Bild Susanna Ridler
Susanna Ridler (c) privat

„Musik ist in seiner Sprache hörbar […]“ – SUSANNA RIDLER im mica-Interview

Eine musikalische Hommage an einen der großen der österreichischen Literatur. Die Wiener Vokalistin und Komponistin SUSANNA RIDLER ehrt mit ihrer eben erschienenen CD „Geometrie der Seele“ (Electroland Records Vienna) den 2009 verstorbenen österreichischen Dichter GERT JONKE, der im Februar 2021 seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte. Der Künstlerin wurde für die Realisierung ihrers Albums von der GERT-JONKE-GESELLSCHAFT Zugang zu dessen Künstlerzimmer gewährt, um nach bislang unveröffentlichtem Material des Dichters zu suchen. SUSANNA RIDLER über ihre Faszination für GERT JONKE, die musikalischen Elemente seiner Sprache und die Herausforderung, denen man sich bei einem solchen Projekt stellen muss. Die Fragen stellte Michael Ternai.

Auf Geometrie der Seele widmest du dich musikalisch dem Schaffen von Gert Jonke. Zunächst einmal, was fasziniert dich an diesem Lyriker und Dramatiker? 

Susanna Ridler: Mich fasziniert an Gert Jonke dessen unglaublich phantasievolle Art, das Wesen der Dinge zu erforschen, Phänomene mit Ironie und Witz zu sezieren und bis ins Surreale zu steigern. Das bewirkt bei den Leserinnen und Lesern verblüffende Blickrichtungen auf die Dinge – auch bei sehr aktuellen Themen. Jonke war poetischer Weltentdecker, Sprachmagier und Sprachkomponist. Musik nahm in seinem dichterischen Schaffen eine zentrale Rolle ein. Er sagte: „Ich möchte mit der Sprache nicht nur erzählen, sondern auch Musik machen.“ Dieser musikalische Aspekt seines Schreibens, seiner Texte und auch seiner Inhalte faszinieren mich natürlich ebenso.

Du setzt dich künstlerisch schon länger mit Jonke auseinander und hast von der Gert-Jonke-Gesellschaft für das Projekt bisher unveröffentlichte Texte des Dichters zur Bearbeitung zur Verfügung gestellt bekommen. Wie war es in die bisher unbekannte Welt des Dichters einzutauchen? Hast du neue Seiten von ihm kennengerlernt? 

Susanna Ridler: Es gibt eigentlich in meiner Empfindung keine „Zäsur“ im Sinne von „Unbekanntem“ und mir „Bekanntem“. Einerseits, weil ich alles, was ich von Ingrid Ahrer und der Gert-Jonke-Gesellschaft an Unterstützung erhielt, als ausgesprochenes Privileg empfand und insofern jeder Arbeitsschritt, jede Suche nach einem zu vertonenden Text der jeweils zu entstehenden Komposition mir ja unbekannt war. Ich sehe mich als eine „musikalische Wanderin/Spaziergängerin/Forscherin“, die sich staunend durch Jonkes Werk bewegt. Während dieser Wanderschaft versuchte ich, auf subjektive Weise die mich berührenden Eindrücke der „Jonke-Landschaft“ musikalisch „abzufotografieren“. Danach wurden diese Eindrücke und Momentaufnahmen kompositorisch zu neuen „Hör-Landschaftsbildern“ verdichtet. Zu den besonders berührenden Momenten dieser Arbeit gehörte, das Künstlerzimmer von Gert Jonke besuchen und dort nach Texten „suchen“ zu dürfen. Wobei: Die Suche nach unveröffentlichtem Material war gar nicht so einfach, da Gert Jonke seine Texte immer wieder überarbeitet, bearbeitet, wieder- und weiter-verwendet, zu neuen Geschichten geformt hat.

