mica-Interview mit HVOB

HVOB – kurz für Her Voice Over Boys – sind gerade eben erst auf der Bildfläche aufgetaucht und schon national wie international höchst präsent wie erfolgreich. Aus dem Indie-Pop bekannte Musiker zelebrieren elektronische Musik. Uferlos, wenn auch im House verwurzelt, wunderschön, tanzbar und zwischen Song und Track oszillierend. Über die außergewöhnliche Musik und Erfolgsgeschichte von HVOB sprach Stefan Parnreiter-Mathys mit Sängerin Anna Müller.

Wer ist HVOB und wie klingt ihr? Kannst du den Lesern die Band und den Sound kurz vorstellen?

Anne Müller: HVOB sind Paul Wallner und ich. Wir haben das Projekt Anfang 2012 gegründet, produzieren und komponieren alles gemeinsam, ohne externen Produzenten. Im Sommer 2012 haben wir bei Oliver Koletzkis Label „Stil vor Talent“ unterschrieben, im Herbst dort unsere erste EP „Dogs“ und im März 2013 unser Debüt-Album veröffentlicht. Alles ging sehr schnell, wir haben auf vielen Festivals und Clubs in halb Europa gespielt – und wir sind sehr dankbar dafür, haben einen guten Start hingelegt. Mehr aber noch nicht. Und unser Sound? Wir sind im Sound-Produzieren aber viel besser als im Sound-Beschreiben. Über die eigene Musik zu sprechen fällt mir schwer, Worte würden den Sound doch zu sehr eingrenzen. Am Besten, man hört einfach selbst.

Wie habt ihr zwei euch gefunden, wie kam es zur Band-Gründung, wie viel Vorbereitungszeit habt ihr investiert um diesen rasanten Start hinzulegen?

Anne Müller: Paul und ich kannten uns schon länger und haben schließlich Anfang 2012 beschlossen, ein Projekt zu starten. Ich habe dabei meine langjährige Erfahrung im Songschreiben eingebracht, Paul seine im Produzieren. Zum Sound hatten wir Anfangs keinen Plan, wir haben einfach kompromisslos das gemacht, was uns gefällt. „Dogs“ war unser erster Song, danach wussten wir sehr genau, was unseren Sound ausmacht, wo unsere Stärken liegen und wo wir mit dem Album hin möchten, welches dann innerhalb weniger Wochen fertig war.

Was sind eure Hintergründe und musikalischen Sozialisationen? Euer Live-Schlagzeuger z.B. ist ja als Rockmusiker bekannt?

Anne Müller: Wir kommen alle aus den verschiedensten musikalischen Ecken. Frank Schachinger, unser Live-Schlagzeuger, ist Mitglied der Band „3 Feet Smaller“ – auch für ihn ist HVOB also völliges Neuland. Aber genau das hat das Projekt für uns alle so spannend gemacht – wir wollten etwas Neues probieren. Gleichzeitig etwas schaffen, in dem wir uns alle Zuhause fühlen. Wir haben in den letzten Jahren viel Erfahrung in den verschiedensten Projekten gesammelt, und ich bin davon überzeugt, dass ohne diese Erfahrungen HVOB nicht das wäre, was es jetzt ist. Dadurch wissen wir nämlich sehr genau, was wir möchten und was nicht, aber auch wie Musik-Business abseits der Bühne funktioniert. Zu einem musikalischen Projekt gehört ja nicht nur das Produzieren und Live-spielen, sondern auch Presse, Promo, Buchhaltung, Organisation etc. Das alles liegt in Pauls und meiner Hand. Wir möchten nichts von alledem abgeben. Das ist ein Privileg, das wir uns – eben durch unsere langjährige Erfahrung – erarbeitet haben. Und es bedeutet völlige Freiheit für uns in dem was wir tun.

Im kurzen Jahr eures Bestehens habt ihr schon unglaublich viel erreicht – kannst du eure Entwicklung und die exzellenten internationalen Netzwerke beschreiben? Wie kam es zu solchen Deals, die andere lokale Bands jahrelang anstreben, aber nie erreichen?

