mica-Interview mit Manuela Kerer (KOFOMI in Mittersill)

Die aus Brixen/Bressanone stammende Manuela Kerer war heuer eine der jüngsten Gastkomponistinnen am Schachernhof. Sie studierte Komposition am Tiroler Landeskonservatorium sowie Violine, Rechtswissenschaften und Psychologie an der Universität Innsbruck – ihre Vielseitigkeit ist erstaunlich, aber aus ihrer Gescheitheit macht sie keinerlei Aufhebens. Ihr Humor („Ich lache gern“) machte sie zu einer überaus beliebten Mittersill-Teilnehmerin. Heinz Rögl führte mit ihr das Interview u. a. über ihre Werk-Präsentation beim KOFOMI-Lab. Nach einem gemeinsam genossenen Frühstück regnete es draußen leider ein bisschen.

Manuela Kerer fühlt sich als Südtirolerin durchaus als Italienerin. Die Komponistin, Psychologin und Juristin ist aber durchaus über die Grenzen ihrer Region hinaus bekannt geworden und erhält in Bälde eine Gastprofessur in Minnesota. Zum Komponieren kam sie so, wie sie einmal in einer Südtirol-aktuell-Sendung erzählte: „Als ich sieben Jahre alt war, gab es die TV-Serie ‚Oliver Maas’, die von einem Jungen mit einer Zaubergeige handelte. Der Bub spielte üblicherweise grottenschlecht, mit der Zaubergeige aber gelangen ihm wunderschöne Melodien. Ich hatte damals begonnen das Geigenspiel zu erlernen und wollte diese Melodien nachspielen. Irgendwie habe ich das nicht hinbekommen, dafür aber ein paar andere Melodien. Da dachte ich mir: Die sind eigentlich noch cooler und habe diese Melodien aufgeschrieben.“

Und so „einfach“ geht es weiter: „In Innsbruck habe ich zu Beginn Psychologie studiert. Das war mir aber irgendwie zu wenig. Nicht, weil das Studium leicht ist, sondern weil mir etwas gefehlt hat. Ich hatte Angst, dass mir langweilig wird. Deshalb habe ich die Aufnahmeprüfung für Geige am Innsbrucker Konservatorium gemacht und mir gedacht: wenn ich es schaffe, gut, ansonsten beginne ich mit dem Jus-Studium. Die Aufnahmeprüfung habe ich geschafft. Da ich mich aber inzwischen schon so sehr mit dem Gedanken, Jus zu studieren, angefreundet hatte, habe ich mich auch für dieses Studium inskribiert. Und: Bei meinem Geigenstudium hatte ich einen Theorielehrer, der meinte, ich sollte Komposition studieren.“ Komposition studierte sie zwischendurch nicht nur in Innsbruck, sondern auch in Mailand. Das Gute an der Neuen Musik sei, dass die wirklich Großen nicht so weit entfernt sind. Man hat die Möglichkeit hinzugehen, zu fragen. Manuela schreibt vielseitig, etwa auch für Zither (für Martin Mallaun hat sie komponiert) und könnte sich durchaus auch vorstellen, ein Stück für 10 elektrische Zahnbürsten zu komponieren. [Anm.: In der Tat gibt es dieses Stück für 10 elektrische Zahnbürsten, es wird am 7.10. beim Festival „transart“ Bozen uraufgeführt!] Auch bereits einige Opern stammen von ihr, von der Wiener Kammeroper bekam sie kürzlich für 2012 einen Auftrag. Sie kann derzeit also von ihrer Musik leben.

Und Jus? – Manuela vertonte schon vor fünf Jahren 7 Gesetze des italienischen Strafgesetzbuches für Streichsextett, hat das Gerichtsjahr und das Anwaltspraktikum (Anwaltsprüfung) gemacht und kann sagen: Nein, das ist nichts für mich. „Um fünf Meter Nachbarschaftsgrund ewig zu streiten, das packe ich nicht. Geschwollen gesagt: Nichts erfasst mein Herz so sehr wie die Musik.“

Heinz Rögl: Liebe Manuela Kerer, immer wenn ich etwas von dir höre, bei Weitem hörte ich noch nicht alles, denk ich mir „pfau, das ist aber gut“. Das hat sich auch wieder beim vorgestrigen „KOFOMI-Lab“ bewahrheitet, wo du Sachen von dir vorgestellt hast. Gehen wir „in medias res“. Vielleicht kannst du erklären, was du für das Schlusskonzert in zwei Tagen geplant hast, wann und wie das entstanden ist und was das wird?

