Bild Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr
Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr (c) Stefan Fuhrer

“Mit jeder Entscheidung, die ich treffe, verliere ich Möglichkeiten in eine andere Richtung.” – mica-Interview mit Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr

Seit mehr als fünfzehn Jahren reist Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr mit ihrer Plattentasche von einem Club zum nächsten. Ihren internationalen Ruf erspielte sie sich nicht nur mit ihren DJ-Sets; auch ihre eigenen Veröffentlichungen und die von ihr ins Leben gerufenen Projekte female:pressure und open:sounds haben Geschichte geschrieben. Im Interview spricht sie über die Anfänge ihrer Karriere, die Notwendigkeit der Vernetzung und ihre Zukunftspläne.

Als du mit dem Auflegen begonnen hast, war die Wiener Techno-Szene erst in der Formierungsphase. Kannst du bitte ein wenig über deinen Einstieg zum DJing erzählen?

Susanne Kirchmayr: In den 1980er Jahren gab es in Wien das Lokal Trabant, das ich sehr mochte und wo ich oft hingegangen bin. Das Publikum hat sich vor allem aus dem Umfeld der Studierenden der Universität für Angewandte Kunst zusammengesetzt, und die “üblichen Verdächtigen” aus dem Wiener Nachtleben haben ihre Lieblingsplatten gespielt. Ich dachte mir, dass ich das auch gerne machen möchte, und habe einfach gefragt, ob ich auflegen kann. So hat meine Karriere im Trabant angefangen (lacht). Das hat Spaß gemacht, aber mit dem DJing im zeitgemäßem Sinn hatte es wenig zu tun, denn ich habe sehr eklektische Sachen gespielt wie HipHop, Soul, Funk, aber auch anderes. Ungefähr 1991 habe ich begonnen Techno-Platten zu kaufen, weil diese Musik für mich sehr gut konsumierbar war, während viele andere in Wien genervt waren und teilweise die Meinung vertraten, dass Techno mit drei K geschrieben wird und deutsche Faschistenmusik sei. Es gab sehr große Ressentiments gegen Techno, was letztlich auch dazu führte, dass eines Abend, als ich zu meinem regelmäßigen DJ-Auftritt ins Trabant kam, schon ein anderer DJ am Pult stand. Es hieß dann, du legst heute nicht auf. Insofern war meine Orientierung nach Deutschland zwangsläufig, und ich bin dann auch relativ überstürzt nach Berlin gezogen, um im Plattenladen Hardwax zu arbeiten.

Du warst insgesamt drei Jahre in Berlin und hast im Hardwax und als DJ gearbeitet. Wie hat sich diese Zeit auf deine musikalische Entwicklung und deine DJ-Tätigkeit ausgewirkt?

Susanne Kirchmayr: Durch meine Arbeit im Hardwax hatte ich nicht nur einen sehr guten Zugang zu Platten, sondern auch zur Techno-Szene. Das Hardwax war damals und ist noch heute eine Art Institution im internationalen Techno-Netzwerk, und es gab sehr viele persönliche Kontakte zu namhaften nationalen und internationalen DJs und Club-Betreibern, weil sie alle, wenn sie in Berlin waren, ins Hardwax kamen, um Platten zu kaufen. Das war sehr wichtig, denn in Wien gab es am Beginn der 1990er Jahre erst eine sehr kleine Techno-Szene, zu der ich keinen Zugang hatte. Als ich 1996 wieder nach Wien übersiedelte, dachte ich zunächst, dass meine Kontakte durch den Umzug abreißen könnten, aber dem war nicht so, denn der Name Hardwax blieb wie ein Label an mir kleben. Vorher haben die Leute im Hardwax angerufen, um mich zu buchen, und nachdem ich wieder in Wien war, riefen sie mich hier an. Erst nach und nach wurden meine Bookings komplett von meiner Agentur übernommen. Ich werde weltweit von unterschiedlichen Clubs gebucht, mache verschiedene Musikkooperationen und seit mittlerweile sechs Jahren habe ich eine DJ-Residency im Club Crazy im Flex.

Hat es Anfang der 1990er Jahre auch schon Frauen gegeben, die aufgelegt haben?

Susanne Kirchmayr: Ja, es hat einige gegeben wie beispielsweise Ladyfunk in Wien, die viel auf den damaligen Soul Seduction Parties aufgelegt hat. Das waren in den 80ern über einige Jahre hinweg die besten Parties in Wien. Dann gibt es bis heute Miss Djax (http://www.djax.nl) aus den Niederlanden. Sie hat auch sehr früh mit dem DJing begonnen und betreibt das gleichnamige Label Djax Records, auf dem sie viele Releases der heute renommierten US-amerikanischen und europäischen DJs veröffentlichte.
Und dann gab es natürlich Marusha (www.marusha.de), die mit ihrer Radio-Sendung “Rave Satellite” Anfang der 1990er Jahre Techno verbreitete und viele Jahre für die ostdeutsche Techno-Szene eine Identifikationsfigur war. Monika Kruse (www.monikakruse.de) und Acid Maria (www.miezi.de) haben auch beide sehr früh begonnen. Mittlerweile ist es normaler geworden, wenn Frauen DJs sind. Ich habe den Eindruck, die idiotischen Kommentare sind weniger geworden, und bei female:pressure kann ich auch beobachten, dass sich immer mehr Frauen trauen zu sagen, dass sie das auch machen wollen.

female:pressure (www.femalepressure.net), die internationale Datenbank für DJ- und VJ-Frauen, Produzentinnen und Akteurinnen in der elektronischen Musikszene, feiert nächstes Jahr (2008) den 10. Geburtstag. Wie stehen eigentlich die Frauen, für die diese Datenbank ins Leben gerufen wurde, zu dieser Art von Vernetzung?

