Bild Clemens Wenger
Clemens Wenger (c) Rania Moslam

mica-Interview mit Clemens Wenger

Clemens Wenger, Pianist, Komponist und geistiger Vater der JazzWerkstatt, kann beim gerade stattfindenden “Mostly Jazz”-Festival gleich zwei Mal sein Können unter Beweis stellen. Zuerst am 9. Juni mit der Vienna-New York Connection und am 11.Juni schließlich mit seinem Weggefährten Clemens Salesny. Im mica-Interview mit martin gansinger spricht er über seine “wilden Jahre” mit Clemens Salesny, die ihm eigene Arbeitsweise der größtmöglichen Vernetzung und die Verhirnung des Jazz…

Dein Duo mit Clemens Salesny ist von einer relativ lockeren, zwanglosen musikalischen Zusammenarbeit geprägt, die ja auch ganz euren Charakteren entspricht. Trotzdem habt ihr schon zahlreiche Auftritte in dieser Besetzung gespielt und vor kurzem auch eure Debüt-CD “die wilden Jahre” vorgelegt. Kannst du kurz eure Arbeitsweise beschreiben?

Clemens Wenger: “Dieses Duo ist uns eigentlich mehr oder weniger passiert, es bestand nicht die unmittelbare Absicht zusammen zu spielen oder eben eine CD aufzunehmen. Das hat sich aus unseren Duo-Experimenten auf den Sessions und eigentlich auch aufgrund vieler, mit gemeinsamen Musikhören verbrachen Abende in der Wohnung vom Clemens entwickelt, die aufgrund seiner riesigen Platten-, Videos- und Büchersammlung natürlich ein großer Anziehungspunkt für mich war.
Das hat sich ganz logisch ergeben, dass wir auch gemeinsam musikalische Ideen ausprobieren und immer wieder zusammen spielen, aber eben ganz ohne den Druck, jetzt als Duo unbedingt etwas auf die Beine stellen zu müssen. Auf ähnliche Weise ist uns auch die CD passiert, wir haben irgendwann festgestellt, dass wir schon relativ viel eigenes Programm haben und die musikalische Kommunikation schon ganz gut funktioniert. Da war der Schritt ins Studio nur die logische Fortsetzung um diese Phase zu dokumentieren. Es ist aber nicht so, dass wir bei Konzerten jetzt unbedingt auf das CD-Material zurückgreifen. Es gibt aber auch Dinge, die sich als roter Faden durch unser Programm ziehen, eben diese Mingus- und Monk-Geschichten, die wir schon seit Jahren immer wieder spielen. Andererseits probiere ich auch gerne meine eigenen Kompositionen zuerst im Duo aus, bevor ich die in einem größeren Kontext umsetzte, was ganz praktisch ist. Das Duo ist für mich so eine Art work-in-progress, ohne großartige Zielsetzungen in Hinsicht auf Tourneen oder immer wieder neue Programme, die man den Veranstaltern verkaufen muss.

Ihr spielt auch immer wieder in erweiterter Besetzung, im Rahmen der JazzWerkstatt 2006 habt ihr mit Cafe Mut (Musik und Tanz) eine um zwei Tänzerinnen und Schlagzeuger Thomas Froschauer erweiterte Formation präsentiert. Wie kam diese Kooperation zustande?

Clemens Wenger: “Cafe Mut ist eigentlich aus der Initiative der Tänzerinnen Marlene Wolfsberger und Iris Heitzinger heraus entstanden. Da die beiden in den nächsten Monaten mit Engagements in verschiedenen europäischen Ländern beschäftigt sind, wird es im Rahmen der heurigen JazzWerkstatt zu keinem Auftritt in dieser Besetzung kommen. Eine intensivere Arbeitsphase und vielleicht auch der ein oder andere Auftritt sind für Herbst 2007 geplant. Heuer werden wir unserer gemeinsamen Faszination für Sun Ra Ausdruck verleihen, indem wir in der Werkstatt eine ganz besondere Performance mit sehr, sehr vielen Gastmusikern durchführen werden. Man kann sich als Duo eben immer wieder andere Musiker einladen, weil man ohnehin sehr flexibel ist und recht offen spielen muss damit das auch im Duo funktioniert. Wir haben zum Beispiel keine fixen Parts, was die Aufteilung von Rhythmus- und Melodie-Funktion betrifft. Dadurch ergibt sich auch kein Problem, wenn ein Schlagzeuger oder Bassist – oder auch ein anderer Musiker – mit uns spielt.

Ihr arbeitet bei euren Duo-Auftritten auch gerne mit Video-Material, was der Musik eine weitere Dimension hinzufügt. Ist das auch Teil des Konzepts?

Clemens Wenger: Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, machen wir das ganz gern. Ich beschäftige mich eben neben dem Klavier auch mit anderen Dingen, Filmmaterial aufnehmen und schneiden, Tontechnik – das interessiert mich alles sehr stark. Das ist eine ganz gute Abwechslung. Bei Cafe Mut schneide ich natürlich auch viel Bildmaterial mit, allein schon aus Probegründen – um zu sehen, was funktioniert, was funktioniert nicht. Das ist durchaus ein interessantes Betätigungsfeld für mich.

In den nächsten Monaten erscheint deine erste CD unter eigenen Namen, die als Solo-Veröffentlichung angekündigt ist. Was war der Grund dafür, dein Debüt mehr oder weniger im Alleingang zu bestreiten?