Manuela Kerer: Ich hatte vor, wirklich hier vor Ort etwas zu machen und auch fertigzukomponieren. Ich habe praktisch überhaupt nix Notenmäßiges mit. Das heißt, ich hab schon was mitgebracht, ich hab mich von dem Thema des Symposions inspirieren lassen, das „Strom“ heißt. Ich bin zwar mit dem Bus gekommen, habe aber zwei dicke Bögen EEGs von Gehirnströmen mitgebracht. Mein Stück für die acht Musiker – größenwahnsinnig wie ich bin nehm’ ich alle acht, wenn ich sie zur Verfügung habe, denn sonst hätte ich Angst dass ich was verpass’ – heißt „Aneddoto“, das ist das italienische Wort für „Anekdote“. Bei meinen Stücken steckt immer eine Idee dahinter und was ich mir dazu denke. Mich hat auch beeinflusst, was ich im Lauf dieser acht Tage gehört habe. Zum Beispiel auch, wie man das Publikum mit Texten beeinflussen kann, was mir klar ist … Aber ich hab mich dann entschieden: In dem Stück geht es sehr viel um Klang und Klangfarben, ich hab einen Teil dieser Gehirnströme als graphische Notation eingebaut. Da geht es weniger um die Töne und Tonbestimmungen (ob das jetzt ein h oder ein c ist): Zum Beispiel müssen die Streicher in der graphischen Notation zwischen „ponticello“ und „sul tasto“ variieren, die Bläser haben Klangfarbentriller und so weiter. „Anekdote“ hab ich es genannt, weil ich dem Publikum nicht auch noch im Titel unter die Nase reiben will, dass es da um Gehirnströme geht, ich möchte das ein bisschen offen lassen. Bei der ersten Probe mit den acht Instrumentalisten hatte ich noch kein Notenmaterial, sondern habe versucht, die Effekte zu erklären – was muss ich wo machen …

Auf die Art hast du die „reihe“-Musiker kennen gelernt?

Genau, und die mich auch. Das war eigentlich eh schon sehr lustig. Ich mach auch ein zweites Stück. Das heißt „rei(hihi)“, rei weil es mit der „reihe“ zu tun hat und das „hihi“ – das ist ein gewisses Überraschungsmoment würd’ ich sagen. Manchmal „büchse“ ich ein wenig aus, es ist schon so, dass mir dann Kollegen einen Vogel zeigen (wie bei dem „Ohrenzuhaltstück“), ich wollte eben auch hier noch etwas zusätzlich machen, was meinen „zwei Seelen“ entspricht. Hat auch mit Humor zu tun. Kann aber auch in die Hosen gehen.

Wir wissen, dass du dich auch mit Psychiatrie und Neurowissenschaften beschäftigst. Du stelltest beim Kofomi-Lab ein Streichquartett vor, wo du versuchtest, dreieinhalb Minuten Schlaf zu verarbeiten. Da geht es um den Übergang von der NonREM- zur REM-Phase, erstere ist der Tiefschlaf, die andere die für Psychologen interessante Phase des Träumens. Die Hirnströme, die man messen kann,  verändern sich, auch Puls- und Atemfrequenz. Sich mit dem Traum zu befassen ist spätestens seit Sigmund Freud sehr lohnend, da geht es um das Unbewusste, die Verarbeitung eines Tages, die Verarbeitung vielleicht auch von Konflikten, Problemen, wofür wir als Menschen sehr dankbar sein sollten. Zurück zu deinen mitgebrachten EEGs (Elektro-Enzephalogrammen).

Ursprünglich wollte ich die elektrischen Signale aus einem EEG-Apparat nehmen und dann akustisch umwandeln. Nach zahlreichen Telefonaten habe ich festgestellt, dass es in Mittersill keinen solchen Apparat gibt, da hätte ich nach Zell am See müssen und mir gedacht, das muss ja nicht unbedingt sein.

Das  Stück heißt „Monddüne“ – das gibt es im „Nachtflug“ von Antoine de Saint-Exupery. Ein Stück mit Schalldämpfern …

… Metalldämpfern, wie sie etwa Geiger in einem Hotelzimmer verwenden. Und das „Ohren-Zuhalt“-Ding, wieder ein anderes Stück …

… das du in einer PowerPoint-Präsentation gezeigt hast – „beide Ohren zu … auf … linkes Ohr usw.….“

… war bei der Uraufführung auch mit Live-Musik dazu und soll eine Reaktion auf die Reiz-Überflutung auch im Bereich der Musik sein, die uns täglich umgibt. Das habe ich am Anfang immer bei Workshops mit Kindern gemacht und mir dann gedacht, das hat eigentlich für große Leute auch einen Sinn.

