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“Ein Zustand, den ich sonst nicht kenne” – mica-Interview mit Anja Plaschg (Soap&Skin)

Noch bevor ihr Debut-Album erschienen ist, hat sie die heimischen Medien in Aufruhr versetzt. Ob im Standard oder auf fm4: Anja Plaschg aka “Soap&Skin” wurde als das nächste große Ding gehandelt. Einerseits wohl, weil bereits einer ihrer Tracks auf dem renommierten Berliner Techno-Label Shitkatapult erschien. Andererseits, weil sie eine Art von Musik macht, die hierzulande keine Tradition hat und vor allem eines hat: Qualität. Für ihr hoffentlich bald erscheinendes Debut-Album hat sich Anja Plaschg ihr “Hirn zerkocht”, wie sie sagt. Das mica sprach mit ihr über Erfolgsdruck, Trance und die Unerträglichkeit kleiner Clubs.

Ärgert es Dich, wenn die Leute Dich “die neue Gustav” nennen?

Anja Plaschg: Ein wenig. Gustav macht einfach etwas völlig anderes.

Die einzigen Parallelen sind das Spiel mit Männernamen – bei Dir ist es der Franz Lasch – und das Kunststudium?

Anja Plaschg: Und dass ich aus Graz komme und weiblich bin.

Weshalb, denkst Du, wird so eine Pseudo-Referenz kreiert?

Anja Plaschg: Die Medien brauchen ja immer Bezugspunkte.

Was ist Dein tatsächlicher Background? Woher kommst Du musikalisch? Oder anders gefragt: Welche Musik hat Dich dazu bewogen hat, selbst Musik zu machen?

Anja Plaschg: Dazu bewogen hat mich keine. Einen direkten Auslöser gab es auch nicht. Ich habe immer viel Musik gehört. Bevor ich selbst zum Musik machen anfing vorwiegend Techno und Klassik. Seit ich selbst Musik mache höre ich aber viel weniger.

Techno und Klassik. Das ist wohl auch ein Grund dafür, weshalb Du schließlich bei einem Techno-Label, nämlich bei Shitkatapult, gelandet bist, obwohl Du eigentlich alles andere als Techno machst?

Anja Plaschg: Für diese eine Nummer landete ich erst einmal bei Shitkatapult. Für das ganze Album wird man sehen.

Du würdest Musik zwischen Elektronik und Songwirting machen, hieß es im Standard, als ob das beides Extreme, zwei nur schwer miteinander in Einklang zu bringende Pole wären.

Anja Plaschg: Ich versteh das auch nicht. Apparat (aka Sascha Ring, Ex-Labelbetreiber von Shitkatapult) zum Beispiel schafft es ja auch, elektronische Musik zu machen und Songs zu schreiben.

Apparat ist ein gutes Beispiel. Der hat sehr elektronisch angefangen…

Anja Plaschg: Und ist noch immer elektronisch.

Schon, schon, aber der Anfang war Elektronik im eigentlichen Sinn, ohne Stimmen, abstrakt, wenn man so will und mittlerweile hat Ring mit seinem Schaffen doch auch das Songformat für sich entdeckt. Zwischendurch klang das dann mehr nach Notwist als The Notwist. Findest Du nicht?

Anja Plaschg: Aber es ist noch immer Elektronik.

Aber poppiger ist es geworden, oder?

Anja Plaschg: Ja. Es ist auf jeden Fall Pop.

Wie kam es zu Deinem Beitrag für die “Schubert ist not dead”-Geschichte?

Anja Plaschg: (lacht) Wolfgang Pollanz hat bei mir angefragt, ob ich nicht einen Track machen wolle. Und ich wollte diese Schubert-Nummer immer schon adaptieren.

Welche Schubert-Nummer genau meinst Du?

Anja Plaschg: “Im Dorfe”. Und da ich wusste, dass ich solch eine Bearbeitung auf keinem Album bringen kann, habe ich einfach zugesagt.

Hast Du Geld dafür bekommen?

Anja Plaschg: Geheißen hat es ja, aber es ist quasi nichts übrig geblieben, weil mehr Nummern als geplant aufgekoppelt wurden.

Ist das Dein Ernst? Und eine prozentuelle Beteiligung bekommt ihr nicht?

Anja Plaschg: Ich denke nicht, aber ich kümmere mich nicht darum.

Dann kam noch ein anderer Vergleich: Coco Rosie. Fritz Ostermaier meinte, Deine Musik klinge wie Coco Rosie nur viel besser…

Anja Plaschg: Dafür hat er sich später bei mir entschuldigt.

Wie das?

Anja Plaschg: Den Vergleich bezeichnete er nachher als nicht ernst gemeinte Dummheit und entschuldigte sich dafür. Auch deshalb, weil ich mich bei ihm beschwerte.