Es musste also mit Hilfe der Gert-Jonke- Gesellschaft recherchiert werden, welche der gefundenen Texte wirklich unveröffentlicht sind. Da stand ich also voller Respekt in seinem Zimmer, betrachtete den Schreibtisch und sah: Papierstapel mit markanter Handschrift vollgeschrieben, andere mit Schreibmaschinenschriften vollgetippt, manches davon wieder mit Handschriften übermalt, überschrieben, zu kleinen Schrift-Kunstwerk-Objekten gefaltet, geklebt, zerknittert, zerknüllt und wieder gefaltet. Der abgedruckte „Papierflieger“ im Booklet der CD ist übrigens eines dieser entdeckten „Objekte“. In diesem Ambiente seines Arbeitszimmers lernte ich eine Facette seiner Arbeit kennen, die mir aus seinen Büchern so nicht bekannt war. Ich meine dieses eingangs erwähnte Sezieren der Dinge, dieses – mit Buchstaben und Worten als Werkzeug -Hineinschauen, Sich-hineinschreiben in das Wesen der Dinge, immer weiter und weiter, bis sich eine – wie Jonke es selber sagte – „nie dagewesene Erkenntnis“ herausschält.

Was ich damit meine, hat Gert Jonke in einem Filmportrait über ihn, so formuliert: „Meistens schreibe ich mehrere Nächte ununterbrochen hintereinander durch. Und wenn man in diesen Nächten schreibt und schreibt und schreibt und schreibt, ist das richtige Schreiben erst dann erreicht, wenn man nicht mehr nachdenken muss, was man schreiben will, sondern so schreibt, als würde die Hand mit dem Stift in den Fingern einfach wie von selbst und ohne nachzudenken, Dinge aufs Papier schreiben, die so sind, dass man sie nicht mehr verändern kann. Dann passiert es, dass oft Erkenntnisse und Einsichten entstehen, die man vorher noch nie im Leben gehabt hat und dies lässt einen zu einem richtigen Weltentdecker werden.“ [vertont in Der Weltentdecker I/3]

„Ich möchte mit der Sprache nicht nur erzählen, sondern auch Musik machen.“ Was ist für dich das musikalische Element seiner Sprache? 

Susanna Ridler: Dieser Jonke-Satz wurde zum Leitthema für die CD. Es ist, wenn man Gert Jonke selbst auf Aufnahmen lesen hört, eine Art Gesprochene Musik, im Sinne von Rhythmus und Sprachmelodie. Mir wurde erzählt, Jonke las und sprach laut beim Schreiben; so entstand – das vermute ich natürlich nur – die Musikalität des Textes, er komponierte diese während des Schreibens. Vielleicht hat er es auch innerlich gehört, bevor er es aufschrieb, oder aussprach. Das weiß ich natürlich nicht.

Er wandte in seinem Schreiben auch musikalische Variationstechniken an. Er unterzog Sätze gewissermaßen einer variierten Wiederholung, bei der sich der Gedanke quasi steigerte, als würde er lauter, größer schneller, dramatischer. Musik ist in seiner Sprache hörbar und ist auch inhaltlich immer wieder thematisch verarbeitet, etwa in „Chorphantasie“, „Sanftwut oder Der Ohrenmaschinist“, „Der Ferne Kang“ oder „Geblendeter Augenblick. Anton Webberns Tod.“ Auch formale Aspekte der Musik waren Jonke eine Inspiration, wie z.B. die Sonatenform oder Suitenform, wie er dies in einem Gespräch 1971 im Literaturhaus Wien formulierte. Im Laufe des CD-Entstehungsprozesses entwickelte ich die Idee, Gert Jonkes Stimme, als ein Zeitdokument, in Form einer dramaturgischen Erzählstimme einzuflechten und diese auch musikalisch zu bearbeiten; also nicht nur mit und aus seinen Texten – seinem geschriebenem Wort – Musik zu formen, sondern auch seine Stimme – sein gesprochenes Wort – in den Gesamtklang zu verweben.

