mica-Interview mit Mäuse

Tex Rubinowitz und Gerhard Potuznik sind Mäuse. Das Wiener Duo, das vor allem in den 90er Jahren aktiv war und damals zwei Alben und eine EP veröffentlichte, spielt seit einigen Jahren wieder unregelmäßig Konzerte. Dabei sind sie um Tastenmann Philipp „Quehe“ Quehenberger und Schlagzeuger Didi „Dietor“ Kern zum Quartett angewachsen. Nach einer weiteren EP („Nichts ist besser als Mäuse“, 2011) erscheint nun mit „Das Judasevangelium auch wieder ein neues Album. Das Präsentationskonzert findet am 19.6. im Radiokulturhaus statt. Sebastian Fasthuber hat Tex Rubinowitz zur Mäuse-Geschichte und zu den Mäuse-Obsessionen befragt.

Euer erstes Album „Mäuse“ liegt fast 20 Jahre zurück. Ich habe mir das neulich wieder angehört. Die Stücke klingen wie abgedrehte kleine Hörspiele, mit viel Sampling und Elektronik dazu. Weiter weg von Songwriting kann man nicht sein.
Das hat sich so ergeben, wir hatten ja keinen Plan, nur einen vagen Auftrag. Dass das mit klassischen Songs nicht klappt, haben wir (instinktiv Gerhard wohl eher) schon vermutet, weil ich nicht singen kann. Ich bin dann in diesem heißen Sommer 1993 (hey, 20 Jahre her!) immer zu Gerhard gekommen, Bier mitgebracht aus dem kroatischen Café Tsiro (Zero: Null) ums Eck, Gerhard hat irgendwelche Schleifen gemacht und ich hab daneben die Texte geschrieben, also zuerst Musik im weitesten Sinn, dann Text, was passt darauf, kann mich erinnern an „Der Mann der nicht abwaschen wollte“, ich hab nur die Töne gehört, saß in der Küche und hab das geschrieben, dann hab ich das irgendwie eingekrächzt, und während Gerhard das zusammengefummelt hat, hab ich im Nebenzimmer Simpsons geschaut, die damals gerade angelaufen waren, seitdem ernähre ich mich von Bier und den Simpsons, das Tsiro gibt’s nicht mehr. Der Sommer war so heiß, dass ich meine Socken durch meine Schuhe riechen konnte.

Wie seid ihr überhaupt zusammengekommen?
Walter Gröbchen wollte das so, der Mogul wie er intern (bei uns) genannt wird. Wir haben überhaupt eine Geheimsprache, während alle immer bestrebt sind nicht DIE Mäuse zu sagen, weil wir das ja verboten haben – DIE. Die. Stirb, zu verfänglich – sind Gerhard und ich die einzigen Menschen, die Mäuse ohne Umlaute aussprechen dürfen, wir sagen also MAUSE, nicht MÄUSE, das ist vielleicht der einzige Distinktionsgewinn zweier relativ undistinktiver Distinktionssultane mit dem Unwillen zum Erfolg. Gröbchen wollte uns zusammenbringen, als ein mogulartiger Akt. Ich hab Gerhard auf seinem Solokonzert als Der Schnakenkönig im U4 getroffen, nicht weil mir Schnakenkönig irgendwie groß gefiel, ich mochte ihn einfach als Person. Später hat sich herausgestellt, dass auch er, wie ich mit 16 und mit 7 Fünfen von der Schule geflogen ist, das muss man mal schaffen. Und statt zu klatschen hab ich ihm die Single „Hairstyle of the Devil“ von Momus geschenkt, die mir gefiel, so´was in der Art hätte ich gerne gemacht, also eine billige Version der Pet Shop Boys, ich hab mir vorgestellt, dass man das leicht machen könnte, aber dazu kam es nicht (siehe oben: nicht singen können, nicht reimen wollen). Irgendwann trafen wir uns dann wirklich mal, ewig rausgezögert, und machten „etwas“. Gröbchen, und auch Gig Records, wo das dann rauskam, waren einigermaßen, nun ja, enttäuscht, weil sie glaubten, da kommen irgendwelche Witze mit Loungegedudel raus, wir hätten Kruder und Doofmeister erfinden können.

