mica-Interview mit Mnozil Brass

Seit nun schon 20 Jahren begeistert die Blechbläserkapelle Mnozil Brass viele, viele Musikliebhaber in Österreich und auch im Ausland. Wilfried Brandstötter im Interview mit Michael Ternai.

Ihr habt jetzt über 20 Jahre sehr erfolgreich hinter euch gebracht. Habt ihr euch zu Beginn eigentlich vorstellen können, dass ihr mit eurer Musik einmal fast die ganze Welt bereisen würdet?

Wilfried Brandstötter: Nein, natürlich nicht. Was auf den einfachen Grund zurückzuführen ist, dass keiner von uns zu Beginn wirklich im Sinn hatte, die Band professionell zu betreiben. Wir haben die Sessions im Gasthaus Mnozil, wo quasi alles den Anfang nahm,  ja zunächst eher zur eigenen Freude gespielt. Irgendwann sind dann Anfragen rein geflattert, ob wir nicht vielleicht auf Hochzeiten, Begräbnissen usw. spielen könnten. Wir sind sogar ein paar Mal auf Biobauernmärkten aufgetreten. Die ganze Sache hat sich also eher  langsam begonnen zu entwickeln. Vor etwa  zehn oder zwölf Jahren haben wir uns, nachdem uns langsam bewusst geworden ist,  dass sich für unsere Band eine sehr gute Perspektive eröffnen könnte, dazu entschlossen, den nächsten Schritt zu tätigen und uns zu professionalisieren.

Und bezüglich der musikalischen Richtung, habt ihr zumindest in diesem Punkt schon eine  schon gewisse Vorstellung gehabt. Oder hat sich auch diese einfach ergeben?

Wilfried Brandstötter: Ich würde sagen, dass sich unser Stil über die Jahre in eine Richtung entwickelt hat. Wir haben im Laufe der Zeit gemerkt, was beim Publikum gut ankommt und haben versucht dem auch musikalisch zu entsprechen. Aus diesem Grund haben wir in unsere Programme ja auch immer schon Gesang eingebaut. Man wächst, glaube ich, immer auch mit den Aufgaben. Man erkennt nach und nach, was gut funktioniert und was weniger, was einem liegt und woran man selbst Freude findet, ja, und das alles versucht man dann eben bestmöglich umzusetzen.

Mit der Zeit seid ihr ja auch über das rein Musikalische hinausgegangen und habt vermehrt auch kabarettistische und Theater-Elemente in eure Performances eingebaut….

Wilfried Brandstötter: ..ja, aber auch das hat sich eigentlich ganz natürlich entwickelt. Wir haben schon bei unseren Konzerten der Anfangstage gemerkt, dass man das Publikum unterhalten muss. Wir haben auch nie eine Scheu davor gehabt, Schmäh zu führen, mit den Leuten zu reden und in eine kabarettistische und theatralische Richtung zu gehen. Wenn man sich anschaut, wie Blechkonzerte vor etwa 20 Jahren teilweise abgelaufen sind, kann man, wenn man ehrlich ist, schon sagen, dass manche von diesen recht fad waren. Und auch der Blechbläserklang, der ja wunderbar ist, nützt sich, wenn man ihn über zwei, drei Stunden hört, ein wenig ab. Und genau das wollten wir vermeiden. Uns war daher früh klar, dass wir, wenn wir ein breiteres Publikum ansprechen wollten, auch andere Elemente in unser Programm einfließen lassen müssen.

Was wir sehen, ist, dass es einen großen Hunger, oder besser gesagt die Bereitschaft beim Publikum gibt, sich unterhalten zu lassen. Im positiven Sinn natürlich. Ich glaube, dass manche Musiker vielleicht den Fehler begehen, ein wenig elitär zu denken, nach dem Prinzip „wenn keine Leute in mein Konzert kommen, ist es nicht meine Schuld, sondern die des Publikums, weil es mich nicht versteht“. Das haben wir nie so gesehen, weil unserer Meinung nach auch die Unterhaltung eine hohe Kunst darstellt.

