mica-Interview mit Georg Vogel und Alexander Yannilos (Verein Freifeld)

Einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreut sich die donnerstägliche Reihe „Freistunde in der Strengen Kammer“ im Wiener Porgy & Bess. Ganz offensichtlich sind musikinteressierte Leute wieder hungrig nach spannenden Musik- und Klangerlebnissen und wollen etwas Neues und abseits des herkömmlichen Angesiedeltes kennenlernen. Und genau solches wird ihnen vom Verein „Freifeld“, welcher sich für die Programmierung des kleinen Raumes des international renommierten Jazzclubs verantwortlich zeigt, zur Genüge geboten. Georg Vogel und Alexander Yannilos, die beiden Verantwortlichen hinter diesem Projekt, im Gespräch mit Michael Ternai.

Was wollt ihr mit eurem Verein Freifeld eigentlich bezwecken? Was war der Grund eine Konzertreihe, wie diese, ins Leben zu rufen?

Alexander Yannilos: Ich würde sagen, ein Mangel an Alternativen in erster Linie. Wir haben uns gedacht, dass es an einem Podium für diese gewisse Art von Musik fehlt. Uns war es ein Anliegen, im Unterschied zu manch anderen notdürftig eingerichteten Räumen, ein Setting zu gewährleisten, welches erlaubt, sich auf die Sachen, die man präsentiert bekommt, zu konzentrieren.

Georg Vogel: Darüber hinaus wollten wir auch nicht bloß einfach eine Konzertreihe machen. Es sollte auch der Fokus dahingehend erweitert werden, ein Podium zu errichten, auf dem sich die Szene besser vernetzen kann.

Alexander Yannilos: Und eingeladen sind alle, die das Gefühl haben, ein solches Podium zu brauchen. Wir sind daher bedacht darauf, vom Programm in Sachen Stilistik her sehr offen zu sein, um uns auch in diesem Punkt als eine sehr eigenständige Reihe zu präsentieren.

War es eigentlich schwer Christoph Huber (Porgy & Bess) zu überzeugen, euch diesen Raum zur Verfügung zu stellen?

Georg Vogel: Es hat sich eher alles irgendwie ergeben. Ganz zu Beginn gab es nicht wirklich eine Entscheidung, ob das Projekt jetzt so oder so ablaufen sollte.

Alexander Yannilos: Wichtig zu erwähnen ist, dass das Porgy diesen Raum schon lange zu einem Konzertraum umbauen wollte. Und ich rede jetzt von acht Jahren. Es gab also die Idee schon länger, wirklich konkret ist sie aber nie geworden. Durch verschiedene Sachverhalte haben wir dann die Gelegenheit erhalten, neben der wöchentlichen Reihe Lost & Found von Renald Deppe und der monatlichen Reihe Melomaniac Corner vom polnischen Kulturinstitut für diesen Raum zu programmieren.

Es gibt hierzulande, ja relativ wenige Orte, in denen so ein freies Musizieren möglich ist, besonders für junge MusikerInnen stellt sich die Situation als eine nicht wirklich rosige dar. Inwieweit handelt es sich bei eurer Reihe um eine Art Trotzreaktion dahingehend, zu zeigen, dass sehr wohl ein Konzept wie eures funktionieren kann?

Georg Vogel: Die „Trotzreaktion“ ist die, dass wir bewusst nicht für ein bestimmtes Publikum programmieren. Natürlich macht man Musik für das Publikum, die Programmierung aber alleine danach auszurichten, dass so viele Leute wie möglich kommen, finde ich für mich persönlich nicht wirklich zielführend.