Worin lag für dich die besondere Herausforderung, den passenden Ton für Jonkes Texte zu finden?

Susanna Ridler: Die besondere Herausforderung bestand ganz am Anfang darin, mich überhaupt zu trauen, Texte von Gert Jonke zu vertonen. Denn wie soll man einen Text vertonen, der vom Dichter selbst komponiert wurde? Aber sie lösten in mir etwas aus. Und dieses Etwas wollte ich zum Klingen bringen, es zumindest versuchen. Eine Etappe des einen „passenden Ton finden“ bestand darin, das Notierte in Livemusik zu verwandeln. Dabei waren meine wunderbaren Kollegen Peter Herbert und Wolfgang Puschnig maßgeblich beteiligt, denn sie haben das notierte Material – erstmals – beim Carinthischen Sommer 2014 tatsächlich mit zum Leben erweckt. Es soll auch nicht unerwähnt sein: Markus Siber, damals künstlerischer Leiter des CS-alternativ, hatte mir Jonkes „Geometrischen Heimatroman“ zur Vertonung vorgeschlagen.

Bild Susanna Ridler Wolfgang Puschnig Peter Herbert
Susanna Ridler, Wolfgang Puschnig, Peter Herbert (c) Elmar Bertsch

[…] in einem künstlerischen Prozess sind es der Weg und die Umwege, die zum Ergebnis führen.“

Läuft man bei so einem Projekt nicht manchmal auch Gefahr, dass man zu viel will und über das Ziel hinausschießt?

Susanna Ridler: Ja sicher und das ist auch gut so, denn sonst würde ja nichts Neues, nichts Unerwartetes, Überraschendes entstehen können. Ziele sind dazu da, sie zu verfolgen, in einer künstlerischen Arbeit gibt es Orientierung; in einem künstlerischen Prozess sind es der Weg und die Umwege, die zum Ergebnis führen.

Wie hat sich der Sound der Stücke entwickelt? Hattest du schon eine gewisse Vorstellung, in welche klangliche Richtung es gehen sollte? Oder hat sich diese von Stück zu Stück ergeben? 

Susanna Ridler: Die Stücke haben sich aus dem Inhalt und der Emotion heraus entwickelt. Für die Arbeit an der CD gab es als Ausgangsmaterial die Kompositionen für das Trio mit Peter Herbert und Wolfgang Puschnig, die ich seit 2017 bei Konzerten live aufgenommen, bzw mitgeschnitten hatte; dieses Audiomaterial war quasi die Basis für CD-Produktion. Auch gab es die 30-minütige Komposition „Chlorophyllklangpulverstaub oder die Erforschung des botanischen Tongewebes“, die 2015/16 in Kooperation mit Dirigent Peter Burwik und seinem ensemble XX jahrhundert entstand.

Ich verdichtete die Komposition zu einer 15-minütigen Version, die ich mit einem elektronischen, artifiziellen Orchester umsetzte und mit zusätzlichen von mir eingesungenen Stimmen anreicherte. Es kamen in Summe eine Menge stilistisch unterschiedlicher Kompositionen zusammen. So galt es, in einem nächsten Schritt eine dramaturgische Gesamtlinie zu finden, worauf die Idee eines im Stück agierenden Erzählers entstand. Die „Originalstimme“ von Gert Jonke wurde dann zu diesem hineinverwobenen „Erzähler“. Erst mussten natürlich Jonke-Aufnahmen und Aussagen gefunden werden, die sich dramaturgisch zwischen und in die Stücke hineinfügen lassen würden. Mit der vertrauensvollen Leihgabe von „Gert Jonkes persönlichen Audiokassetten“ seitens der Gert-Jonke-Gesellschaft machte ich mich auf die Suche nach Jonke-O-Tönen. Aus den dort enthaltenen Mitschnitten von Interviews und Lesungen stammt der Großteil der verwendeten O-Töne, die ich für den dramaturgischen Bogen bei der Tondichtung „Der Sprachkomponist“ verwendete.

