Mit Dynamik die Raum- und Zeitwahrnehmung beeinflussen

Quer über den Globus ist Johanna Doderer eine gefragte und gefeierte Komponistin. Aufträge erhält sie von renommierten MusikerInnen, Orchestern und Opernhäusern. Vor allem die Verbindung von Visuellem, Text und Musik begeistert die Komponistin, deshalb liegt ein Hauptaugenmerk ihres künstlerischen Schaffens in der Komposition von Musiktheatern. Drei große Opern sowie zwei Kammeropern führen ihr Werkverzeichnis an, eine Kinderoper für die Wiener Staatsoper ist im Entstehen. In Vorarlberg war von der aus Bregenz stammenden Komponistin schon längere Zeit nichts zu hören. Doch am 16. und 17. November spielt das Symphonieorchester Vorarlberg Johanna Doderers Orchesterwerk „Der große Regen“. Im Gespräch mit Silvia Thurner erzählt die in Wien lebende Komponistin über ihre aktuellen Kompositionsaufträge sowie ihre Erlebnisse als „Composer in residence“ in Teheran.  Darüber hinaus gibt sie Einblicke in ihr kompositorisches Selbstverständnis.

Für die Staatsoper schreibst du eine Kinderoper. Was sind die speziellen Anforderungen, die eine Oper für Kinder mit sich bringt?
Für Kinder zu schreiben, ist eine ziemliche Herausforderung. Kinder sind frei von Vorstellungen was neu oder alt ist. Zeitgenössische Musik und all diese Begriffe gibt es bei Kindern nicht. Die Kinder wollen von einer Geschichte gepackt und in eine andere Welt entführt werden. Wenn die Musik nicht diese Kraft hat, wird ihnen einfach langweilig und das zeigen sie auch. Das finde ich befreiend, denn ich habe noch selber so viel Kind in mir, dass auch ich von Musik, die ich höre „abgeholt“ werden möchte. Die Kinderoper findet im großen Haus statt und nicht wie bisher unterm Dach der Wiener Staatsoper. Ich freue mich sehr über diesen Auftrag.

– Raum zwischen den Zeilen

Du hast mit hervorragenden Librettisten wie Daniel Glattauer, Franzobel und Wolfgang Hermann zusammen gearbeitet. Welche sprachlichen Qualitäten müssen Texte beziehungsweise Libretti haben, damit sie für deine Musik gute Voraussetzungen bieten?
Das liegt in der Sprache selbst. Entweder sie „klingt“ oder sie „klingt eben nicht“. Oft sind die einfachsten Texte, die besten. Aber was eine Sprache, die ich vertone, in jedem Fall haben muss, ist Raum. Ich benötige den „Raum zwischen den Zeilen“. Viel sprachliche Malerei ist oft hinderlich. Man gab mir schon Texte von ziemlich berühmten Autoren, die an gute Aufträge gebunden waren. Doch ich musste absagen, weil mich der Text beziehungsweise die Sprache einfach nicht „angesprochen“ haben.

– Raum hinter der Musik

Auf YouTube ist der Film „Astraios“ von Georg Riha nach deiner gleichnamigen Komposition zu sehen. Die Musik und die Bilder ergänzen sich gut. Hast du schon Angebote für Filmmusiken erhalten und würde dich das interessieren?
Natürlich ist Musik und Film mein Thema. Beide Medien arbeiten ja mit der Zeit. Allerdings interessiert mich eine rein emotionale Untermalung von Bildern nicht. Die Musik sollte immer  auch für sich stehen, das ist mein Anspruch an meine eigene Arbeit. Für viele Filme, und nicht die schlechtesten, wird dann doch Musik beispielsweise von Schostakowitsch oder Bach verwendet, die auch im Konzertsaal aufgeführt wird. Musik die sich eben nicht verbraucht.
Das ist auch meine Kritik an der Filmmusik. Oft beeindruckt sie nur beim ersten oder zweiten Höreindruck. Gute Musik eröffnet einem immer wieder neue Welten. Das hat wahrscheinlich mit dem Raum „hinter“ der Musik zu tun. Wenn sich dieser Raum aber zu sehr mit den bewegten Bildern beschäftigt, kann sich nichts mehr entwickeln.

