mica-Interview Tanz Baby!

Seit etwas mehr als zwei Jahren treiben sich David Kleinl und Kristian “Mu” Musser alias Tanz Baby! nun bereits mit ihren, von deutschem Schlager und NDW beeinflussten, Songs in diversen Etablissements zwischen Wien und St. Petersburg herum. Ende letzten Jahres hat das Duo mit “Liebe” sein erstes Album veröffentlicht. Am 19. Februar gastieren Tanz Baby! anlässlich einer FM4 Studio 2 Session im Wiener Funkhaus.Das Interview führte Michael Masen.  

Kannst du ein wenig etwas zur Entstehungsgeschichte von Tanz Baby erzählen; wie habt ihr zusammen gefunden?

David: Das alles hat so etwa im November, Dezember, 2005 begonnen. Da hat mich der Mu (Kristian Musser) – wir haben uns zu dieser Zeit eigentlich bloß flüchtig gekannt – angerufen und gemeint, ich solle doch mal bei ihm vorbei kommen, er müsse mir etwas zeigen. Wir kommen ursprünglich beide aus Eisenstadt und er hatte damals, genau wie ich, in Wien eine Wohnung.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon ziemlich lange nicht mehr Musik gemacht. Mit meiner früheren Band Charmant Rouge war es 1999 aus, weil wir uns immer mehr darauf verlegt hatten, Veranstaltungen in der Cselly Mühle zu organisieren, als selbst aufzutreten und Musik zu machen. Le Charmant Rouge hat es ja dann später auch wieder gegeben, aber da war ich selbst nicht mehr dabei – das ist jetzt auch mehr so projektorientiert und es gibt nicht viele Konzerte.

Jedenfalls bin ich dann nach Hause zum Mu gefahren und er hat mir das Stück “Ich bin traurig”, das es schon damals gegeben hat, auf der Orgel vorgespielt. Ich fand das total witzig und habe ihn gefragt, ob er den Mambo Kurt kennt, auch wegen der Heimorgel, was er aber verneint hat. Ich habe das ganze also auch erst mal irgendwie in die komödiantische Richtung gehend gesehen, wohingegen Mu das gar nicht so gemeint hat. Es geht ihm nicht um eine Persiflage auf das Schlager-Genre und auch nicht um diese Holzhammer-Comedy-Taktik. So etwas ist ja immer sehr plump und das möchte er nicht und ich auch nicht. Mir ist es halt anfangs nur so vorgekommen, vor allem, weil er das auch noch selber gesungen hat. Diese Musik braucht aber einen Crooner. Ich war schon immer eine Rampensau – mit 15 hatte ich meine erste Grunge-Band und später dann habe ich in so einer obszönen Rockband gesungen, mit der wir auch immer wieder mal im damaligen Rockhaus, heute Planet Music, bei Bandwettbewerben aufgetreten sind.

Dieses “aus sich heraus gehen und die Sau raus lassen” steckt also schon immer in mir. Das hat eben der Mu auch gewusst und gemeint, ich würde das schon irgendwie machen, obwohl ich ihm ja entgegnet hatte, ich könne gar nicht singen.

Und kurz darauf war auch schon ein Gig ausgemacht. Es gab irgendein Privatkonzert in Eisenstadt, wo wir auch gemerkt haben, obwohl wir beide eher aus der experimentellen Ecke kommen, dass wir musikalisch nicht gemeinsam experimentieren können – das geht sich einfach nicht aus. Er kommt auch aus einer anderen Generation, ist neun Jahre älter und findet ganz andere Sachen cool als ich.

Diese Reibung hat also von Beginn an existiert – was er gut findet, finde ich einfach so “naja”. Während er musikalisch quasi eine Neuauflage von DAF sein wollte, wollte ich immer lieber Morrissey sein. Das sind also schon zwei unterschiedliche Welten. Er hätte dieses Pathos nie gesehen, ich wiederum möchte nur überhaupt so was haben. Wenn schon auf der Bühne, dann Pathos pur. Deswegen auch am Anfang mein sehr starker Zugang zum Schlager und zu dieser übertriebenen Geste – die gab es ja von Anfang an bei uns.

