mica-Interview mit Werner Zangerle

Der junge Saxophonist Werner Zangerle hat mit seinem Debut-Album “Nucleus” ein von der Kritik gefeiertes Werk geschaffen und damit die Ohren heimischer Jazz-Freunde auf sich gezogen. Im mica-Interview mit Michael Masen spricht er über sein Erstlingswerk, sowie diverse andere Projekte, mit denen wohl ebenfalls in den nächsten Monaten zu rechnen sein wird.

Vor ein paar Monaten ist dein Debut-Album “Nucleus” auf PAO Records erschienen und, soweit ich gesehen habe, durchgehend mit positiven Kritiken bedacht worden. Hast du mit derartig positivem Feedback gerechnet?
Ich habe es zumindest gehofft, aber man kann das halt nie wissen. Ich habe ganz einfach das gemacht, was mir Spaß macht, habe die Sachen geschrieben, die aus mir raus gekommen sind und das dann mit einer gut eingespielten Band aufgenommen. Es freut mich jetzt natürlich, dass es zum Album gute und wohlwollende Kritiken gibt, aber gerechnet habe ich eigentlich mit überhaupt nichts.

Aufgenommen wurde die CD ja innerhalb von zwei Tagen. Wie viel Zeit haben die Vorbereitungen für die Aufnahmen, also das Komponieren der Stücke, die Zusammenstellung der Band, in Anspruch genommen?
Ich war 2005 ein Jahr in Berlin, habe in diesem Zeitraum einmal in Österreich mit Matthias Löscher auf einer Vernissage gespielt. Die musikalische Kommunikation hat von Anfang an super funktioniert. Ich hab ihn dann angemailt und gefragt ob wir gemeinsam was machen könnten. Dass der Peter Kronreif mitspielt, war eigentlich ziemlich bald fix. Bassisten haben wir etwas länger gesucht, letzten Endes hat Matthias dann aber Bernd Satzinger vorgeschlagen und der ist es dann auch geworden. Nach meiner endgültigen Rückkehr aus Berlin haben wir dann eigentlich fast sofort zu Proben begonnen. Geschrieben hatte ich bis zur ersten Probe lediglich drei Stücke, alles andere ist dann erst mit dem Band-Sound einfach passiert. Die Stücke, so kann man sagen, haben die Band beeinflusst und diese dann wiederum die daraufhin neu entstehenden Sachen. Das ist jedenfalls sehr super, weil es bei uns definitiv ein ganz eigener Band-Sound auszumachen ist, bei dem auch immer ziemlich viel spontan passiert. Die einzelnen Stücke sind zwar nicht komplett frei, es läuft aber eigentlich immer alles irgendwie anders ab.

Also bieten deine Kompositionen durchaus auch genügend Freiraum für Improvisationen.
Ja, massenhaft. Es sind eigentlich vom Ablauf her ganz simple Tunes mit einer Melodie, irgendwelche Harmonien und gelegentlich einer Bass-Linie und das war es dann eigentlich auch schon – der Rest passiert dann einfach.

Bilden die Stücke, die jetzt letztendlich ihren Weg auf das Album gefunden haben, in irgendeiner Weise eine Art Gesamtkonzept, einen “roten Faden”, der alles miteinander verbindet?
Nein, ein Gesamtkonzept gibt es definitiv nicht. Schlussendlich haben es die neuesten Stücke auf das Album geschafft, weil die ältesten einfach nicht mehr dazu gepasst haben. Das Songwriting hat sich stets weiter entwickelt und deshalb sind die Sachen, die wir anfangs gemacht haben, schon wieder aus dem Rahmen gefallen, die waren einfach nicht mehr passend. Eine Art roten Faden gibt es jedenfalls nicht auf “Nucleus”.

Nachdem die Aufnahmen lediglich zwei Tage lang gedauert haben, kann annehmen, dass an die ganze Sache eher locker herangegangen wurde?
Eigentlich war die ganze Band, also nicht bloß ich alleine, ziemlich selbstkritisch. Jeder hat immer gleich gesagt, was ihm nicht gepasst hat und was man jeweils besser machen könnte. Das war auch wirklich sehr gut so, denn alle anderen hatten ja bereits mehr Studio-Erfahrung, als ich. Für mich war das, obwohl ich auch schon Sachen aufgenommen habe, das erste Mal im Studio und da muss einfach alles passen. Ich glaube auch, dass ich nervöser war, als der Rest der Band, deshalb habe ich mich auch immer bemüht, möglichst entspannt zu bleiben.

