Die freudlose Gasse wird bei den "Rhythmen des Widerstands" aufgeführt

mica-Interview mit Johannes Kalitzke über „Rhythmen des Widerstands“ in Linz

Das Festival für Neue Musik im BRUCKNERHAUS Linz vom 14.-18. Juni trägt den Titel „Rhythmen des Widerstands“. Kuratiert wird das Festival von dem Komponisten und Dirigenten Johannes Kalitzke, der unter anderem Neuvertonungen von 20er-Jahre Stummfilm-Klassikern präsentiert. Heinz Rögl führte mit Johannes Kalitzke darüber ein Interview in Wien.

Der Schwerpunkt 2016 wurde auf Werke gelegt, die sich mit dem veränderten Bild von Stadt und Land durch Industrialisierung und Kapitalisierung auseinandersetzen. Gezeigt werden Vertonungen der Filme “Die Weber” und “Die freudlose Gasse”, sowie Werke von Paul Hindemith, Hans Werner Henze und Steve Reich unter dem Titel “Die elektrisierte Stadt”.

Johannes Kalitzke dirigiert in Linz und auch in Salzburg das œnm . österreichisches ensemble für neue musik, das gemeinsam mit dem Collegium Novum Zürich spielen wird. Denn wie in Linz am 18.6. wird der Stummfilm „Die Weber“ aus dem Jahr 1927 von Friedrich Zelnik mit der 2012 erstmals gespielten Live-Musik von Johannes Kalitzke auch tags darauf am 19. Juni 2016 um 17:00 Uhr im Solitär der Universität Salzburg aufgeführt.

Für das Brucknerhaus erklärte Johannes Kalitzke, dass „ in den gezeigten Stummfilmen und den erklingenden Werken von Hindemith und Henze nicht nur die veränderte Lebenswelt, sondern auch deren soziale Verwerfungen, mit denen wir heute gleichermaßen konfrontiert sind, im Vordergrund stehen. Der Film ‚Die Weber‘ von 1927 mutet, wenn man ihn heute sieht, unerwartet aktuell an, denn die Automatisierung industrieller Produktion macht mehr denn je menschliche Arbeit entbehrlich und erzeugt Armut. In der ‚Freudlosen Gasse‘ spielt Bereicherung durch Bankmanipulationen genauso eine Rolle wie heutzutage, in einer allenfalls noch übersichtlicheren Weise. Die thematische Verbindung zum Orchesterkonzert besteht in den ‚Metamorphosen‘ von Bernd Alois Zimmermann, einem Werk, das ursprünglich auch für einen Stummfilm komponiert wurde, sich aber als Konzertstück behauptet hat. In diesem Werk steht die Verbindung mit dem Jazz im Mittelpunkt, so wie auch die anderen Werke von Henze und Reich für die Verbindung zum Jazz, zu populären Tanzformen und Klangtypen des Alltagslebens kennzeichnend sind. Es geht um die Integration unterschiedlicher Herkünfte von Musik, die, wie etwa auch bei der Einbeziehung des Arbeiterliedes bei den ‚Webern‘, auf das Zusammenwachsen der Kräfte angesichts zunehmender Bedrohungspotentiale von Marktmechanismen hinweisen.“

Zwei Jahre nach dem erschütternden Film „Panzerkreuz Potemkin“ erschien der Stummfilm „Die Weber“, der schonungslos soziale Missstände anprangerte. Das Drama in fünf Akten stammt von Gerhart Hauptmann und behandelt den Weberaufstand von 1844. Verfilmt 1927 von Friedrich Zelnik, restaurierte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung das alte Material und fertigte eine neue Kopie an. Johannes Kalitzke verfasste eine neue Musik zu Zelniks Film, die im Juni 2012 von den Augsburger Philharmonikern zum Film uraufgeführt wurde.

Weitere Programmpunkte in Linz sind am 14.6. ein von der Universität Salzburg gestalteter Klavierabend, am 17.6. die Aufführung des Films „Die freudlose Gasse“ von G. W. Pabst mit Live-Musik des Stangl-Trios, sowie das Konzert „Die elektrisierte Stadt“ mit dem œnm unter Kalitzke, das die 1922 in Donaueschingen uraufgeführte Kammermusik Nr. 1 von Paul Hindemith bieten wird, weiters „El Rey de Harlem“, ein „Imaginäres Theater für Mezzosopran und kleines Ensemble“ von Hans Werner Henze nach einer Dichtung von Federico García Lorca aus dem Jahr 1979 und zum Abschluss des Abends „City Life“ von Steve Reich – eine minimalistische Komposition, die die große Vielfalt von Klängen, wie Autohupen, Sirenen und Alarmanlagen, als auch Sprachproben, somit die Geräusche von Reichs Heimatstadt New York wiedergibt.