Susanne Kirchmayr: Sie haben ganz unterschiedliche Haltungen. Es gibt sehr, sehr wenige Frauen, die damit nichts zu tun haben wollen. Dann gibt es einen guten Teil von Frauen, die female:pressure sehr schätzen und die damit verbundenen Möglichkeiten gerne nutzen. Ein paar wenige nutzen das Netzwerk sehr intensiv und engagieren sich auch dafür, wovon einige in Hamburg sitzen. Der Großteil der Frauen lässt sich mit-featuren, d.h. sie nutzen das Netzwerk nicht aktiv, aber sie tragen es indirekt mit. Einige stehen dem Netzwerk indifferent gegenüber und haben im Zweifelsfall Angst, dass sie ausgegrenzt werden, wenn sie sich in feministische Aktivitäten involvieren. Sie wollen ihre Kumpels nicht ausschließen oder auch nur den leisesten Eindruck erwecken, dass sie sich gegen männliche Netzwerke stellen. Es ist angstbesetzt, sich für Frauen stark zu machen. Eine Angst, die ich nicht teilen kann, denn mit jeder Entscheidung, die ich treffe, verliere ich Möglichkeiten in eine andere Richtung.

Hat sich die Bedeutung von female:pressure in den letzten zehn Jahren verändert? Es ist mittlerweile eine sehr umfangreiche Datenbank mit weltweit aktiven Frauen.

Susanne Kirchmayr: Eine Freundin sagte vor kurzem zu mir: “Du weißt gar nicht, welche Macht female:pressure eigentlich hat.” Das kann sein, ist mir aber nicht bewusst, denn ich betone immer wieder, dass die Datenbank ein praktisches Arbeitswerkzeug ist. Es gibt ganz bestimmt Leute, die die Meinung vertreten, dass bei female:pressure nur Stümperinnen am Werk sind, die sich wichtig machen wollen und unter diesem Namen eine Auftrittsmöglichkeit bekommen. Aber es gibt auch die Gruppe, die sagt, female:pressure sei praktizierter Sexismus. Letztlich hängt die Bedeutung von female:pressure davon ab, wie weit jede einzelne das Netzwerk nutzt, wie beispielsweise mit dem Veranstalten von female:pressure-Parties. Aber oftmals bekomme ich es auch nicht mit, was sich weiterführend aus den Kontakten ergibt und wie konkret die Arbeitsmöglichkeiten für die Einzelne dann tatsächlich werden. Es gibt zum Beispiel Lolita, ein Teil des Club Loft in Barcelona, die seit Jahren female:pressure Parties organisieren. Wenn female:pressure keine Bedeutung hätte, dann würden wir das nicht machen. female:pressure ist auch ein Transportmittel geworden, das eine gewisse Identifizierung ermöglicht. Es ist eine Art Etikett, das bewirkt, dass ein paar Leute zu den Parties kommen.

2006 ist die CD open:sounds Vienna mit Stücken von DJs und Produzentinnen aus Wien erschienen. Aber open:sounds besteht nicht nur aus einer CD, sondern ist auch eine Produktionsplattform. Ist open:sounds eine Erweiterung von female:pressure?

Susanne Kirchmayr: Ja, das ist definitiv in progress und noch lange nicht abgeschlossen. open:sounds (http://www.femalepressure.net/opensounds.html) ist ursprünglich die Idee von Andrea Mayr, wir haben dann gemeinsam an der Realisierung gearbeitet. open:sounds richtet sich an Musikerinnen und Produzentinnen, die bei female:pressure vertreten sind, und sollte im Idealfall als Produktionsplattform für die Community fungieren. Das heißt, es können Sounds ausgetauscht und damit herumgespielt werden, ohne eine konkrete Verpflichtung einzugehen. Zur Zeit stehen einige Sounds auf der Website, aber sie werden nicht wirklich genutzt. Das wollen wir verändern bzw. wollen wir herausfinden, ob es einen Bedarf gibt oder ob es bislang noch zu wenig Produzentinnen sind, die Interesse haben, diese Produktionsplattform in Bewegung zu halten. Der nächste Schritt wird eine DVD sein, wenn der Antrag zur Finanzierung genehmigt wird. Damit wollen wir den DJs und VJs eine Präsentationsfläche bieten und zugleich auch open:sounds aktivieren, indem die Musik für die DVD von open:sounds kommen soll.

Kann die geringe Nutzung von open:sounds auch damit zusammenhängen, dass es bislang noch immer weniger Frauen gibt als Männer, die Musik produzieren?

