mica-Interview Wienerglühn

WienergluehnSeit 9 Jahren spielen die Geschwister Rudi und Heidelinde Gratzl miteinander neue Wienerlieder, ihre Band heißt Wienerglühn. Beide spielen unabhängig voneinander in anderen Projekten mit Kollegen wie Skero und Otto Lechner. Im Interview erzählen die beiden, dass ihr Wiener Schmäh auch in Berlin verstanden wird und warum eine der ersten Wienerglühn-Nummern „Das Trümmerln“ geheißen hat. Das Interview führte Jürgen Plank.

Wie kam es dazu, dass du mit deinem Bruder?

Heidelinde Gratzl: Wir haben schon bevor wir Lesen und Schreiben konnten, miteinander Musik gemacht. Wir hatten zum Teil auch die gleichen Klavierlehrer. Wie kam es dazu, dass wir neues Wienerlied machen? Ich habe über Jahre hindurch bei mir zu Hause Hausmusik-Abende veranstaltet, zu denen immer verschiedene MusikerInnen anwesend waren, da wurde improvisiert und alles war erlaubt. An einem dieser Abende habe ich vom Flohmarkt ein Buch mit Noten dabei gehabt und das war unser erstes Aufeinandertreffen mit dem Wienerlied.

Rudi Gratzl: Eines unser ersten Lieder war „Der Wein is guat“, das war von Anfang an ein Hit und für mich war klar, das passt mir, das liegt mir und das mache ich. Und es hat sich entwickelt. Wir, meine Schwester und ich, haben dann die Musik für ein Theaterstück geschrieben „Schrödingers Katze“ im NIG im Paternoster. Das Publikum saß quasi auf drei Ebenen gleichzeitig, und die Künstler und Musiker fuhren im Lift vorbei und haben auf drei Ebenen gleichzeitig die drei Parallelwelten, die es laut Schrödinger gibt, dargestellt. Dabei stellten wir fest, dass uns das Spaß macht, wir texteten ein paar Klassiker ein bisschen um, gemeinsam mit einem Schauspieler aus dieser Gruppe, Christian Döring, und mit Herb Pirker, einem renommierten Gitaristen, der unter anderem bei Double Standard und House of Riddims gespielt. Das ist eher Reggae.  Die vielen Projekte waren dann auch der Grund, warum er uns nach einem Jahr wieder verlassen hat. Danach verbrauchten wir noch einen weiteren Gitarristen bis schließlich Jovan vor dreieinhalb Jahren kam. In dieser Formation mit Kontrabass, Akkordeon und Gesang gibt es uns jetzt. Eine CD haben wir schon  aufgenommen, die zweite soll nächstes Jahr zum zehnjährigen Bestehen von Wienerglühn herauskommen.

Es hat also mit der Interpretation von Wienerlied-Klassikern begonnen? Welche Lieder singt ihr noch?

Rudi Gratzl: Wir singen zum Beispiel „Die Reblaus“, „Mei Oide sauft so vü wia I“ oder „Die Kellerstiagn“. Verschiedenste Klassiker, die uns gefallen. Wir haben die Kremser-Bände durchforstet, das ist die Wienerliedsammlung, die es 1913 schon gab. Der damalige K.u.K.-Kultusminister beauftragte damals Herrn Kremser, alles an Wienerliedgut zu sammeln, was es damals gab und das sind die so genannten Kremserbände, insgesamt drei dicke Wälzer. Wir sind ins Volksliedwerk gegangen und haben uns angeschaut, welche Texte uns gefallen und die haben wir nach und nach ins Programm aufgenommen. Anfangs haben wir viel privat gespielt und damit Spaß gehabt, dann wuchs das nach und nach und wir haben beschlossen, das wir etwas Eigenes machen, das was wir aufgesaugt haben, weiterverarbeiten und ins ‚Heute’ zu bringen.

Was ist für euch die Essenz dieser klassischen Wiener Lieder, warum macht es euch so viel Spaß, diese Lieder zu spielen?

Rudi Gratzl: Es ist die Sprache, der Dialekt, die so bildhaft wie wenig sonst sind. Im Dialekt kannst Du allein durch die Betonung so viel Bezeichnendes ausdrücken. Ich habe auch gesehen, dass ich das interpretieren kann. Geschichten zu erzählen – das ist für mich das Wienerlied. Dass ich das mit meiner Schwester machen kann, ist sehr schön und es freut mich, dass wir uns über die Musik zusammen gerauft haben. Einen neuen Wiener haben wir mit Jovan auch dabei, der kommt eigentlich aus Serbien und ist nun als fixer Bestandteil dabei.

WienergluehnDer Balkan beginnt ja bekanntlich in Wien. Ihr habt dann auch eigene Sachen geschrieben? Wie kam es dazu, diesen Schritt zu machen?

Heidelinde Gratzl: Es gibt für fast jedes Stück auch einen Anlass. In unserem  ersten Stück zum Beispiel, „Das Trümmerl“,  geht es um die Verschmutzung der Wiener Strassen, Gehwege und Parkanlagen. Das war zu der damaligen Zeit, in den Jahren 2004 und 2005, ein sehr politisches Thema. Jetzt gerade sind wir dabei, neue Stücke für unser Jubiläumsalbum nächstes Jahr zu machen.

Worum geht es sonst in euren eigenen Stücken?