Auch das Konzert des Bruckner Orchesters Linz (das mit diesem Programm am 19.6. mit dem Solisten Till Brönner an der Trompete auch im Wiener Musikverein gastiert), gehört zum diesjährigen Festival Neue Musik. Miles Davis’ berühmte “Sketches of Spain” treffen auf Bernd Alois Zimmermanns jazzig-groovende “Metamorphose” für den gleichnamigen Film von Michael Wolgensinger und das “Second Prelude to the Primal Scream” der deutschen Jazzgröße Wolfgang Dauner.

Den Film live hören – INterview

Heinz Rögl: Herr Kalitzke, unter Ihrer Leitung spielt bei den Filmaufführungen der „Weber“ das Salzburger œnm. österreichisches ensemble für neue musik zusammen mit dem Collegium Novum Zürich. Der Film mit der Live-Musik, ursprünglich ein Auftragswerk des Theater Augsburg, wurde nach der Uraufführung sehr häufig immer wieder vom Ensemble Modern gespielt, zum Beispiel in Salzburg, im Wiener Konzerthaus oder bei MaerzMusik Berlin.

Johannes Kalitzke: Es lohnt sich immer, so etwas live zu hören und zu sehen, anstatt es etwa auf einer DVD anzuschauen, da es schon einen Unterschied macht, die Ausbreitung des Klanges im Raum zu erleben. Um das noch zu ergänzen: Das Salzburger œnm und das Züricher Collegium Novum taten sich zusammen, um die Besetzung stemmen zu können, es handelt sich immerhin um 36 Musikerinnen und Musiker, die diese Partitur benötigt. Beim Ensemble Modern war das so gerade noch machbar, aber bei kleineren Ensembles geht es nicht allein und diese beiden Ensembles haben schon öfter miteinander kooperiert und sich bei dieser Gelegenheit wieder gefunden.

Zum Festival in Linz: Wie sind Sie dazu gekommen, Kurator der heurigen Ausgabe zum Thema „Rhythmen des Widerstands“ zu werden, bei dem das Medium Film eine große Rolle spielt?

Johannes Kalitzke: Das Kuratieren dieses Festivals obliegt in jedem Jahr einem anderen Komponisten und es ist ja sehr praktisch, wenn man einen dirigierenden Komponisten hat, der gleich mehrere Aufgaben abdecken kann. Da Linz eine Stadt ist, wo Neue Musik immer noch zur Pionierarbeit gehört und es schwieriger ist, ein Publikum für so eine Literatur in den Saal zu bekommen, habe ich mir gedacht, dass es nicht schlecht wäre, das Medium Film einzubeziehen, weil man damit eine größere Zielgruppe anspricht und nicht nur die Interessierten an Neuer Musik. Mich mit Stummfilm zu beschäftigen ist auch eine große Leidenschaft von mir, die mir viel Freude macht und von der man auch als Komponist sehr profitiert. Für das nächste Jahr arbeite ich dann an meiner dritten Stummfilmmusik. Es ist eine Arbeit, die sich schon über einige Jahre hinzieht – vor zwei Monaten ist der zweite Film bei den Tagen für neue Kammermusik in Witten herausgekommen. … Beim Festival in Linz werden zwei Stummfilme mit Musik gezeigt und auch andere Musikstücke gespielt, die sich mit dem inhaltlichen Hintergrund dieser Filme beschäftigen: So beziehen zum Beispiel der Klavierabend und auch der Ensembleabend am 17.6. Stücke aus den zwanziger Jahren ein, etwa von Hindemith, oder Stücke, die mit dem Thema Stadt und „Stadt als Moloch“ zu tun haben, bei denen soziale Verwerfungen zu besichtigen sind und eine politische Dimension annehmen – deshalb ist auch ein Stück von Henze dabei. Diese Verbindung der modernen Stadt mit sozialen Unruhen ist gewissermaßen der rote Faden. Sowohl „Die freudlose Gasse“ von Pabst, als auch „Die Weber“ sind Filme, die sich mit dem politischen Sprengstoff sozialer Ungleichheit beschäftigen.

Worum geht es beim Klavierabend?

Johannes Kalitzke: Das ist eine Zusammenarbeit mit dem Mozarteum Salzburg, die in Linz bereits Tradition hat. Es werden Stücke von Nono, Hindemith und Beethoven gespielt, Stücke, die sich mit Vorfindbarem nicht begnügen und alle etwas von einem utopischen Entwurf mitbringen. „Stadt / Utopie und Widerstand“ – ist hier etwa die große Linie.

