mica-Interview mit mel

Die Salzburger Musikerin mel erweist ich auf ihrer zweiten CD “King Street” (FreeFall records/Hoanzl) als äußerst versierte Songwriterin, die locker zwischen allen Stühlen jongliert. Das in England aufgenommene Album lässt sich daher auch nur schwer in nur eine Kategorie pferchen. Folk-Pop? Neo-Folk? Anti-Folk? Für mel scheinbar weniger wichtig, als die Songs an sich. Und übertreffen diesmal sogar die mit dem Debüt “Escape The Cold” geweckten Erwartungen. Für mica – music austria unterhielt sich Didi Neidhart mit mel.

Deine, nach der in Eigenregie veröffentlichten 5-Track-EP “Changing”, veröffentlichte Debüt-CD “Escape The Cold” aus 2010 wurde in der Presse u.a. als “reifes Albumdebüt” (Der Standard) hochgelobt. Wie geht man dann nach einem “reifen Debüt” das Nachfolgealbum an?
Ziemlich entspannt und motiviert. Ich bin eher der Typ, der Vergangenes „abhakt“, nach vorne denkt und einfach weiter macht. Ich hab die Songs für „King Street“ geschrieben wie bisher. Neu war allerdings, dass ich einige Songs mit dem Klavier geschrieben habe. Das Klavier hat mir einen ganz neuen Zugang zum Songschreiben verschafft, der mich wirklich positiv überrascht hat.

Was hat sich seit “Escape The Cold” alles getan in Sachen mel? Wie haben sich die euphorischen Kritiken und das generelle Lob ausgewirkt?
Natürlich pusht es einen und bereitet tolle Glücksgefühle. Letztenendes ist es das Schönste, wenn es Menschen gibt, die deine Musik hören möchten und du positive Energie zurückbekommst. Das Lob und die Aufmerksamkeit erleichterten es mir, nahtlos anzuknüpfen und weiterzumachen.

Wie siehst du deinen “Status” innerhalb der österreichischen Szene? Gibt es so was überhaupt, willst du das überhaupt – einen “Status”?
Ich glaube schon, dass ein gewisser Status einen ehrt – ich empfinde es aber mittlerweile als schwierig, dorthin zu gelangen, weil Musikmachen einen schnelllebigen Touch bekommen hat. Ich glaube, der beste Weg ist, dabei zu bleiben und Beständigkeit zu beweisen. Ich denke und hoffe, somit kann man sich einen „kleinen“ Status erarbeiten.

“Escape The Cold” ist in einer alten, zu einem Homestudio umgebauten Mühle in Salzburg aufgenommen worden, “King Street” wurden nun im Sommer 2011 im englischen Canterbury in einer alten, an der titelgebenden King Street gelegenen Synagoge aufgenommen worden. Wie kam es dazu?
Ursprünglich war geplant, das Album wieder in der Mühle aufzunehmen. Es gab zwei Schlüsselerlebnisse, warum es dann ganz anders gekommen ist. Wir lernten Ian Button, der das Album aufgenommen hat, im Jahr 2010 beim Popfest in Wien kennen. Wir wurden von Robert Rotifer eingeladen, bei seinem Konzert am Karlsplatz, als Special Guest aufzutreten. Er und seine Band begleitete uns dann spontan bei einem Song – das war übrigens meine erste Banderfahrung. Und Ian saß dabei am Schlagzeug. Und nach einem FM4-Interview im Mai 2011 kamen wir mit John Megill ins Gespräch und er legte uns ans Herz, wir sollen doch mal probieren, mit einer außenstehenden Person zusammenzuarbeiten, weil uns das einen ganz anderen Input verschaffen würde, der sich meistens positiv auswirkt.

Mit Ian Button (Death In Vegas, The Trashing Doves) finden wir als Drummer, Gitarristen (“In My Dreams” und “Leave It All Behind”) und vor allem Producer eine der Gallionsfiguren der britischen Antifolk-Szene auf “King Street”. Wie ist dieses, quasi Dreamteam zustande gekommen? War dieser Sprung nach England und in diese Liga deine Idee?
Wir dachten sofort an Ian Button, der am Canterbury College Recording-Vorlesungen hält und nebenbei sehr viele Bands in und um London aufnimmt.
Diese Entscheidung war nach den oben erwähnten Denkanstößen ein bewusster Schritt, etwas anderes zu machen als mit „Escape The Cold“.
Stootsie hat mich wie immer bestärkt und motiviert. Ian Button und Robert Rotifer fanden die Idee von Anfang an gut und wir wurden mit offenen Armen empfangen.

Gab es da auch soundtechnische Überlegungen. Eine alte Synagoge muss ja auch einen enormen und tollen Eigenhall haben.

Ian kannte die Räumlichkeiten, weil die Synagoge dem Canterbury College gehört und man sie mieten kann. Er hat diese Location für uns ausgewählt, weil er wusste, dass dies genau zu meiner Musik passt. Und er ist ein fantastischer Tonmeister. Sein Können gepaart mit der Raumakustik der Location war eine gute Entscheidung.