Clemens Wenger: Es hat sich in den letzten Jahren eigentlich keine konstante Formation herauskristallisiert, mit der ich regelmäßig arbeiten würde. Meine Aktivitäten haben meistens eher Projektcharakter. Das hat den Vorteil, dass ich mit sehr vielen unterschiedlichen Musikern zusammenspielen kann, die ich mir jetzt als Gäste für meine Solo-CD einlade. Mir gefällt z.B. Pieces of a Dream, die erste CD von Wolfgang Puschnig auch sehr gut, auf der er ja auch nur in Duo-Besetzungen mit verschiedenen Gastmusikern zu hören ist, weil daraus ein sehr abwechslungsreiches und persönliches Dokument entstanden ist. Das ist für mich auch so eine Art Vorbild, was meine persönliche Arbeitsweise betrifft. Diese Arbeitsweise liegt mir einfach auch sehr gut, weil ich mich nicht auf eine fixe Band oder bestimmte Musiker beschränken muss. Es gibt bestimmt gemeinsame Aufnahmen mit Herbert Pirker und Raphael Preuschl zu hören, mit denen ich hier in Wien angefangen habe zu spielen. Das braucht natürlich alles seine Zeit, bis das reift. Ich werde neben dem Klavier auch am Computer und – so wie bei Market Rasen, der Band mit Herbert Pirker und Max Nagl – auch am E-Piano Setup, also elektrisch – zu hören sein. Das sind alles Dinge, die ich in den letzten Jahren gemacht habe und das wird jetzt meine Reflektion darüber sozusagen, was ich mir selbst darunter vorstelle.

Deine Arbeit im Rahmen der JazzWerkstatt nimmt bestimmt auch einen großen Teil deiner Zeit in Anspruch…

Clemens Wenger: Ich hab’ in den letzten Jahren sicher genauso viel an der Organisation der JazzWerkstatt gearbeitet wie an meinen eigenen künstlerischen Projekten. Das ist für mich aber eine ganz entscheidende Erfahrung, weil man eben auch mit anderen Dingen konfrontiert wird und das Musiker-Dasein auch ein wenig von außen her betrachten kann. So bekommt man einerseits die Probleme des Musikerdaseins, andererseits aber auch die Schwierigkeiten auf Seiten des Veranstaltungsbetriebes mit. Und durch unser eigenes Label ergibt sich auch ein Einblick darin, was es heißt, CDs zu verkaufen. Da müssen wir genau so viel improvisieren wie in der Musik, man muss sich immer wieder überlegen, wie man bestimmte Dinge umsetzt – die JazzWerkstatt ist wie ein Lehrgang für Improvisation in der Veranstaltungsbranche – mir taugt das eigentlich. Auch wenn ich gerade nicht so viel im Proberaum herumsitze oder spiele. Aber rein menschlich ist das eine großartige Erfahrung für mich – und das ist für mich ohnehin das Wichtigste an der Jazz-Musik, in der eh schon viel zu viel verhirnt ist.

Was genau meinst du mit verhirnt?

Clemens Wenger: Diesen ganzen technischen, schulischen Zugang – dieses “die Künstler sind die Künstler” – mich interessiert viel mehr der Umgang mit den Leuten. Einfach zu schauen, wo ist da eine Basis, was für Leute interessieren sich eigentlich für diese Musik, wie kann man jemanden nicht nur ködern sondern auch berühren? Das interessiert mich eigentlich sehr viel mehr als irgendwelche Akkorde zu analysieren oder den ganzen Tag lang Skalen auswendig zu lernen. Und das wirkt sich aber auch ganz entscheidend auf mein Spiel aus, denke ich. Man kann sich als Künstler auch sehr gut in seinen Elfenbeinturm zurückziehen, im Proberaum hocken, zum Konzert gehen und darüber beklagen, dass die Anlage nicht gut und der Tontechniker ein Depp ist, dass der Veranstalter zuwenig Bons hergibt und dass zuwenig Leute da sind -oder zuviel – dass die zu laut sind oder zu zurückhaltend – man findet immer irgendetwas zum Kritisieren. Von dieser Sorte gibt es sehr viele unter den Musikern – das weiß ich auch aus eigener Erfahrung, ich war ja auch einmal so ähnlich. Die spielen dann ihr Zeug und gehen heim. Nur, so wird diese Musik bestimmt nicht am Leben gehalten – die ja ohnehin so oft totgesagt wird. Es ist eben oft ganz hilfreich, sich näher an der Sache zu bewegen. Jazz ist eine Kommunikationsform, eine ziemlich ehrliche sollte das sein, darum habe ich zu spielen begonnen, darum hat mich das auch so interessiert ein Instrument zu lernen und Technik und ein entsprechendes Fachwissen zu erwerben. Aber in der Praxis gehören eben auch andere Dinge dazu, die man gar nicht üben kann im Proberaum. Man lernt schon ganz gut zuzuhören, wenn man sich zu siebent an einen Tisch setzt und gemeinsam ein Projekt realisiert – oft besser als an irgendeiner Hochschule. Da muss man eben auch immer wieder runtersteigen von seiner Meinung und Kompromisse eingehen. Das ist nicht viel anders als in einem 7-köpfigen Ensemble zu spielen – da muss man auch darauf eingehen, was die anderen machen und kann nicht stur das spielen, was man zuhause geübt hat. Aber ich will mich ja auch nicht profilieren mit dieser Arbeit, das ist einfach ein irrsinnig guter Lernprozess für mich persönlich – was sich natürlich auch auf meine künstlerische Aktivitäten auswirkt. Darum ist die JazzWerkstatt ein erfolgreiches Projekt, auch über den künstlerischen Output hinaus. Die JazzWerkstatt ist ein großartiger Kommunikationspunkt, der die Leute wieder dazu bringt, mehr miteinander zu reden und sich gemeinsam über bestimmte Dinge Gedanken zu machen.

Das Interview führte Martin Gansinger.

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