Leute weggebrochen. Das waren aber größtenteils die Leute, die nicht wegen der Musik, sondern wegen des Events gekommen sind. Bergkulisse, Wiese, Bach, Zelten – da war die Musik nur die Draufgabe; ein gewaltiges Flair einerseits, andererseits ein Festival, dass mit den Jahren immer mehr zum Event wurde für Leute, die in erster Linie nicht wegen der Musik kamen. Aber es war nicht so, dass die Musik marginalisiert worden wäre.

Heute steht man auf einem Konzert und genau in dem Moment, den man selbst für intim und unwiederbringlich hält, zücken Hunderte die Kamera, um ein Foto zu schießen.

Mario Steidl: Schrecklich finde ich das. Viele haben die Fähigkeit verloren, im Jetzt zu sein. Ich habe mir das neulich bei einem Metallica-Video gedacht, in dem der Gitarrist an den Rand der Bühne vorgeht und sein Solo spielt. Früher wären die Leute dagestanden und hätten andächtig dem Solo gelauscht. Heute filmen sie das Solo. Was macht man nachher damit? Da bringt man sich um das Erlebnis, weil man nicht mehr live dabei ist, sondern nur da, um es sich nachher anzuschauen. Das Ereignis lässt sich nicht reproduzieren. Natürlich hat das ein Für und Wider: Man findet nachher viel auf YouTube in ganz unterschiedlichen Qualitäten. Aber es ist auch respektlos gegenüber den Musikerinnen und Musikern, finde ich.

„Ich tue mir heute unheimlich schwer, mit einem Konzert im Nexus junge Leute zu erreichen.“

Wenn man etwas auf YouTube sieht, was in Saalfelden gedreht wurde – empfinden Sie das als Werbung? Einerseits sieht man, welch tolle Musik hier stattfindet, andererseits glaubt man vielleicht, die miserable Soundqualität ist auch live so.

Mario Steidl: Na ja, es kann schon passieren, dass gar nichts rüberkommt. Auf den Eintrittskarten steht natürlich schon immer drauf, dass Ton- und Filmaufnahmen verboten sind, aber man kann doch nicht allen das Handy abnehmen. Das lässt sich einfach nicht mehr kontrollieren. Das hat sich verselbständigt. Das Problem ist die Übersättigung. Es gibt fast nichts mehr, was man sich nicht irgendwie im Internet anschauen kann. Es gibt also auch kaum etwas, was man unbedingt live erleben muss, um es gesehen zu haben. Deshalb ist es ja auch so schwer, junge Leute für Konzerte zu begeistern. Ich tue mir heute unheimlich schwer, mit einem Konzert im Nexus junge Leute zu erreichen. Warum sind auf dem Nova Rock keine Leute aus der Umgebung? Weil es dort eben auch um das Event geht und nicht primär um die Musik. Mit dem Phänomen hat man als Veranstalter zu kämpfen. Es gibt einfach zu viel anzuschauen, zu streamen und downzuloaden. Warum soll ich da wo hinfahren und 17 Euro abdrücken?

Würden Sie sagen, dass das übersättigte Publikum, das nur noch schwer und unter ganz bestimmten Voraussetzungen für ein Programm zu begeistern ist, das größte Problem ist, oder gibt es auch noch andere Probleme, mit denen Sie zu kämpfen habt?

Mario Steidl: Ich beklage mich nicht. Das Festival ist ausgelastet und es kommen Leute nach, die auf YouTube pfeifen. Die finanzielle Geschichte ist natürlich immer kompliziert: Es gibt Subventionsgeber, die dich wirklich super unterstützen und andere, die die Subvention über Jahre hinweg einfach fortschreiben, was bei ständig steigenden Kosten de facto bedeutet, dass immer weniger Geld zur Verfügung steht. Und wir sind halt nicht in einer großen Stadt, sondern im Innergebirge, in the middle of nowhere sozusagen. Und Jazz ist jetzt nicht unbedingt ein Segment, um das sich die Sponsoren reißen. Im Kulturbereich werden eher andere Formate gefördert als Jazz. Die Zeiten, als du ein paar Fähnchen für einen Mobilfunkbetreiber aufgestellt hast und dafür 20.000 Euro bekommen hast, sind leider auch vorbei. Weder bei den Sponsoren noch bei den Subventionsgebern sitzt das Geld locker. Insofern ist oft eine ziemliche Portion an Kreativität gefragt, um genug Geld aufzutreiben. Man kann es nicht immer auf das Publikum abwälzen und immer nur die Preise erhöhen, man muss sich Dinge einfallen lassen, um gute Qualität leistbar zu machen bzw. die Leistbarkeit zu erhalten. Wir arbeiten daran, dass wir ein junges Publikum erreichen.

Auch durch ein junge, möglichst grenzsprengende Programmierung?

Mario Steidl: Unbedingt. Ich könnte natürlich auch den Schritt machen, einen sehr populären Act zu programmieren und darauf zu hoffen, dass deshalb auch viele junge Leute kommen. Aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Und deshalb machen wir das auch nicht.

Sondern?

Mario Steidl: Wenn ich junge Österreicherinnen und Österreich buche, ziehen die auch junge Leute mit. Noch dazu haben wir heuer die Preise für Junge bis 26 Jahre auf die Hälfte reduziert. Für junge Leute ist es sehr günstig und so günstig wie nie, zu uns aufs Festival zu kommen und erstklassige Musik zu hören.
Natürlich muss man auch schauen, dass das in den entsprechenden Kanälen kommuniziert wird. Andererseits liegt es auch ein wenig in der Pflicht der Musikerinnen und Musiker, darauf aufmerksam zu machen und im eigenen, jungen Umfeld Werbung zu machen. Beispielsweise Lukas Kranzelbinder bzw. Mario Rom‘s Interzone: Man muss sich nur anschauen, welch junge und freche Videos die produzieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Da merkt man, dass sich die Musiker wirklich bemühen, ein Publikum ihres Alters anzusprechen. Wenn solch eine Band im Kunsthaus Nexus spielt, dann kommen automatisch junge Leute, die sonst vielleicht nicht auf ein Jazzkonzert gehen würden.

Wie sind Sie selbst zum Jazz gekommen?

Mario Steidl: Ich war eher auf Rock und Metal gepolt. Mein Onkel hat mir dann Don Cherry vorgespielt und mir eine Kassette mitgegeben. Und Miles Davis. Das war ein völlig neues Feld für mich. Ich bin dann auch zum Jazzfestival gegangen, bin ab sechzehn mit dem Festival sozialisiert worden, habe beim Aufbau geholfen, um ein Ticket zu bekommen usw. Und dann habe ich Reinhard Gottlieb kennengelernt, einen Mann der ersten Stunde, der damals Kassier war und leider zu früh verstorben ist. Der nahm mich unter seine Fittiche, hat mich in nächtelangen Sitzungen in die Geschichte des Jazz eingeführt. Ich bin kein Musiktheoretiker, habe nicht Musik studiert, sondern Musik face to face aufgesaugt. Aus purem Interesse.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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