Bild Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr
Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr (c) Stefan Fuhrer

mica.Serie Urheberrecht;: Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo über die Gegeninitiative zu „Kunst hat Recht“, Verteilungs-ungerechtigkeit und ein weiches Urheberrecht

Zu „Kunst hat Recht“, der Initiative der Austro Mechana für das Recht auf geistiges Eigentum, hat sich mittlerweile eine Gegeninitiative gebildet. In einem unlängst unter der Rubrik „Kommentar der anderen“ im Standard erschienen Artikel der Autoren Konrad Becker, Marina Grzinic, Susanne Kirchmayr, Monika Mokre, Gerald Raunig und Felix Stalder hieß es u.a., die Kulturkämpfer für eine Verschärfung des Urheberrechts würden sich mit ihrer Initiative ins eigene Fleisch schneiden. Markus Deisenberger sprach mit Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo über Ziele und Inhalte der Gegeninitiative.

Habt ihr den Artikel tatsächlich alle gemeinsam als eine Art Manifest geschrieben?

Electric Indigo: Nein. Felix Stalder hat mir den Text weiter geleitet und mich gefragt, ob ich die Initiative unterstützen würde, und dann haben wir erst mal lange diskutiert, weil ich einige Dinge zunächst nicht so überzeugend fand. Was mich ein bisschen irritierte, war die Konzentration auf Kapitalismuskritik. Zu sagen, die kapitalistischen Unternehmen in diesem Bereich würden profitieren, stimmt natürlich, aber die Betonung hat mir missfallen. Was ich vermisst habe, waren die Alternativen. Vor allem, weil ich weiß, dass Felix Stalder genau in dem Bereich forscht und sich viel mit möglichen Alternativen beschäftigt. Das hat mir gefehlt. Im Prinzip aber finde ich es sehr gut, dass auch andere Stimmen laut werden.

Die geforderte Verschärfung der Urheberrechte sei das gänzlich falsche Mittel, hieß es in eurem Brief, der Bedrohung zu begegnen. Grundsätzlich geht’s aber doch erst einmal um eine Erhöhung der Abgaben durch Einhebung einer Pauschale auf Festplatten aufgrund schwindender Einkünfte im Tonträgermarkt. Eine solche Vermehrung der Einkünfte muss doch nicht zwangsläufig mit einer Verschärfung des Urheberrechts einhergehen. Oder?

Electric Indigo: Das ist die Frage. Markus Lidauer hat zu mir gesagt, der „Kunst hat Recht“-Initiative ginge es vor allem darum, dass die unsichtbar gewordenen Kunstschaffenden auf sich aufmerksam machen und so sichtbar werden.

Ortest Du darin ein grundsätzliches Problem? Dass eine Verwertungsgesellschaft in die Bresche springt. Empfindest Du die AuMe als eure Lobby? Innerhalb der Gegeninitiative seid ihr ja der Meinung, Indies würden grundsätzlich verteilungstechnisch eher benachteiligt.

Electric Indigo: Die werden durchaus benachteiligt, auch innerhalb der Verwertungsgesellschaften. Andererseits ist das Verhältnis schon eindeutig, da die Verwertungsgesellschaft meine Verwertungsinteressen wahrnimmt und ich diese Rechte de facto ja auch an die VerwGes abgegeben habe. Insofern muss sie dann natürlich meine Interessen vertreten.

Und wieso fühlt man sich dann plötzlich nicht mehr vertreten, wenn diese Interessensvertretung fordert: „Wir wollen mehr Geld!“?

Electric Indigo: Ich finde das Programm zu schwammig. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wird im Programm auch die Gratis-Kultur angesprochen. Und das ist ein Wort, das ich überhaupt nicht hören kann. Dadurch wird der Schluss nahe gelegt, durch den Einsatz neuer Medien würden Tantiemen verloren gehen. Und allein deshalb ist der Gegenentwurf im Standardbrief berechtigt. Denn entweder geht es um eine Verschärfung der Urheberrechte oder um eine Verschärfung der Durchsetzung der bestehenden Urheberrechte. Beides ist meines Erachtens kontraproduktiv und auch wenig relevant für den Großteil der KulturproduzentInnen.

Warum nicht relevant?