Anne Müller: Wie schon gesagt, wir sind ja schon lange im Musikgeschäft und haben uns über viele Jahre Kontakte, Wissen und Erfahrung hart erarbeitet. Da mag der Schein also etwas trügen, dass alles von heute auf morgen passiert sei. Wir haben uns für dieses Projekt Menschen ins Boot geholt, denen wir absolut vertrauen, die über gute Kontakte verfügen und mit uns gemeinsam das Projekt zu dem machen, was es ist. Das ist zu einem Hennes Weiss von der Pratersauna, zum anderen Christian Lakatos vom Urban Art Forms Festival. Sie sind beide Teil von HVOB, wir entscheiden alles gemeinsam. Sie sind nicht außenstehende Personen, die wir bezahlen, sondern gleichwertige Mitglieder dieses Projekts. Und das ist wichtig, denn so arbeiten alle mit derselben Motivation, um etwas nachhaltiges zu schaffen. Aber der direkte Kontakt zur Band sind Paul und ich, wir wollen keine externen Manager oder bezahlte Promo- und Presseagenturen. Außerdem ist es essentiell, ein Label zu finden, das genauso überzeugt und leidenschaftlich hinter dem Projekt steht wie wir. Auch das schafft neue Kontakte, erweitert das Netzwerk und öffnet Türen. Wenn wir das mit „Stil vor Talent“ nicht gefunden hätten, hätten wir es vielleicht selbst versucht.

Was waren die bisherigen Highlights eurer Karriere? Ich denke da z.B. an das Melt oder das Donaufestival … ?

Anne Müller: Das stimmt – das „Melt!“-Festival im Sommer 2012 war ein wichtiges Konzert für uns, viele Veranstalter und Medien wurden erst dadurch auf uns aufmerksam. Ein paar Monate später hat sich Elie Saab bei uns gemeldet, ein sehr bekannter Modedesigner aus Paris, das war schon irgendwie komisch, ich hab keine Ahnung wie er auf uns gekommen ist. Ein paar Wochen später durften wir dann auf der Pariser Fashion Week bei seiner Aftershow-Party spielen. Aber auch das Donaufestival war ein wichtiges Konzert, oder das Fusion-Festival vor ein paar Wochen in der Nähe von Berlin. Und natürlich das Popfest in Wien war ein besonderes Highlight. Es sind so wunderbare Dinge im letzten Jahr passiert, ich bin wirklich dankbar.

Ihr habt ein ganz spezielles Live-Setup, das euch Auftritte in kleinsten Clubs und auf großen Festivalbühnen erlaubt. Kannst du uns dieses Setup und seine Funktionsweise, Vor- und Nachteile beschreiben?

Anne Müller: Unsere Auftritte sind aus Prinzip immer live, deshalb haben wir uns auch dazu entschieden, mit einem Live-Schlagzeuger zu spielen. Wir möchten kein vorgefertigtes Set auf der Bühne performen, sondern sind flexibel in dem, was wir tun. Das ermöglicht uns, auf die Leute einzugehen und gibt uns einen ehrlichen, direkten Kontakt zum Publikum. Viel Flexibilität, die es uns erlaubt nicht nur auf Live-Bühnen, sondern auch in Clubs, die technisch eher auf Djs ausgerichtet sind, aufzutreten, verschafft uns aber, dass wir nur eine Summe von der Bühne schicken. Alle Signale, also die Drums, meine Stimme und alle Instrumentalspuren, laufen in einen Sub-Mixer, Paul mischt uns auf der Bühne und schickt ein fertiges Signal. Wir können so sehr schnelle Changeovers machen und mit minimaler technischer Unterstützung in verschiedensten Rahmen auftreten – ein riesiger Vorteil, wenn man elektronische Live-Musik macht.

Live spielt ihr mit Visuals – wer zeichnet dafür verantwortlich? Und ist das Teil eines bewusst angestrebtes Corporate Designs?

Anne Müller: Wir arbeiten gemeinsam mit den Wiener VJs „lichterloh“, auch da ist es uns wichtig immer dieselben und kompetenten Leute an unserer Seite zu haben. Sie zeichnen sich auch für unsere Videos verantwortlich. HVOB bildet eine visuelle und musikalische Einheit, „lichterloh“ sind also ein fixes Team-Mitglied.

Wie arbeitet es sich als aufstrebende  „Popband“, wenn ich das so sagen darf, in Zeiten der Krise der Musikwirtschaft? Woher kommen eure Umsätze?

Anne Müller: Die einzige Einnahmequelle sind Konzerte. Aber wir haben eben auch hohe Ausgaben. Live-Umsetzung, Booking-Agentur, Label, Visuals, Videos, Grafik etc. – da bleibt nicht viel. Aber wenn man Musik macht, ist man sich dessen bewusst. Wir möchten da nicht jammern. Es geht ja nicht nur der Musikwirtschaft schlecht, viele Branchen kämpfen im Moment und wissen nicht wie sie ihre Ausgaben decken sollen. Wir erleben weltweit einen Wandel – viele Menschen, die vor einigen Jahren noch ein gesichertes Einkommen gehabt hätten, kämpfen sich nun von Monat zu Monat – gerade in meiner Generation. Ich weiß nicht, wo das alles hinführt, aber ich versuche mir davon keine Angst einjagen zu lassen.

