mica-Interview mit Katharina Klement

Im Spannungsfeld zwischen Komposition und Improvisation bewegt sich das Schaffen der Komponistin und Pianistin Katharina Klement. Für dieses breite Feld, das sie oftmals auch in Kombination mit elektronischen Elementen eröffnet, wurde ihr der Österreichische Kunstpreis 2013 zuerkannt. Über ihre künstlerische Arbeit, das Unterrichten wie auch die Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen unterhielt sie sich mit Ruth Ranacher.

Dein Konzertplan für 2014 bringt dich sowohl nach Rudolfsheim-Fünfhaus als auch nach New York. Was verbindest du mit diesen beiden Orten?

Katharina Klement: Im 15. Bezirk existiert mit dem echoraum ein von mir sehr geschätzter Veranstaltungsraum. Gut erinnern kann ich mich an eine meiner ersten Aufführungen dort, mein „concert trouvé“ im Jahr 2000. Das war ein abendfüllendes Programm mit einem sogenannten Sturzflügel. Ich hatte einen ausgedienten Flügel teilweise umbauen lassen und den Raum auch mit weiteren Gerätschaften verstellt und bespielt. Letzteres gemeinsam mit meinem Kollegen Armin Pokorn. Auch heuer im März werde ich wieder zweimal dort auftreten.

In New York spielt die Pianistin Seda Röder Stücke von österreichischen Komponisten und Komponistinnen. Damit verknüpft ist auch eine Veröffentlichung auf CD mit dem Titel „Black and White Statements“. Die bereits eingespielten Stücke bieten ein unglaubliches Spektrum, wie man an ein Klavier herangehen kann und die einzelnen Handschriften der KomponistInnen kommen sehr schön durch.

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Katharina Klement: Die Pianistin Seda Röder hat mich und andere vor eineinhalb Jahren für Klavierminiaturen angefragt. Es ist immer eine schöne Herausforderung, Klavierwerke für jemand anderen zu schreiben und in diesem Fall auch die Kürze mit einer Vorgabe um die vier Minuten. Für meine Miniatur habe ich auf ein Klavierstück von mir mit dem Titel „reell leer“ zurückgegriffen. Ausgehend von diesem Stück schreibe ich Variationen und diese drücken sich auch sprachlich im jetzigen Titel aus. Ich habe mich gefragt, wie man „leer“ und „reell“ noch ausdrücken kann und kam so auf „tatsächlich ohne Ausdruck“. „Tatsächlich“ bezieht sich hierbei auf „reell“ und „leer“ kann man auch als „ohne Ausdruck“ bezeichnen.

Wer waren bisher deine wichtigsten PartnerInnen oder WeggefährtInnen?

Katharina Klement: Als ich 1986 nach Wien kam, habe ich Elisabeth Schimana kennen gelernt und auch bald mit ihr zusammen gearbeitet. Sie ist dafür mit verantwortlich, dass ich Zugang zur Elektronik gefunden habe, wo ich mir anfänglich dachte: „Nie und nimmer!“ Über sie kam ich übrigens auch an das Institut für Komposition und Elektroakustik, das ELAK, wo ich mittlerweile seit acht Jahren unterrichte.

Das Trio USE mit Hannes Schweiger an der Perkussion und Hermann Stangassinger am Kontrabass und mir am Klavier war für mich wichtig, um den Begriff der Improvisation zu schärfen und Konzepte ausprobieren zu können.

In meinen improvisatorischen Anfängen konnte ich außerdem mit dem Musiker Josef Novoty erstmals erleben, dass man selbstredend und ohne große Abmachung zusammenspielen kann. Das ergab sich ganz fließend und wir machten ein Duo nach dem anderen. Rückblickend bemerke ich, dass so ein Selbstverständnis, über das man sich ohne Wort wunderbar verständigen kann, selten vorkommt.
Nikolaus Gansterer ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich Personen, die andere Ausdrucksmedien nutzen, oft als sehr inspirierend empfinde. Er kommt aus der Bildenden Kunst. Erstmals erlebt habe ich seine Arbeit bei einer Improvisation. Er machte damals während eines Konzerts Live-Zeichnungen, er nannte das Mapping. Dieser Ansatz brachte mich auf die Idee, eine Landkarte des Klaviers zu zeichnen. Seine Arbeit hat mir sicherlich auf die Sprünge geholfen, dieses Vorhaben so denken zu können. Das Ergebnis war die Arbeit „8 ∞ (acht unendlich)“, eine Zusammenarbeit mit Josef Novotny und Nikolaus Gansterer, ausgehend von den 88 Tasten des Klavieres.

