Bild Mile Me Deaf
Bild (c) Mile Me Deaf

MILE ME DEAF – „Alien Age”

Die Single „Blowout“, die im Sommer des letzten Jahres erschien, hat es schon angekündigt: Gitarren haben Pause. Tatsächlich legt die ganze 90er-Jahre-Grunge-Rock-Inszenierung eine große Pause ein, denn auf „Alien Age“ (Siluh Records/VÖ 3.3.) herrschen hippere Genres.

Und damit sind Sachen wie Vapor- und Chillwave, Dub und Avantgarde à la New Weird America gemeint. Wobei „New Weird America“ als Genrebezeichnung nicht zu den bekannteren gehört. Man könnte es wohl so erklären, dass ein starker Zusammenhang zwischen Folk-Elementen und experimenteller Musik besteht. Animal Collective, Vampire Weekend und Sufjan Stevens zählen ebenso dazu wie Ariel Pink, der in unserem Fall wohl am nächsten daran herankommt, was Mile Me Deaf auf ihrem neuen Album präsentieren.

Es ist diese Mischung aus einer scheinbar leichtfüßigen, verträumten Musik, die dermaßen mit Details gespickt ist, dass man bei jedem Mal Hören auf neue Aspekte stoßen kann. Dabei stehen bei beiden Acts die exzessive Verwendung von Samples im Vordergrund. Der Gag ist, dass man gar nicht immer sofort heraushört, ob die Musik jetzt organisch so vertont worden ist oder ob die Melodie aus vielen kleinen Einzelteilen zusammengebaut wurde. Gut, bei Ariel Pink ist die Stückelung weit deutlicher zu hören als bei Mile Me Deaf. Und das ist eben auch der größte Unterschied zwischen ihnen: Die österreichische Band behält selbst bei der „seltsamsten“ Zusammensetzung aus Tönen und Vocals eine klare Songstruktur bei, während Ariel Pink in einem einzigen Song zwischen Ballade, brüllendem Operngesang und Lo-Fi-Rock hin und her springt.

Eine traurige Ode an die Jugendlichkeit

Cover "Alien Age"
Cover “Alien Age”

Doch auch wenn der Amerikaner auf das Hören scheinbar mehr Samples zusammengetragen hat, liegt bei Mile Me Deaf der Teufel im Detail. So liest sich die Liste der verwendeten Kostproben wie der Einkaufszettel eines Magiers, der einen Zaubertrank zum Beschallen der ganzen Welt brauen möchte. Neben japanischer und österreichischer Folkmusik wurden eine Vulkanische Harfe, klassisches Geistergeheule und das verstimmte Klavier aus dem Club Scheiße in Köln verwendet. Das sind wirklich Zutaten für einen starken Zaubertrank, also für ein starkes Album, das „Alien Age“ absolut ist.

Man hat das Gefühl, dass die Musiker sehr viel Spaß gehabt haben, als sie ihre Melodien vermischten, aufeinander abstimmten und mit gehaltvollen Texten versetzten. Dabei wurden die meisten Lyrics nach den Terroranschlägen in Paris 2015 geschrieben, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass es sich hier um eine politische Platte handelt. Vielmehr scheint es eine Kritik mit ironischen Untertönen an der westlichen Welt und ihren „First World Problems“ zu sein.

Moderne Genres und alte Themen

Musikalisch wird das natürlich auch durch die Verwendung zurzeit moderner Genres wie eben das erwähnte Genre Vaporwave unterstrichen. Diese Musikrichtung spielt mit einer Melancholie, Jugendlichkeit und gleichzeitig mit Monotonie. Man könnte also sagen, dass Vaporwave ein bisschen für die Langeweile der heutigen Jugend steht, womit aber nicht nur 13- bis 17-Jährige gemeint sind, sondern auch die Spätjugendlichen ab 20 aufwärts.

„Alien Age“ ist ein so spannendes wie entspannendes Album. Es hat seine kleinen „seltsamen“ Momente – wie etwa den Song „Shibuya+“, der von Bandkollegin Katarina Trenk gesungen wird. Mit „Blowout“ gibt es aber auch so richtige Sommer-Popsongs, die sofort ins Ohr gehen. Es ist eine Platte für Fans des experimentellen Pop, für Menschen, die gerne auf hohem Niveau unterhalten werden.

Anne-Marie Darok

Mile Me Deaf live
3.3. Sargfabrik, Wien – Album-Release

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Siluh Records