Seid ihr gefördert und wenn ja, woher? Wie wichtig ist diese Förderung bzw. ein allfälliges Ausbleiben von Fördergeld für eure Produktionen?

Anne Müller: Für HVOB haben wir bisher noch keine Förderung angesucht. Ich bin aber der Meinung, dass Förderungen essentiell für das Überleben der Kulturlandschaft eines Landes sind. Was der ORF diesbezüglich vor Kurzem geliefert hat ist erbärmlich, da wird mir schlecht.

Ist euer Publikum – in den Clubs – empfänglich für Goodies wie z.B. spezielle, teure Vinyl-Editions mit Siedbruck-Cover, wie man es aus Rock und Metal kennt? Oder verkauft ihr primär CDs? Oder sind Tonträger für euch in erster Linie ein Promotool?

Anne Müller: Teure Vinyl-Editionen gibt es nicht, auch keine anderen Goodies oder Merch-Artikel. Das Geld für diese Dinge ist nicht da, und ich denke dass es das nicht braucht, um die Menschen für seine Musik zu gewinnen. Wichtigstes Promo-Tool ist unser Album, aber auch da die Musik an sich und nicht die physische CD.

Könnt ihr von der Band leben – oder habt ihr nebenbei auch noch andere Projekte?

Anne Müller: Ich spreche in der Öffentlichkeit nicht gern über meine finanzielle Situation, und ich denke es ist der falsche Weg das andauernd zu thematisieren. Um die wirtschaftliche Lage der gesamten Branche weiß mittlerweile jeder Bescheid. Das tut dem Image der österreichischen Musik nicht gut, und nur wir, die Musiker, sind verantwortlich für unser Bild in der Öffentlichkeit. Mehr Selbstbewusstsein würde uns allen gut tun. Ich habe mich bewusst und aus freien Stücken für das Musikmachen entschieden, und ich weiß, was das bedeutet – gerade finanziell. Und leider ist es da völlig egal, ob mich Ö3 auf Heavy Rotation spielt oder nicht. Diese Erkenntnis tut weh, aber sie stimmt. Facebook, Soundcloud, Blogs etc. sind die Vertriebswege auf die wir bauen und diese neuen Medien ermöglichen uns, uns nicht von Radios oder Zeitschriften abhängig machen zu müssen. Das war früher natürlich anders. FM4 ist ein großartiger Unterstützer heimischer Musik, aber ich darf mir davon nicht versprechen Erfolg zu haben. Das wäre naiv.

Was könnt ihr, mit Blick auf euren eigenen Erfolg, jungen Bands raten?

Anne Müller: Kompromisslos durchziehen was man liebt und wovon man überzeugt ist. Nie andere für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich machen – nur du allein bist für deine Sache verantwortlich. Keine Ratschläge von Menschen annehmen, die meinen, sie würden es besser wissen – die wissen nämlich meist gar nichts. Wenn du es gut findest, dann ist es gut für dich. Fertig. Stattdessen Menschen in den Bereichen Booking, Label und Management finden, die genauso überzeugt von deiner Musik sind wie du. Keine Wunder erwarten und sich auf Erfolge nichts einbilden. Sich nicht finanziell von der eigenen Musik abhängig machen – das macht unglücklich und man verkrampft. Und wenn dann doch ein kleines Wunder passiert, geht es sich doch irgendwie aus – versprochen.

Was ist demnächst von Euch noch zu erwarten, woran arbeitet ihr gerade?

Anne Müller: Im August wird ein Remix einer bekannten deutschen Band von uns erscheinen, worauf wir sehr stolz sind. Mehr dazu dürfen wir aber noch nicht verraten. Viele Konzerte, vielleicht eine neue EP, Ende des Jahres, mal sehen. Aber im Moment touren wir viel, um unser aktuelles Album unter die Leute zu bringen.

Abschließend: Wien als Pop-Stadt ist gerade – nicht zuletzt wegen des Buches Wien Pop und des Popfestes, wieder in aller Munde. Was bedeutet der Lebens- und Produktionsstandort Wien für euch?

Anne Müller: HVOB ist kein Projekt, das ich verorten möchte, ich fühle mich also in keiner geographischen Szene verwurzelt. Ich beobachte aber mit großer Neugier die zahlreichen guten Bands und Künstler aus Wien, bzw. Österreich. Francis International Airport, Wolfram, Dorian Concept, GinGa – alles Künstler, die dem Wiener Pop einen internationalen Sound geben. Die Falco-Kruste fängt an zu bröckeln, endlich.

 

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