Mississippi 1930 – A Fictional Journey To The Land Where The Blues Began

Grillen zirpen, Menschen pflücken Baumwolle und singen Worksongs. Ein Erzähler erhebt seine rauhe, geschundene Stimme…Es war einmal im Süden Amerikas der 1930er Jahre, wo wenige Jahrzehnte nach Abschaffung der Sklaverei die zwangsläufige Mischung von afrikanischen und europäischen Kulturen einen weltbedeutenden, bis in gegenwärtige Strömungen wie Hip Hop einfließenden, Musikstil hervorbrachte, nämlich den Blues: Menschen setzen sich zusammen, eine/r beginnt Geschichten des Alltags zu singen, eine Gitarre ist vielleicht auch dabei. Im heurigen Jahr, wo nicht nur der Film „12 years a slave“ Oscar-preisgekrönt wurde, feiert niemand geringerer als Al Cook sein 50jähriges Bühnenjubiläum und lädt mit oben beschriebenen Bildern ein, gebannt abzutauchen in sein neues Album „Mississippi 1930 – a journey to the land where the blues began“ (Wolf Records).

Vergleichbar einem spannenden Hörbuch führt dabei die Reise stimmungsvoll nach Mississippi, die Bluesstücke werden eingebettet in die Worte des „Meisters himself“ und führen wie ein roter Faden durch das Universum dieser Musikgeschichte.

Delta Blues im speziellen ist eine lustvoll archaische Angelegenheit. In Jugendsprache würde man vielleicht kurz „Blues Blues“ sagen. Im Mittelpunkt steht das Erzählte. Taktanzahl und Taktlängen werden der Natürlichkeit versmaßresistenter Satzlängen des gewöhnlichen Sprachgebrauches unterworfen, in Südstaatenenglisch versteht sich, die Instrumentierung ist sorgsam auf das Nötigste minimiert, mehr, aber meistens weniger und typische Akkordfolgen halten sich nicht mit stressiger Komplexität auf, dafür geht der Sänger in leidenschaftlichem, eindringlichem Gesang aus sich heraus um dem Ganzen die maßgebliche Dramatik zu verleihen. Man bedient sich ausserdem am Topf des „Call and Response“ Stilmittels (hergeleitet aus Worksongs, Spirituals, … etc).

Wie es sich für guten alten klassichen Mississippi Blues gehört, konzentrieren sich die Arrangement auf dem neuen Album folglich auch auf das Wirksamste, Al Cook singender- und gitarrenspielenderweise wird dabei gekonnt von den großartigen MusikerInnen Katie Kern (Gesang, Gitarre), Karin Daym (Kontrabass, Gesang), Charlie Lloyd (Klavier), Steve Rush (Harp), Raoul Herget (Tuba) und Andy Fasching (Geige) vervollkommnet. Interessante Kombinationen entstehen.

Das Konzept für das Projekt, das ein Jahr zur Perfektion reifen durfte, entsprang Mister Cook beim Anhören einer Delta-Blues Session des Jahres 1930 von Charley Patton, Son House, Willie Brown und Louise Johnson, die seinerzeit damit Bluesgeschichte schrieben um nicht zu vergessen Tommy und Robert Johnson, Tommy Mc Clennan oder Tampa Red, die gleichfalls ihren Eindruck auf den Bluesman machten.

Der gestrenge „Keeper of the key“, wie Al Cook sich selber bezeichnet und damit seine aktive Bedienung der traditionellen Stilelemente ohne Crossoververwässerung meint, zaubert mit seiner Idee Bilder und Filme vor die gedanklichen Augen, die die Situationen nachvollziehen und die Kernessenz von Blues fühlbar machen: nämlich Geschichten in Liedern manifestiert weiterzutragen, nicht mehr aber auch keinen Deut weniger.

Die Nummern des neuen Albums leben durch die Schlichtheit, mit oft nur einem Instrument begleitet um auf das Wesentliche hinzulenken. Es geht inhaltlich nicht nur um das übliche „When I woke up this morning..“ (Züge, Gefängnis, Eifersucht, .. Alltag eben). Der Blueser Cook begnügt sich nicht mit blankem Kopieren von alten Titeln. Unter Lebendigerhalten versteht er vielmehr nicht nur, den Stücken seinen eigenen authentischen Stempel aufzudrücken, sondern sieht seine wahre Bestimmung im Schaffen von Neuem. Bei beidem ist ihm die Stiltreue sehr wichtig.

Der erfahrene Künstler lässt sich inspirieren von den Musikerpersönlichkeiten der besagten Mississippi Blues Ära, packt Aspekte aus deren Leben in neue Blues und schreibt dem Genre und den Musikern damit sozuagen neue Lieder auf den Leib.

So wird aus einer 44er eine 45er Magnum in einem Eifersuchtsszenario, der Pony Blues inspiriert ihn zum „Race Horse Blues“, das Alkoholproblem eines Tommy Johnson wird herangezogen, er bezieht sich auf das Leben von Charley Pattons, besingt melodiös die Magnolienbäume von Mississippi, singt über den Tod seiner Lebensgefährtin in der Spielweise eines Robert Johnson und verarbeitet seine schräge Begegnung mit Big Joe Williams (welcher ihn verflucht hatte, weil er „Baby please don’t go“ auf einer neunsaitigen spielte) im Song „I’m wild about you Baby“ …Eigenkompositionen.

Als Elvis Presley Fan nimmt er sich die berühmten Nummer „That’s all right“ zur Brust, die von Big Boy Crudup (lange vor dem Durchbruch des Kings mit selbigem) komponiert worden war, an und lässt sie original auferstehen.

Der „White king of black blues“ setzt sich zwischendurch auch ans Klavier und lässt seinen Fingern in Barrelhouse-Piano Manier ihr Spiel gewähren. Freilich kommen auch die Ladies ans Mikrofon, wo sie nicht weniger originär zum Stimmungsbild mit weiblichem Sound hervorragend beitragen. Zu guter letzt geht Al Cook bei der Nummer „No more good water“ bis an die Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten und rundet den Tonträger in gebührender Hingabe ab.

Das Konzept geht geschmeidig auf, wirkt anregend und faszinierend, fast nostalgisch. Es ist ein Album das zeigt, dass man als Künstler auch durch einen seiner Leidenschaft entsprechenden Musikstil Authentizität leben kann, ohne wie die schlechte zweite Folge eines guten ersten Filmes zu wirken, sondern bereichernd oder wie es Roosevelt Sykes einmal sagte: „Even a Chinese can sing the blues if he feels sincere about it, that’s all“. (Alexandra Leitner)

http://www.alcook.at
http://www.wolfrec.com