Electric Indigo: Weil die bestehenden Urheberrechte und die Wahrnehmung derselben de facto ein großes Ungleichgewicht erzeugen: Auf der einen Seite die Verwertungsindustrie, die mit ein paar wenigen künstlerischen Erzeugnissen einen Großteil ihres Einkommens erzielt, und auf der anderen Seite die Majorität der ProduzentInnen, die vom Kuchen fast gar nichts bekommt. Für einen Großteil der Leute, die Kulturinhalte schaffen, ist es alleine durch die geringen Beträge völlig irrelevant, ob das jetzt ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger wird. Was viel relevanter ist, sind andere, alternative Verwertungsmöglichkeiten und Business-Modelle, die zukunftsweisend sind und verinnerlicht haben, dass ein schwächeres Copyrights wesentlich produktiver ist.

Aber wo ist nun dieses zukunftsweisende Gegenmodell? Die Einhebung von Pauschalen führt ja zwangsläufig zur Vermehrung nicht zuordenbarer Tantiemen, die nach einem Schlüssel verteilt werden müssen, der Produzenten elektronischer Musik nicht unbedingt bevorzugt.

Electric Indigo: Das ist genau das, was ich Felix Stalder auch gefragt habe. Grundsätzlich wird die Diskussion über Urheberrecht bei uns aber auch so geführt, als ginge es nur um Einkommen für Kulturschaffende und die Verwertungsindustrie. Vernachlässigt wird aber, dass das auch Kosten für die Kulturschaffenden bedeutet, wenn auf Inhalten aufgebaut wird, die einem Schutz unterliegen. Und damit meine ich nicht nur die Musik, sondern in einem großen Ausmaß sind davon auch die Literatur, das Verlagswesen und andere Gattungen betroffen, wo es um Zitate geht. Ich habe mit dem Zitatrecht bzw. dem Samplen kein Problem, weil ich Musik fast ausschließlich nur mit meinen Sounds mache. Aber ich kenne Leute, bei denen das halt nicht so ist. Und dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man nimmt das Risiko oder man macht sich wirklich die Mühe einer umfassenden Rechteklärung, was mit hohen Kosten verbunden ist. Eine Verschärfung des Urheberrechts bedeutet eine Erhöhung dieser Kosten.

Du bist tatsächlich selbst nie in die Situation gekommen, nicht zu wissen, ob Du etwas künstlerisch machen darfst oder nicht?

Electric Indigo: Direkt nicht, nein. Aber manchmal ist es mir selbst auch nicht klar. Ich bin zum Beispiel drauf gekommen, dass ein Track von einer Freundin, der eigentlich ein Remix meiner Nummer ist, eine Melodie von einem bekannten Pop-Song aufgreift. Aber nachdem viele bekannte Pop-Songs spurlos an mir vorüber gehen, hab ich das gar nicht erkannt. Wenn da jemand den Finger rauf legt, könnte es leicht sein, dass es Probleme gibt.

Das heißt: Das Damokles-Schwert schwebt letztlich auch über Dir.

Electric Indigo: Ja, und manchmal weiß man es gar nicht.

Würdest Du persönlich von einer Anhebung der von Verwertungsgesellschaften eingehobenen Gebühren profitieren, denkst Du?

Electric Indigo: Ich persönlich würde davon profitieren – aber aufs Jahr gerechnet wahrscheinlich im Cent-Bereich, also in völlig unerheblicher Höhe. Da gibt es wie gesagt ganz andere Dinge, die mir im Magen liegen: Dass meine Musik, wenn ich spiele oder auflege, in Clubs aufgeführt wird, zum Beispiel, die pauschal abrechnen. Die Einnahmen kommen also in einen Topf, von dem ich nie etwas bekommen kann.

In Frankreich gab es mal den Versuch, Djs dazu zu bringen, ihre Platten vor dem Set über einen Strich-Code-Leser zu ziehen, was sich nicht bewährte. Denkst Du etwas derartiges, dass DJs oder elektronische Musiker nämlich die Quellen, aus denen sie schöpfen, anführen, wäre in dieser oder anderer Form realisierbar?

Electric Indigo: Das größte Problem dabei ist, dass nicht alle Platten über einen Strich-Code verfügen. Ich würde sagen, die Hälfte oder zwei Drittel der Platten, die ich spiele, haben keinen Code. Dann verwende ich viele digitale Promos, die ich auf CDs brenne. Auch da gibt es keine rückverfolgbaren Codes. Wenn, dann könnte ich eine Playlist machen. Das aber wäre wahnsinnig mühsam.

Und wie kommt man raus aus dieser Sackgasse?

