mica-Interview Tom Resch und Sandra Walkenhofer (Earcandy)

Earcandy steht für Ohrenschmaus. Bei der gleichnamigen Agentur Earcandy heißen die musikalischen Zuckerln Violetta Parisini, Anna F., Fatima Spar, Hindi Zahra, Shantel oder Bo Candy. Pop verschiedenster Couleur, Pop von Welt – ob aus Österreich oder anderen Ländern. Für die meisten Acts muss man mehrere Beschreibungsschubladen aufmachen: von Pop zu World und Jazz, von Electro über Indie zu Singer-Songwriter. Unter der Dachmarke Earcandy arbeiten die beiden Booker Tom Resch und Sandra Walkenhofer – teilweise als Einzelunternehmer, teilweise über ihren Kulturverein. Das Portfolio von Earcandy umfasst neben Booking auch Tourmanagement, Management, Musikprogrammierungen für Dritte und Events. Konzerte veranstalten sie in erster Linie als Service für die Bands in ihrem kleinen, ausgewählten Roster. 2011 haben sie sich ihren eigenen Live-Schwerpunkt in Wien geschaffen: die Earcandy Musicdays. Für die Zukunft ist geplant, mit den Musikdays auch in die Bundesländer auszuschwärmen. Vorerst heißt es allerdings Augen und Ohren auf für die nächsten Wiener Earcandy Musicdays im Herbst in Wien. Das Gespräch führte Simone Mathys-Parnreiter.

Wie hat Earcandy angefangen?

Sandra: Eigentlich als Verein. Wir haben begonnen kleine Konzerte zu veranstalten beziehungsweise machen wir das immer noch. Tom war damals auch schon Booker und ich hab vor 2 Jahren damit angefangen. Letztes Jahr haben wir beschlossen die Agentur zu gründen, um nicht mehr „nur“ Tom Resch beziehungsweise Sandra Walkenhofer zu sein, sondern alles unter einen Namen zu packen.

Tom: Genau, begonnen hat alles mit der Gründung des Kulturvereins vor circa 5 Jahren. Ich war im Booking gerade in der Startphase, Sandra hat nebenbei schon die eine oder andere Albumpromotion gemacht. Wir hatten den Wunsch auch eigene Veranstaltungen zu machen und jungen österreichischen Bands eine Plattform für ihre Auftritte zu bieten. Vor 3 Jahren habe ich mich dann als Booking Agent selbständig gemacht, Sandra 1 Jahr später. Seit Anfang 2011 sind wir, zwar wirtschaftlich getrennt, unter der Dachmarke Earcandy auch als Booker aktiv.

Ihr macht Events in Wien, Musikprogrammierung, Management und Booking für Bands, die ihr fix im Roster habt…

Tom: Booking ist unser Haupteinkommen und somit unsere Lebensgrundlage. Die Eigenveranstaltungen des Kulturvereins kann man fast als Hobby betrachten. Hier bewegen wir uns nicht in der Größenordnung, um davon leben zu können. Zusätzlich bieten wir diesen Service aber auch den eigenen Bands an, wenn es um Termine in Wien geht. Dann kommt alles aus einer Hand  und wir können uns sicher sein, dass es passt beziehungsweise wir unser Bestes gegeben haben.  Auch bei internationalen Acts, die wir importieren, treten wir in Wien in den meisten Fällen als Veranstalter auf. Ausserhalb gibt’s dann wieder klassisches Booking oder Co-Produktionen.

Nach welchen Kritieren nehmt ihr Bands auf? Was ist euch wichtig?

Sandra: Abgesehen davon, daß uns die Musik gefallen muss, ist uns das Rundherum sehr wichtig – das Team. Das alle mithackeln und quasi an einem Strang ziehen.

Tom: Wir arbeiten sehr eng mit Künstlern und Managements zusammen. Für uns ist wichtig, dass ein gewisser Drive entsteht und jeder – von der Plattenfirma über das Management und den Künstler – sein Bestes gibt und dadurch das bestmögliche Ergebnis erzielt wird. In erster Linie ist hier der Künstler gefordert. Es hat keinen Sinn, wenn ein Artist, sobald er Management, Booking-Agentur und Plattenfirma hat, sich zurücklehnt und glaubt „ich werd jetzt berühmt“. Gleiches gilt aber auch für die anderen Beteiligten. Das schätzen wir an unseren Künstlern und Partnern sehr, dass die Einsatz zeigen und über ihren Horizont hinaus denken – und setzen wir auch bei Neuzugängen voraus. Das ist halt viel arbeitsintensiver…

Sandra: Dementsprechend hast aber auch einen besseren Output.

Tom: Und sonst, Sympathie.

Sandra: Ja.

Tom:
Also eigentlich schlecht fürs Gschäft (lacht).

Sandra: Das glaube ich gar nicht.

Tom:
Stimmt, das gehört dazu –  wenn man sich mag und schätzt, dann bringt man einfach nochmal die 20 bis 30% mehr Leistung. Und das ist in unseren Branche glaub ich sehr wichtig, weil der Großteil der Menschen in unserer Branche arbeitet immer am Limit.

A propos „Limit“, darf ich fragen, wie es läuft? Seid ihr von Förderungen abhängig?