Du hast schon einmal italienische Artikel des Strafgesetzbuches komponiert – im Mittelalter hat man den Leuten Gesetze tatsächlich auch vorgesungen. Deine Kurzoper „tickende polli“, die in München 2009 bei einem Festival  aufgeführt wurde, sah man in Video-Ausschnitten. Das muss man sich so vorstellen: Vier Parlamentsabgeordnete in Rom stehen vor Plastikkisten (= Rednerpulte), gestikulieren, lesen Zeitung, machen Zwischenrufe … es begleitet ein volles Orchester.

Das Wort dreht den Begriff „Politi(c)k“ um und meint auch eine tickende Zeituhr, die irgendwann losgeht. Polli bzw. Pollo heißt im Italienischen „Huhn“. Wenn man sagt „du Pollo du“, meint man so was wie Schlappschwanz.

Das ist irgendwie auch absurdes Theater?

Genau. Ich war im Senat in Rom, dort dürfen bestimmte Leute hinein und andere nicht, man muss da alles Mögliche abgeben und bekommt einen Passierschein – das ist ja in Ordnung, aber zum Beispiel hab ich mein Handy ausgeschaltet auf die Brüstung gelegt und da sind gleich zwei Securities gekommen und haben gesagt, bitte weglegen … Weil ich könnt’ ja mit jemanden da unten kommunizieren. Ich sagte, was soll ich mit denen kommunizieren, die sitzen da unten und lesen Zeitung oder hören Radio, die interessiert das doch nicht, was ich sage. Oben sind die Regeln streng, aber für die unten nicht so – ist mir vorgekommen. Ich würde da vielleicht auch Zeitung lesen. Die Idee war, dass man das Publikum irgendwie da mitspielen lässt. Wir lassen das ja alles zu, sind Teil davon. In anderen Szenen versucht etwa ein Kontrabassist da auch hineinzukommen. Ich verwische gerne die Grenzen, was ist das Orchester, was die Sänger. – Das war in München auch insofern interessant, weil die Kurzoper einige Sachen für mich nach sich gezogen hat: Wieder einen Opernauftrag für dieses „Adevantgarde“Festival im nächsten Jahr, einen für Frankfurt.

Und einen für die Wiener Kammeroper. Die „Süddeutsche“ schrieb über die Oper: „Scharf, verrückt, […] hoffentlich die Keimzelle zu einem großen Werk.“ Kommen wir zu deiner Bio: Du hast deine Studien in Innsbruck gemacht – was für eine Südtirolerin nichts besonders Seltsames ist. Wir haben ja seit Magnago das „Pa(c)ket“. Du fühlst dich aber nicht als Österreicherin sondern du bist Italienerin nehme ich an?

Ja, wir sind in Südtirol sicher in einer speziellen Lage, politisch und kulturell und ich glaub, dass man die Geschichte auch nicht auslöschen kann. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich in Österreich sein kann und sogar schon einmal mit einem Staatsstipendium bedacht wurde – obwohl ich Italienerin bin, aber wir als Südtiroler mit Österreichern praktisch gleichgestellt sind. Das finde ich auch interessant, weil es in Italien nichts Derartiges gibt. Natürlich fühl ich mich einem aus Matrei am Brenner verwandter als einem Sizilianer. Und trotzdem liebe ich Italien. Aber meine Muttersprache ist Deutsch und ich bin aus einem deutschen Kulturkreis. Inzwischen ist es so, dass das die meisten Italiener auch schätzen.

Es gibt zum Teil vernünftige, zum Teil auch absurde Regelungen – etwa die Forderung nach Zweisprachigkeit im Beamtendienst. Alle zwei Sprachen muss man beherrschen.

Beziehungsweise sogar drei Sprachen, in denen man geprüft wird, denn das Ladinische kommt auch dazu. – Es werden zirka 67 Prozent der Stellen an Deutsche vergeben, ca. 30 Prozent an Italiener und die drei bis fünf Prozent an die erklärten Ladiner. Ich war auch eine Zeit in Mailand, habe dort auch bei einem italienischen Komponisten studiert. Ein mit mir vergleichbarer italienischer Komponist könnte nie in Italien davon leben, außer vielleicht Sciarrino, der hat aber internationalen Status.

Das ist das gute zwischenstaatliche Verhältnis Österreich-Italien. Und die Südtirol-Bumser gibt es ja heute auch nicht mehr.

Aber sogar Magnago, der die sicher nicht gutgeheißen hat, hat angemerkt, dass es ohne die Bumser nicht sicher gewesen wäre, dass die Südtirol-Frage eines Tages sogar vor der UNO behandelt wurde.