Wie auf allen deinen Veröffentlichungen ist auch diesmal wieder Stootsie an unzähligen Instrumenten (Bass, Electric Guitar, Piano, Organ, Harmonium) zu hören. Wie hat sich da die Interaktion und das Zusammenspiel zwischen den beiden CDs verändert?
Das Gute und Entspannte war, weit weg von Salzburg zu sein. Er ist mit seinem Gitarrenshop und unzähligen Bands, in denen er mitwirkt, sehr eingespannt. Wenn wir das Album bei uns in der Mühle aufgenommen hätten, wäre es Stück für Stück passiert. So arbeiteten wir drei Tage konzentriert und es ging mit einer Leichtigkeit, die mich heute noch ganz verwirrt. Er ist ein großartiger Musiker, vor allem kann er schnell und ohne großes Grübeln einem Song mit stimmigen Instrumentalelementen „ein Gesicht“ geben. Gemeinsam mit Ian, dem seine Drum-Parts ziemlich spontan und locker von der Hand gingen, wurde ich von zwei Könnern unterstützt. Beide wissen ganz genau, was ein Song braucht und was mir bei meinen Songs wichtig ist. Das Zusammenspiel war eine harmonische Symbiose, ich glaube, das kann jeder auf dem Album hören!

Zusätzlich gibt es mit Robert Rotifer (E-Gitarre bei “Leave It All Behind”) und dem Hornbläser Robert Halcrow (bei den Tracks “Everywhere” und “Slowly Sinking”) noch weitere Gäste. Wie sind die dazu gekommen?
Ian wollte das Album mit Elementen füllen, die bei „Escape The Cold“ nicht zu hören waren. Er kam auf die Idee, Bläser miteinzubauen und bat seinen Freund Robert Halcrow, das Waldhorn einzuspielen. Das war ein wirklicher Glücksgriff, denn so bekamen die zwei Songs ein schönes Bacharach-Element.
Roberts Gitarrenpart entstand, als wir vier uns die Songs nach den drei Tagen Recording in seinem Zuhause in Canterbury anhörten. Er war der Erste, der die Aufnahmen zu hören bekam und er unterstützte uns dann bei der Verfeinerung und Finalisierung. Robert kann ziemlich reflektiert Dinge beim Namen nennen und das auf eine unglaublich produktive Art und Weise – das war ein wahres Geschenk! Und das Großartige an ihm ist, er hat absolut keine Berührungsängste. Er spielte diese eine Gitarre, die „Leave It All Behind“ unbedingt noch brauchte, danach noch ein.

Wie würdest du selber die Unterschiede zwischen “Escape The Cold” und “King Street” bezeichnen?
„Escape The Cold“ ist das intime Folk-Album. Durch die spärliche Instrumentierung birgt es eine gewisse Verletzlichkeit in sich. “King Street” ist schwerer zu kategorisieren, da ich mehr mit verschiedenen Stilen experimentiert habe. auch das Songwriting ist vielfältiger. Es sind wesentlich mehr Instrumente zum Einsatz gekommen. Ich würde sagen, es ist das breitere, popigere Album.

Woher kommt dieses gebrochene, suburbane Westcoastfeeling? Es scheint ja fast so, als ob Folk-Pop für dich zwar immer noch ein Wunschort ist, den damit verbundenen Versprechungen aber nicht mehr geglaubt wird, bzw. geglaubt werden kann. Liegt darin der melancholic touch einiger deiner Songs verborgen?
Wenn ich schreibe, mache ich mir keine Gedanken darüber, in welche Richtung die Musik gehen soll. Ich würde sagen, der melancholic touch erklärt einfach manchmal meine Sicht auf die Themen, die ich behandle. Wobei das Wort melancholisch für mich immer einen leicht bitteren Beigeschmack hat. Ich glaube, die Hörer kommen oftmals in Versuchung, weibliche Musikerinnen eher als melancholisch zu bezeichnen, weil wir verletzlicher wirken.

Folk ist bei dir immer eine ambivalente Angelegenheit. Bei “After You Comes Another” liegt die Liebe schon mächtig in Scherben, “In My Dreams” finden wir uns auf einer einsamen Landstrasse wieder, “What’s Left Behind Our Blue Eyes” erinnert an triste Vorstadt/Trailercamp-Liebesmühen, “So Easy” will so gar nicht leichtfüssig in den Tage gehen und bei “A Lost One” wird Folk auch als das Gegenteil einer Wohlfühloase, einer beschaulichen Nische beschrieben. Wie entstehen solche Songs und wie kommst du zu diesen Themen? Ist das alles autobiographisch oder geht es eher um gewisse Themen, die es ja in der Musik auf die du dich beziehst schon ewig gibt und die bei dir dann ein Update erfahren?
Das Lustige ist, in einigen dieser Lieder geht es überhaupt nicht um Liebe, aber ich möchte dem Hörer Raum geben, um interpretieren zu können. Deshalb sag ich auch selten, worum es in meinen Songs geht. Ich glaube, wenn man Songs schreibt, ist man jederzeit empfänglich für alles. Man hat die Augen und Ohren immer offen und alles Prägnante, sei es der tägliche, mediale Wahnsinn, die Quintessenz eines Buches oder Filmes, Musik, ein Glücksmoment beim Fahrradfahren, Liebe oder Trauer. Alles kann miteinfließen.