Unseren ersten wirklichen Gig hatten wir dann in Wien, in einer ganz kleinen Bar in der Kirchengasse. Da hatten wir so ein ganz kleines Mischpult beim DJ eingesteckt und haben dann, als Einlage sozusagen, um Mitternacht unsere fünf Songs gespielt. Es gab auch da bereits den Anzug und die rote Rose. Tanz Baby! war somit also eigentlich damals schon geboren – nur eben noch ohne Namen.

Ein Freund von uns, der im Elektro Gönner immer unregelmäßig den Slobber Club veranstaltet, lädt dazu auch die unterschiedlichsten Musiker ein und auch wir sind dann dort mal aufgetreten. Allerdings konnten wir die Orgel nicht verwenden, weil es dafür ein bisschen eine fettere Anlage braucht, die im Gönner einfach nicht vorhanden ist. Wir haben dort schließlich einfach so gespielt, dann noch mal und auch wieder in der Kirchengasse und irgendwie haben wir letztendlich gemerkt, dass das wirklich funktioniert und auch die Leute voll begeistert sind.

Die Feuerprobe war schließlich anlässlich des vierten Geburtstags des Fluc. Ich habe dort früher auch aufgelegt und den Fluc-Leuten habe ich Tanz Baby! als mein neues Projekt verkauft, das lustig ist und so in die Austrofred-Richtung geht. Nicht so lustig und auch nicht wie Wipeout – einfach was anderes. Bisher habe ich das ja noch nie in Interviews erwähnt, aber der Didi Bruckmayr ist für mich wirklich ein ganz großes Vorbild, wobei er ja eine ganz andere Figur ist. Der ist für mich eine Diva, einer der Super-Front-Menschen hier in Österreich. Wirklich, Hut ab. Um so einen zu finden, muss man schon lange suchen.

Es ist für euch also auch dieses Show-Element ein wichtiger Bestandteil von Tanz Baby?

David: Ja, ein äußerst wichtiger sogar. Wir treten ja auch so auf, wie man uns vielleicht von Fotos und von unserem CD-Cover her kennt. Man könnte sagen, es ist Musik mit Verpackung. Und wir nehmen natürlich die Rolle dieser Figuren ein. Wobei wir jetzt nicht eine komplett neue Welt schaffen müssen, da diese Kunstfiguren lediglich Überhöhungen von uns selbst darstellen. In mir steckt auch dieser Dandy und ich schminke mich auch vor den Auftritten und gestikuliere herum – das gehört auch irgendwie zu diesem Gesamt-Ritual dazu. Eben diese Geste als Begleitung der Lieder entstammt ja ursprünglich dieser Schlager-Idee.

Was macht ein Schlager-Sänger? Der legt mit Hilfe seiner Mimik und Gestik eine Bedeutung in die Lieder. Ein ganz anderer Zugang also, wie ich ihn beispielsweise in der Band Mimi Secue erlebt habe, für die ich immer die Visuals gemacht habe. Die sind auf der Bühne wirklich ein introvertierter Haufen und diese Stimmung wird auch durch die ruhigen Bilder im Hintergrund noch verstärkt. Das ist also tatsächlich ein komplett anderer Zugang. Anfang der Nuller-Jahre hat mich das eigentlich auch davon abgehalten, irgendwie in Erscheinung zu treten – da habe ich mich ziemlich zurück genommen.

War dieses Überzeichnende von Anfang an bewusst so geplant, oder bist du da irgendwie reingerutscht?

David: Das war schon von Anfang an da. Wenn wir einen Gig hatten, habe ich mich auch immer gleich angezogen wie ein Alleinunterhalter. So wie die Bands auf den Hotelterrassen am Meer, in einer Bar oder im Puff – schon damals gab es den Begriff “wir spielen im Puff”, obwohl es ja tatsächlich noch einige Zeit gedauert hat, bis wir dann den Queenclub entdeckt haben. Das performative Element ist also bereits von Beginn an fester Bestandteil von Tanz Baby! gewesen.

