mica-Interview mit Johannes Kretz (aNOther festival)

Von 26. bis 28. Oktober veranstaltet die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, kurz IGNM, in Zusammenarbeit mit der Initiative ikultur.com aNOther festival im Wiener brut/Konzerthaus. Johannes Kretz, Festivalveranstalter und IGNM-Vorstandsmitglied, spricht im Interview mit Andreas Fellinger über die Gründe und Hintergründe der dreitägigen Angelegenheit, die sich – unter Einbeziehung von zeitgenössischer, vorwiegend elektronischer Musik, Bildender Kunst und Perfomance – mit konkreten gesellschaftlichen Fragen beschäftigt.

Das diesjährige aNOther festival der IGNM ist wieder Teil der Reihe STROM-Musik. Es könnte überraschen, dass angesichts des Namens der Reihe im Programm relativ wenig Strom-erzeugte Musik vorkommt. Oder habe ich da etwas grundsätzlich missverstanden? Anders gefragt: Unter welchen Gesichtspunkten wurde das aktuelle Festivalprogramm ausgesucht?

Die Reihe STROM-Musik der IGNM ist 2009 angetreten, in einer Serie von Veranstaltungen über mehrere Jahre – kuratiert von wechselnden ExpertInnen – einen Überblick über verschiedene Aspekte elektronischer Musik in Österreich zu geben. Außerdem war es von Anfang an das Ziel, der elektronischen Szene Impulse zu geben, auch Raum für Diskussion, Begegnung, künstlerischen Diskurs. Die ersten Veranstaltungen waren daher eher nach methodischen Gesichtspunkten gestaltet: “artificial Intelligence”, “live electronics”, “Raumklang” – “analog / digital” usw.

So wie viele künstlerische Projekte hat auch die Reihe STROM-Musik im Lauf der Zeit eine kleine Evolution durchgemacht. Der Ansatz, die elektronische Community besser zu vernetzen, ist gut angekommen, und es hat sich – nicht zuletzt durch die ersten beiden aNOther festivals 2010 und 2011 im Palais Kabelwerk in Kooperation mit ikultur.com – eine schöne künstlerische Dynamik entwickelt, die letztlich auch die Programmierung des nunmehr dritten aNOther festivals im brut/Konzerthaus beeinflusst hat. Wir stellen nun noch stärker gesellschaftliche Inhalte in den Vordergrund. Elektronik ist – wie jedes künstlerische Mittel – kein Selbstzweck. Wohl aber ergibt sich aus der Verwendung der Elektronik ein starkes Bewusstsein für mediale Wirklichkeiten. Schon der Einsatz von Lautsprechern bedeutet ja, einem Konzertsaal eine zweite mediale Ebene, die der Klangprojektion, hinzuzufügen.

In diesem Jahr kreist das Programm von aNOther festival thematisch sehr stark um gesellschaftliche Fragen – Minderheiten, gesellschaftliche Außenseiter, Gender-Fragen … In diesem Bereich haben wir auch sehr viele Anknüpfungspunkte zur Bildenden Kunst, insbesondere zur Performance Art gefunden. Es ergab sich relativ natürlich, elektronische Musik-Improvisation mit letzterer in Bezug zu setzen. Diese unterschiedlichen Auffassungen von Performance ergeben einen extrem spannenden Kontext. So will aNOther festival – obwohl es von der finanziellen Ausstattung her natürlich eine kleine künstlerische Nische darstellt – als Brückenkopf der Verbindungen zwischen unterschiedlichsten künstlerischen Nischen (Performance, Komposition, Improvisation, Songwriting, Bildende Kunst) dienen.