Alexander Yannilos: Wenn man diesen Umstand jetzt als den alleineigen Hauptentscheidungsfaktor heranzieht und die Publikumszahlen als das Wichtigste ansieht, naja. Zwar freuen sich alle Beteiligten wenn ein Konzert gut besucht ist, aber es fällt mir schwer, das alleine als den entscheidenden Aspekt zu sehen. Wir haben das Glück, das die Zahlen auch mit unserem Programm stetig im Steigen begriffen sind. Generell ist es uns schon ein großes Anliegen, uns so unabhängig wie möglich zu halten, von dem üblichen Motiv der Veranstalter, nämlich den Saal voll zu bekommen.

Glaubt ihr, dass viele Veranstalter heute nicht den Mut haben, sagen wir, so riskant zu programmieren?

Georg Vogel: Viele pendeln sich meiner Wahrnehmung nach in diesem Bereich ein, nämlich das Publikum ansprechen zu müssen und das Ganze dann wirtschaftlich lukrativ zu gestalten. Wir legen unseren Fokus eher nicht in diese Richtung. Ich muss dazusagen, dass wir unsere Reihe ganz ohne irgendein Budget auf die Beine gestellt haben.

Alexander Yannilos: Genau. Und wir können auch nicht behaupten irgendeinen Trick zu kennen, der den anderen unbekannt wäre. Wir haben auf der einen Seite schon  Glück gehabt, UNS auf der anderen Seite diese Situation, unabhängig gegenüber manchen Faktoren agieren zu können, aber auch erarbeitet.
Georg Vogel: Die positiven Startvoraussetzungen haben es eben ermöglicht.

Interlude 1&2 from Georg Vogel on Vimeo.

Ist es nicht eine Befriedigung, den Beweis liefern zu können, dass das Konzept, eine Reihe der vollkommenen Offenheit zu veranstalten, auch funktioniert. Sprich, dass es sehr wohl Publikum anzieht.

Alexander Yannilos: Wenn wir daran nicht glauben würden, wäre das ganze Unterfangen wohl schon am Start zum Scheitern verurteilt. Wir selber sind, glaube ich, der beste Beweis. Die Grundidee sollte ja sein, Konzerte zu veranstalten, auf die wir selbst auch gehen würden. Es sollten Konzerte sein, die wir spielen würden usw. Es sollte ein Blick sein der eher von innen gerichtet ist und nicht von außen. Unser Vorteil ist vermutlich, dass wir aus derselben Richtung kommen, wie die, die bei uns spielen. Wir verstehen uns nicht als die typischen Veranstalter, die im Papierkramm versinken und nicht zum Hören kommen.

Wie sieht bei euch eigentlich die Arbeitsaufteilung aus?

Alexander Yannilos:
Der Georg macht einerseits diese wunderschönen Plakate und auch das ganze Graphik-Design. Die Homepage hat auch er gemacht. Er hat auch persönlich die meisten Kontakte zu den MusikerInnen der Szene und übernimmt daher auch sehr viel von der tatsächlichen Organisation. Ich auf der anderen Seite habe den Raum designt und mache auch die Technik und solche Sachen.

Georg Vogel: Ein Schwerpunkt für uns bei dieser Reihe ist auch, die Konzerte aufzunehmen und zu dokumentieren, ein Archiv anzulegen. Und da gehört es klarerweise auch dazu, dass man die Mikrofone und alle andere Technik richtig ausrichtet. Und dafür zuständig ist auch der Alex.

Alexander Yannilos: Generell kann man sagen, dass wir beide die Aufgaben ziemlich genau jeweils zur Hälfte übernehmen.

Und wer trifft die Auswahl der MusikerInnen, die bei euch spielen sollten?

Alexander Yannilos: Die Entscheidung treffen wir gemeinsam. In diesem Punkt waren wir uns schon eigentlich immer schon im Vorhinein schon einig.