Electric Indigo: Indem man sich ein anderes Aufteilungssystem überlegt.

Aber zuordnen muss ich die Tantiemen irgendwann…

Electric Indigo: Ja, und wenn wenigstens die erfolgreicheren meiner Kollegen mehr Geld bekommen würden, wäre schon viel gewonnen.

Im Artikel war von einem „Pyramidenspiel, in dem der Beitrag der vielen das Casino der Industrie erst ermöglicht“ die Rede. Hältst Du das nicht für übertrieben? Auch vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Doppelmoral. Ich selbst habe so genante Indie-Musiker kennen gelernt, die gegen das Urheberrecht wettern, es lieber heute als morgen abschaffen würden, gleichzeitig aber bei einem Major-Verlag unter Vertrag sind. Man liest immer von der großen Geste, die da lautet: „Macht mit meinen Tracks, was ihr wollt!“ Aber irgendwann will dann doch jeder auch Geld damit verdienen, oder?

Electric Indigo: Ja, und weißt Du, was mir da das Liebste wäre? Wenn ich mir aussuchen dürfte, wer meine Tracks wie lange umsonst oder entgeltlich verwenden darf. Wenn ich da mehr Optionen hätte, gewisse Dinge frei zu geben, unter eine Creative Commons-Lizenz zu stellen, andere regulär abzurechnen, wäre mir sehr geholfen. Diese Optionen aber habe ich nicht.

Du plädierst also für mehr Flexibilität?

Electric Indigo: Ja, aber ich bin auch froh, wenn ich mein Entgelt für den Radioeinsatz meiner Stücke bekomme. Das heißt, ich bin kein kompletter Gegner der Verwertungsgesellschaften. Aber ich bin für einen flexibleren, einen weichen Umgang mit dem Urheberrecht.

Das Problem der Creative-Commons-Lizenzen ist aber doch die Irreversibilität. Das heißt, wenn ich einen Track einmal so lizenziert habe, kann ich später nicht widerrufen, und regulär abrechnen, wenn mir danach ist.

Electric Indigo: Und genau das muss man ändern, denn es ist doch einfach denkbar und auch nachvollziehbar, dass sich Rechte im Laufe der Zeit ändern. Genauso wie ein Urheberrecht ausläuft, sollte auch solch eine Lizenzierung auslaufen können. Es ist doch auch schon gängige Praxis, dass im Urheberrecht in Zeiträumen gedacht wird. Und nicht nur zeitlich sollte man denken, sondern auch Konsumentengruppen bezogen und zweckgebunden. Das heißt: Ein Track ist nicht per se frei, aber für einen bestimmten Zweck und eine bestimmte Personengruppe oder einen bestimmten Zeitraum schon.

Die Frage ist, inwieweit solch ein System administrierbar wäre.

Electric Indigo: Klar. Aber es muss ja auch nicht immer alles supergenau verrechnet werden. Wird es ja jetzt auch nicht…

Zum Abschluss noch ein Post-It zu eurem Artikel, das mir besonders gut gefallen hat. Da hieß es: „Einfach nichts mehr kaufen. Wenn alle Künstler und Möchtegernkünstler verschwunden sind, werden diejenigen die es wirklich wollen, echte Kunst aus den Trümmern entstehen lassen.“

Electric Indigo: (lacht) Ja… Interessant aber finde ich Felix Stalders Argument, dass sowieso kaum eine kulturelle Produktion – abgesehen vielleicht von Blockbuster-Kinofilmen – ausschließlich über Urheberrechte finanziert wird. Es ist immer ein Mix aus verschiedenen Finanzierungen. Die öffentliche Hand spielt mit, neue Finanzierungsformen… Youtube hat bereits oder ist gerade dabei, eine Remuneration einzuführen. Solche Dinge ließen sich leichter mit einem weichen Urheberrecht realisieren.

Was sagst Du zum derzeitigen Streit zwischen Deichkind und der GEMA? Die Hamburger Band hat die Verwges aufgefordert, „ihren Kram endlich in Ordnung zu bringen“, damit ihr aktuelles Video wieder auf youtube gezeigt werden kann.

Electric Indigo: Über youtube muss ich mir keine Sorgen machen. Die größten Sorgen muss ich mir als Künstler machen, wenn meine Sachen nirgends illegal auftauchen. Denn dann interessiert es niemanden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto Electric Indigo: Bernd Preiml

Electric Indigo