mica-Interview mit Max Nagl

Der auch außerhalb der heimischen Grenzen sehr bekannte und hochgeschätzte Musiker Max Nagl erklärt im mica-Interview, warum er weder “vernetzt”, noch “etabliert” ist und warum es ihm trotzdem nicht schlecht geht, und in welchen Bands er gerne mitgespielt hätte. Das Interview führte Klaus Nüchtern. “Ich seh mich nicht als Jazzer”

mica: Du machst jetzt über 20 Jahre lang Musik – Du bist doch, wie man so sagt, “etabliert”.

Max Nagl: Nein.

Aber für jeden, der sich mit österreichischer Jazzmusik auch nur ein bisschen auseinandersetzt, ist Max Nagl eine Fixgröße. Das bedeutet aber offensichtlich – rein finanziell betrachtet – nichts?

Nein. Ich mach mir fast jedes Jahr im Jänner immer noch Sorgen.

Wie kommen dann all die Musiker durch? Mit Uni-Jobs?

An der Hochschule ist die Gage schon eine andere. Da hat man mehr Freiraum.

Würdest du das anstreben?

Ich weiß nicht. Bei den Saxofonisten ist das Spektrum ohnehin abgedeckt, und ich habe auch keine solche Ausbildung, dass ich den Schüler so viel beibringen könnte wie Wolfgang Puschnig oder  Klaus Dickbauer. Keine Ahnung, ob ich ein guter Akademiker wäre.

Muss jemand wie du ständig neue Projekte erfinden und draufdrücken oder kann man auch darauf warten, dass jemand was will?

Sicher nicht. Bei mir wäre nie etwas passiert. Mich hat auch lange Zeit niemand gefragt, ob ich was machen will. Das hat sich erst in den letzten sieben, acht Jahren geändert.

Was wären die ideale Arbeitssituation? Was gewährleistet sein, damit es passt?

Wenn all das hinhaut, was derzeit gerade in Planung ist, dann ist es eh super. Ich konzentriere mich gerne nur aufs Schreiben, aber ich spiele auch gern. Das brauche ich dann schon, sonst würde ich grantig werden.

Es ist eigentlich bekannt, dass du Oberösterreicher bist – und schlägt sich das in der Auftragslage wider? Bist du sozusagen fürs Regionale zuständig?

Nein, war ich auch nie. Ich bin zum Beispiel nur einmal zu den Gmundener Festspielen eingeladen worden, um Hannah Schygulla bei einer Lesung zu begleiten. Und vor Jahren habe ich einmal etwas für das Festival der Regionen eingereicht, was dann genommen wurde. Ich habe noch nie in Linz gespielt – außer zu einer Eröffnung einer Ausstellung, die mein Schwager kuratiert hat -, und in Ulrichsberg werde ich heuer im November, hoffentlich, meinen ersten Auftritt haben – mit Big Four. Da habe ich offenbar nie hineingepasst.

Ich dachte, es würde dir eine gewisse Wertschätzung als “großer Sohn der Region” entgegen gebracht werden.

Überhaupt nicht.

Und was spielt deine Herkunft in der musikalischen Sozialisation für eine Rolle? Mir ist aufgefallen, dass es gerade in der jungen Wiener Jazzszene kaum Wiener gibt.

Stimmt. Als ich nach Wien kam, gab’s mehr Musiker die aus Wien stammten.

Könnte es sein, dass in Wien die Blaskapellen fehlen?

Möglich – in Wien gibt es Gitarristen, Pianisten und Schlagzeuger.

Was ja eine Erklärung wäre.

Sicher. Außerdem sind die Musikschulen etwa in Oberösterreicher anders organisiert. Sie haben mehr Geld oder geben mehr Geld für den Unterricht und Räume etc….. aus. Die meisten Trompeter und Posaunisten kommen aus Oberösterreich oder Tirol.

Du unterrichtest selbst einen Nachmittag an einer Musikschule in Gumpoldskirchen. Wie wichtig ist das im Hinblick auf die Existenzsicherung?

Es ist schon wichtig. Manchmal ginge es auch ohne, aber dann gibt es wieder Zeiten, wo ich das Geld einfach brauche.

Fluktuiert die Auftragslage denn so stark?