Andererseits gibt es weit schlimmere Beleidigungen.

Anja Plaschg: Bestimmt, aber meine Musik klingt wirklich nicht  wie die von Coco Rosie.

Wie kam es überhaupt zu diesem Portrait von Dir im Sumpf?

Anja Plaschg: Ich wusste nichts davon. Vor dem Auftritt im MAK hat Fritz einen halbstündigen Beitrag über mich gebracht. Er wolle einer jungen Künstlerin huldigen,
lautete das Intro…

Ein Portrait, von dem Du nichts wusstest?

Anja Plaschg: Naja, er hat schon angedeutet, dass er etwas machen möchte.

Wie kam es überhaupt zu dem Kontakt mit Fritz Ostermaier?

Anja Plaschg: Vor genau einem Jahr, noch bevor ich überhaupt einmal in Wien gespielt habe, hat er ein Interview mit mir gemacht. Und als ich dann mit Sir Tralala, der dann auch kurze Zeit mein Geiger war, im rhiz spielte, haben wir uns kennen gelernt.

Und wie wurde Shitkatapult auf Dich aumerksam?

Anja Plaschg: Noch bevor ich in Wien diesen ersten Auftritt hatte, habe ich eine EP, die aus allen bisherigen, fragmentarischen Produktionen bestand, an eine Hand voll österreichische Labels und eben Shitkatapult geschickt.

Aber wie bist Du gerade auf Shitkatapult gekommen?

Anja Plaschg: Zu dieser Zeit habe ich den frühen Techno von T. Raumschmiere gehört.

Normal muss man doch aber jedem davon abraten, sein Demo an ein Label zu schicken, das völlig Genre-fremde Musik produziert.

Anja Plaschg: Zudem habe ich das Demo anonym geschickt. Einfach so. Ich habe mir davon nichts erwartet. Und dann waren sie die einzigen, die sofort reagierten.

Wie das? Das Demo war doch anonym.

Anja Plaschg: Ich habe Marco Haas später über Myspace gefragt, ob er die CD bekommen hätte. Er schrieb sofort und fragte mich allerhand Dinge aus und meinte dann, er will einen Track.

Für ihren Label-Sampler?

Anja Plaschg: Genau.

Und an welche österreichischen Labels hast Du Dein Demo damals verschickt?

Anja Plaschg: Ich habe keine Ahnung mehr. Ich kann mich nur noch an Trost erinnern. Und zwar deshalb, weil sie nachgefragt haben, ob ich denn einmal in Wien spielen würde. Anderseits bin ich froh, dass niemand aus Österreich wirkliches Interesse an mir bekundete.

Weshalb?

Anja Plaschg: Weil ich glaube, dass ich mich auf keinem der österreichischen Labels die ich kenne, wohl fühlen könnte.

Jetzt müssen wir doch noch einmal zu Gustav zurück. Eine Parallele gibt es ja doch noch: Alle zu Hause schlafen und nach überwältigendem ausländischen Feedback machen dann doch noch alle mit…

Anja Plaschg: Machen denn alle mit?

Für jemanden ohne Album-Release hattest Du doch schon ziemlich viel mediale Resonanz, oder?

Anja Plaschg: Wahrscheinlich. Und je mehr gehypt wird, desto mehr müssen dagegen drücken.

Wie meinst Du das?

Anja Plaschg: In diversen Internet-Plattformen findet man schon entsprechende Meinungen.

Du meinst, in anonymen Post-Its a la “Was ihr alle habt. Das ist doch gar nicht so besonders”?

Anja Plaschg: Ja. Und ich kann nur zusehen und überhaupt nicht einschätzen, was da passiert. Vor allem, weil ich noch nicht einmal ein Album herausgebracht habe. Und das wird immer schwieriger.

Inwiefern? Wie weit bist Du mit dem Album. Was ist Dein Plan?

Anja Plaschg: Ich habe die ganze letzte Zeit daran gearbeitet.

Allein am Laptop?

Anja Plaschg: Ja. Und ich dachte kürzlich, dass das Album fertig ist. Dann machte ich binnen kurzer Zeit drei neue Songs, die noch mehr aufgebrochen haben als ich schon gebrochen habe. Mein Gesang ändert sich auch.

Stilistisch?

Anja Plaschg: Das ist schwer zu sagen. Ich habe neue Ausdrucksformen gefunden.

Kannst Du das beschreiben. Sind Deine neuen Nummern heftiger?

Anja Plaschg: Ich bin wieder über Grenzen hinaus zu Bedürfnissen gelangt, wie z.B. die, lauter zu sein. Gezielter und ich glaube etwas radikaler.