„Inhalt und die in mir ausgelöste Emotion führen mich zum jeweiligen Klang.“

Der musikalische Bogen auf „GEOMETRIE DER SEELE“ vom ungewöhnlichen Jazz über die und klassische Moderne und Filmmusik bis hin auch zur Neuen Musik und Elektronik. Inwieweit ist ein stilistisch offenes Denken eigentlich Voraussetzung für ein solches Projekt? 

Susanna Ridler: Inhalt und die in mir ausgelöste Emotion führen mich zum jeweiligen Klang. Der Stil ist dabei nicht die Hauptsache. Dazu fällt mir der schöne Satz von Jonke ein, den er in einem Ö1-Gespräch mit Christoph Wagner Trenkwitz 2002 formulierte: „Klang ist der Atem der Emotion“. 

Du hast wie schon vorher erwähnt dir mit Wolfgang Puschnig und Peter Herbert zwei ausgewiesene Könner des Jazz an deine Seite geholt. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Cover "Geometrie der Seele"
Cover “Geometrie der Seele”

Susanna Ridler: Mit diesen beiden Herren zu arbeiten ist ein Geschenk! Peter Herbert kenne ich schon seit einer gemeinsamen Theaterarbeit in den 1990ern. Er hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass mein Projekt [koe:r] 2004 zu seinem Klangcharakter, einem Mix aus Elektronischem und Akustischem fand. Peter war seitdem bei allen meinen Projekten dabei, was mich ehrt und sehr freut. Auch Wolfgang Puschnig bereicherte mit seinem famosen Spiel meine beiden [koe:r] CDs. Bei den gemeinsamen [koe:r] – Konzerten entdeckte ich, dass das gemeinsame Musizieren einen ganz besonderen Zauber entwickelt. Ich bin froh, dass sie bereit waren, sich mit mir auf das Jonke-Experiment einzulassen.

Sie sind meine musikalische Traum-Besetzung, mit der ich die Stücke im Konzert gewissermaßen frei lassen kann, damit sie in der Bühnensituation durch unsere Improvisationen ganz neue Aspekte erlangen. Besonders interessant ist auch, die Kombination von Livemusik mit Elementen, die vom Band kommen. Das ergibt die Möglichkeit, das Trio mit einem ganzen artifiziellen klassischen Kammerorchester zu kombinieren und die „Stimme von Gert Jonke“ als quasi viertes Instrument „einzusetzen“ und live elektronisch zu verarbeiten.

Gert Jonke wäre am 8. Februar 2021 75 Jahre alt geworden. War sein runder Geburtstag Anlass dafür, die CD nach so vielen Jahren jetzt herauszubringen?

Susanna Ridler: Ich habe an dieser CD sehr lange gearbeitet. Sie hätte schon Ende 2018 herauskommen sollen, aber ich wurde einfach nicht fertig. Den Termin musste ich mehrfach verschieben, einfach, weil es noch mehr Zeit brauchte. Als dann der 75. Geburtstag näher rückte, machte es Sinn, beides zu kombinieren.

Sind in Zukunft, wenn es dann wieder möglich ist, Liveauftritte geplant?

Susanna Ridler: Nun, das hoffe ich doch. Aber – ganz ehrlich – wegen Corona habe ich mich noch gar nicht extrem bemüht, Konzerte zu organisieren. Denn bisher sind Planungen ernsthaft kaum möglich. Die Situation ist generell sehr unsicher, keiner weiß, wie es weitergeht. Natürlich hoffe ich, dass das CD – Präsentationskonzert im Porgy & Bess, das für Donnerstag den 4.2. geplant ist, stattfinden kann und natürlich auch die kleine CD-Livepräsentation, die am 6.2. im Klagenfurter Musil-Museum stattfinden wird. Wir werden sehen…

Michael Ternai

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