Wer wird spielen?

Johannes Kalitzke: Das werden wie immer verschiedene Studenten der Instrumentalklassen der Universität Mozarteum sein.

 Stummfilm steht jedenfalls sehr im Zentrum der Programmatik?

Johannes Kalitzke: Filme wie „Die Weber“, auch der zweite, den ich gemacht habe [Anm.: in Witten wurde Ende April 2016 vom ascolta Ensemble „Schatten. Eine nächtliche Halluzination. Musikalischer Irrgarten zum gleichnamigen Stummfilm“ für zehn Instrumente von Johannes Kalitzke uraufgeführt], oder „Orlac’s Hände“ von Robert Wiene aus dem Jahr 1924 sind ja alles spät entdeckte Kunstwerke, und zwar eben dadurch, dass sie überhaupt erst heute wieder vorzeigbar sind. Es gibt jetzt digitale Restaurierungsmöglichkeiten, die es vor zwanzig Jahren noch nicht gab. Wenn Sie die Filmrolle von „Die Weber“, wie wir sie vorgefunden haben, mit ihrer Digitalisierung vergleichen, die dann anlässlich der Komposition auch finanziert und ausgeführt wurde, ist das ein enormer Unterschied. Diese alten Rollen sind teilweise so zerstört und mit Brandflecken und Streifen zersetzt, dass es mühsam ist, sich das anzuschauen. Jetzt kann man wieder neue Qualitäten entdecken. Max Reinhardt und der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner waren ja zwei ganz wichtige Künstler zu dieser Zeit, in denen sich der Stummfilm als eine Art „tertium comparationis“ in der Begegnung zweier Kunstebenen verstanden hat. Wenn Sie sich „Das Cabinet des Dr. Caligari“ anschauen, haben Sie eben die Verbindungen der Reinhardt‘schen Gebärdensprache mit der Optik von Kirchner. Daraus hat sich ungeheuer viel entwickelt, weil sich diese Art von Stummfilm anfangs und durchaus noch längere Zeit als eigenständige Kunstform verstanden hatte und nicht als kommerzielles Medium; das kam später. Für jemand, der wie ich sonst Opern schreibt, ist es eine schöne Arbeit, sich dieser Kunstgattung anzunähern. Das ist auch etwas anderes als Musik für einen Tonfilm.

Das ist heute ja eine ganz eigene Branche…

Johannes Kalitzke: Genau.

 

Film, der KomponistInnen verführt

Bei den „Webern“ ging es Ihnen in Ihrer Begleitmusik um mehr als nur eine Illustration des cineastischen Handlungsablaufs? Um Emotionen, Konflikte?

Johannes Kalitzke: Es ist zunächst die Grundfrage: Wie verhält sich Musik zum Film. Gibt es Situationen, wo sie den Film bedient, oder wo sie sich ganz bewusst abwendet und ihr Eigenleben führt? Das ist auch von der Situation abhängig. Man wird erst mal als Komponist zu Dingen verführt, die man freiwillig nie tun würde. Wenn man einen Film wie „Die Weber“ hat, dann gerät man automatisch in die Zeit von Eisler, und auch in die preußische Marschmusik , also zu bestimmten Ebenen des Zeitgeistes, mit denen man sich beschäftigen muss. Wie man die dann einsetzt oder verfremdet, ist eine andere Geschichte. Erstmal ist es etwas Gegebenes, dem man sich nicht entziehen kann. Man nimmt sich also andere musikalische Muster als Grundmaterial als bei einer Musik ohne Film. Insofern ist die Arbeit mit Film immer auch eine Erweiterung des eigenen kompositionssprachlichen Spektrums und dadurch sehr einladend für Abenteuer, die neu sind. Um auf die Frage zurückzukommen: Es gibt viele Stellen, wo solche Klischees bedient werden, aber die werden so versteckt in den Grundfaden der musikalischen Sprache eingearbeitet, dass sie wie in einem Traum erscheinen. Nicht direkt hörbar, sondern irgendwie verwandelt oder verdeckt. Trotzdem ist es so, dass die Musik der „Weber“ die Ästhetik der Zeit, in der der Film gedreht wird, mitbedient und mitberücksichtigt. Am Schluss ist es so, dass der Film immer chaotischere Zustände und immer kämpferischere Handlungen aufweist und die Musik sich dem komplett widersetzt. Sie wird immer ärmer, weil sie damit auch ausdrückt, wie vergeblich das alles ist. Es ist so, als wenn die Musik dem Film die Hoffnung entzieht.

