mica-Interview mit Philipp Nykrin

Der aus Salzburg stammende Pianist Philipp Nykrin veröffentlicht dieser Tage seine Debüt-CD auf Cracked Anegg Records. Gemeinsam mit seinem Landsmann Peter Kronreif am Schlagzeug und dem Tiroler Bassisten Matthias Pichler präsentiert sich die Band als klassisches Klavier-Trio, das aber mit der ein oder anderen Überraschung aufwarten kann.  

MG: Mit der CD liegt nun das erste Tonträger-Dokument einer Band vor, die es so schon einige Zeit gibt…

PN: Wir kennen uns schon seit dem Studium und spielen auch schon eine ganze Weile zusammen. Durch die vollen Terminkalender sieht man sich dann zwar oft längere Zeit nicht, aber an sich arbeiten wir jetzt schon seit mehreren Jahren an diesem Trio. Es hat sich mittlerweile auch zu einem ganz eigenständigen Ding entwickelt, und es war einfach an der Zeit, eine Aufnahme zu fixieren und eine CD raus zu bringen. Und genau das passiert eben dieser Tage, präsentiert wird die CD Mitte Mai im Jazzit in Salzburg, mit dem Porgy & Bess wird nicht verhandelt. Ansonsten gibt es eine Anfrage für zwei Konzerte in Bethlehem, ein Konzert in Sarajewo und in Lissabon. Auf der CD findet sich ein netter Querschnitt von dem, was bisher passiert ist, was meine Kompositionen angeht.

MG: Im Rahmen der JazzWerkstatt hast du dein Trio mit Lorenz Raab und Wolfgang chiftner zum Quintett erweitert, was scheinbar mühelos funktioniert hat. Kannst du dir auch vorstellen, die Klavier-Trio-Ästhetik zugunsten einer größeren Besetzung hinter dir zu lassen?

PN: Ich schreibe eigentlich immer so, dass sich die Stücke mit Bläserergänzung noch einmal richtig auffetten lassen. Wenn man eine Band hat, die funktioniert und einen Musiker dazu stellt, der fähig ist, sich in eine Band zu integrieren, ist das einfach eine tolle Abwechslung, finde ich. Auf der CD sind wir aber nur als Trio zu hören, mehr oder weniger aus zeitlichen Gründen. Ich habe schon kurz überlegt, ob ich nicht zwei, drei Stücke mit Gästen einspiele, aber das hat sich jetzt eben nicht ergeben.

MG: Die Kompositionen für dein Trio stammen aber ausschließlich von dir, oder?

PN: Ja, das sind alles meine Eigenkompositionen. Grundsätzlich ist es so, dass ich mich beim Schreiben natürlich am Jazz orientiere, und es wird immer irgendwie Jazz bleiben. Das finde ich auch gut so, aber es ist natürlich schon so, dass ich mir auch Anregungen aus anderen Bereichen hole, wo ich auch selbst musikalisch tätig bin. Ich spiele eben auch in Projekten, wo viel HipHop mit einfließt, auch oder Soul und elektronische Sachen. Da hole ich mir eben meine Anregungen her, die ich dann im Trio gut verarbeiten kann. Da ist einfach improvisatorisch sehr viel möglich, und da kann man auch sehr viele Sachen ausprobieren. Da HipHop in E ist eben einfach ein Groove und ein Thema, mit dem es dann eher wieder weg geht vom Ausgangspunkt, aber der Titel hat sich einfach angeboten. Ich versuche auch irgendwie, meine eigene Harmoniesprache zu finden, weil ich das gerade als Pianist für sehr wichtig erachte. Es gibt einfach viele Pianisten, denen ein starker Einfluss von, sagen wir Brad Mehldau oder Keith Jarrett, anzuhören ist. Das ist auch in Ordnung, aber ich finde es sehr wichtig, dass man auch eine gewisse Individualität erkennen kann. Um das geht es ja im Endeffekt, und das bewundere ich auch so an Typen wie Jason Moran, der einen ganz eigenen Sound hat am Klavier hat und eine ganz eigene Harmoniesprache. Ich habe einfach versucht, mir meine eigenen harmonischen Strukturen zurechtzulegen. Ich hab’ mir eben harmonische Strukturen angescheut, die über zwei, drei Oktaven gehen und versucht, mir daraus meine eigenen zusammen zu basteln. Und daraus hole ich mir auch Voicings, die ich dann auch in Kompositionen einbaue. Das macht mir sehr viel Spaß, so zu arbeiten, und das ist auch ein wichtiger Teil meiner kompositorischen Tätigkeit. Das wirklich interessante daran ist aber, wie zum Beispiel der Bassist das dann auffasst, was ich ihm da hinlege. Weil das ja doch ein sehr persönlicher Zugang ist, der für jemand anderen dann schon sehr nach ganz komischen Akkorden ausschaut. Eigentlich müsste man das gleich beim ersten Mal aufnehmen, weil da eben der erste musikalische Eindruck passiert, und da kommen eben mitunter ganz witzige Sachen dabei raus, je nach dem, wie die Musiker mit den ungewöhnlichen Vorgeben umgehen. Mit der Zeit hören sich die Leute dann eh in diese Vorgaben ein, und dann funktioniert das eh wie geschmiert. Wenn man aber immer wieder mit unterschiedlichen Musikern spielt, ergeben sich da ganz spannende und unterschiedliche Reaktionen. Das ist für mich auch das Schönste am Trio-Spiel, dass man solche Sachen ausprobieren kann. In einer Großbesetzung geht das irgendwie unter, da muss man einfach darauf schauen, dass alles funktioniert. Im Trio gibt es viel mehr offene Möglichkeiten. Für mich ist es auf jeden Fall immer auch wichtig, die harmonischen Grenzen auszuloten, denn wenn man dann wirklich auf einmal einen Dreiklang spielt, dann weiß man auch warum. Harmonische Reduktionen funktionieren ja umso besser, wenn man vorher auch die Extreme auslotet. Das ist bei Brad Mehldau auch etwas ganz Besonderes. Der ist einfach harmonisch so gut bewandert, dass, wenn er wirklich ganz einfach spielt, er auch wirklich weiß warum. Und das klingt dann auch so. Das bewundere ich auf jeden Fall. Dasselbe gilt aber auch für, sagen wir Wayne Shorter. Der hat in seinem Leben einfach schon so viel gemacht, dass bei ihm auch die einfachsten Sachen extrem gut klingen. Eben deshalb, weil er über einen riesigen Background verfügt.