Und Mu macht ja auch ein wenig Performance. Er muss die Orgel bedienen, Gitarre spielen und das irgendwie alles gleichzeitig. Dann haut er noch aufs Drumpad und er muss einfach schauen, dass die gesamte Combo funktioniert – alleine, dort im Hintergrund und ich stehe eben vorne und flirte und singe das Publikum an.

Ist auch schon mal zur Diskussion gestanden, zumindest für die Live-Auftritte, das Lineup zu erweitern?

David: Es gab auch immer wieder Erweiterungen. Seit ungefähr zwei Jahren ist Violetta Parisini immer wieder mal mit dabei, das heißt, wir haben noch zusätzlich eine Frauenstimme und sie klopft auch ein wenig auf dem Drumpad herum. Sie ist zwar nicht wirklich eine Schlagzeugerin, aber das funktioniert so ganz gut und sie spielt auch Tamburin. Durch die Vielstimmigkeit bekommt die Musik dann schon auch ein breiteres Spektrum. Weiters haben wir noch mit Stefan Heckler zusammen gearbeitet, der bei unserem Album die Bläser-Arrangements gemacht und bei ein paar Stücken Akkordeon gespielt hat. Mit ihm haben wir auch live gespielt – es gab da beispielsweise mal Tanz Baby! Unplugged, was uns eigentlich jetzt auch schon zum Queenclub führt.

Unser Premieren-Auftritt dort fand im November 2007 statt – wir wollten da zum ersten Mal Tanz Baby im Hafenkneipen-Sound präsentieren. Da haben wir mit Akustik-Gitarre, Akkordeon und Stimme gespielt – später kam dann noch die Ukulele hinzu. Und eine Groove Box, so ein kleines Fußkästchen, die halt auch irgendwie Geräusche gemacht hat, war ebenfalls mit dabei. Mit diesem Setup klingt alles auch gleich viel anders, funktioniert aber super.

Maßgeblich am Sound von Tanz Baby! beteiligt war aber auch unser Produzent Thomas Pronai, der das Album wunderbar mit uns zusammen gemacht hat. Er war ja nicht bloß Regler-Bediener, sondern hat wirklich eine tragende Rolle gespielt. Von ihm kamen bestimmte Vorschläge, wie die Instrumente eingesetzt, welche Effekte verwendet werden sollten. Bei “Träum Kleines, Träum” gibt es einen Rückwärtsgitarren-Effekt, der ist beispielsweise von ihm. Live kann man das natürlich nie genau so reproduzieren.

Für uns war aber von Anfang an klar, wenn wir das Album machen, dass wir nicht nur die Orgel alleine, so wie wir zu Beginn gespielt haben, auf der CD haben können – das geht sich vom Sound, vom Volumen, her einfach nicht aus. Wenn du mit der Orgel in einem Lokal auftrittst und die über die Anlage laufen lässt, ist das super und funktioniert auf jeden Fall. Aber das hält man auch nur für diese Einlagengeschichte, wie wir es zu Beginn eben für fünf Lieder lang gemacht haben, aus. Bei einem ganzen Album ist das hingegen nicht zu machen. Deshalb ist die Orgel dort zwar auch zu hören, allerdings mit mehr als einer Gitarre ausgeschmückt und dazu noch teilweise Akkordeon und Trompeten. Der Tom spielt ja manchmal dann noch zusätzlich mit. Das heißt, eine solche Trio-Besetzung gibt es auch – eben dann mit keiner Frauenstimme, sondern die von Tom als hohe Stimme. Bei ihm kommt aber noch dazu, dass er als Multiinstrumentalist vielseitig einsetzbar ist. Wenn er beispielsweise hinterm Schlagzeug sitzt, und dort hat er ja auch mit dem Musik machen begonnen, so fährt das schon ganz anders. Der haut da wirklich rein und man merkt an den Publikumsreaktionen, dass das schon ziemlich lebhaft rüber kommt.

War von Anfang an klar, dass ihr das Album mit Tom machen wollt, oder habt ihr auch über andere potentielle Produzenten gesprochen?

