Mit Alp Bora einmal „Wien-Singapur“ – und wieder zurück!

In Wien lebt der türkische Musiker und Sänger Alp Bora, nach Singapur zu einem Auftritt wollte dieser fliegen. Wie viel Glück und Unglück dabei in einem nicht rechtzeitig verlängerten Reisepass liegen können, hat er kürzlich am eigenen Leib erfahren dürfen.

„Wem Gott will die rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite, weite Welt“, heißt es in einem bekannten Kinderlied, das Mut machen soll für das wilde Abenteuerleben auf der Straße. Leider hält der Teufel, der im Detail steckt, für die Wagemutigen allzeit einen Stolperstein bereit. Wer hinfällt, kann liegen bleiben. Oder aufstehen und weiterlaufen, um eine Erfahrung reicher und den nächsten Stolperstein mit Bravour nehmend. Genau davon kann Alp Bora ein Lied singen.

Er ist kein Klischee-Türke und kommt ohne großartigen Schnauzbart aus. Trotzdem ist er möglicherweise der bekannteste türkische Musiker in Wien, dank seiner Band Nim Sofyan, mit der er 2004 den „Austrian World Music Award“ gewann, dank seiner vielen Projekte, die der charismatische Sänger und Gitarrist als Solo-Künstler, Bandleader oder Festival-Organisator betreibt. Nicht zuletzt beschreitet er mit seiner neuen Band, dem Alp Bora Quartet, einen interessanten Sonderweg, auf dem sich Kunstlied und anatolisches Volkslied begegnen. Dass dieser Weg ihn kürzlich bis nach Singapur geführt hat, gehört zu den aufschlussreichsten Momenten seiner Musikerlebens.

In Istanbul geboren, im anatolischen Ankara und im orientalischen Bagdad als Diplomatenkind aufgewachsen und ausgebildet, wurde er 1998 in Wien heimisch. „Ich liebe Wien. Denn nirgendwo sonst in Europa kann man Orient und Okzident in so kultivierter Dichte erleben.“ Sekunden später schwärmt er von Istanbul, um dann über sein abgebrochenes Wirtschaftsstudium und sein Gitarrenstudium zu reden oder die Schönheit anatolischer Musik zu preisen. Zugleich aber fühlt er sich in Wien als Weltbürger wohl, fliegt von hier aus in die Welt. Er kommt herum, und er hat genug Auslandserfahrungen gesammelt, um sagen zu können: „Ich fühle mich weniger als Türke, vielmehr als Weltbürger.“

Auf nach Singapur!

Den türkischen Weltbürger Alp Bora im Spätsommer in Wien zu treffen, hieß allerdings einem leicht genervten Musiker zu begegnen. Nicht Wien oder Istanbul raubten ihm Nervenkraft, sondern ein dreißigseitiger Vertrag. In Singapur sollte er auftreten und musste einen dreißigseitigen Vertrag Seite für Seite mit notarieller Hilfe gegenzeichnen. „Bürokratenarbeit!“, stöhnte er, leicht ermüdet, aber doch auch voller Vorfreude auf die Konzerte am anderen Ende der Welt.

Peinlich genau listet der Vertrag alles auf, was passieren kann, aber besser nicht passieren sollte, rund 200 Emails tauschte er zur Klärung strittiger Fragen aus. „Rigide Strafgesetze“, so heißt es in einem Reiseführer, „machen Singapur zwar zur sichersten und saubersten, aber nicht zur freiesten Stadt Asiens.“ Die Einfuhr von Feuerzeugen und Kaugummi ist verboten, und die Kulturszene wird staatlich kontrolliert im Rahmen einschränkender Regelungen der Versammlungs-, Rede- und Medienfreiheit. Unter diesen Umständen war es ein glücklicher Zufall, dass er mit seinem Quartett nach Singapur eingeladen wurde: „Vor zwei Jahren hatte ich“, so erzählte er, „eine Freundschaftsanfrage über Facebook, von einer Frau aus Singapur. Sie kommt auch aus Istanbul, ist Istanbul-Fan. Nach einem halben Jahr hat sich herausgestellt, dass sie die Direktorin des Nationalmuseums in Singapur ist, und dann hat sie mich eingeladen.“ Verständlich, dass er mit seinem neuen Quartett diese Einladung nur allzu gerne annahm.