Susanne Kirchmayr: Ja, es gibt noch weniger Produzentinnen als DJ-Frauen. Meines Erachtens verläuft es meistens so, dass die Leute zunächst DJ werden und in einem zweiten Schritt mit der eigenen Musikproduktion beginnen. Es gibt ein paar wenige Fälle, bei denen es umgekehrt verlaufen ist, aber ist habe es meist so erlebt, dass wir mit dem Auflegen begonnen haben, weil es automatischer verläuft als das Produzieren. Du gehst in die Clubs, magst die Musik, kaufst die Releases und möchtest sie dann als DJ selbst gerne spielen. Mit dem DJing kommt dann meist der Wunsch, selbst Musik zu produzieren. Das ist eine logische Abfolge, aber Frauen sind etwas später dran, weil viele der bei female:pressure eingetragenen DJs noch nicht lange auflegen. Einige von ihnen werden sicherlich mit dem Produzieren beginnen, aber es braucht seine Zeit.

Wie war das mit deinen ersten Releases?

Susanne Kirchmayr: Mit dem DJing wird das analytische Gehör geschult, weil du zum Beispiel einzelne Tonspuren und Instrumente voneinander unterscheiden kannst. Das ist einer der ersten Schritte um nachvollziehen zu können, wie die Musik produziert wird. Letztlich ist das Ganze nicht besonders kompliziert (lacht). Heute beginnen die meisten Leute mit Software; als ich anfing, gab es nur die Maschinen. Du drückst eine Taste, drehst an einem Knopf und hörst plötzlich was. Das macht Spaß, weil es faszinierend und haptisch gleichermaßen ist. Bei der Software gibt es andere Vorteile. Du hast relativ schnell einen halbwegs fertig klingenden Track, den du durch Mausklick verändern und verbessern kannst. Das ist eine andere Herangehensweise.
Ich habe am Anfang mit Leuten zusammengearbeitet, die die Technik schon beherrscht haben. Sie haben meine Spielereien an den Synthesizern und Drum Maschinen integriert und die Tracks arrangiert. Heute mache ich alles alleine und verwende sehr gerne Synthesizer. Das heißt, ich nehme die Tonspuren auf, spiele sie ein und bei Live-Auftritten werden die Audiofiles neu arrangiert und bearbeitet, wobei das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Ist nach dem DJing und dem Produzieren von eigenen Musikstücken die Labelgründung der nächste Schritt?

Susanne Kirchmayr: Früher war es durchaus üblich, dass die Labelgründung ein logischer Schritt war, aber das hat sich in den letzten Jahren verändert, nicht zuletzt, weil es sehr viele Labels und immer weniger Vertriebe gibt und sich die bestehenden Vertriebe gerade beraten. Ich würde die Gründung eines eigenen Labels nur Leuten empfehlen, die Geld übrig haben und die, statt sich schicke Klamotten zu kaufen, ein paar Platten rausbringen möchten. Als Einnahmequelle funktioniert ein Label nicht. Ein eigenes Plattenlabel kann sich gut ergänzen mit deinen anderen Tätigkeiten, beispielsweise, wenn du dich – zumindest in einem kleineren Kreis – erfolgreich etabliert hast. Dann können über das Label durchaus positive Rückmeldungen kommen und du bekommst mehr Einladungen. Davon würde ich aber mittlerweile nicht mehr zwangsläufig ausgehen.

Du hast dein Label indigo:inc 2003 gegründet. Was war die Intention?

Susanne Kirchmayr: indigo:inc (www.indigo-inc.at) ist ein Autoren-Label, auf dem ich meine Produktionen und vielleicht die meiner Freunde und Freundinnen veröffentlichen möchte. Es ist für DJs sehr schwierig geworden, ein Label zu finden, denn selbst ich kriege für mein kleines Label regelmäßige Anfragen von DJs. Ich plane aber für die nächste Zeit, meine eigenen Releases herauszubringen und bin eher nicht auf der Suche nach DJs, deren Musik ich veröffentlichen kann. Musikalisch bewege ich mehr ja sehr gerne in experimentelleren Bereichen. Es entspricht mir fast mehr, wenn ich ein bisschen Krach machen kann, (lacht) aber natürlich mag ich auch Beats und Tanzflächenmusik. Insofern werden meine nächsten Releases eine Mischung aus beiden Bereichen sein.

Gibt es für die nächste Zeit noch weitere Pläne neben der female:pressure DVD und deinen eigenen Veröffentlichungen?

Susanne Kirchmayr: Ich arbeite regelmäßig mit Mia Zabelka zusammen und ein gemeinsames Stück wird auf der von ihr geplanten CD erscheinen. Das erste Konzert mit Pia Palme im Mai 2007 war auch ganz viel versprechend, ich denke, dass diese  Kooperation noch weiter gehen wird. Darüber hinaus wird es im Oktober eine Premiere mit Akemi Takeya (www.imeka.net) geben, einer Performance-Künstlerin aus Japan, die seit vielen Jahren in Wien lebt.

Vielen Dank für das Interview.
Interview geführt von Rosa Reitsamer

Electric Indigo