Ja. So um den Jahrtausendwechsel musste ich nicht so sehr aufs Geld schauen. Da haben wir allerdings auch noch keine Kinder gehabt. Es war nicht besonders viel, aber es war okay. Wir haben alles zahlen können. Ich kenne aber auch Zeiten, in denen’s happig wird.

Wie weit musst du den vorausplanen?

Nicht weit. Ich weiß halt, wie viel ich im letzten Jahr verdient habe und ich weiß vom Steuerberater, wie viel ich im Oktober zahlen muss – das muss ich beinand haben, sonst krieg ich ein Problem. Und man weiß eben nie, wie viel man im nächsten Jahr verdient. Ich mache, Gott sei dank, zurzeit viel in Frankreich, so dass es sich in Summe ausgeht. Das Programm der Compagnie Jérôme Thomas, für das ich die Musik geschrieben habe, war im Dezember 2006 in Paris in einem großen Zirkus ein Monat lang ausverkauft und wurde mittlerweile schon 80 Mal gespielt. Von den Konzertgagen allein könnte ich nicht leben. Das Problem ist die Steuervorauszahlung: Wenn man ein Jahr viel verdient und das nächste weniger, ist man sehr schnell in finanziellen Schwierigkeiten. Und so geht’s dahin.

 

 

Du bist  international ganz gut vernetzt?

Finde ich eigentlich nicht. Über hat ART (Schweizer Label, Red.) gibt es meine CDs und ich spiele Konzerte im Ausland. Aber vernetzt? Man kann die Leute aus dem Ausland, mit denen ich zur Zeit regelmäßig spiele an einer Hand abzählen: Steve Bernstein, Bradley Jones, Noel Akchoté, der aber eh in Wien wohnt . Das war’s eigentlich schon.

Findest du, dass es einen Unterschied gibt zwischen Europa und Übersee? Mir scheint, dass es wir Europäer alles als selbstverständlich nehmen und ein bisschen saturiert sind, während in den USA noch etwas mehr Neugier, Wohlwollen und Begeisterung herrscht.

Das hat aber weniger mit Musik und den Musikern zu tun, sondern generell mit der Art, in der die Leute in Amerika miteinander umgehen. Ich war ein Jahr in New York und über 20 Jahre immer wieder in den USA, und mir ist ganz früh aufgefallen, dass es in Wien immer geheißen hat: “Des is oasch. Des kannst ned moch’n, Oida!” Das ist mir total auf die Nerven gegangen. Dagegen war die erste Reaktion auf eine neue Idee  in den USA immer: “Yeah, great!” Und man macht es einfach. Wenn es dann trotzdem “oasch ” war, war es halt so. Ich habe mich vor allem in der New-Yorker Theater- und Performance-Szene bewegt, und auch dort waren immer alle ganz begeistert darüber, dass etwas entsteht. Das ist ein Grund dafür, dass dort auch mehr passiert. Es ist, wenn man das erste Mal in New York ist, sehr beeindruckend, dass man ständig irgendwelche bekannten Leute sieht. Im Kino sieht man die Schauspieler, dann schüttelt man vielleicht Ornette Coleman irgendwo die Hand, sie sagen alle “nice to meet you”. Das ist völlig normal.

Welche Rolle spielen Festivals?

In Österreich für mich keine – außer Saalfelden. Für Nickelsdorf bin ich zu wenig greifbar. Dort habe ich Mitte der 90er-Jahre zum ersten und letzten Mal gespielt. Und beim Jazzfest Wien bin ich 1993 mit Burkhard Stangl und Josef Novotny aufgetreten.

Und der Klubbetrieb? 

Klar, im Blue Tomato spiele ich seit 20 Jahren in kleineren Besetzungen oder auch im Miles Smiles. Da kann man dann vor einer Tour noch schnell einen Gig organisieren. Das Gute beim Porgy ist, dass ich es dem Christoph Huber (dem Leiter des Porgy & Bess, Red.) nur zu sagen brauche, wenn ich ein Projekt habe. Das haut dann eigentlich immer hin.

Fehlt irgendetwas?

Fällt mir eigentlich gar nichts ein.

Wien wird gerne als einer der wichtigsten Jazz-Städte Europas bezeichnet. Wie schätzt du die Entwicklung der letzten zehn, 15 Jahre ein?