Bist du jetzt, ein paar Monate nach dem Release, immer noch vollauf zufrieden damit, oder gibt es schon Sachen, die dich mittlerweile etwas stören, wo du sagst, das hätte man besser oder anders machen können?
Ja und nein. Es ist jetzt nicht so, dass ich sage, “mein Gott, das ist ein Mist”, aber kurz nach dem Aufnehmen ist es so, das wird wahrscheinlich jeder Musiker bestätigen können, dass man nur die Fehler hört, egal, wie gut man gespielt hat – alles, was einem auffällt, sind die Fehler. Dann, nach ein paar Monaten, oder Wochen, hört man plötzlich nur mehr die guten Sachen und ist überglücklich. Jetzt habe ich mir die CD eigentlich auch schon länger nicht mehr angehört, aber ich bin insgesamt  wirklich sehr zufrieden damit.

Wie bist du eigentlich zum Saxophon gekommen? In jungen Jahren fühlt man sich ja doch meist mehr zu Pop- und Rockmusik und den damit verbundenen Instrumenten hingezogen.
Das hat sich einfach so ergeben. Mein Vater hat eine Plattensammlung zu Hause – Jazz-Platten, aber auch viele andere Sachen und das hat mir einfach gefallen und am Ende der Hauptschule habe ich mir einfach gesagt, dass ich jetzt anfangen muss, Saxophon zu spielen. Eigenartigerweise hat mir damals schon Lester Young super gefallen und Charlie Parker ebenfalls – deshalb wollte ich Saxophon lernen. Aber diese “Jugendsünden” im Pop-/Rock-Bereich hat es bei mir auch gegeben -ich habe in einer Punkrock-Band Bass gespielt und gesungen.

Du hast dann ja auch Musik studiert und warst der erste, der einen bestimmten Studienzweig abgeschlossen hat.
Ja, ich bin der erste, der das Master-Studium abgeschlossen hat. Das Bruckner-Konservatorium ist vor ungefähr vier Jahren auf dieses Master-System umgestellt worden, das hat es zuvor nicht gegeben. Gemeinsam mit einem Trompeter war ich der erste, der das in der Jazz-Abteilung begonnen hat, zu studieren und der erste, der dieses Master-Studium dann in Linz abgeschlossen hat. Das bedeutet jetzt aber nichts Besonderes, das ist für die Uni selbst glaube ich wichtiger, als für mich.

Ich wollte eh gerade fragen, inwieweit sich dieser Abschluss auf dich als Musiker auswirkt.
Der Abschluss, das Papier, ist eigentlich vollkommen egal. Es kommt immer nur darauf an, dass man spielen und Musik machen kann, irgendetwas zu sagen hat und fähig ist, Inhalte zu transportieren. Es gibt glaube ich niemanden, der einen Musiker einstellt, nur weil er auf dem Papier jetzt “Master” oder sonst irgendetwas stehen hat. Das ist sowieso utopisch. Aber ich war einfach in Linz und habe gewusst, dass ich dort eine Weile bleibe und mir einfach vorgenommen, die Zeit zu nutzen und mir bei Lehrern Unterricht geben zu lassen und dann eben im Zuge dessen auch gleich noch das Master-Studium abgeschlossen.

Neben diesem Quartett bist du ja noch in einigen anderen Projekten tätig. Unter anderem, ebenfalls ein Quartett, bei Braaz. Mit denen hast du auch bereits etwas aufgenommen, wie ich gelesen habe, das aber noch nicht erschienen ist. Ist dafür schon ein Veröffentlichungszeitpunkt festgelegt?
Termin gibt es noch keinen. Wir waren gerade letzten Freitag zum letzten Mal im Studio und haben alles fertig gemischt und geschnitten und das müssen wir jetzt dann noch mal durchhören, die Reihenfolge der Songs überlegen und dann mastern lassen – wahrscheinlich vom Martin Siewert. Danach steht dann Label-Suche auf dem Programm, was hoffentlich noch in diesem Jahr passieren wird.

 

 

PAO Records, das Label, auf dem “Nucleus” erschienen ist, würde sich für diese Platte nicht anbieten, oder zeigen die kein Interesse daran?
Der Paul von PAO Records hat schon gemeint, dass ich es ihm geben soll, wenn es fertig gemastert ist, aber ich weiß nicht, inwieweit das Material zur Linie des Labels passt. Wir schauen einfach, wem das gefällt und wer voll hinter der Musik steht, die wir machen.

Inwiefern unterscheidet sich Braaz von deinem anderen Quartett musikalisch? Von ersterem konnte ich mir noch keinen Höreindruck verschaffen.
Vollkommen. Braaz ist eigentlich ganz das freie Eck. Die Musik ist, obwohl die Besetzung ja ident ist, völlig anders. Beim Quartett ist alles von mir komponiert und da spielen wir eben Tunes und Nummern. Das bewegt sich doch mehr in der normal jazzigen Richtung, während bei Braaz dann viel mehr Free Jazz und Impro-Sachen im Vordergrund stehen. Das geht von Gefrickel über kitschige Melodien bis hin zu Lärm. Also wirklich etwas komplett Anderes, das uns allerdings genau so viel Spaß macht.