MG: Jason Moran, den du als einen deiner Vorbilder bezeichnest, ist ja auch dafür bekannt, dass er sich in den unterschiedlichsten Stilrichtungen zuhause fühlt…

PN: Jason Moran ist meiner Meinung nach einer der wirklich innovativsten Jazz-Musiker überhaupt. Er hat eben einfach ein Klavier-Trio mit einem extrem eigenständigen Sound und auch die dementsprechenden Musiker, die eben teilweise aus anderen Richtungen kommen. Er verkörpert für mich irgendwie auch das, dass man sich seine Musik eben von überall dort herholt, wo man eben selbst gerne hinhört. Er holt sich seine Einflüsse eben wirklich aus den verschiedensten Stilen, und das macht, meiner Meinung nach, eigentlich niemand so überzeugend wie er. Irgendwie ist das zwar immer sein Sound, den man da hört, aber gleichzeitig bleibt er dabei auch irrsinnig flexibel. Das bewundere ich sehr. Er ist eben einfach sehr universell gebildet und hat vor allem diese Schwarze Tradition einfach gefressen – auch durch seine Lehrer, er hat ja bei Andrew Hill und Jackie Byard Unterricht gehabt, die ja beide starke Verfechter der Schwarzen Musikkultur sind – und hat dadurch auch Ragtime und Stride-Piano wirklich studiert. Und das hört man auch. Aber das wirklich besondere an ihm ist, dass er sich wirklich frei bewegen kann, zwischen all diesen unterschiedlichen Sachen.

PN: Der Jazz und das Klavier-Trio ist für mich eben eine Schnittstelle, und von dem ausgehend kommt eben noch alles andere dazu, an dem ich sonst noch interessiert bin. Das ist zum Teil auch ganz andere Musik, aber da kanalisieren sich eben all diese unterschiedlichen Einflüsse. In dieser Schnittstelle kann ich das alles eben zu einem ganz persönlichen Sound zusammenführen.

MG: Gibt es deiner Meinung nach auch etwas, das als charakteristisch für den Sound der Salzburger Szene steht? Bands wie K3 zum Beispiel experimentieren recht stark mit elektronischen Elementen…

PN: Nein, nicht unbedingt. So wie es zum Beispiel auch in Tirol ein paar Persönlichkeiten gibt, die eben irgendwie herausragen, gibt es das in Salzburg auch. Der Bassist Stefan Konrad stellt zum Beispiel gerade eine Big Band auf die Beine, mit sechs Bläsern, zwei Gitarren, Keyboards, Bass, zwei Schlagzeugern. Der Sound ist aber geprägt von elektronischer Musik, also maßgeblich Drum n’ Bass und auch HipHop, die eben im Kontext einer Big Band umgesetzt wird. Natürlich immer mit den Möglichkeiten, die eben zur Verfügung stehen, unter anderem auch eine Effekt-Geige, die hab’ ich jetzt fast vergessen. Das ist zum Beispiel ein Projekt, das sich auch mit diesen Klangwelten auseinandersetzt. Ich würde das nicht wirklich als Trend sehen, aber es gibt schon einige Leute, die in diese Richtung arbeiten. Elektronische Avantgarde gibt es sicher in Wien mehr, aber im Groove-Bereich gibt es in Salzburg schon einige Leute, die auf diesen Sound hinarbeiten. Rund ums Jazzit ist sicher eine kleine Szene entstanden, aber dadurch, dass es eben nicht wirklich einen Jazz-Studiengang gibt, verlassen viele Leute aus Studiengründen die Stadt verlassen.