Ihr habt euch immer zu euren Einflüssen oder Referenzen bekannt, ob das nun Suicide sind, Sparks oder die Scorpions. In den CD-Booklets betreibt ihr extremes Namedropping. Seid ihr in erster Linie musizierende Fans?
Ich bin ja nicht mal musizierend, bin ja noch unterhalb des Dilettantenniveaus, Fan natürlich, jeder ist doch Fan, aber die genannten S-Bands sind ja unmöglich zu kopieren, Slade kommt noch dazu, die wir beide vergöttern, Sucide ginge vielleicht zu kopieren, superemotionale Dramen mit unemotionaler Monotonie unterlegt, aber das wird doch peinlich, wenn man es versucht, Suicide haben ein Monopol auf diese Form. Alan Vega spielte dann sogar mal vor uns, wie irre ist das denn, einer unserer Heiligen macht die Vorgruppe, kein Wunder, dass ich nicht religiös bin, Gerhard wurde danach von Alan umarmt, mir nur auf den Kopf geklopft.

„Mäuse“ war der Legende nach der größte Flop von Gig-Records. Wie kamt ihr dann zu Cheap Records bzw. dessen Ableger Morbid?
Gerhard kannte die Cheap-Leute (Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan). Die waren begeistert von der gefloppten Gig-Platte, weil sie eben so ganz anders war, sich gar nicht anbiederte, keinem Trend folgte. Später hat Patrick mal gemeint, sie hätten von uns so was wie The Orbs Monsterhörspiel „A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules From The Centre Of The Ultraworld“ erwartet, ich hab mal ihre Agenda gesehen, da stand das wirklich drin, („..wir hätten die Möglichkeit Slade mit The Orb zu fusionieren, und könnten noch die 171 Verkäufe von Gig unterbieten, und kämen damit ins Buch der Weltrekorde, ruf mal Gerhard an, Erdem..“) aber auch sie waren enttäuscht, denn dann kam…

Das zweite Album „Teen Riot Günther Strackture“ ist dann 1996 erschienen. Gerhard hat damals solo viel Electro bzw. Electropop gemacht und so klingt auch diese Platte. Mit der nachfolgenden „Made in Japan“-EP war das für mich die Mäuse-Hochphase. Warum war danach Schluss?
Das hatte eigentlich überhaupt keinen Grund, vielleicht weil die Tour mit den Goldenen Zitronen so anstrengend war, mit Gepäcksdiebstahl, zu Acht in einem Raum schlafen, zu fünft in einem Bett (in Stuttgart!), Nässe, Kälte, Hans Platzgumer immer mehr regredierend, feindseliges Publikum, fehlendes Publikum (Hallo, halbleere Halle in Halle!). Vielleicht haben wir gedacht, jetzt reicht‘s dann mal, wenn man nicht Die Ärzte ist, ist Touren eine Art Canossagang, aber wofür sollten wir büßen? Dass wir Gröbchen und die Cheap-Brüder enttäuscht haben? Wahrscheinlich.