Nur musikalisch oder auch textlich?

Anja Plaschg: Textlich. Und kompositorisch.

Und jetzt meinst Du passen die neuen Stücke nicht mehr in das alte Umfeld?

Anja Plaschg: Nicht unbedingt. Aber ich möchte abwarten und mir vielleicht Distanz schaffen um alles noch einmal zu überlegen. Außerdem ist das Album noch zu kurz.

Wie lange ist es denn?

Anja Plaschg: Ungefähr eine halbe Stunde

Mir würde das reichen. Diese Mengen-Mehrwert-Geschichte ist doch ohnedies unsinnig. Wer hört sich schon sechzehn Stücke eines Interpreten in Folge wirklich konzentriert an?

Anja Plaschg: Ich habe auch ein absolutes Problem damit.

Sich zu reduzieren auf ein bestimmtes Maß ist doch in jeder Kunstgattung gefragt. Nur in der U-Musik scheint das anders. Aber lassen wir das. Auf welchem Label wird Dein Album, so es dann einmal fertig ist, erscheinen?

Anja Plaschg: Das ist noch zu unklar.

Aber aufgrund des medialen Echos – davon gehe ich aus – haben sich in der letzten zeit Leute bei Dir gemeldet, die Deine Musik rausbringen wollen?

Anja Plaschg: Ja. Ich hätte ein paar Möglichkeiten.

Und nach welchen Kriterien wirst Du entscheiden? Aus dem Bauch heraus oder nach strikten Business-Richtlinien?

Anja Plaschg: Ich bekomme schon Hilfe und Tipps von kompetenten Stellen, aber schlussendlich muss ich ein gutes Gefühl dabei haben.

Aber es wird weiterhin noch auf kleiner Flamme geköchelt? Und wo geht die Reise stilistisch hin? Bleibt die Musik still und ätherisch oder wird es laut und extrem, wie Du angedeutet hast?

Anja Plaschg: So will ich das nicht einkategorisieren. Ich brauche jetzt auf jeden Fall Feedback von verschiedenen Seiten. Ich habe mir mein Hirn zu sehr daran zerkocht.

Meinst Du mit “Hirn zerkochen”, dass der künstlerische Prozess so anstrengend war?

Anja Plaschg: Der Druck ist mittlerweile so enorm. Es wird schließlich mein Debut-Album und ich habe das Gefühl, je länger ich warte, desto besser muss es werden. Dieses “Es wird groß. Wir warten alle…” zehrt sehr an mir.

Du beschäftigst Dich also sehr mit dem, was über Dich geschrieben wird?

Anja Plaschg: Vielleicht zu sehr. Leider.

Legst Du Dir den Druck selbst auf oder machen ihn Dir andere Leute?

Anja Plaschg: Den mache ich mir selbst. Diese übergroße Erwartungshaltung auszublenden funktioniert nicht.

War das der Grund für Deine Konzert-Absage neulich in Graz? Wurde Dir der Druck plötzlich zu groß?

Anja Plaschg: Woher weißt Du das mit dem Konzert?

Hab darüber im Falter gelesen?

Anja Plaschg: Und was stand da?

Dass Du wegen zu starker Kopfschmerzen außerstande warst zu spielen.

Anja Plaschg: Hm… Ich bekam so starke Kopfschmerzen, dass ich mich irgendwann nur noch waagrecht legen konnte, weil ich dachte sofort erbrechen zu müssen und fiel in eine Art Delirium. Dann kamen zwei Ärzte und sie meinten dann auch ich könne meine “Arbeit” nicht mehr tun.

Und war der Zusammenbruch stressbedingt? Was meinst Du?

Anja Plaschg: Bisher hatte sich der Druck nie so stark körperlich ausgewirkt. Dieses Mal war ich aber auch gesundheitlich ein wenig angeschlagen und das war dann offensichtlich zu viel… Dort durfte ich zusätzlich erfahren, dass ich wegen organisatorischen Problemen keinen Soundcheck mehr machen kann.

Ist Dir das mit der Bekanntheit, meinst Du, zu schnell gegangen?

Anja Plaschg: Das kann ich nicht sagen.

Die jahrelange Hinterhofbühnen-Erfahrung kannst Du doch schon aufgrund deines Alters nicht haben.

Anja Plaschg: Stimmt. Das war nie da. Oder nur ganz kurz. Ich hab dann schnell erkannt, dass es unerträglich für mich ist, in zu kleinen Clubs zu spielen

Inwiefern?

Anja Plaschg: Wegen der Distanz zwischen dem Publikum und mir.

Das heißt, Du brauchst die Distanz zum Publikum, um Deine Musik, Dein Gebäude aufrecht erhalten zu können?