Georg Vogel: Es gibt verschiedene Arten, die dazu führen, dass eine Band bei uns spielt. Am liebsten ist es mir, solchen Leuten das Vertrauen zu geben, von denen ich weiß, dass sie in der Lage sind, den Raum so zu bespielen, wie wir uns das im Idealfall vorstellen. Oftmals kommt es vor, dass Leute, die ich frage, gleich auch ein neues Projekt mitbringen. Sprich andere Musik. Was wirklich super und spannend ist, weil in vielen Fällen nicht einmal wir wissen, in welche Richtung es gehen wird. Schön finde ich, dass wir dahingehend etwas abgeben können. Aber, auch wenn wir mehrere wären, die programmieren würden, hätte das seinen Reiz, denn da würde automatisch auch die Vielfalt noch um eine Spur weiter.

Pukl / Vogel from Georg Vogel on Vimeo.

Wie lange wollt ihr diese Reihe eigentlich veranstalten. Gibt es ein bestimmtes Ziel, das ihr ins Auge gefasst habt?

Georg Vogel: Ein bestimmtes Ziel, das irgendwie zeitlich definiert ist haben wir nicht.

Alexander Yannilos: Sollte es auch nicht. Die Institution basiert darauf, dass sie wöchentlich und kontinuierlich stattfindet. Es soll ein Fixtermin für die Liebhaber dieser Musik sein. Die Leute, die kommen wissen im Grunde was auf sie zukommt. Und es steht ihnen frei, soviel Eintritt zu zahlen, wie sie es für wert empfinden. (eben Pay as you wish). Und so denke ich mir, wird sich das am Laufen halten. Wichtig von unserer Seite ist zu sagen, dass eben kein Ende vorgesehen ist. Es soll so lange gehen, solange es möglich ist. Aber zusätzlich machen wir uns schon Gedanken darüber, uns mit dem Verein Freifeld auch außerhalb des Porgy & Bess in irgendeiner Art und Weise zu positionieren. Sprich, wenn sich irgendwo anders eine Räumlichkeit auftut, in der wir etwas machen könnten, warum nicht. Es müssen ja auch nicht nur Konzerte sein.

Georg Vogel: Sprich, wir sind auch auf der Suche nach Räumlichkeiten für unseren Verein.  Denn wollen wir in Zukunft die Infrastruktur bieten dafür, dass wir die Musik auch zu produzieren oder vielleicht auch Proberäume anzubieten, ist ein solcher Ort eigentlich Voraussetzung.

Alexander Yannilos: Wenn man noch mit einbezieht, welch Mangel an Proberäumen generell herrscht und das es aber so viele fantastische Musiker gibt, dann zeigt sich die Lage alles andere als rosig. Du kannst ja von einem Beamten auch nicht erwarten, dass dieser in einem verschimmelten Raum arbeitet. Musiker zu sein, ist auch ein Job, und wenn man nirgendwo proben kann, wo es gut klingt oder wo genügend Platz ist, wird dieser natürlich erschwert. Wir wollen ein Umfeld schaffen, das impliziert, mach das wofür du da bist, nämlich zum Musikmachen.

Georg Vogel: Den Raum, den wir im Porgy bespielen und programmieren, den benützen wir ja nur mit. So einen, der nur uns alleine zur Verfügung steht, einen solchen aufzustellen, ist natürlich ein Ziel.

Ich nehme auch an, dass ihr auch plant, einmal außerhalb von Wien Konzerte zu veranstalten?

Alexander Yannilos: Durchaus. Aber man muss sagen, dass sich das alles erst entwickelt und wir eigentlich erst am Beginn stehen. Die Idee gefällt uns auf jeden Fall. Und es repräsentiert wahrscheinlich auch mehr, was wir eigentlich machen wollen, weil es zeigen würde, dass ein solches Projekt auch unabhängig von der Lokalität funktioniert. Was natürlich in dem Maße stimmt, dass dort die Gegebenheiten, wie etwa eine passende Akustik gewährleistet sein müssten. Aber konkrete Pläne gibt es jetzt noch nicht.

Georg Vogel: Dazu muss man sagen, dass für ein solches Projekt, aktuell die budgetären Möglichkeiten nicht gegeben sind.