David: Von der Stilrichtung her, von der Affinität zum Schlager, war ganz klar Tom unser Favorit. Mit ihm war ich ja auch schon vorher seit ungefähr 1993 in diversen anderen Formationen tätig, das heißt, wir kennen uns musikalisch nun schon sehr lange. Er hat uns ja schon von unserem allerersten Konzert an, diesem Privatkonzert in Eisenstadt, unterstützt, uns eine Minianlage oder Boxen geborgt und auch immer während den Shows den Sound ein wenig überwacht. So war das eigentlich gar nicht geplant, hat sich aber wunderbar ergeben. Tom war auch derjenige, der die Frage aufgeworfen hat, ob wir unsere Songs nicht aufnehmen wollen. Ich selbst habe anfangs gar nicht an so was gedacht. Für mich war das eher so, dass wir ein paar Mal irgendwo als Einlage spielen und das wäre es dann auch wieder gewesen.

Es gab aber dann eben die Möglichkeit einer Förderung durch den Musikfonds und Mu und Tom haben mich überredet, das aufzunehmen. Wir haben daraufhin also erstmal vier Stücke so demomäßig aufgezeichnet und rechtzeitig zum Abgabetermin beim Musikfonds eingereicht. Es gab auch schon diese Foto-Idee für das Cover, dieses Pet-Shop-Boys-Zitat. Offen war allerdings vorerst noch die Frage, wie wir uns nennen wollten. Die Entscheidung für Tanz Baby! ist dann einher gegangen mit dem Auftritt im Fluc am 1. Mai 2006 – ab da war klar, dass das unser Bandname sein würde.

Mit der Zusage durch den Musikfonds ist uns auch richtig bewusst geworden, dass es ernst geworden ist und wir nun ein Album machen mussten. Also, weg von der Nur-Spaß-Einstellung, hin zum ernsthaften Projekt.

Arbeitet ihr beide gleichberechtigt am Songwriting?

Mu: Zu Beginn ist alles mit der Orgel entstanden, die ich mal zum Geburtstag bekommen habe. Das Stück “Ich bin traurig” ist sogar nur aufgrund dieser Orgel entstanden, wegen der Begleitautomatik. Grundsätzlich ist es so, dass ich die Songs schreibe. Die ersten drei Stücke waren auch bereits fertig, als ich David kennen gelernt habe, das waren “Ich bin traurig”, “Träum Kleines, träum” und “Herz”. Ich habe ihm das vorgespielt und zu ihm gesagt: “David, du bist der Mann dafür, du wirst das singen”. So ist das alles entstanden und es ist nach wie vor noch so, dass der Großteil der Lieder und Texte von mir stammt. Was ich mache, ist quasi eine Vorlage, die aber schon ziemlich konkret ist, alleine, weil das, was die Musik betrifft, durch die Orgel so vorgegeben ist. Wenn wir das Stück einproben, werden aber schon noch Teile im Text geändert oder auch andere Sachen.

War das bei den Aufnahmen zum Album auch so, dass ihr noch währenddessen etwas verändert habt, oder seid ihr bereits mit den fertigen Kompositionen ins Studio gegangen?

Mu: Das war schon ein work in progress, gerade diese Platte jetzt. Wir haben uns immer mit dem Tom getroffen und weiter an den Stücken gearbeitet. Am Beginn ist immer die Orgel gestanden, die das Grundgerüst für die Songs bildet und nach und nach sind die anderen Teile hinzu gekommen. Dadurch, dass wir alle aus derselben Gegend kommen, ist auch alles recht spontan abgelaufen.

Es war jedenfalls alles sehr mosaikmäßig aufgebaut und nicht mit einer fixen Idee behaftet, die jetzt unbedingt hätte umgesetzt werden müssen. Wir sind einfach Schritt für Schritt vorgegangen, bis zu dem Punkt, wo man sagt, “ok, das ist es jetzt”. Das allerdings ist immer das Schwierigste, also, diesen ganzen Prozess endgültig abzuschließen.

Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, das Stück euch irgendwann später aber nicht mehr so gefällt, kann es sein, dass ihr ihn wieder öffnet und einen bestehenden Song umschreibt?