Zu unterhalten ist ja nicht so leicht. Es ist oftmals einfacher, sich mit einem Notenständer hinzustellen und etwas, das schon vorgefertigt ist, wiederzugeben. Wir dagegen versuchen, fast jedes Jahr eine neue Show zu kreieren, was für uns nichts anderes bedeutet, als die Musik ein jedes Mal ganz neu zu arrangieren oder überhaupt neu zu komponieren. Wir fangen  dramaturgisch und musikalisch quasi immer wieder bei Null an.

Wie sieht es musikalisch aus? Ist die stilistische Offenheit vielleicht der Punkt, in dem ihr euch trefft?

Wilfried Brandstötter: Auf jeden Fall. Wir haben erstens überhaupt keine Lust, uns stilistisch irgendwie einzugrenzen und zu sagen, wir spielen jetzt nur Klassik, Jazz oder Volksmusik. Wir spielen im Prinzip bei unseren Shows immer genau das, wozu wir gerade Lust haben. Natürlich hat sich dieser Ansatz auch erst über die Jahre entwickeln müssen. Unser Repertoire ist im Gesamten über die Zeit stetig breiter geworden, sodass wir jetzt aus dem Vollen schöpfen und von Programm zu Programm jeweils immer andere Akzente setzen können. Vielleicht geht es im nächsten Programm in Richtung Amerika oder französische Musik, wer weiß. Es kommt darauf an, worauf wir uns als Band verständigen und welche Stücke die Komponisten daherbringen.

Es wird ja alles selbst komponiert und arrangiert in der Band, wobei fast alles von Leonard Paul und Thomas Gansch geschrieben wird.  Vom Gerhard Füssl kommen auch immer wieder Sachen. Wir schauen dann bei den Proben, was an Material da ist und wie wir dieses bestmöglich verarbeiten können.

Kommt es bei euch eigentlich, ihr seid ja sieben Musikern, hin und wieder auch manchmal zu Diskussionen, was und wie man etwas macht?  Oder läuft alles immer reibungslos ab?

Wilfried Brandstötter: Also, wenn die Stücke schon wirklich durchkomponiert sind, findet relativ wenig Diskussion statt. Überlicherweise läuft es so ab, dass derjenige, der das Stück geschrieben hat, es mit in die Probe nimmt und es den anderen vorlegt. Und dann wird es ausprobiert. Natürlich kann es auch vorkommen, dass dann manche Stücke nicht angenommen werden, weil sie keine Mehrheit finden oder einfach nicht mehr wirklich in die Dramaturgie des Gesamtprogramms passen. Das ist für die Komponisten dann schon sehr hart. Es stecken hinter jeder Komposition viele Stunden Arbeit, die dann quasi für den Mistkübel waren, falls das Stück nicht noch woanders Verwendung findet. Aber so ist es.

Du hast vorher erwähnt, dass ihr vor allem unterhalten wollt und die Programme und die Musik schon auch bewusst zum Gefallen des Publikums gestaltet. Inwieweit bietet euch dieser Ansatz dennoch Raum, einmal von der Schiene abzugehen und vielleicht auch etwas Experimentelleres zu versuchen?

Wilfried Brandstötter: Wir haben Gott sei Dank ein sehr homogenes und durchmischtes Publikum. Es kommen zu unseren Konzerten Leute aller Altersklassen und gleichermaßen Männer wie auch Frauen. Ich glaube, dass es zwischen unserer Band und dem Publikum eine Art Wechselwirklung  gibt. Wir wissen durch die vielen Shows, die wir gespielt haben, mittlerweile ja, was gut ankommt. Auf der anderen Seite verwirklichen wir aber auch immer wieder Projekte, wie zum Beispiel das Wagner-Projekt für die Stadt Bayreuth im letzten Jahr, von denen wir wissen, dass wir die Latte für die klassischen Mnozil–Fans doch hoch anlegen. Aber irgendwie gehen die Leute auch da mit uns mit und lassen sich auch auf dieses etwas Schwierigere ein. Das haben wir schon mehrmals durchgespielt. Zum Beispiel bei der Oper, die wir für die Salzburger Festspiele gemacht haben. Diese war jetzt sicher keine klassische Mnozil Brass Show, aber dennoch wurde sie vom Publikum sehr gut angenommen.