Wie hat es dich als Brixenerin zur Musik verschlagen?

Wir waren vier Kinder und wuchsen in einer musikinteressierten Familie auf, mein Urgroßvater mütterlicherseits war ein ladinischer Komponist – von dem gibt es einige Sachen heute noch. Die Seite meiner Mutter war hochmusikalisch und sehr interessiert, dass jeder von uns was lernt. Sie hat uns das schon sehr schmackhaft gemacht, aber auch gesagt, wenn du unbedingt willst, darfst du das lernen, aber überleg es dir gut, weil das lassen wir nicht einfach nach einem Jahr so.

Bei dir war es die Geige.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit fünf Jahren schon Streichquartette komponiert hätte. Aber vielleicht erinnerst du dich an den Kinder- und Jugendfilm „Oliver Maas“, mit einer Zaubergeige. Der wurde immer zu Weihnachten gespielt und ich wollte das aufschreiben und notieren, das hat dann nicht ganz gepasst, aber ich dachte mir dann, was ich da jetzt geschrieben habe ist eigentlich noch schöner. … Ab dem Tonsatz-Studium hab ich hie und da was für Befreundete geschrieben. Ich hab mir aber gedacht, das ist nicht gut genug, und außerdem mussten die Sänger oft auch Wangen klopfen oder so irgendwas. Der Tonsatzlehrer, ein Tiroler Komponist,  riet mir dann eines Tages: „Du musst unbedingt Komposition studieren.“ Ich studierte dann bei Martin Lichtfuß und ich hatte einen tollen Instrumentationslehrer, der heißt Tito Checcherini, eigentlich Dirigent und der Haus- und Hofdirigent von Sciarrino. So durfte ich auch Salvatore Sciarrino kennenlernen. Ich habe die Partituren – von ihm und anderen – einfach auch gekriegt. Einmal habe ich eine Spieldose mit sämtlichen Vierteltönen für Orchester instrumentiert, der Lehrer war sehr offen für alles.

Sciarrino – irgendwie dein Vorbild auch, bei all deiner Eigenständigkeit. Gibt es noch andere?

Ich muss sagen, es tut mir wahnsinnig leid, dass ich György Ligeti nicht mehr persönlich kennen gelernt hab’. Ich krieg immer Gänserupfen wenn ich an Biographien von ihm, die ich gelesen habe, denke. Nicht nur an seine Stücke, das sowieso. Aber das war auch ein Wahnsinns-Mensch, den man in seinen Stücken auch wiederfindet. Ob das seine „ungarischen Volkslieder“ sind, oder „Le Grand Macabre“ – auch wenn er sich später davon distanziert hat – oder „Volumina“ oder „Atmosphères“. Das ist alles so unterschiedlich und trotzdem hört man ihn total raus, das finde ich phänomenal.

Ich glaube, das ist der allerschönste indirekte Rat, den Ligeti den Komponisten gegeben hat: Wiederholt Euch nicht! Bitte nicht ein- und dasselbe Stück fünfzehn Mal schreiben.

Ich würde mir nie herausnehmen, mich und ihn in einem Satz zu nennen. Aber ich versuche eben auch, vielseitig zu sein, verschiedene Sachen zu machen. Ich habe in einem Flötenkonzert – da geht es um einen Almabtrieb – ein schönes neoklassizistisch arrangiertes Volkslied drinnen. Und wenn ich auf so etwas Lust hab, dann mach ich das gern. Ich bin derzeit von Klangfarben fasziniert, aber etwa etwas „im Stil von …“ – das darf man auch einmal. Wieso nicht?

Würdest du in Mittersill ein sehr schwer spielbares Stück komponieren – wo einzelne Musiker(innen) sehr viel daran üben müssen?

Ich bin eher ein realistischer Mensch. Ich glaube, dass ich eine gute „Kosten-Nutzen-Rechnerin“ bin. Die Zeit ist erstens hier für mich kurz und zweitens hat das Ensemble nicht so viel Zeit. Und man muss auch gewisse Kompromisse eingehen können. Ich kann nicht für einen Countertenor um eine Terz zu hoch schreiben und dann darauf auch noch beharren. Ich will doch nicht, dass der einen Zorn auf mich bekommt, weil er das nicht gut singen kann und das dann „schiach isch“.

Bist  du ab und zu wieder in Wien? Bei Wien Modern gibt es was von dir …

… Ja. Und der ORF bringt eine Porträt-CD von mir heraus, die muss ich noch „remastern“.

Liebe Manuela, danke für das schöne Gespräch mit dir! 

Fotos Manuela Kerer: Hoerbst

 

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