MG: Du selbst studierst an der Bruckneruniversität in Linz, lebst aber an sich in Wien. Es gibt aber nicht allzu viele Musiker, die das so handhaben, oder?

PN: Ja, aber ich würde sagen, es werden immer mehr. Ich selbst habe zwei Jahre in Linz gewohnt und dabei den Großteil des Studiums erledigt. Insofern war es ein logischer Schritt für mich, nach Wien zu ziehen, weil eben da einfach die Szene größer ist. Aber in Linz gibt es schon eine sehr gute Jazz-Abteilung. Es werden einfach wenig Grenzen gesetzt, hinsichtlich dessen, was man alles machen kann. Es gibt vom klassischen Jazz, bis zum Pop oder auch freieren Sachen gut ausgebildete Lehrer, die in ihrem Gebiet bewandert sind und dir was dazu erklären können. Dadurch kommen eben auch viele Studenten mit vielen verschiedenen Einstellungen zur Musik zusammen, und dadurch haben sich auch einige interessante Sachen ergeben, auch für mich persönlich. Außerdem findet ein Projekt, in dem ich mitwirke, noch größtenteils in Linz statt, insofern bin ich ohnehin noch oft genug dort.

MG: Was ist das für ein Projekt?

PN: Das ist eine Band mit dem Namen Lilith, und dazu gibt es eine kleine Vorgeschichte. Eine meiner ersten richtigen Bands war eine HipHop-Band mit dem Namen Soul Circus. Die Besetzung war Sängerin, ein MC, Bass, Schlagzeug und Keyboard. Das ganze hat im Großraum Salzburg stattgefunden und das waren alles Leute, die jetzt in Linz studieren oder studiert haben. Die Band hat sich irgendwann aufgelöst, der MC ist mittlerweile mehr als Produzent tätig. Wir sind aber bei der Sängerin geblieben, haben einen Gitarristen und zwei Backgroundsänger, gespielt werden hauptsächlich Stücke von der Sängerin, die sehr stark im Soul und im Gospel bewandert ist. Es passiert aber auch sehr viel in Richtung HipHop, der Schlagzeuger und ich geben immer wieder Impulse in Richtung Elektronik. Man kann ja nicht leugnen, dass wir alle auch irgendwie eine MTV-geschwängerte Generation sind, und es passieren im Moment ja auch viele extrem coole Sachen, gerade im HipHop oder in der Elektronik. Und es macht einfach auch Spaß, sich diese Sachen anzuhören, und in weiterer Folge auch in diese Richtung zu arbeiten. Für mich als Pianist ist ja auch der Schritt zum Keyboard relativ nahe liegend.

MG: Aber nicht nur aus rein logistischen Gründen?

PN: Ja, auch, aber irgendwie ist es mir auch schon wichtig, weil es einfach genauso schwierig, aus einem Synthesizer einen schönen Klang rauszuholen, wie aus einem Klavier. Das sind einfach zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen an die Musik. Durch die Auseinandersetzung mit dem Elektronischen habe ich zum Beispiel gemerkt, was das Klavier auch für klangliche Möglichkeiten hat. Dazu gehört etwa auch die Erfahrung, wie es im Gesamtkontext einer Band klingt, wenn man jetzt das Klavier einmal nur in den zwei oberen Oktaven spielt. Das hat dann nämlich irgendwie eine ähnliche Funktion, wie wenn man einen ganz hohen Synthesizer verwendet. Das finde ich schon sehr spannend, dieses Wechseln der Instrumente.

MG: Was sind deine Pläne für die nächste Zukunft?

PN: Was ich grundsätzlich schon machen möchte, ist eine Zeit lang nach New York zu gehen, weil das einfach eine attraktive Stadt ist, für jemanden, der sich mit Jazz beschäftigt. Ansonsten lasse ich die Dinge erstmal auf mich zukommen, es entwickelt sich eigentlich auch ganz gut im Moment.

Das Interview führte Martin Gansinger.

Foto 1 Phillip Nykrin: Helmut Lackner

Philipp Nykrin