Anja Plaschg: Ja, Weil ich in mich derart entblöße, und nur mehr gegebene Raum bleibt, der das erträglich machen kann.

Und im MAK hat das funktioniert?

Anja Plaschg: Nein. Es rechnete damals niemand mit so vielen Menschen.

Und dann kam der Standard-Artikel.

Anja Plaschg: Ja.. Und die Veranstalter haben die Bühne nicht abgesperrt. Dann standen nicht nur 510 Menschen vor mir, sondern auch über und hinter mir. Das hat mich so verunsichert, dass ich anfangs die Leute hinter mir gebeten habe wegzugehen, aber es war einfach kein Platz, und die Leute über mir bemerkte ich erst zum Schluss…

Theatralik ist schon auch ein Thema in Deiner Musik?

Anja Plaschg: Wie meinst Du das?

Anders gefragt: Bist Du das, den Du in Deiner Musik transportierst oder ist das eine Kunstfigur, die Du erschaffst?

Anja Plaschg: Während eines Konzertes, bin ich in einem Zustand, den ich sonst nicht hervorrufen und auch nicht erleben kann, der vermutlich aber grundsätzliches in meiner Musik ausmacht. Denn am ehesten kann ich ihn als eine zeitlich komprimierte Zusammenfassung der Produktionsphasen jedes einzelnen Stückes verstehen.

Meinst Du damit eine Art von Trance?

Anja Plaschg: Vielleicht, ja. Während dem Konzert im MAK weinte ich und das war alles andere als generierbar. Das ist oft schlimm daran. Ich wünsche mir manchmal, dass es nicht so wäre.

Wieso?

Anja Plaschg: Weil das unglaublich heftig und auslaugend ist. Deshalb kann ich mich auch nicht mehr wundern, dass mir dieser Zusammenbruch vor einem Konzert passierte. Trotzdem hat mich das in der Heftigkeit erschüttert und mir wirklich Angst gemacht.

Suchst Du eigentlich dieses Stadium der Entrückung, in dem es möglich wird, diese Dinge zu tun, den Emotionen freien Lauf zu lassen. Solche tranceähnlichen Zustände sind doch schließlich auch spannend, weil sie letztlich ein unkontrollierbares Element in sich bergen?

Anja Plaschg: Ich habe das nie gesucht.

Zusammenfassend heißt das, bei Live-Konzerten müssen einfach die Voraussetzungen stimmen, damit Du das transportieren kannst, was Du transportieren willst. Trotzdem bleibt es für Dich, wenn auch eine positive, so doch in gewissem Sinne eine Plage. Wie eine Heimsuchung von fremden Geistern. Braucht Deine Musik denn überhaupt eine Live-Umsetzung? Könntest Du es nicht auch dabei belassen, dass die Musik auf Platte/ als Download erscheint und that´s it? Oder ist die Live-Umsetzung ein wichtiges Element Deiner Musik?

Anja Plaschg: Derzeit gibt es ja noch keinen Tonträger, daher ist das Live-Spielen die einzige Möglichkeit, jemanden zu erreichen. Ich denke aber, dass es auch dann, wenn es einen Tonträger von mir geben wird, weiterhin eine zentrale Komponente meines Schaffens sein wird. Und nicht zuletzt, weil…

Weil?

Anja Plaschg: Weil man als Musikerin auch überleben will.

Irgendwann wurde auch Xiu Xiu als Referenz genannt. Wie kam es dazu? Hast Du sie einmal im Interview als Vorbilder genannt?

Anja Plaschg: Nein, aber es ist ein großes Kompliment. Ich verehre Xiu Xiu und ich wage es nicht annähernd, mich bei ihnen zu verorten.

Aber da gibt es doch eine Parallele, nämlich den Zuhörer über ein erträgliches Maß hinaus mit Schmerz zu konfrontieren.

Anja Plaschg: Und wie?

Den Finger auf die Wunde zu legen, dort hin zu gehen, wo es weh tut…

Anja Plaschg: Und einem selbst weh tut.

Wann gibt’s Dich das nächste Mal zu sehen?

Anja Plaschg: In Köln

Und in Wien?

Anja Plaschg: Während der langen Nacht der Museen im Bestattungsmuseum.

Im Bestattungsmuseum? Wie kam denn das zustande?

Anja Plaschg: Die meldeten sich bei mir, nachdem sie den Artikel im Standard gelesen hatten.

Tatsächlich?

Anja Plaschg: Ich mag das, die Bestattung.

Ich auch. Aber einen speziellen Gothic-Bezug hast Du nicht?

Anja Plaschg: Soweit ich mich verstehe, ganz und garnicht. Aber da hat mich wohl schon der eine oder andere missverstanden.

Das Interview führte Markus Deisenberger.

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