Alexander Yannilos: Das ist aber das Ding an der ganzen Sache. Wir können kaum etwas machen, weil es kein Budget gibt, aber wir machen, was wir können. Und deswegen finde ich es auch etwas müßig darüber zu diskutieren, wie etwa bei der Jazzdiskussion kurz vor Weihnachten bei euch im mica. Es wäre vielleicht naiv gewesen auf diesem Standpunkt zu beharren. Trotzdem ist es uns wichtig zu sagen, dass man sich von den potentiellen Möglichkeiten, wo man vielleicht irgendwo eine Förderung erhalten kann, nicht so sehr blenden lassen sollte, dass man darauf verzichtet, das zu tun, was man akut machen kann. Und wir können gemeinnützig, aus der eigenen Energie heraus, eine Konzertreihe auf die Beine stellen, im Rahmen derer jede Woche eine Veranstaltung stattfinden. Wir machen das halt. Und wenn irgendwann einmal das Budget dazukommt, kann man immer noch schauen, was man damit alles machen kann.

Kann man soweit gehen und sagen, dass ihr den MusikerInnen eine Art Selbstverwirklichungsfeld anbietet? Eine Plattform auf der man sich ohne nach rechts oder links zu blicken eine Stunde man sich so richtig musikalisch austoben kann?

Alexander Yannilos: Das ist der Punkt. Diese eine Stunde soll genau diese Selbstverwirklichung fördern. Eine Stunde ist für die Musiker genauso wie für das Publikum auch die genau richtige Spanne, in welcher höchste Aufmerksamkeit möglich ist.

Georg Vogel: Genau. Und aus diesem Ansatz heraus entwickelt sich dann in Folge auch eine Eigendynamik. Man legt die Entscheidung, in welche Richtung es geht, in die Hände der Musiker und die machen dann irgendetwas daraus.

Alexander Yannilos: Oft sind es genau die Situationen, die unverhofft eintreten, sprich wenn wir im Vorhinein absolut nicht wissen, was kommen wird, die faszinieren. Weil wir aus unserer Sicht genau eine solche Richtung einfach niemals ausdenken hätten können. Und das ist super. Denn mit einem jeden neuen Ereignis, erweitert sich auch das Spektrum unserer Veranstaltung. So gibt es Konzerte, im Rahmen derer ein Roter Faden erkennbar ist, und eben auch solche, bei denen wirklich die unerwarteten Sachen passieren. Und das kommt eben davon, dass die Musiker immer selber entscheiden können.

Wo seht ihr euren Verein in ein, zwei Jahren?

Georg Vogel: Eine spannende Perspektive wäre etwa zum Beispiel die schon vorher erwähnte zusätzliche Räumlichkeit, die würde neue Chancen bieten.  Auch wäre es schön, wenn wir in Punkto Finanzierung vielleicht einen Partner für eine Kooperation gewinnen könnten. Generell aber hoffe ich, dass wir uns dann als Institution in dieser Sparte etabliert haben.

Alexander Yannilos: Auf jeden Fall sehe ich uns noch eigenständiger. Nicht in dem Sinn, dass wir irgendeine Beschwerde hätten, wir sind mit dem Porgy und was wir dort machen können sehr zufrieden. Es wäre schon, wenn wir ergänzend zu dem was wir heute machen, noch mehr tun könnten. Und dies wäre mit so einem zusätzlichen Raum durchaus denkbar. Zwei Jahre sind zwar auch keine ewig lange Zeit, aber ich denke, da wird mit Sicherheit noch einiges passieren. Wichtig ist uns auf jeden Fall, dass das Publikum auch dann kommt, wenn die Musiker von sich aus nicht viel promotet haben, alleine deswegen, weil es weiß, dass es bei uns in der Freistunde etwas Schönes gibt.

Fotos: freifeld / Marie Jecel

 

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