Das Stück Hauptmanns ist ja eine Anklage des sozialen Elends…

Johannes Kalitzke: … Das Stück, aber auch der Film enthält so etwas eine Art Dialektik des Widerstands: Dass der Versuch, mit Gewalt Gerechtigkeit zu erkämpfen, in eine Situation führt, mit der keinem mehr gedient ist. Am Ende sind nur noch Verlierer da. Das ist eigentlich eine Erkenntnis, die ganz am Ende des Films kommt, in den letzten fünf, sechs Einstellungen wird das klar. Aber das macht den Film für mich sehr wertvoll, es ist eben kein Schwarz-Weiß-Revolutionsdrama, sondern in der Aussage durchaus differenziert. Das bestimmt dann auch den kompositorischen Ansatz, wenn man bedenkt, wie das Stück sich vom Ende her definiert.

Ist das in Linz mit œnm/Collegium Novum das erste Mal?

Johannes Kalitzke: Das ist in Linz und Salzburg die zweite Runde, vorher haben wir es schon in Zürich und Donaueschingen gespielt. Und insgesamt wohl die elfte oder zwölfte Aufführung.

Schon sehr toll! Sie sind seit 2015 Professor am Mozarteum Salzburg, sich ein interessanter Ort. Wie ist dort die Situation, verglichen mit Graz, Linz oder Wien?

Johannes Kalitzke: Das kann ich schlecht vergleichen, weil ich mit diesen Hochschulen bisher kaum etwas zu tun hatte, im Gegensatz zu deutschen Musikhochschulen. Das Besondere und Interessante in Salzburg ist, dass die Dirigentenklasse von mehreren Professoren geleitet wird, die sich die Arbeit aufteilen. Das habe ich noch mit dem damaligen Rektor Reinhart von Gutzeit entwickelt, wobei ich wohl nicht der einzige war, der daran beteiligt war. Aber ich habe immer gesagt, es sei nicht unbedingt die beste Lösung, dass ein Dirigierprofessor das ganze Spektrum abdeckt und immer anwesend ist. Besser ist es, man holt sich zwei, drei Leute, die auch kontinuierlich im Konzertleben tätig sind. Das Recherchieren und die Lesart, die man zum Beispiel für Renaissancemusik braucht, kann außerdem nicht von einem Dirigenten abgedeckt werden, der auf das Zeitgenössische spezialisiert ist. Man sollte den Studenten aber das ganze Spektrum anbieten, damit sie später selber wissen, wohin sie sich in ihren musikalischen Interessen eigentlich wenden wollen. Daher ist die Dirigierprofessur in Salzburg gedrittelt, wenn man es so ausdrücken will. In meinem Fall ist sie auch an die Mitarbeit des œnm gekoppelt, sodass die Studenten schon sehr luxuriöse Bedingungen haben, um Programme zu erarbeiten. Das ist ein Konzept, das sehr gut aufgegangen ist und den Studenten und mir große Freude macht.

In Salzburg gibt es ja zum Beispiel mit dem Solitär relativ gute Aufführungsmöglichkeiten auf Uni-Boden? Das ist auch akustisch gut für Neue Musik – im Gegensatz etwa zu den akustischen Bedingungen der Kollegienkirche für bestimmte Stücke, wie man das oft bei den Salzburger Festspielen feststellen muss, wenn das Klangforum dort etwas aufführt.

Johannes Kalitzke: Ja. Ich habe in der Kollegienkirche unter anderem ein groß besetztes Stück von Hanns Eisler gespielt – und das geht überhaupt nicht, man kann eben die Akustik nicht stiladäquat austrocknen. Es gibt ein paar Werke, die sind dafür geeignet, aber vieles kann man nicht gut aushören. Es geht viel an Brillanz verloren, weil hier die Obertöne weggefiltert werden. Aber das Große Studio der Hochschule ist dafür umso besser zu gebrauchen. Auch personell gibt es Erfreuliches: Die Dispositionen der Konzerte der Dirigentenklasse besorgt Alexander Drcar, der ja auch selbst, etwa beim Ensemble die reihe, als Dirigent fungiert. Er ist ein bisschen die Seele der ganzen Institution, weil er auch für Leute, die von außen kommen, den ganzen Überblick hat über das, was passiert, über die Verfügbarkeit der Studenten usw. Daher spielt es für mich nicht so eine große Rolle, wie die Leitungssituation sich jetzt verändert. Es ist ein sympathisches Haus.

Sie haben ja unter anderem bereits fünf Opern komponiert, die letzte war „Pym“ in Heidelberg – nach dem. Roman „The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket“ von Edgar Allan Poe, auch mit Texten von Walter Benjamin und Fernando Pessoa. Gibt es bei Ihnen besondere Pläne, über die Sie etwas erzählen wollen?