Wenn du nochmal kurz an eure Anfangstage denkst, war für die Musik, die ihr gespielt habt, eigentlich schon das Publikum für diese da? Oder war es dann doch ein wenig ein Wagnis, genau diesen Sound weiterzuverfolgen?

Wilfried Brandstötter: Als wir vor 20 Jahren begonnen haben, gab es für das, was wir gemacht haben, keinen Markt. Es gab ein paar Blechbläser-Quintette und mehr brauchte man in diesem Bereich eigentlich auch nicht. Wir sind mit unserem musikalischen Ansatz dann aus einer ganz anderen Richtung gekommen. Ich denke aber schon, dass damals bereits irgendetwas in der Luft gelegen ist. Es gab ja Gruppen wie Broadlahn, Landstreich, den Hubert von Goisern und die Alpinkatzen, die im gewissen Sinne begonnen haben, den Boden zu bereiten, und auch ihr Publikum gefunden haben.

Mittlerweile hat sich dieser Stil sehr stark ausgebreitet. Es gibt inzwischen ja schon sehr viele Gruppen, die unseren Sound nachspielen. Dann war irgendwann auch diese ganze Blasmusik-Balkan-Pop Welle sehr erfolgreich. Man denke nur zum Beispiel an die deutsche Formation LaBrassBanda. Schön an der ganzen  Entwicklung ist, dass dieser Sound offenbar mittlerweile auch bei den jungen Leuten sehr gut ankommt.  Zusammenfassend würde ich sagen, dass Blasmusik heute ein viel, viel besseres Image hat, als es vor 20, 25, 30 Jahren der Fall war.

Ist der Grund für die gestiegene Akzeptanz vielleicht auch, dass es vielen jungen Blasmusikkapellen gelungen ist, sich  aus dieser „Musikantenstadl-Ecke“ heraus zubewegen?

Wilfried Brandstötter: Ich glaube, das hat schon auch damit zu tun. Man muss auch sehen, dass von denen, die heute in diesem Bereich tätig sind, die Meisten Musik studiert haben. Das bringt natürlich eine ganz andere Beherrschung des Instrumentes mit sich. Wir von Mnozil Brass und auch viele MusikerInnen in ähnlichen Formationen haben eine solide klassische oder Jazzausbildung genossen. Man hat gelernt mit dem Instrument sowohl im technischen, wie auch im musikalischen Sinne umzugehen, ein Umstand, der letztlich, so vermute ich doch stark, mit zu einer Öffnung des gesamten Genres beigetragen hat.

Ich nehme an, dass Mnozil Brass für alle von euch die Hauptband darstellt. Inwieweit bleibt, bei einem so dichten Tourkalender, eigentlich noch Zeit für andere Projekte?

Wilfried Brandstötter: Man muss sich die Zeit dafür schon nehmen, das ist klar. Mnozil Brass ist für jeden von uns, wie du schon gesagt hast, das Hauptprojekt. Es ist aber nicht so, dass sich dadurch anderes ausschließt. Thomas Gansch etwa ist, wenn es die Zeit eben zulässt, mit Georg Breinschmid und Gansch and Roses unterwegs, und einige in der Band unterrichten neben Mnozil Brass inzwischen auch wieder an der Uni. Was wir uns aber für die Zukunft vorgenommen haben, ist, konzertmäßig ein wenig zu reduzieren. Wir haben in den letzten zehn Jahren um die 120, 130 Konzerte pro Jahr gespielt. Heuer sind es erstmals unter 100 Konzerte.