Dann gibt es noch dieses Projekt namens “Jazz of Three Cities”. Kannst du zu dem noch ein wenig etwas erzählen.
Dieses Projekt ist eigentlich erst in Planung. Peter Massink, der Saxophonist, hat damals auch eine Zeitlang mit mir in Linz studiert. Er ist etwas älter als ich, bringt unglaublich viel Erfahrung mit und spielt auch super. Vor kurzem ist er nach Paris gezogen. Mit dem habe ich mich musikalisch schon immer sehr gut verstanden, wir haben irgendwie die gleichen Wurzeln und Vorlieben und so haben wir dann beschlossen, gemeinsam etwas auf die Füße zu stellen. Und über das Eck von PAO, über Paul Zauner, ist die Verbindung zu Pandelis Karayorgis hergestellt worden, der wahrscheinlich auch mit dabei sein wird – zugesagt hat er jedenfalls schon mal. Als Rhythmusgruppe sind dazu noch Wolfram Derschmidt am Kontrabass und Dusan Novakov am Schlagzeug vorgesehen. Aber das ist wirkliche erst alles in der Entstehungsphase. Mitte April werden wir einmal ein Demo aufnehmen, schauen, was dabei raus kommt und dann, hoffentlich im Herbst, eine Tour spielen und eine CD aufnehmen.

Mit diesem Projekt wird es also ebenfalls definitiv eine Veröffentlichung geben.
Genau. Hauptsächlich mit dem Material von Lennie Tristano und seinen Weggefährten und eben von uns dreien, vom Pandelis, vom Peter Massink und von mir.

Hinsichtlich Masseninteresses steht ja Jazz doch eher stark im Hintergrund populärerer Musikrichtungen. Stört dich das ein wenig, oder ist es doch eher gut, weil man sich abseits aller Trends freier entfalten kann?
Es ist sicherlich nicht gut, dass das Interesse nicht so groß ist, wie es sein könnte, oder wie es jeder Jazz-Musiker gerne hätte, aber wenn man als Musiker jetzt den Druck verspürt, unbedingt ein größeres Publikum erreichen zu müssen, dann muss man eben andere Musik machen. Vielleicht mainstreamigeren Jazz, mit dem man für gewöhnlich mehr Leute erreicht. Für mich und viele andere ist das aber überhaupt kein Druck. Wir machen einfach das, was uns interessiert und damit funktioniert es auch immer irgendwie.

Ihr spielt jetzt demnächst in der Linzer KAPU auch einmal mit Tumido. Wie hat sich diese nicht alltägliche Kombination ergeben?
Wir kennen uns einfach alle untereinander. Gigi, der bei Tumido Bass und Gitarre spielt, ist ja bei Braaz auch an der Gitarre mit dabei. Der Richie von der Stadtwerkstatt/Interstellar Records hatte glaube ich die Idee, dass wir ja einmal gemeinsam etwas machen könnten. So etwas Ähnliches hat es aber bereits einmal in Ottensheim gegeben. Damals waren neben mir Bernhard Breuer, DD Kern und Gigi Grat daran beteiligt. So eine abwegige Sache ist diese Kombination also wirklich nicht.

Wie sieht nun deine nähere musikalische Zukunft aus? Komponierst du laufend Sachen weiter, oder konzentrierst du dich jetzt einmal auf das Live-Spielen der aktuellen Sachen?
Ich sollte eigentlich laufend komponieren, teilweise schläft das bei mir aber ein wenig ein. Richtig zwingen muss ich mich aber nicht dazu, ich muss es einfach bloß machen. Jetzt steht jedenfalls erstmal an, mit dem Quartett Werner Zangerle 4 noch ein paar Termine für Herbst aufzustellen und mit Braaz die CD raus zu bringen. Mit Jazz of Three Cities werden wir ebenfalls schauen, was damit möglich ist und dann gibt es da noch ein Trio, das mir sehr viel Spaß macht, das Trio Zavocc. Da spiele ich zusammen mit dem Christoph Cech am Klavier und Raimund Vogtenhuber an den Electronics. Einen Auftritt hatten wir damit am Klavierfestival im Blue Tomato bei der “Soundgrube 15” und im April spielen wir auch noch mal in Linz. Und dann habe ich noch in Linz einen Steady Gig im La Boheme. Da trete ich ein- bis zweimal im Monat regelmäßig auf. Das teile ich mir mit Tanja Peer, Flötistin und neuerdings auch Bassistin, und ein Termin im Monat wird jeweils auch für andere Leute frei gehalten. Für einen Musiker ist so etwas jedenfalls super, wenn man, auch wenn gig-mäßig ansonsten nicht so viel los ist, etwas hat, wo man einfach immer zum Spielen kommt und so nicht einrostet.

Danke fürs Interview.

 

Werner Zangerle