Mu: Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo man den Song fixieren muss. Natürlich würden uns noch irrsinnig viele Sachen einfallen – wir spielen ja auch live oft in verschiedenen Settings. Da gibt es natürlich Überlegungen, wie denn der Song am besten aufzunehmen ist, aber irgendwann muss einmal die Entscheidung endgültig getroffen werden, wie wir es machen wollen.

Das Album heißt “Liebe” – ein Konzeptalbum?

David: Ja, man könnte es “Konzeptalbum” nennen, obwohl es nicht von Anfang an als solches am Reißbrett entwickelt worden ist. Der Album-Titel ist eigentlich als Letztes entstanden. Wir haben auch, ähnlich wie beim Bandnamen, sehr lange herum überlegt, wie denn nun dieses Album heißen könnte. Mu hat schließlich gemeint, das Radikalste, das man machen könnte, wäre, das Album einfach “Liebe” zu nennen, weil das sonst niemand macht. Das ist einerseits oberflächlich aber gleichzeitig auch kompliziert – “Liebe” bringt es einfach genau auf den Punkt. Wir – auch unser Labelchef – waren alle skeptisch, ob wir das wirklich machen sollten, aber im Endeffekt war es tatsächlich das Stärkste, was man machen hätte können.

Mu: Zwischenzeitlich haben wir auch mal überlegt, einen Songtitel als Albumtitel zu verwenden – “Träum Kleines, träum”. Oder aber, ihm gar keinen Titel zu geben, das Album einfach “Tanz Baby!” zu nennen.

David: Ich bin aber total glücklich, dass es so geworden ist, weil “Liebe” es einfach total auf den Punkt bringt – eben diese banale Oberflächlichkeit vs. Kompliziertheit.

Wie ihr zuvor schon erwähnt habt, hattet ihr zu Beginn Tanz Baby! ja lediglich als Live-Projekt im Kopf. In welchem Kontext seht ihr nun die Platte – für welche Art des Konsums ist sie gedacht, also, eher für alleine zu Hause zum Anhören oder doch mehr als Partyuntermalung?

David: Wenn wir nach den Konzerten CDs verkaufen, habe ich immer einen super Satz: “Ich wünsche dir mit der CD schöne Autofahrten oder schöne lazy Sunday afternoons”. Die Platte ist jedenfalls anders als unsere Konzerte. Natürlich ist sie weicher und runder als ein Konzert. Bei letzterem ist alles schon eine eher rockige Geschichte, während es mit der CD so ist, dass du sie durchaus auch nebenbei hören kannst, oder aber eben auch mal voll aufdrehen. Das zweite Stück, “Wo bist du”, fetzt schon ziemlich, finde ich. Manchmal spielen DJs auch “Ich bin traurig”. Zuletzt habe ich das auf einer Alternative Mainstream Party gehört – auf einmal kommt mitten um vier in der Früh dieser Song und die Leute tanzen dazu. Und gleich darauf werden dann, ich weiß nicht, die Smashing Pumpkins gespielt.

Mu: Es geht ja wirklich alles. Man glaubt gar nicht, was so alles zusammen gesetzt wird. Und wenn man dann einen eigenen Song, der einen schon so lange begleitet, dann in so einem Kontext hört, ist das schon großartig. Oder wenn beispielsweise Kids unsere Musik hören – so Emo-Kids total von “Ich bin traurig” begeistert sind, dann finde ich das schon schön. Gerade, wenn jemand deine Musik mag, von dem du das nie erwartet hättest.

Ist einer von euch beiden so richtig musikmäßig mit Schlager sozialisiert worden?

Mu: Ich kann immer nur eine Geschichte erzählen, die auch wirklich so stimmt: Meine Oma hat im legendärsten Lokal vom ganzen Burgenland gearbeitet, dem Paradiso. Die hatten dort einen Wurlitzer und eine Liveband. Die ganzen Platten von dort habe ich zu Hause, was aber nicht unbedingt heißt, dass ich damit auch sozialisiert worden bin. Ich kenne zwar viele Songs, habe mich aber nie wirklich damit beschäftigt.

