mica-Interview mit Ernst Tiefenthaler

Der oberösterreichische Musiker Ernst Tiefenthaler ist der Mastermind und Kopf hinter der alternativen Rockband Bell Etage, er hat gemeinsam mit seinem Bruder Martin die Indie-Folkband Hotel Prestige gegründet und gerade mit seinem Solo-Projekt Ernesty International sein zweites Album „It could be the sun Mr. President“ auf dem steirischen Label pumpkinrecords veröffentlicht. Das Interview führte Markus Egger

Das alte Ernesty International Album wurde in Oberösterreich im Haus deiner Großeltern aufgenommen. Wie war das bei deinem neuen Album „It could be the sun, mr. President!“?

ET: Ja, genau das erste Album hab ich ganz allein aufgenommen und ich habe dann teilweise in Wien noch was aufgenommen eben auch die Stimme von der Franziska (Anmerkung: die Sängerin eloui). Bei dem neuen Album war ich im Haus von meinem Bruder in Niederösterreich, der aber zum Teil eh auch nicht da war. Da habe ich mich auch ein bisschen zurückgezogen. Ich war zweimal ca. fünf Tage dort.

Wie bist Du auf eloui als Sängerin gekommen, sie war ja auch beim ersten Album dabei?

ET: In der Quelle (Anmerkung war der Proberaum von Bell Etage, Thalia und diversen anderen Bands) haben wir im Proberaum zusammen gefunden. Sie war dann auch im Quellenchor dabei. Und dann habe ich sie mal gefragt, ob sie Lust hätte Stimmen auf meiner Platte einzusingen und dann hat sie Ja gesagt….Und das war von Anfang an super!

Live tretet ihr manchmal ja auch nur zu zweit auf?

ET: Ja das haben wir jetzt schon ein paar mal gemacht. So drei mal bisher: Das ist nur mit akkustischer Gitarre und zwei Gesang stimmen. Einmal haben wir in Graz gespielt, dass war super, da haben wir aus irgendeinem Grund drei Stunden lang gespielt. Ich habe quasi alle Lieder ausgepackt, die mir irgendwie eingefallen sind. Die Franziska hat sie zum Teil gar nicht gekannt, sie hat aber trotzdem dazu gesungen. Das war auch ein bisserl das in Graz sein. Da is eh alles wurscht, da kenn ma keinen.

Und wie kam die Unplugged-Idee?

ET: Ja das ergibt sich zum Teil einfach, weil man ja auch nicht überall mit Band live spielen kann. Zum Beispiel das Konzert in Graz war so eine Singer/Songwritergeschichte.

Wo probt ihr jetzt? Die legendäre Quelle gibt es ja nicht mehr?

ET: Der Proberaum wird jetzt Proberaum tauglich gemacht, aber das machen wir jetzt. Das ist genau neben der Szene ein Haus weiter in der Hauffgasse, eine 130 Quadratmeter große Halle, rechts davon eine Tischlerei, links davon eine Baufirma. Es sind alle Bands (Bell Etage, Hotel Prestige, Thalia) erhalten geblieben, die vorher auch dort waren und es sind auch neue dazu genommen: Eine Mädels Band, die sind zu dritt: Agent Cooper und die Morbidelli Brothers, wo der Sheriff Malon und jetzt auch der Herbert (Anmerkung Zgubic, Gitarrist der Rewolfinger und von Hotel Prestige), die werden jetzt auch dort fix proben.

Wird Bell Etage neben Ernesty International weiterhin bestehen bleiben, die Besetzungen der beiden Bands überschneiden sich ja teilweise?

ET: Zwei Leute spielen bei Ernesty mit, aber die anderen zwei die nur bei Bell Etage mitspielen waren jetzt längere Zeit nicht in Österreich, aber wir wollen auf alle Fälle mit Bell Etage weitermachen.

Stimmt es das der Rainer Krispel bei einem Interview mit dir eine Kassette mit Songs mitgebracht hat, die Du als Teenager aufgenommen hast?