Während Mäuse pausierten, habt ihr das Label Angelika Köhlermann betrieben. Eine Ersatzdroge?
Ja, auf jeden Fall, das hat sogar Spaß gemacht, Künstler aussuchen, Songs zusammenstellen, Grafik machen, wir hatten sogar echtes Starpotenzial drauf, eine Japanerin namens Michiko Kusaki, die sich später sogar aus Dankbarkeit auf einem andern Label Angelika Köhlermann nannte, und eigentlich eine Französin war mit Nystagmus (Augenzittern). Und von dem nicht angehörten Demo von Franz Ferdinand will ich gar nicht reden (eine Kassette, die hinter den sprichwörtlichen Heizkörper geflutscht ist). Das passt zu Mäuse, mutwillig Ruhm verhindern. Einmal stand ich in Tokio im Plattenladen und grabbelte im Angelika Köhlermann-Fach, nur um zu testen, wie das ist, wie Japaner unser Label „fühlen“, und da drängt sich von rechts eine andere, haarige Hand mit Wurstfingern ins Fach, Elton John, Schockstarre, wie ihn anreden? Sir John, Lord Reginald, Dame Elton, wie geht’s den Kindern? Ich hätte ihm, mit Ausnahme des Homo- und des Perückenteils, so viel erzählen können.

Bei „30 Jahre Falter“ habt ihr 2007 in der Ottakringer Brauerei erstmals wieder gespielt. Ich habe das als eher anstrengend empfunden. Als würdet ihr euch mehr quälen als Spaß daran haben. Warum dann das Comeback?
Also anstrengend fand ich das nicht, im Gegenteil, vielleicht waren wir aber etwas darauf bedacht wie eine Band zu klingen, und waren weniger rücksichtslos. Das war ja nicht nur das Comeback nach acht Jahren, da ist ein Kind schon eingeschult und hat die ersten Fünfen, wenn es normal ist, sondern wir standen plötzlich auch mit zwei richtigen Musikern auf der Bühne. Geprobt haben wir natürlich auch nicht, wir haben noch nie geprobt, warum auch? Nur Bettnässer proben.

Live sind seither Philipp Quehenberger und Didi Kern dabei. Wie kam das?

Ich kenne die schon lange, aus dem Franz-West- und Gelatin-Kunstkontext und mehr noch aus ihren regelmäßigen Celeste-Freakouts jeden Montag in Wien in der Hamburgerstraße, absolut magische Momente, nicht immer, manchmal, Franz West saß immer in der ersten Reihe und hat sich hypnotisieren lassen, ich fand sie immer gut, wie sie unglaublich sensibel und unabgesprochen aufeinander eingehen, fand sie auch optisch gut, und die Überlegung war, dass sie das Skelett von Mäuse sind, das sie auch gleichzeitig zertrümmern dürfen, während Gerhard und ich die Haut sind über diesem Knochengerüst (Muskeln und Nerven gibt’s nicht, soll das Publikum übernehmen). Sie bekommen keinerlei Vorgaben, sie dürfen alles machen, und wir reagieren auf sie, nicht sie auf uns. Fritz Ostermayer hat das mal abfällig als Jazzrock bezeichnet, ein handelsübliches Totschlagargument, aber Ostermayers Totschlaghammer ist aus Mohair. Das Tolle ist, dass Quehe und Dietor (heißt nur bei Mäuse so) von der klassischen Songstruktur schnell unterfordert sind, und immer darauf drängen abzuschweifen, vor allem Dietor, ein neues Thema vorzugeben, eigentlich sind sie die Katzen, und wir Mäuse mit denen sie spielen, passt dann ja.

Was mich überrascht hat, ist, dass die neuen Mäuse nun musikalisch zumindest mit eineinhalb Beinen im Rock stehen.
Mir gefällt dieser konservative antizyklische Rockduktus, es ist doch so einfach, diesen muffigen Hippiekonsens von Arcade Fire, der sich absolut nicht unterscheidet von grölenden Fußballchören, und dem weinerlich konformistischen Singsang von Tocotronic und Blumfeld nachzustellen, aber versuch mal Omega abzubilden („Schreib es mir in den Sand“), erhobenen Hauptes, ungarischer Progrock, Pathos bis der Arzt kommt.