Das hat erst dann begonnen, als ich diese Orgel geschenkt bekommen habe, die so “umta umta” macht und wirklich wie Schlager klingt. Und mein zweiter Gedanke dazu war, dass wenn man damit ein Lied macht, so müsste es auf Deutsch sein. Irgendwann kommt schließlich jemand auf dich zu und meint, “ihr seid ja wie Alleinunterhalter” und du denkst dir, “stimmt, daran habe ich ja gar nicht gedacht”.

Ein paar Tage ist das Album ja nun bereits zu haben. Wie war bisher generell die Resonanz darauf?

David: Ich höre immer wieder, dass die Leute davon begeistert sind – erst gestern wieder. Der meinte, es wäre nicht bloß ein Album, von dem man sich bloß zwei Stücke anhört, sondern die ganze CD immer und immer wieder und sie würde ihm nicht fad werden.

Das finde ich super. Klar, wir haben jetzt nicht mehr diese Distanz dazu, aber es ist schon unglaublich, dass die Leute sich das alle kaufen und anhören. In Zeiten wie diesen kauft man doch noch CDs. Mit “Liebe” sind wir gerade quasi schon ausverkauft und müssen jetzt wieder nachpressen lassen. Es geht also wirklich dahin.

In welchem räumlichen Bereich spielt sich dieses Interesse an euch ab?

David: Ich würde mal sagen, FM4-Sendegebiet. Man kann schon damit rechnen, dass wir noch Fans in Bayern haben, wo man den Sender auch noch empfangen kann. Gerade in Deutschland sind die Leute ja noch sehr FM4-begeistert, weil es so was bei ihnen nicht gibt.

Wir spielen jetzt eh einmal in Ravensburg und danach werden wir auch schauen, dass wir in München auftreten können. Städte wie Berlin gehen auch immer, aber da muss man halt mal hinkommen. Dort kennt man uns aber glaube ich nur vereinzelt.

Glaubt ihr, dass eure Musik auch von nicht-deutschsprachigen Leuten verstanden werden könnte?

Mu: Ja, von den Russen. Da können wir auch einige Geschichten erzählen. Wir waren ja schon zweimal auf Einladung einer Agentur in St. Petersburg. Beim ersten Mal waren wir schon ziemlich gespannt, wie man unsere Musik dort aufnehmen würde, gerade, weil niemand die Texte versteht. Aber es hat wirklich super funktioniert. Wir haben auch noch mit einer Lehrerin ein paar Refrains auf Russisch einstudiert. Gespielt haben wir in einem neuen Club und die Leute sind dort wirklich voll abgegangen – vom ersten Moment an. Ich glaube, das liegt auch an der Mentalität der Leute dort – es hat zwei Takte gedauert, dann haben schon alle getanzt.

David: Die haben auch nicht viel über uns nachgedacht. Bei vielen englischen Bands versteht man ja auch den Text nicht und es ist trotzdem super. Das war für die überhaupt kein Thema, dass wir auf Deutsch gesungen haben. Wir haben dann sogar überlegt, einen ganzen Song auf Russisch zu singen, aber alle haben uns überredet, ihn im Original zu belassen, weil sie ihn so super gefunden haben. So Wortfetzen wie “ich liebe dich” verstehen aber eh viele Leute dort. Es hat also jedenfalls sehr gut funktioniert.

Mu: Es gibt ja auch Versuche, “ich bin traurig” auf Englisch zu machen, nur ist es uns bisher leider noch nicht gelungen, das schlüssig zu übersetzen. Wir haben noch keine Lösung dafür gefunden, wie dieses Schlagereske ins Englische zu transferieren ist. Es gibt aber Anfragen von Leuten aus England und Amerika, die wollen unbedingt, dass wir das auf Englisch machen.

Grundsätzlich ist es euch also schon wichtig, dass man sich mit den Texten auseinander setzt?

Mu: Es war von Anfang an klar, dass wir nicht englischsprachigen Pop machen wollen und man unsere Texte auch verstehen sollte. Absolut.

Vielen Dank fürs Interview.