ET: Ja das stimmt, die Sandra, die mit dem Rainer verheiratet ist, die war mit mir damals in der Schule und der hab ich damals zwei Kassette mit Aufnahmen gegeben, die ich mit 17 oder 18 aufgenommen hab. Und zu einem Intervew vor ca. zwei Jahren zur ersten Bell Etage CD ist der Rainer dann erschienen mit der Kasette, die ich da schon gar nicht mehr gehabt hab. Das war ganz lustig. Auf der neuen CD ist sogar ein Lied oben, wo ich ein bisschen Anleihen an die alten Nummern genommen hab.

Welche Nummer ist das?

ET: Red Cross.

Das ist eh die Single?

 ET: Ja, genau, das ist sozusagen die Single. Die Grundmelodie von der Strophe hab ich mir da wieder rausgeholt.

Hast Du Dich noch erinnert, was das für Lieder waren?

ET: Zum Teil schon. Zum Teil auch wieder nicht. Es ist mir jetzt keines total neu oder total fremd vorgekommen. Aber ich habe schon vergessen gehabt, dass es das gibt.

Was war das für eine Musikrichtung? Grunge?

ET: Nein, kein Grunge! Schon mit akkustischer Gitarre. Es war eh nicht so viel anders. Aber was mich so schreckt ist die Stimme. Ich hab total angedrückt. (macht Knurrgeräusch nach) Es ist eine extreme Mischung aus Tom Waits, Bob Dylan und Bruce Springsteen. Es ist sehr gedrückt und klingt dadruch auch voll erwachsen, als ob ich ein 50 jähriger Alkoholiker wäre. Das ist mein Gefühl. Das hab ich heute eh auch noch ein bisschen, dass ich was Raues reinlegen will. Aber es war wirklich eine schräge Begegnung mit der Vergangenheit.

Auf Deinem alten (Ernesty) Album besingst Du Francis Ford Coppola auf dem neuen Album Fidel Castro? Woher kommt Deine Vorliebe für diese berühmten Persönlichkeiten?

ET: Es geht nie um die Personen selber, ich will immer ganz was anderes transportieren. Gerade beim Fidel Castro ist das zum Teil in der Presse falsch verstanden worden als totale Verherrlichung. Das ist von meiner Seite nicht gemeint. Es geht mir nicht um eine politische Message. Es geht um das Verherrlichen selbst, aber nicht dass ich das wirklich tue, es geht darum, dass ich es wirklich tue. Man braucht sich den Text ja nur einmal durchlesen, es ist ja so extrem verherrlichend, dass es nicht mehr so gemeint ist. Das Traurige schimmert meiner Meinung nach da schon durch, weil es funktioniert nie ganz aus, dass man ganz mit etwas verschmiltzt. Man kann es zwar probieren, aber…Das ist bei mir oft so beim Songtext schreiben, dass ich irgendwas was mir gerade einfällt hernehme, und um das dann kreise, aber es geht eigentlich gar nicht um das Ding selber. Man kann seine Gefühle direkt ausdrücken, aber das kann ich nicht gescheid. Ein Satz pro Lied reicht ja, der wirklich was tiefes ausdrückt?

Gibt es schon Ideen fürs nächste (Anmerkung Ernesty International) Album?

ET: Das nächste Album ist eigentlich schon fertig. Bei den letzten zwei Platten hat die Aufnahme sehr lange gedauert. Ich bin ja auch aufs Mischen Mastern und das Cover angewiesen. Das neue Album mischt mein Bruder (Anmerkung Martin Tiefenthaler, auch Musiker bei Hotel Prestige). Ich hoffe, dass er im August Zeit hat, so dass es dann fertig gemischt und gemastert ist und zum Cover gibt es auch schon Ideen?

Wieder mit Astronaut (Anmerkung die ersten beiden Ernsety International Cover ziehrt ein Astronaut vor unterschiedlichen Hintergründen)?

ET: Es gibt verschiedene Ideen. Wenn der Astronaut nochmal kommt dann ist es sicher dass letzte mal. Aber es könnte passieren, dann wäre es so eine Art Trilogie.