So wollten sie denn losfliegen, jetzt zur Winterszeit. Julia Pichler an der Geige, Cellist Lukas Lauermann, Perkussionist Soner Tezcan, und er, der mit seiner betörenden Stimme so inbrünstig singt, dass es unmöglich ist, nicht in Bann gezogen zu werden. Genau an dieser Stelle, kurz vor dem Abflug in die weite Welt, warf der Teufel ihm dann jedoch einen Stolperstein zwischen die Beine. Und zwar in Form einer bürokratischen Petitesse. Unabgefragt vom Dreißigseiten-Vertrag hatte er schlichtweg vergessen, einen Blick in seinen Reisepass zu werfen. „In Singapur darf man nur einreisen, wenn der Reisepass noch mindestens sechs Monate gültig ist. Das war bei mir nicht mehr der Fall.“ Und schon flog das zum Trio geschrumpfte Quartett ohne ihren Namensgeber in Richtung Singapur, einen verzweifelten Alp Bora mitsamt Koffer und Gitarre am Flughafen Schwechat zurücklassend. „Wenn ich nicht bei den Auftritten in Singapur erschienen wäre, wäre ich vertragsbrüchig geworden. Die Veranstalterin drohte mir schon mit einer Klage!“

Die Lösung des Problems sein

Wer nicht selbst das Problem ist, sondern sich als seine Lösung begreift, kann in solchen Momenten nur handeln. Genau das machte der agile 34jährige nun. „Ich habe sofort die türkische Botschaft in Wien angerufen. Die konnten mir aber auch nicht helfen, da die neuen biometrischen Pässe in Ankara bestellt werden müssen, sie haben sie nicht vorrätig. Da war es 13:30. Eine Freundin in einem Reisebüro besorgte mir einen Flug nach Istanbul. Um 14:00 Uhr. Den habe ich gerade noch bekommen, um 19:00 saß ich bereits im Flieger von Istanbul nach Ankara. Vorher hatte ich noch eine Freundin angerufen, die mir einen Termin bei der Passstelle in Ankara am nächsten Morgen verschaffte. Ein Rechtsanwalt sagte ir auch Unterstützung zu. Um 9:00 morgens war ich dort und wusste, dass ich abends um 18:00 bereits im Flugzeug ins arabische Katar sitzen musste, um von dort aus doch noch nach Singapur zu kommen. Es ging wirklich um Minuten. Im Passamt war es ziemlich voll, eine Riesenschlange. Doch bereits nach fünf Minuten wurde ich ausgerufen, eine Beamtin nahm meine Fingerabdrücke für den Ausweis ab, und als sie mich berührte, sagte sie: ‚Herr Bora, warum zittern Sie so? Sie bekommen Ihren Pass, das verspreche ich Ihnen’ Ich war am Ende meiner Kraft, und ich habe geweint , einfach geweint. Und wirklich, vier Stunden später hatte ich meinen neuen Pass und saß um 18:00 im Flugzeug nach Katar. So richtig glauben, dass ich es geschafft hatte, konnte ich erst, als ich in Singapur durch die Passkontrolle ging.“

Heute, nach dem überstandenen Abenteuer, kann Bora nur müde lächeln.. “Das war ein ungeheurer Kraftakt. Ich habe in sechs Tagen acht Flughäfen gesehen.“ Und er dürfte nach drei Konzerten im Nationalmuseum Singapurs auch der bekannteste Türke aus Wien in dem asiatischen Inselstaats sein, dessen Reichtum und Gepflegtheit ihm ebenso imponiert haben wie das Bildungsniveau des Publikums. „Es war sehr angenehm, dort aufzutreten. Man spürt die Intelligenz des Publikums, wir haben wirkliche Wellen der Energie von ihm zurück bekommen.“ Manchmal geht es ja genau darum, vom Publikum geliebt zu werden, Respekt und Liebe zu erfahren.

Alp Bora nickt. „Als ich wieder in Wien war, wurde mir erst einmal klar, was passiert war. Ich hatte vergessen, in meinen Pass zu schauen und kannte die Einreisevorschriften nicht. Mein Fehler. Aber dann habe ich gekämpft, um meinen Fehler wieder gut zu machen. Und die Beamten in den Ämtern waren sehr hilfreich, das hätte ich nie erwartet. Sie haben mir alle geholfen, als sie meine Ernsthaftigkeit begriffen. Das hat mich sehr überrascht, damit hätte ich nie gerechnet. Ihnen danke ich ebenso wie meinen Freunden. Wer je eine solche Erfahrung hat machen können, fühlt sich hinterher sehr stark. Ich habe vor den Schwierigkeiten nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern alles versucht, um alle Widerstände zu besiegen. Wenn einem dann noch geholfen wird, von einer Seite, von der ich es nicht erwartet hätte, fühlt man sich wirklich großartig.“ So kann in einem nicht rechtzeitig verlängerten Pass eine gehörige Portion Glück stecken.

Ob man diese Glück aber herausfordern sollte, ist ein andere Frage. Schon einmal in der letzten Zeit in den eigenen Reisepass geguckt, um sicher zu sein, dass Sie freie Fahrt beim nächsten Abenteuer in der weiten Welt haben?
(Harald Justin)