Welche Ausdrucksform findet der erste Entwurf einer Komposition?

Katharina Klement: Ich bin jemand, der eher vom Großen ins Kleine geht und so gibt es zuerst meist grafische Partituren. Das Notenbild selbst ist ein späterer Akt. Ich zeichne mir z. B. grob Zeitproportionen oder Strukturen auf. Diese Skizzen liegen dann auch in späteren Phasen neben mir auf dem Arbeitstisch. Ich brauche immer wieder den Rückblick auf den großen Plan.

Im März findet neben einem Konzert auch die Filmpräsentation von “monde – ein Portrait unserer Väter” im bereits erwähnten echoraum statt. Du zeichnest für Musik und Komposition verantwortlich. Kannst du etwas über den Entstehungsprozess erzählen?

Katharina Klement: Dieser Film ist über eine Zeitspanne von fast drei Jahren entstanden und ist ein sehr großes und intensives Projekt gewesen. Meine künstlerischen Partner bei dem Film sind Ursula Mihelic (Buch und Regie) und Elias Jerusalem (Kamera). Der Vater der Regisseurin und mein Vater sind die Protagonisten. Dementsprechend war diese Arbeit auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung. Zugleich haben wir versucht – und ich glaube, das ist uns auch gelungen –, den Film über den persönlichen Zugang hinaus zu heben. Für mich war auf diese Weise auch eine andere, sehr schöne Begegnung mit meinem Vater möglich.

Wie seid ihr an die Filmarbeiten herangegangen, so dass nicht ein Ausdrucksmedium zum Dienstleister des anderen wird?

Katharina Klement: Es war uns von Anfang an ein Anliegen, Musik und Film gleichberechtigt zu behandeln. Und in beiden Medien gibt es den gemeinsamen Parameter Rhythmus. Von meiner Seite her habe ich versucht, Klangkategorien zu schaffen, zu fragen, was man alles als musikalische Kategorie bezeichnen kann. In diesem Film hat bei einer Person – meinem Vater – das Medium Musik einen größeren Schwerpunkt. Ich habe versucht, meinen Vater, in dessen Leben Musik eine große Rolle spielt, mit den Mitteln des Klanges zu porträtieren. Bei dem Vater der Regisseurin hat dafür die Sprache einen größeren Schwerpunkt. Als eine Art Leitmotiv habe ich auch unterschiedliches Rauschen verwendet, das jeweils für eine Person steht. Natürlich habe ich gemerkt, dass man bei einem Film nicht zu abstrakt vorgehen kann, ein Zuviel an Klangmaterial sofort verwirrend ist. Da musste ich dann schon immer wieder auch einen Schritt zurück machen.

Weil man linear erzählen muss?

Katharina Klement: Ja, auch innerhalb dieser Dokumentation gibt es eine Geschichte, der man folgen können soll. Aber auch weil Musik schneller an die Emotion geht als ein Bild. Dadurch, dass Musik immer einen emotionalen Gehalt hat, muss man aufpassen, dass eine Szene z. B. nicht zu dramatisch wird. Ein banales filmisches Bild kann plötzlich eine unglaubliche Dramatik bekommen, die man so nicht beabsichtigt hat. Wir haben natürlich auch versucht, bewusst bestimmte Stimmungen zu erzeugen und ich habe sehr viel gelernt, wie man mit Musik gewisse Fährten legt. Diese bilden auf ihre Weise wiederum eine andere Erzählebene. Wenn ein bestimmter Klang innerhalb des Filmes wiederkehrt, ist sofort eine Rückkoppelung an die Stelle da, die zuvor im Film war.

Was ist notwendig um so ein umfangreiches Werk wie „soundscape Schrattenberg“ umsetzen zu können?