Deine Texte kreisen um sehr tiefschürfende Themen in dem Song „Master & Child“ geht es um Kindesmissbrauch und in Daddys Revolver geht es um Selbstmord. Wie kommst Du auf das Thema zu einem Song? Das wird ja nicht autobiografisch sein?

ET: Nein, dass ist nicht autobiografisch, die Freiheit nehme ich mir schon heraus, sonst könnte ich wahrscheinlich gar nichts schreiben. Wie das genau passiert, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, wenn es gut ist und hinhaut, dann nehme ich mir die Gitarre in die Hand und spiele und schon beim Melodie machen, singe ich nicht Badadidadada, sondern z.B.: „I saw you in the tabak traffik!“ oder irgendwas, und dann ist schon eine Richtung da und im Idealfall geht das wirklich total schnell und dann hab ich einen topic, z.B.: Francis Ford Coppola ist ein gutes Beispiel. Um das kreist der Song dann, dann kann ich Sätze herumschleudern die davon beeinflußt sind. Es passiert viel zufällig: Der Neil Young hat mal gesagt, wenn er anfangen muss zu überlegen bei einem Lied wie der Text gehen soll, dann hört er auf. Und ein so ähnliches Gefühl ist das bei mir. Wenn es läuft, dann habe ich was gefunden, dann lege ich in mir selber etwas frei, dann verstehe ich mich auch selbst viel besser in dem Moment. Und es tröstet mich auch, wenn ich merke: Hey ich kann das Thema anschneiden, bei dem ich mir denke, damit bin ich alleine. Wenn man dann die Worte dazu findet hat es was befreiendes.

Bei Bell Etage entstehen die Songs aber dann eher im Proberaum?

ET: Da komme ich mit einer Idee daher, seltener mit fertigen Liedern und dann ist es oft so dass ich banalen Scheiß singe wie „hey baby you are so cool“ oder so was ähnliches. Und bei der CDAufnahme wird es dann ernst und bei Bell Etage muss ich dann einen Text schreiben, und auch bei der neuen Ernesty habe ich bei der zweiten viel mehr Zeit als bei der ersten damit verbracht. Wenn ich weiß ich muß dann geht es eh auch besser. Jetzt wiederspreche ich mich ein bisserl selbst. Ein Tritt in den Hintern kann nie schaden fürs Textschreiben.

Red Cross, die Single ist ein Teil eines alten Liedes? Worum geht es genau in dem Song?

ET: Ja, die Melodie habe ich mit siebzehn, achtzehn geschrieben und hab dann noch einen Refrain dazu gebastelt. Ich kann es aber selbst nicht genau auf den Punkt bringen, worum es darum geht, aber ich kann es versuchen:  Es geht um eine Art Sexualität zu der man nicht den direkten Zugang hat und sagt: Ich geh jetzt raus und sage zu einem Menschen: Wow Du gefällst mir, sondern genau das Gegenteil. Nein. Das Gegenteil nicht…Es wird in dem Refrain angesprochen: You gotta hide the love, this is the price you gotta pay! Ein Bild dass ich gerne habe, in den 80er Jahren gab es ein Bild, wie Greenpeace so groß geworden ist, dass man die Robben mit roten Kreuzen besprühte, damit man ihr Fell nicht mehr verwenden kann.

Das kommt ja auch im Video vor?

ET: Ja, wobei das Video nicht offiziell autorisiert ist, das ist zwar über pumpkinrecords gelaufen, es wird auf Youtube herumgeistern, aber nicht auf der Bandhomepage zu sehen sein.

Wird es ein offizielles Video für Ernesty geben?

ET: Ja es gibt eine Idee. Aber wir wissen noch nicht zu welchem Song. Es könnte Wait werden, es könnte aber auch Daddy´s Revolver oder auch ein eigenes Video zu Red Cross werden.

Du spielst ja in mehreren Bands, bei Hotel Prestige, bei Bell Etage und bei Ernesty International. Wie unterscheidet sich da deine Rolle in den unterschiedlichsten Bands?