Das neue Album „Das Judasevangelium“ wurde schon vor Jahren angekündigt. Warum hat das so lange gedauert?
Gibt keinen Grund, wir sind ja zwanghaft zwanglos, ohne Abgabevorgaben, exzessive Grundlosigkeit, niemand will etwas von uns, niemand hat uns auf dem Radar. Als wir in Paris gespielt haben vor 1000 Leuten, ist das passiert, vielleicht weil es passieren musste: Die Froschfresser haben uns mit Brie und Rotweinflaschen beworfen, vielleicht, weil man französische Weichkäse nicht essen muss, sondern auch werfen kann?

Die Grundstimmung ist recht düster und bedrohlich. Wie hat sich das in die Richtung entwickelt?
Ist das Düstere nicht interessanter als die Gänseblümchenwiese? Sind die Käfer, die sich unter der Wiese gegenseitig massakrieren nicht interessanter als die Kühe, die die Gänseblümchen fressen, und sind die Menschen nicht interessanter als die Kühe, die sie auf ultrabestialische Art quälen und töten und in Würste stopfen?

Wobei man sagen muss, dass auch das erste Album teils düster war. Um Spaß, wie in deinem Beruf als Witzezeichner, ging es bei Mäuse nie?
Genau, auf der ersten Mäuse gab’s ein Stück namens „Attentione Du fällst gleich“, das ist aurale Kindesmisshandlung, eine Oma, die mit ihrem Enkel spricht, aber es klingt, als würde sie ihn lebendig begraben, in Düsseldorf. Humor entsteht in der Wunde des Opfers, würde der Messerstecher sagen. Interdisziplinär reüssieren zu wollen, ist praktisch unmöglich, das Publikum will immer nur den einen Typen, Harlekin oder Zwölftöner, Erwin Wurm oder Jackson Pollock. Außerdem find ich Mause gar nicht so unkomisch, wenn jemand bei „Kauf mir ein Eis“ jammert: „Ich will ein Eis, kein Suppenknochen, der tut so weh beim Schlucken“, dann spiegelt das doch das komische Elend eines Prekariats wider, das seine Kinder mit Knochen statt mit Eis aufzieht. Und bei „Stirb“: „Du bist nicht mein Bruder, trotzdem will, ich dass Du stirbst, Stirb!“, da spricht offenbar ein Linsensuppennimmersatt, der den Hals nicht voll mit Linsen kriegen kann.

Es gab in der Zwischenzeit einmal eine EP, mit dem Hit „Nichts ist besser als gar nichts“. Auf dem Album ist das Stück in einer ganz anderen Version drauf. Stücke dürfen und sollen sich bei euch über die Jahre verändern?

Ich habe bei Live-Auftritten anderer Bands die exakte Nachstellung ihrer Songs von der Platte immer als Fleißaufgabe verstanden, je genauer, desto mehr lobt eine Mutti, als Wiedergutmachung der schweren Geburt und der Launen der Pubertät, und die Gitarre ist natürlich Papa, ich kann schneller wichsen als du, ach Privatfreudianismen, das Beste an Freud war ja, dass er ein neues Hobby erfunden hat.

Was darf man für das Konzert im Radiokulturhaus erwarten? Freakout? Ihr seid ja eine Band, die kaum probt.
Wir haben dort 1999 gespielt, Mäuse-Abschlusskonzert, wir hatten 15 Schulkinder, ein Motorrad, zwei knutschende Roackabillies, vier Schlafsäcke auf der Bühne, um 10 Uhr morgens, das geht ab einem bestimmten Alter nicht mehr. Jetzt nur noch Gsellmanns Weltmaschine, ein Eimer Wasser und Debbie Reynolds „Tammy“ als Intro.
Sonst: Proben geht ja nicht, keine Ahnung, hängt immer davon ab, wie Quehe und Dietor drauf sind, ich sag ja, wir sind nur die Gänsehaut, die niemand essen will, ich hab niemals verstanden, was Quehe und Dietor über uns denken, vermutlich Verachtung. Das wär so wunderbar, das Skelett verachtet die Haut.
Mäuse live
19. Juni 2013, Radiokulturhaus, Wien

http://www.myspace.com/damause