Johannes Kalitzke: „Pym“ kam vor zwei Monaten am Theater Heidelberg heraus. Man muss ja mittlere Häuser dieser Kategorie immer wieder bewundern, wenn sie bei solchen Sachen Potentiale entwickeln, die man sonst von großen Häusern gewohnt ist. Das ist ja nicht so einfach, so etwas zu finanzieren. Die haben etwa das Auftragshonorar ohne Drittmittel aus dem eigenen Budget genommen und haben auf Wunsch von Regisseur Johann Kresnik ein ganzes Ballett –Team aus Berlin einkaufen müssen. Das ging an die Grenzen des Machbaren, aber es ging. Und wenn es geht, ist man froh, mit einem Ensembletheater zu arbeiten, das so eine personelle Kohärenz und eine Art Teamgeist aufweist. Da ziehen alle an einem Strang und setzen sich für etwas ein. Im Stagione-Betrieb, so gut der auch funktioniert, kommen einander fremde Leute zusammen, und am Ende trennen sich alle wieder, sodass man dort kein gewachsenes Team erwarten kann.

In Deutschland machen etliche kleinere Theater immer wieder auch Musiktheateruraufführungen.

Johannes Kalitzke: Naja, wenn die alle das Gleiche machen, ist die Gefahr größer, dass Häuser geschlossen werden, als wenn sie sich voneinander unterscheiden, und Gott sei Dank hat der Druck zur Unterscheidung auch damit was zu tun. – Auf Ihre Frage vorhin: Wenn ich wieder ein Opernsujet finden will, würde ich dabei eher wieder eine Kammeroper denken, meine erste Oper war eine Kammeroper und alle anderen waren ja groß besetzt. Vorher steht aber noch ein Film an, der relativ bekannt ist und der vom Filmarchiv Austria vertrieben wird, „Orlac’s Hände“ von Robert Wiene, wie gesagt.

Wurde dieser Film nicht bereits mit einer anderen Musik im Wiener Konzerthaus gezeigt?

Johannes Kalitzke: Ja. Es gibt mehrere Musikfassungen, die beste stammt meiner Meinung nach von einem amerikanischer Komponisten namens Paul Mercer. Die Musik wurde aber jetzt vom Stuttgarter Kammerorchester noch einmal in Auftrag gegeben. Das läuft jetzt als Zusammenarbeit zwischen dem Filmarchiv Austria und arte, die den Film digitalisieren wollen. Ich halte ihn für einen der großartigsten Filme überhaupt und er war einer meiner großen Wunschfilme. Danach möchte ich wieder mehr Kammermusik schreiben, es muss dann wirklich sein, dass man wieder mit „Miniaturen“ einen Ausgleich zu diesen großen Formaten von 100-minütigen Musikstücken schafft.

Sie sind als Komponist, Dirigent und Professor ein Akkordarbeiter!? Im nächsten Jahr dirigieren sie aber kein Zykluskonzert des Klangforum Wiens?

Johannes Kalitzke: Ja genau, bin auch schon tief beleidigt (lacht).

Mit dem Motto „Rhythmen des Widerstands“ für das Festival in Linz, das von ihnen stammt, zeigen Sie auch so etwas wie politisches Engagement?

Johannes Kalitzke: Das ist immer eine grundsätzliche Frage, inwiefern und unter welchen Umständen Kunst politisch ist. Heute gäbe es ja viele Gründe, sich künstlerisch politisch zu verhalten. Andererseits kann man das nicht mehr wie noch vor fünfundzwanzig Jahren partei- oder richtungspolitisch machen. Aber die Frage stellt sich schon, wie man als Musiker oder Komponist das soziologische Umfeld reflektiert. Das ist mir schon sehr wichtig.

Lieber Johannes Kalitzke, vielen Dank für das Gespräch.

Heinz Rögl

Eckdaten:

Name des Festivals: Rhythmen des Widerstandes: Festival Neue Musik

Dauer: 14.-18. Juni 2016

Ort: Brucknerhaus, Untere Donaulände 7, 4020 Linz, Österreich

Weitere Informationen:

Festival Website: www.brucknerhaus.at/aktuelles/detail/news/konstratreich-festival-neue-musik-14-18-juni-2016.html

œnm . österreichisches ensemble für neue musik: http://www.oenm.at/

Interview mit Johannes Kalitzke von 2010: https://www.musicaustria.at/mica-interview-mit-johannes-kalitzke/

Johannes Kalitzke: http://www.johanneskalitzke.com/