ET: Hotel Prestige ist momentan ziemlich auf Eis. Der Reinhard kriegt ein Kind, wir haben jetzt ewig lang nicht geprobt. Hotel Prestige waren ursprünglich der Martin und ich machen eine Band und singen dann meine Lieder. Das war im Jahr 2001. Der Johnny war Schlagzeuger. Und der Reinhard ist dann später dazugekommen. Bell Etage ist E-Gitarren lastiger. Die Guitarrengeschichte soll schon gescheid grooven, und dann singt man drüber und das ist anders, als wenn das von der Gesangsstruktur lebt. Bei Bell Etage spiele ich die E-Guitarre und das ist eine Rockband. Nur bei Ernesty spiele ich nur akkustische Guitarre, was ich auch aber nicht mehr nur machen möchte.

Welchen Stellenwert haben die unterschiedlichsten Bands für dich?

ET:Ernesty fühlt sich gerade am Frischesten an. Bei Bell Etage müssen wir halt schauen nach der langen Pause, wie es sich entwickelt. Wir wollen auf jeden Fall, nachdem das zweite Album etwas ruhiger war, haben wir schon alle gesagt, dass die dritte rocken soll. Sie soll wieder ein bisschen härter sein. Ich freue mich schon auch sehr wieder auf Bell Etage. Es wird so sein, dass wir mit den Ernesty weniger proben, bei Bell Etage werden wir einenhalb bis zweimal in der Woche proben. Es wird mit Bell Etage weiterhin viel passieren. In welche Richtung es genau geht wissen wir noch nicht. Ich freu mich über die Solo Sachen auch voll und ich werde das auch sicherhin weiter machen. Das zweite Kind vom Reinhard kommt im Herbst und deshalb machen wir bei Hotel Prestige im Moment nichts. Aber wir wollen sicher wieder weitermachen.

Schreibst Du bei Hotel Prestige die Texte?

ET: Es gibt Lieder von mir und es gibt Lieder vom Reinhard und bei meinen Liedern schreib ich auch die Texte. Manchmal kommt es auch vor das der Reinhard im Proberaum spontan was zu meinen Liedern erfindet. Das kommt auch manchmal vor. Aber normal ist es so, entweder komme ich mit einem Lied oder der Reinhard. Sogar der Herbert hat schon mal einen Song geschrieben. Das war das Shakespeare Lied, dass mal auf einem pumpkin-Poem-Sampler drauf war.

Mit welchem Alter hast Du begonnen eine Guitarre in die Hand zu nehmen?

ET: Da war ich 18 oder 17. Ich hab Stellung gehabt und war vorübergehend untauglich. Und dann hat meine Mutter gesagt, magst nicht irgendetwas mit deinem Leben machen: Und hat gesagt, magst vielleicht eine Gitarre..(lacht) also voll uncool. Und dann bin ich halt mit ihr zum Gitarrengeschäft: Das ist totaler Rock N´Roll mit 18 mit der Mama zum Gitarrengeschäft. Das war der Forstinger in Linz in der Goethestrasse. Und witzigerweise habe ich ein Bob Dylan Songbook auf einem Ständer mit 300 Liedern gesehen und da waren auch die Griffe aufgezeichnet und das war auch meine Rettung. Da habe ich mir die Griffe angeschaut und auch schnell eigene Lieder geschreiben und habe relativ viel Zeit mit der Guitarre in meinem Zimmer verbracht. Das war auch ein Lebenszeichen von mir, darauf hab ich mich verlassen können.

Welchen Stellenwert hat die Musik heute in Deinem Leben?

ET: Ich weiß natürlich nicht, wie es wäre, wenn ich dass nicht hätte, aber es ist sicher das, was ich am liebsten mache und wenn ich dass nicht hätte, wüßte ich nicht wie es mir dann ginge. Ich werde es sicher weiter machen. Es ist natürlich das Wichtigste und wo ich natürlich ich selber sein kann und wo ich auch das Gefühl habe, dass ich was kann. Also das Gefühl, dass ich mich als vollwertiger Musiker fühlen kann. Dieses Gefühl habe ich noch nicht lange und noch nicht voll so. Das kommt jetzt erst.

Danke für das Gespräch!

Fotos Ernst Tiefenthaler: Markus Egger

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