– Musik und Malerei

Im Dezember findet die Uraufführung der Komposition „Die 4 Apokalyptichen Reiter“ im Wiener Konzerthaus statt. Grundlage für die Komposition sind die Ölgemälde von Ernst Haupt-Stummer. Bist du von den Bildern oder vom Text aus der Geheimen Offenbarung des Johannes ausgegangen?
Mit Ernst Haupt- Stummer verbindet mich seit vielen Jahren eine Freundschaft. Ich schätze ihn als Maler und Mensch und wir hatten uns beide für die Apokalyptischen Reiter interessiert. Ich bin bei diesem Werk von dem Text ausgegangen. Auch wenn ich diese Komposition ihm und seinem Schaffen widmete.

Schon öfters waren Bilder eine Inspirationsquelle für eine musikalische Umsetzung. Ich denke beispielsweise an das Werk „Vision for Madrid“. Eine Studie über ein Gemälde von Zaha Hadid. Welche Dynamik und Bewegungsimpulse müssen Bilder beinhaltet, damit sie dich ansprechen?
Bei Zaha Hadid ist es vor allem die Dynamik. In ihren Gemälden aber auch in diesen Skizzen wie „Vision for Madrid“. Auch in meiner Musik sind unterschiedliche dynamische Zeitebenen ein wesentliches Formprinzip, mit Dynamik möchte ich die Raum- und Zeitwahrnehmung beeinflussen.

– Begegnungen im Iran

Im vergangenen Jahr warst du im Rahmen des Österreichschen Kulturforums ‚Composer in residence’ in Teheran. Welche Eindrücke hast du von dort mit nach Österreich gebracht?
Ich hatte durch den längeren Aufenthalt dort die Möglichkeit, mich intensiver mit der Sprache der iranischen Musik zu beschäftigen. Außerdem hielt ich einen Meisterkurs für Komposition, dadurch tauchte ich auch in die Szene der dortigen „zeitgenössischen Musik“ ein. Diese orientiert sich fast zu 100% an der europäischen zeitgenössischen Musik. Ich wurde mit großem Interesse und Neugierde empfangen und menschlich hatte ich die Möglichkeit, wunderbare Erfahrungen zu machen. Die iranische Bevölkerung sowie deren Kultur und die derzeitige politische Situation, die von einer Minderheit bestimmt wird, sind zwei Welten, die parallel existieren.
Tanz, Wut und Humor in der Musik

„Ein Walzer“ wird im Rahmen von „wien modern“ mit dem RSO unter der Leitung von Cornelius Meister uraufgeführt. Was ist zu erwarten?
Ein Tanzstück, das war auch der Auftrag. Ich überlegte lange hin und her, welcher Tanz da passen könnte, damit das Publikum dann das Tanzbein schwingen wird. Und da ich immer schon einmal einen Walzer schreiben wollte, hier ist er nun. Ein wilder, stürmischen Walzer dem hoffentlich niemand widerstehen kann.

Der Roman „Die Merowinger“ deines Großonkels Heimito von Doderer hat dich zum Werk „Wutmarsch“ inspiriert, das bereits in mehreren Bearbeitungen vorliegt. Was beeindruckt dich besonders an diesem Buch und welchen Stellenwert nimmt der Humor ein?
Das groteske Moment, die Wut an sich wird in diesem virtuos komischen Buch deutlich gemacht. Humor wird oft und gerade in der zeitgenössischen Musik unterschätzt und auch abgelehnt. Dabei gehört es für mich zum Spannendsten aber auch Schwierigsten, guten Humor in der Musik zu verarbeiten. Wenn es gelingt ist es etwas Wunderbares.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im November 2013 erschienen.

Foto Johanna Doderer: Johannes Ifkovits

 

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