In München hört man sicher weniger.

Auch wenn ich in London bin und schaue, was es gerade so gibt, denke ich mir: Wien braucht sich schon nicht zu verstecken.

Sicher nicht! Man kann sich nicht darüber beklagen, was sich in Wien alles abspielt. Damit man etwas man mehr Aufmerksamkeit kriegt, müsste halt eine Plattenfirma auch was tun. Dass die wirklich eine Band promoten, die dann viele Konzerte spielt, gibt es eigentlich in Wien nicht mehr.

 

 

Wie würdest du die Aktivitäten der Jazzwerkstatt einschätzen?

Die bringen wieder einen frischen Wind, natürlich. Aber solche Szenen hat es eigentlich immer gegeben: im Tunnel oder im Türkis, der Jazz Freddy . nur weniger gut organisiert halt. Seit der Gründung des Vienna Art Orchestra hat das nie aufgehört. Auch bevor vor zehn Jahren der Kuba-Boom um sich gegriffen hat, gab es in Wien viele gute Latino Bands. Wir haben zum Beispiel sehr oft im America Latina gespielt. So viel anders als jetzt war das nicht.

Ist es wichtig, in die “klassischen” Konzertsäle zu kommen?

Ich weiß nicht. Die Gagen sind besser, aber nur, weil man einmal im Konzerthaus gespielt hat, ist man deswegen auch kein Konzerthausmusiker.    Ich habe einmal bei den “Hörgängen” gespielt – ich glaube, 1993. Das war’s dann aber auch schon wieder.

Eine zeitlang war es ja extrem uncool, Jazzmusiker zu sein. Du hattest nie ein Problem damit?

Ich sehe mich ja gar nicht als solcher.

Sondern?

Einfach als Musiker. Mir taugt das auch gar nicht: Selbst wenn man, etwa wie ich, eine Operette komponiert, bleibt man trotzdem ein “Jazzer” – für mich ist das abwertend.

Ganz pragmatisch gesehen: Wer in den Plattengeschäften unter Jazz zu finden ist, ist doch ein Jazzer?

Aber das gilt doch nur für einen kleinen Bereich. Ansonsten geht man einfach in ein Geschäft und kauft eben CDs. Ich glaube, dass Leute, die sich für meine Musik interessieren, weder unter “Jazz” noch unter “Rock” nachsehen, sondern schauen, was ich mache. Ich muss auch gar nicht in den großen Mediamärkten präsent sein. Ich schicke die Leute, die etwas von mir wollen, immer in die Währinger Straße zum Extraplatte-Geschäft, da finden sie es. Das gleiche in New York in der Downtown Music Gallery, die ich seit 15 Jahren kenne und denen ich alles schicke. Die verkaufen dort auch alles von mir – sechs Stück davon, aber was soll’s? Von “Market Rasen” hat er mir gleich 15 abgekauft. Die sind schnell weg. So funktioniert das; früher per Brief, heute per E-Mail: Jemand will etwas, schreibt mir, ich schicke die CDs.

Wen du ein Festival kuratieren würdest, wen würdest du einladen?

Otto M. Zykan – wenn er noch am Leben wär. (lange Pause).

Oder selber mit jemand spielen – Wunschmusiker?

Habe ich nicht.

Nicht einmal historisch?

Das kann ich leichter sagen: auf jeden Fall mit Charlie Mingus.

Welche Bands?

Die ganz frühen – “At the Bohemia”. Historisch fällt mir wirklich mehr ein.

Go ahead!

John Kirby, Charlie Shavers . Dann: The Clash.

Mit Altsaxophon?!

Nein, ohne. Höchstens Melodica bei den Reggae-Nummern.
Und auf jeden Fall: Sun Ra with Strings! Die hat John Corbett auf Atavistic herausgegeben. Die letzte Nummer heißt “Door Squeak”. Man glaubt, es ist ein Fagott oder eine Oboe. Eine quietschende Tür. Dauert zehn Minuten lang und klingt höllisch gut!

Klaus Nüchtern ist Redakteur der Wiener Stadtzeitung “Falter”.

 

 

https://www.musicaustria.at/musicaustria/liste-aller-bei-mica-erschienenen-interviews