Tom: Wir werden mit dem Kulturverein teilweise vom SKE-Fonds gefördert, was sehr hilfreich und wichtig ist, da wir mehr Geld in die Werbung stecken können, weiters halbwegs vernünftige Gagen auszahlen und etwas besseres Catering auftischen können, wie sich das für einen „Gastgeber“ eigentlich gehört. Wenn du nur auf Eintritt und mit österreichischen Newcomern arbeitest, die wenig Publikum ziehen, fällt das alles weg. Dann gibt es eine Kiste Bier, vielleicht noch Wasser und Saft und das war’s. Wir schauen schon, dass sich die Bands bei uns wohl fühlen und merken, dass wir es schätzen, wenn sie bei uns auftreten. Grundsätzlich wird es aber schwieriger vom SKE-Fonds Geld zu bekommen. Die sinkenden Einnahmen dort wirken sich natürlich direkt auf die Ausschüttungen an die Veranstalter aus.

Könnt ihr davon leben oder habt ihr noch andere Jobs nebenbei?

Sandra: Naja (lacht).

Tom: Ich würd mal sagen, es ist Saison-abhängig und Artist-abhängig. Da wir einen relativ kleinen Roster haben, können Engpässe entstehen, wenn 5 Bands gleichzeitig im Studio sind und nicht spielen. Wir arbeiten auf Provisionsbasis, wie die meisten Booker. Wenn der Künstler nicht spielt, verdienen wir nichts. Und dann wird’s eng. Andererseits, wenn es wirklich rund lauft, geht es sich aus.

Gibt es etwas, von dem ihr sagt, das bräuchtet ihr oder bräuchte die Szene als Förderung, Struktur oder Institution?

Sandra: Die Aufstockung von Fördergeldern wäre schon mal gut beziehungsweise mit den Kürzungen aufhören! Und Airplay, aber die österreichische Radiolandschaft ist wieder ein ganz eigenes Thema natürlich.

Tom:
Was ich sinnvoll finden würde, wäre eine bessere Veranstalterförderung. Eine Band muss spielen. Und als Veranstalter fallen Nebenkosten an – ohne Förderung gehen Clubs das Risiko oft nicht mehr ein, weil sie es sich nicht leisten können, Minus zu machen, selbst wenn du junge Künstler sehr günstig anbietest. Wir merken das auch, wenn wir selbst veranstalten – was wir aktuell aufgrund geringerer Förderung bei den österreichischen Bands ziemlich zurückgefahren haben. Klar, die Bands könnten gratis spielen und manche wären vielleicht auch noch froh, dass sie nicht drauf zahlen müssen, wie es in Deutschland teilweise passiert, oder vorab Tickets kaufen und weiterverchecken. Pay to Play ist zum Glück bei uns noch nicht üblich.

Sandra: Das fangt schon langsam an.

Glaubt ihr, der Musikmarkt in Wien hat noch Potential oder ist der im Live-Bereich gesättigt?

Tom: Der Live-Bereich hat durchaus Potential. Man muss halt andere Wege finden zu veranstalten. An einem Donnerstag in Wien hast du zwar 20 Gegenveranstaltungen, aber auch hier setzen sich Qualität und Promotion durch. Du musst dir einfach überlegen wie und was du veranstaltest und wie du bewirbst. Worauf wir unter anderem Wert legen ist, dass die Bands, auch wenn sie von uns gebucht werden, Eigenpromo machen, dass sie ihre Fanbase, ihre Zielgruppe kontaktieren. Das können wir nicht und das ist einfach das Beste, was du machen kannst, damit du Leute generierst. Es ist Platz da. Wien ist spitze, da kannst du jeden Tag fortgehen und Konzerte anschauen. Die Qualität von den Bands wird immer besser, das merkt man, auch bei den Jungen.

Es wird oft gesagt, dass aufgrund der rückläufigen Tonträgerverkäufe das Geld jetzt im Live-Markt liegen würde. Wie seht ihr diese Entwicklung und eure Rolle in einem Musikbusiness 2.0?

Sandra:
Das Geld liegt jetzt im Live-Markt, da kann ich nicht zustimmen, weil die vorher angesprochenen Probleme ja noch immer da sind. Wo soll das jetzt auf einmal herkommen? Gerade für kleinere No-Name-Bands. Dass die arrivierten Bands eh nie ein Problem haben werden, das ist klar. Aber dass man die Jungen fördert wird immer schwieriger. Rein schon nur, dass du Gagen kriegst, die die Ausgaben abdecken und man zumindest mit Null aussteigt.

Tom: Wobei die kleine No-Name-Band auch keine CDs und keine Platten verkauft hätten. Da geht es ja schon um das nächste Level, wenn die Band halbwegs Gage einbringt und sie das ausgleichen würde, was sie durch den CD-Verkauf verliert. Finde ich durchaus. Es gibt Bands, wo das so ist – im CD-Verkauf verlieren und dann musst mehr spielen und höhere Gagen verlangen, wenn du bekannt bist.

Nachdem wir dieses Gespräch am Weltfrauentag führen: Das Musikbusiness galt und gilt als Männerdomäne. Sandra, wie ist es dir in dieser Hinsicht gegangen?

Sandra: Oh, am Anfang hab ich es schon gemerkt. Das war für mich das erste Mal, so ein Problem zu haben. Ich hab schon das Gefühl gehabt, nicht wahrgenommen zu werden. Und auch wenn ich mich vorgestellt habe als die Bookerin von XY bin ich als „die kleine Freundin vom Tom“ betitelt worden. Ich hab mir gedacht, das kann es doch nicht sein. Das war anstrengend, und schwierig. Aber mittlerweile geht’s, ich hab meinen Platz und es ist schön, und meine Bands bestätigen mir das immer wieder.

 

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