So gesehen war es für uns natürlich, den Bogen von reiner elektronischer Musik (Jonathan Harvey, Oliver Weber) über mit Instrumentalmusik kombinierte Elektronik (Matthias Kranebitter, Mirela Ivicevic, Judit Varga, Wolfgang Suppan), Instrumentalmusik (Jaime Wolfson, Siavosh Banihashemi) und Improvisation (Franz Hautzinger, noid, Klaus Filip, Wei-Ya Lin, Johannes Kretz und Jelena Poprzan) bis hin zu Performance (Siggi Hofer, Betsabeh Aghamiri, Mahdieh Bayat, Robert Jelinek, Anthony Wagner) und künstlerischer Intervention in die Raumgestaltung (Gerald Grestenberger, Micha Wille) zu spannen. Wir betrachten es seltsamerweise als künstlerisch stimmig, dieses Abdriften vom ursprünglichen Motto STROM-Musik zuzulassen. Aber vielleicht wird es Zeit, sich einmal von der ursprünglichen Bezeichnung zu verabschieden.

Der britische Musiker und Journalist Peter Marsh zeigte sich in seinem aNOther festival-Bericht vom Vorjahr, der in der Zeitschrift freiStil erschien, angetan von der “erstaunlich umfassenden Palette von Musikern, Komponisten, Improvisatoren und Songwritern” und über die stilistische breite des Festivals, “von Folk-beeinflusstem Art-Rock bis zu elektroakustischer Komposition und von freier Improvisation bis zu minimalistischer Electronica und den meisten Dingen dazwischen.” Wie kommt diese Breite bzw. diese Offenheit zustande? Ist die eher individuell im KuratorInnenduo angelegt? Oder eher strukturell in der IGNM?

aNOther festival ist seit 2010 eine Kooperation zwischen der IGNM und dem Verein ikultur.com. Beide Gruppen stehen grundsätzlich für ästhetische Offenheit und für internationalen Kulturaustausch auf gleicher Augenhöhe. Die IGNM Österreich hat natürlich verschiedene Aktivitäten und Konzertreihen und versucht, mit gut durchdachten Konzepten mehrere jener Lücken auszufüllen, die von “normalen”, finanziell ohnehin stärker ausgestatteten Konzertveranstaltern im Bereich der Neuen Musik mitunter übersehen werden. Bei “ikultur” wiederum steht die Bemühung im Vordergrund, ein Gegengewicht zum euro-zentristischen Kulturverständnis zu bieten, respektvollen kulturellen Dialog, gepaart mit musik-ethnologischer Reflexion. Die Kooperation zwischen IGNM und ikultur.com ist eine glückliche Konstellation gemeinsamer Interessen und spiegelt sich auch im Kuratorenteam und in der Community des aNOther festival wider.

Wie im Vorjahr wird das Festival wieder von dir und Wei-Ya Lin kuratiert. Kannst du uns ein paar Spezifika und Highlights des 2012er Festivaljahrgangs nennen? Und steht es wieder unter einem Motto, so wie im Vorjahr “Performance und Kunst der nächsten Generation”?

Dieses Jahr haben wir das Team um die persische, in Wien lebende Künstlerin Mahdieh Bayat erweitert. Als Bildende Künstlerin und Performerin bringt sie einen neuen Aspekt ins Festival, die Brücke zwischen Performance (aus dem Umfeld der Bildenden Kunst) und Improvisation (aus dem Bereich der Musik). Wir sehen das als große Bereicherung und als Einladung – sowohl an die Mitwirkenden als auch an die Besucher des Festivals –, aus ihrem gewohnten künstlerischen Umfeld heraus andere Perspektiven wahrzunehmen.
Eigentlich gibt es heuer kein Motto, sondern eher einen thematischen Kristallisationspunkt, “Unterdrückung und Freiheit”, in Bezug auf die Situation von KünstlerInnen und Kunstausübung im Iran im speziellen sowie in totalitären Gesellschaftsformen im allgemeinen. Daraus folgen unmittelbar Fragen der Gender-Situation und die Suche nach adäquaten künstlerischen Ausdrucksformen in diesem Kontext: Performance als unmittelbarer Ausdruck ebenso wie als bewusste Reflexion künstlerischer wie auch existenzieller Befindlichkeit wirft je nach Background der beteiligten KünstlerInnen ein spezifisches Licht auf die Thematik. Musiker spielen – befreit von der Bindung an einen tradierten und durch Notenschrift fixierten Handlungsablauf – unmittelbarer, spielen sich selbst und ihre Intentionen durch Improvisation und die Verwendung von Live-Elektronik. Bildende Künstler bringen – nicht nur visuell – ihre Sensibilität für politische Reflexion und spontane unberechenbare Ausführung ins Spiel. Die Gegenüberstellung und Interaktion der unterschiedlichen Auffassungen des Begriffs „Performance“ soll schon in der Vorbereitungsphase des Projekts mit gemeinsamen interdisziplinären Workshops auf eine Ebene gebracht werden, die über das Wahrnehmen von Auffassungsunterschieden hinaus eine kreative Erschütterung künstlerischer Prämissen und scheinbarer Selbstverständlichkeiten bewirkt.