Katharina Klement: Tolle MusikerInnen! In Schrattenberg in der Steiermark ist das mittlerweile sehr bekannte Hotel Pupik, wo jeden Sommer Musik- und Kunstveranstaltungen stattfinden. Ich kenne diese Gegend gut. Die Schlossruine Schrattenberg befindet sich mitten auf einer Hochebene umgeben von Bergen.

Meine ursprüngliche Idee war, den Landschaftsraum als Konzertraum zu bespielen. Ich habe begonnen, mir Wege auszudenken bzw. vor Ort abzugehen und kam auf siebzehn verschlungene Pfade mit einzelnen Kreuzungspunkten, an denen sich die MusikerInnen als mobile Klangquellen treffen und kurzfristig Duos, Trios, Quartette bilden. Als stabile Klangquellen sind hingegen MusikerInnen auf Hochsitzen oder im Inneren der Meierei bei geöffnetem Fenster platziert. Ich habe versucht, alles örtlich Gegebene zu integrieren. Ich kann mir auch vorstellen, „soundscape Schrattenberg“ an einen anderen Ort, auch in eine große Halle zu bringen.

Das Stück ist zum Großteil grafisch geschrieben, teilweise auch genau ausnotiert. Die MusikerInnen hatten Stoppuhren bei sich, um sich zu organisieren. Es ist gewissermaßen auch ein choreografisches Konzept.

Gibt es bestimmte wiederkehrende Themen, wo du sagst, das ist dein Bereich oder wo liegt dein Fokus zurzeit?

Katharina Klement: Ich merke, das Thema der Transformation beschäftigt mich zusehends und setzt sich innerhalb meiner Arbeit kontinuierlich fort. Transformation ist ja auch Thema der Komposition an sich. Durch eine Verhebung entsteht Neues. Ich habe mich auch immer der Unmöglichkeit ausgesetzt.
Für das titelgebenden Stück auf meiner letzten CD „jalousie“ orientierte ich mich an konkreten Außenaufnahmen. Ich saß hinter einem Fenster mit geschlossener Jalousie und nahm zu verschiedensten Tages- und Nachtzeiten auf, was draußen passierte. Daraus habe ich die interessantesten Fragmente herausgesucht. Durch eine Nachtaufnahme von Regengeräuschen erhielt ich auf diese Weise eine sehr schöne Regentextur und versuchte im nächsten Schritt, diese für Saxophonquartett zu transkribieren. Das ist natürlich ein unmögliches Unterfangen. Da muss man dann auch sehr erfinderisch sein, aber genau die Tatsache, dass man etwas nicht Eins zu Eins transkribieren kann, öffnet einen großen Raum.
Jetzt interessiert mich wiederum, wie man dieses Saxophonstück transformieren kann. Wenn ich selbiges z. B. für Klavier solo transkribiere, wäre wieder das nächste Stück im Entstehen.

Ich möchte mit dir über den Begriff der Freiheit in Hinblick auf Komposition und Improvisation sprechen. Wie kann man beispielsweise Freiheit in der Interpretation ermöglichen?

Katharina Klement: Das ist eine Kernfrage. Wo gibt es Freiheit und wo keine? Man weiß, dass in der Improvisation gewisse Dinge möglich sind, die in der Komposition nicht möglich sind – und umgekehrt. Die beiden Bereiche beeinflussen sich natürlich, aber ich kenne das Gefühl, ich müsste mich entscheiden. Viele meiner Werke bieten ihrerseits wenig Freiraum für Improvisation, weil sie klar komponiert sind. Andererseits praktiziere ich auch den improvisatorischen Ansatz. Als Komponistin beschäftigt es mich oft, wie man etwas freier gestalten kann. Wenn ich bereits während des Entstehungsprozesses die Möglichkeit einer gemeinsamen Probe im Sinne eines Aufeinandertreffens und Ausprobierens hätte, wäre dort durchaus auch Raum für Improvisationen. Dann kämen einem erstens andere Ideen und zweitens hätte man früher Rückkoppelungen. Bei kleinen Ensembles oder Soloarbeiten findet diese Art von Zusammenarbeit meist statt.