Heidelinde Gratzl: Einerseits sozial- und gesellschaftskritische Themen, andererseits kleine Erlebnisse mit Menschen, oder Texte und Melodien, die einem begegnen. Immer wieder entstehen Stücke über die musikalische Ebene. Aber es geht auch um Liebe, natürlich.

Rudi Gratzl: Und es geht auch um den Tod. Um das Trinken. Die Weinseligkeit ist natürlich lustig und kommt sehr gut an, aber das wollen wir nicht unbedingt breit treten. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir wollen das Saufen nicht verherrlichen. Aber wir versuchen auch schöne Bilder zu erzeugen, die es eigentlich nicht gibt: Dass es zum Beispiel nach einem Sonnenuntergang nicht dunkel wird, das ist eine unserer Nummern. Beim Protest-Songcontest haben wir das Lied „So ned“ eingereicht, in dem wir ganz klar gesagt haben, was es nicht geben sollte.

Ihr macht, wie ihr gesagt habt, eher puristische Sachen?

Rudi Gratzl: Mit wenig mehr auszudrücken und zu erreichen, das ist schon unser Weg. Unsere Besetzung allein ist sehr spartanisch. Trotzdem machen wir einen Sound, der groovt und den man sich anhören kann. Überproduzierte Sachen sind schwierig. Die ganze Wiener Szene ist gut und riesengroß und da ist nicht der Riesenkonkurrenzkampf untereinander, sondern die Musik wird als verbindendes Glied gesehen. Man bereichert einander und es gefällt einem auch, was der andere macht. Wir spielen in der Szene der Wienermusik mit und sind ein Teil davon – und das ist sehr schön. Aber in den Musikantenstadl würde ich nicht gehen, um eine Playback-Show zu machen – auch wenn die vermutlich gut zahlen. Das wäre mir zu volksdümmlich.

In euren Texten steckt viel Witz bzw. so genannter Wiener Schmäh. Wie kommt der anderswo an oder ist das regional beschränkt?

Rudi Gratzl: In Niederösterreich ist das kein Problem, wir haben schon in Kärnten und z.B. auch in Berlin gespielt und wir kamen gut an. Einer unserer ersten Auftritte war auf einer Rote-Kreuz-Konferenz, auf der ca. 70 Menschen aus 80 verschiedenen  Ländern  vertreten waren, die wenigsten sprachen Deutsch. Am Ende kam eine Dame zu mir und sagte auf Englisch: „ Ich habe kein einziges Wort verstanden, aber ich weiß exakt genau, was Sie meinen“. Das war ein sehr besonderes Lob für mich. Und bei Hochzeiten schreibe ich auch spontan einen Text, den wir dann sofort singen. Das ist die Fortführung dieser Bänkel-Sänger-Tradition.
Heidelinde Gratzl: Die Wienerlied-Szene blüht zurzeit, wie vielleicht noch nie. Bei unseren Stücken sind die Arrangements etwas Besonderes, finde ich.

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Heidelinde, du hast im Vorgespräch erwähnt, dass du sehr gefragt bist als Musikerin. Was machst  du neben Wienerglühn sonst noch?

Heidelinde Gratzl: Ich habe noch ein anderes Trio mit Helmut Jasbar an der Gitarre und Melissa Coleman am Cello. Ich spiele auch in Otto Lechners Akkordeon-Orchester, das demnächst Wiener Ziehharmonika heißen wird. Des Weiteren mache ich dieses Jahr bei zwei zeitgenössischen Musikprojekten mit, die sehr spannend sind. Ich spiele mit Michael Horowitz und den Herzensbrechern. Und ich habe ein Duo mit einer Schriftstellerin, mit der ich musikalische Lyrik-Performance mache. Immer wieder kommen auch Projektanfragen für nur ein Konzert. Beim Akkordeonfestival vertonten Jovan, unsere Bassist, und ich erstmals einen Stummfilm, „Die Büchse der Pandora“, ein Feld, das mich sehr interessiert. Und unlängst habe ich zwei Videos vertont.

Rudi Gratzl: Ich bin bei einem Trio namens „The Müßig Gang“. Da ist Skero dabei und das ist auch ein Wienerlied-Projekt. Da haben wir auch beim Pop-Fest gespielt. Das ist auch viel Arbeit, denn wir arbeiten gerade an einem Album.

Rudi, du unterrichtest auch Musik. Welchen Zugang findest Du bei Deinen SchülerInnen zu Musik im Allgemeinen und zum Wienerlied im Speziellen?

Rudi Gratzl: Meine Lieder kennen die meisten schon auswendig. Ich unterrichte 10 bis 14jährige, die sind noch offen für Neues und deshalb kann man sie noch gut lenken. Ich versuche, sie zu offenen Menschen mit einem breit gefächerten Musikgeschmack zu erziehen, die sich nicht auf Techno oder Heavy Metal beschränken.
Live:
Do 3.10.2013, Treffpunkt im Bockkeller, Gallitzinstraße 1, 1160 Wien, 20h
Fr 18.10.2013, Kulturverein Tschocherl, Wurmsergasse 42, 1150 Wien, 20h
So 27.10.2013, Bühne Purkersdorf, Wiener Straße 12, 11h
Fr 29.11.2013, Heureka, Skodagasse 17, 1080 Wien, 20h

Wienerglühn 1 © Mischa Nawrata
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