Welche Erwartungen stellst du an aNOther festival? Was kann so ein weiteres Festival leisten? Und, Zusatzfrage, wie steht es um die Perspektiven dieser umfangreichen Bemühungen? Versteht sich die Aktivität als temporäres Aufflackern, oder soll es im zeitgenössischen Musikgeschehen auf viele Jahre fest verankert werden?

Ich denke, die Strahlkraft von aNOther festival liegt in seiner Buntheit und Vielfalt. Viele Künstler und Kunstinteressierte sind skeptisch gegen Abgrenzungen und zu enge ästhetische Schubladen. Wir hoffen, dass durch die bewusst vielfältige Programmierung eine wechselseitige Inspiration der Beteiligten entsteht, die sich auch auf das Publikum überträgt. Die Lust, über möglichst viele Gartenzäune zu blicken und gewohnte Wahrnehmungsmuster und vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, wünsche ich mir für alle Beteiligten und Gäste. Wenn es gelingt, diese Durchmischung der Szenen als eine positive Erfahrung erlebbar zu machen, dann ist das Festival gelungen. Im Moment wissen wir nicht, wohin uns diese Reise führen wird und planen eher von Jahr zu Jahr, versuchen aus den Erfahrungen des jeweils vorherigen Festivals zu lernen und unseren “Job” besser zu machen. Grundsätzlich glaube ich, dass es wichtig ist, dass man sich bemüht, die vielen unterschiedlichen Szenen des “nicht-so-sehr-etablierten” Musik- und Kunstschaffens in dieser Stadt (und auch darüber hinaus) zu verbinden und zu vernetzen. In gewisser Weise ist die Kooperation zwischen IGNM und ikultur.com dafür ideal, weil sie ein bisschen organisatorische und finanzielle Sicherheit gibt, ohne aber gleich eine Einengung in Institutionen und Strukturen zu bedeuten. Es ist eine gute Balance zwischen Hintergrund-Support und einem gesunden Maß an “Narrenfreiheit”.

Eine Tageskarte kostet läppische 7 (ermäßigt: 4) Euro, der Dreitagespass 19 (10) Euro. Warum ist der Eintritt zum aNOther festival so unverschämt günstig?

Als ich von dieser Frage im Team berichtet habe, hat das viel Lachen ausgelöst. Wir hatten nämlich vor kurzem eine Diskussion darüber, weil manche der Leute, die wir auf unser Festival aufmerksam machten, gemeint haben, das Festival wäre zu teuer. Im Ernst, das Problem ist folgendes: Das typische Besucherpublikum von Vernissagen, Ausstellungen und Performance Art ist es eigentlich gewohnt, für solche Veranstaltungen gar nichts zu zahlen. Ein Konzertpublikum andererseits findet 7 Euro für einen Tag mit mehreren Konzerten als extrem billig. Wir haben versucht, einen Mittelweg zu gehen, weil uns daran liegt, beide Szenen anzulocken. Wir können ja schlecht sagen: Für Leute, die sich Bilder, Bühnengestaltung und Performances ansehen wollen, ist der Eintritt frei, für Leute, die Musik hören wollen, kostet es 20 Euro. Auch hier sieht man wieder: Das Überschreiten von Genre-Grenzen birgt mitunter kleine Probleme mit sich. Aber es gibt Schlimmeres als – für manche – zu günstig wirkende Eintrittskartenpreise. Oder?

 

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