Dein Producer Ian Button gehört ja zur aktuellen britischen Anti-Folk-Szene. Was verbindet dich mit dieser Art der Folk-Rezeption im Gegensatz zu dem, was unter “Neo-Folk” fungiert?
Ich empfinde es so, als ob all diese Kategorisierungen mittlerweile ziemlich verschwommen sind. Ich hab Probleme, gewisse Künstler in die Antifolk-Schublade zu stecken. Ich würde sagen, mich verbindet bei Antifolk als auch bei Neo-Folk der ursprüngliche Gedanke, nämlich der nicht-kommerzielle, ehrliche, Indipendent-Gedanke.

Andererseits hat “King Street” einen enormen Pop-Appeal, der beim ersten Reinhören auch etwas überrascht. Trotz ihrer eher reduzierten Instrumentierung entwickeln Songs wie “Lovers Succeed” oder “Slowly Sinking” eine regelrecht episch zu nennende Breite, oder schrecken wie bei “No Agonies” auch vor grossen pathetischen Pop-Geste nicht zurück. Waren das bewusste Schritte aus dem Korsett “Folk” heraus, oder hat sich das eh quasi von selber in diese Richtung entwickelt?
Das Songschreiben an sich ist immer noch etwas sehr Intuitives für mich, deshalb würde ich nicht behaupten, es seien bewusste Schritte gewesen. Aber ich hab erst 2007/08 mit dem Schreiben eigener Songs begonnen und es war sehr schnell große Aufmerksamkeit da. Ich war aber definitiv noch ein unbeschriebenes Blatt.  Ab der Zeit  habe ich mich natürlich noch viel mehr mit Musik beschäftigt und somit, so hoffe ich, auch weiterentwickelt. Ich glaube, das kann man bei den Songs auf „King Street“ hören.

Songs wie “Everywhere” und “Leave It All Behind” klingen wie scheinbar locker aus dem Handgelenk geschüttelte Popperlen. Wie leicht bzw. schwer ist für dich die “schwere Kunst scheinbar leichtfüssige aber dennoch fein ziselierte Songs zu schreiben”, wie es im Promotext zur CD heisst?
Ich selbst würde Songschreiben niemals als schwer bezeichnen, weil mich die Beschäftigung an sich zutiefst erfüllt. Was dabei herauskommt ist manchmal gut, oft auch schlecht – was wiederum ja auch Ansichtssache ist. Ich hake resolut ab, wenn was nicht so gut läuft und mach so gut es geht weiter.

Deine Heroen (Neil Young, Joni Mitchell, Nick Drake, Carole King) geistern auch diesmal wieder in mannigfaltigen Verkleidungen durch deine Songs, jedoch eher als Phantome, d.h., sie sind nicht wirklich greifbar, blitzen hier und da mal auf, aber fungieren eher als Ideengeber, denn als direkte Referenzen. Liegt dir so ein Zugang, der ja auch weit über die reine Musik hinausgeht, mehr?
Ja doch. Es geht mir im Prinzip beim Songschreiben schlichtweg um das Kreativsein und das Schaffen von etwas Neuem. Und dabei fließen meistens unbewusst Stile mitein, die man als Musikhörer und Fan gut findet. Die Affinität zu diversen Musikstilen und meinen musikalischen Wurzeln hört man auf „King Street“ definitv heraus. Ich denke jedoch, kein Künstler der Welt setzt sich hin und sagt, ich will genau das machen, was mein großes Vorbild bereits vor 40 Jahren gemacht hat. Ich glaub, das könnte nur in die Hose gehen!

Wie wird es jetzt weitergehen? Ist eine Tour geplant?
Ich freue mich jetzt schon auf die Live Konzerte im April und Mai. Es gibt auch schon einige Festivalanfragen für den Sommer. Ich möchte in diesem Jahr so viel live spielen wie nur möglich, bestenfalls auch in Deutschland und der Schweiz. Nach dem ersten Single-Vorboten „ Lovers Succeed“ steht nun noch eine zweite Singleauskopplung von „King Street“ an. Hierzu werden wir ein Video drehen. Und Stootsie überlegt in der Zwischenzeit schon, wo wir als nächstes aufnehmen könnten – das heißt, ich muss mich beeilen mit dem Schreiben neuer Songs!

Danke für das Interview.

Live Dates:
16.04.2012: Chelsea, Wien
19.04.2012: Rockhouse, Salzburg
21.04.2012: TUK, Haslach an der Mühl / OÖ
09.05.2012: Orpheum, Graz
18.05.2012: Posthof, Linz

http://www.myspace.com/melligibson