In der Formation subshrubs mit Angélica Castellò, Maja Osojnik, Tamara Wilhelm  (früher noch Billy Roisz) und mir haben wir eine gemeinsame Sprache des kollektiven Komponierens gefunden. Wir wissen, welchen Sound welche Musikerin hat und alle können sehr gut improvisieren. Hier verbindet sich das Komponieren mit dem Improvisieren gleichwertig für mich. Ich würde gerne einmal auf ein Ensemble treffen, mit dem ich freier komponieren kann.

Wenn du den Beginn deiner Lehrtätigkeit am Lehrgang für Computermusik und Elektronik mit heute vergleichst, sind Unterschiede oder Veränderungen auszumachen?

Katharina Klement: Ich glaube, dass der Lehrgang eine sehr wichtige Instanz ist, weil er eine der wenigen Stätten ist, wo man nicht gezwungenermaßen diese Hardcore-Komposition belegen muss. In Wien macht man üblicherweise zuerst die ganze Harmonielehre durch und wird dann erst zum Studium Komposition zugelassen. Da muss man das konventionelle Handwerk ordentlich beherrschen und die Latte für die Zulassung liegt sehr hoch.

Zu unserem Lehrgang kommen oft sehr kreative Persönlichkeiten, die aber im konventionellen Notenhandwerk weniger geübt sind. Das kann aber auch von Vorteil sein, weil man offener und breiter denken kann. Gerade im Bereich der Elektronik stellen wir fest, dass die meisten anfänglich doch sehr vorgefertigte Vorstellungen von der Materie haben. Das sind unhinterfragt übernommene Plug Ins oder Sounds, die aus der Konserve kommen und verwendet werden, weil sie von Programmen angeboten werden. Das muss weggeräumt werden, um die Frage zu eröffnen, was das elektronische Medium eigentlich ist und kann. Damit einher geht eine Schule des Hörens. Je mehr man mit den Studierenden arbeitet und ihnen auch vorspielt, desto besser erwerben sie dieses Hörverständnis und merken, was man mit dem Material anfangen kann.

Du begleitest Studierende über drei Jahre – was möchtest du ihnen mitgeben?

Katharina Klement: Zu Beginn ist es das Wichtigste, den Studierenden klar zu machen, dass man sie ernst nimmt und dass sie sich selbst und ihr kreatives Potenzial auch ernst nehmen müssen. Das ist der Motor dafür, sich entfalten zu können. Sie müssen das zuerst für sich selbst kultivieren, und dann beginnt die handwerkliche Arbeit.

Du wurdest mit dem renommierten Österreichischen Kunstpreis 2013 ausgezeichnet, die offizielle Verleihung durch das Bundesministerium fand am 28. Jänner statt. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich?

Katharina Klement: Es ist eine große Freude, das muss ich schon sagen! Als das Telefonat mit der Verständigung kam, war das einfach unglaublich. Man reicht für diesen Preis ja nicht ein und rechnet überhaupt nicht damit. In jedem Fall ist es eine Bestätigung, die sehr, sehr wohl tut. Oft bin ich mit Zweifeln zugange, ob das, was ich mache von Bedeutung ist und wahrgenommen wird. Der Preis schützt mich jetzt wie ein Mäntelchen zumindest vor diesem Zweifel.

Was würdest du gerne umsetzen und was sind deine konkreten zukünftigen Pläne?

Katharina Klement: Irgendwann möchte ich etwas innerhalb der Genres Musiktheater oder Oper im weitesten Sinne realisieren. Konkret werde ich heuer von April bis Juni aufgrund eines Auslandsstipendiums in Belgrad arbeiten und die Idee des Porträts aufgreifen. Ich möchte ein Städteporträt realisieren. Soundscapes der Stadt werden sicherlich eine Rolle spielen, aber ich möchte auch Interviews führen oder mit lokalen MusikerInnen zusammenarbeiten. Es gibt sicherlich auch einiges an politischem Sprengstoff. Auch hier ist mein Anliegen, dass Transformation stattfindet. Ich denke hier an das Format einer Radiosendung. Man könnte teilweise etwas in Belgrad und in Graz präsentieren und diese Städte in Verbindung bringen. Vielleicht ist auch ein Konzert oder eine Performance die adäquate Präsentation, das wird sich zeigen.

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