Diesen Schritt setzen wir ganz bewusst, weil wir vorhaben, Mnozil Brass noch länger zu betreiben. Wenn man sich, so wie es bei uns wirklich der Fall ist, permanent auf Welt-Tournee befindet – 2013 waren wir unter anderem zweimal in den USA, einmal in Kanada und zum Abschluss des Jahres dann noch für zwei Tage in Australien -, kommt man irgendwann aus dem Flieger nicht mehr raus. Da muss man mit den Kräften haushalten, sonst geht sich das Ganze irgendwann nicht mehr aus.

Weil du gerade die USA, Kanada und Australien erwähnt hast, inwieweit seht ihr euch als Musikbotschafter Österreichs?

Wilfried Brandstötter: Schwer zu sagen. Wir sehen uns als Band mittlerweile schon sehr im internationalen Kontext. Sicher, es ist schon so, dass wir in unserer Musik auch bestimmte österreichische Elemente durchklingen lassen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob Mnozil Brass international wirklich als spezifisch österreichische Band wahrgenommen wird.

Was wir bei unseren Konzerten, besonders hier in Europa, sehen, ist, dass die kulturellen Ähnlichkeiten in Wirklichkeit sehr groß sind. Man merkt einfach, dass wir alle aus einem Kulturraum kommen. Es mag schon lokal verschiedene Traditionen geben, vom Denken her sind die Menschen sich aber sehr ähnlich. Daher würde ich jetzt nicht sagen, dass wir eine super österreichspezifische Band sind.

Was uns geholfen hat, war, dass wir alle aus der Blasmusik kommen und die Meisten in Wien studiert und in Orchestern gespielt haben, und wir uns so viel Erfahrung  in vielen Bereichen der österreichischen Musik aneignen konnten. Ebenso haben wir sehr viel vom österreichischen Musikschulsystem, das im internationalen Vergleich wirklich sehr gut aufgestellt ist, profitiert. Es gibt wohl nur wenige Länder, in denen man am Instrument so gut ausgebildet wird, wie es hier Fall ist. Vielleicht sind diese Punkte mehr das österreichische in unserer Musik.

Das Besondere an eurem Erfolg ist ja auch, dass dieser sich quasi ohne jegliche mediale Unterstützung eingestellt hat. Wie habt ihr das bewerkstelligt. Wie sieht euer Geheimnis aus?

Wilfried Brandstötter: Wir haben über das auch schon nachgedacht. Ich glaube, der entscheidende Grund war, dass wir einfach immer weitergemacht haben. Wir haben in den letzten 20 Jahren wirklich sehr, sehr viel gearbeitet und sind ganz konsequent unseren Weg gegangen. Uns hat es nie wirklich gekümmert, wie wir irgendwie ins Fernsehen oder ins Radio kommen. Das war uns immer egal. Wir haben uns unser Publikum erspielt und sprichwörtlich den Staub der Straße geschluckt. Wir haben vor 15 Jahren in Deutschland Konzerte vor nur 25 Leuten gespielt. Und jetzt sind es eben 1.500. Auch haben wir lange Zeit nichts verdient mit der Band, sondern eher draufgezahlt. Aber es war trotzdem immer der ungebrochene Wille da, das Ding durchzuziehen.

Jetzt ist Mnozil Brass international wirklich bekannt, und es reicht manchmal schon, ein Konzert einfach über Facebook anzukündigen, um es binnen kürzester Zeit, ohne irgendwelche Plakate auf den Straßen aufzuhängen, voll zu bekommen.

Zusammenfassend kann man vielleicht sagen, dass unser Erfolg viel damit zu tun hat, dass es uns schon so lange auf dem Markt gibt, und dass wir immer ein gutes Produkt abgeliefert haben. Ich glaube, das war es eigentlich. Es war unser Hunger, jedem zu zeigen, was wir drauf haben, der uns dorthin geführt hat, wo wir jetzt stehen.

 

Foto1, 2: Mnozil Brass/T. Bozi

 

http://www.mnozilbrass.at