mica-Interview mit Chakuza

Peter Pangerl alias Chakuza zählt zu den erfolgreichsten österreichischen Musikern der letzten Jahre. 2005 händigte der Linzer dem Rapper Bushido bei einem Auftritt eine Demo-CD aus, in der Folge waren er und sein Studiopartner DJ Stickle auf dem Berliner Label ersguterjunge unter Vertrag. Nach den drei Top-Ten-Alben „City Cobra“, „Unter der Sonne“ und „Monster in mir“ war jedoch die Luft raus. Die Rolle als Provokateur machte Chakuza keinen Spaß mehr, es folgte eine tiefe Krise. Nun meldet er sich auf dem neuen Label Four Music mit dem Album „Magnolia“ und ganz ungewohnten, nachdenklichen, erwacheneren Tönen zurück. Sebastian Fasthuber hat Chakuza beim Promotag in seiner alten Heimat Linz befragt.

Ich möchte mit einer Frage beginnen, die normalerweise sehr unverfänglich ist. Auf deinem Album „Magnolia“ aber nimmt sie dramaturgisch eine wichtige Rolle ein. Da heißt es: „Hallo, wie geht’s dir?“
(Lacht) Gut, danke. Wieder gut. Ich habe alles wieder gut im Griff.

Dein Album klingt wie eine Stunde Selbsttherapie eines Rappers, der düsteren Zeiten durchlebt hat. Beim Zusammenschreiben der Fragen fürs Interview bin ich mir immer mehr wie ein Therapeut vorgekommen. Wie ist das, in Interviews jetzt immer wieder darüber reden zu müssen?
Naja, ich habe meine Probleme schon im Vorfeld verarbeitet, bevor ich mich in den Songs damit beschäftigt habe. Von da her schlaucht mich das jetzt nicht mehr. Außerdem ist es ja nur logisch, dass die Leute danach fragen. Wichtig war, dass ich mein ganzes Umfeld ändere: musikalisch und auch privat. Das hat mir viel gebracht.

Was war überhaupt dein Problem? Warst du depressiv?
Ja, ja. Es kam alles zusammen. Ich mochte meine Musik nicht mehr, gleichzeitig ist privat viel schiefgelaufen. Ich habe versucht, das alles zu verdrängen und habe über eine Zeit lang zu viel getrunken. Da kommst du in eine richtige Depression rein, das geht ganz schnell. Du steckst dann da drinnen und musst sehen, dass du wieder rauskommst.

Wie würdest du dein neues Album einordnen: eine Neuerfindung, eine Selbstfindung?
Wahrscheinlich ist es beides. Ich habe alles gewechselt: das Management, den Verlag, das Label – plus den Freundeskreis. Interessanterweise haben sich ganz alte Freunde wieder gemeldet, die ich früher gar nicht richtig geschätzt habe. Aber so was passiert einfach, wenn man ein bisschen aus der Spur gerät.
Auch musikalisch habe ich mich definitiv neu erfunden. Natürlich kann man sich als Person nicht komplett ändern, insofern steckt auch noch was vom alten Chakuza drin. Aber ich bin halt älter und vielleicht ein bisschen klüger geworden.

Es ist ein sehr ruhiges Kopfhöreralbum. Entspricht diese Musik mehr dir als der gangstamäßige HipHop, den du bisher gemacht hast?
Absolut. Ich sage immer so: Früher habe ich Rollen gespielt. Ich war der Harte, der Starke, keiner konnte mir was. Das habe ich jetzt abgelegt.

Wie kam das?
Ich habe meine eigene Musik irgendwann nicht mehr gefühlt und konnte mich nicht mehr entfalten. Dadurch habe ich komplett die Lust an der Musik verloren. Es stand auch im Raum, ganz aufzuhören. Alleine hätte ich es nicht geschafft, ich habe Leute gebraucht, die mir in den Arsch treten und auch musikalisch unter die Arme greifen. Früher habe ich zu 90 Prozent alles selber produziert. Für diese Art von Musik hat es auch gereicht, aber für das neue Album nicht mehr. Ich wollte einfach Musik machen, die mir auch selber gefällt. Und das habe ich auch geschafft.

Wie ist das Album entstanden?

Ich habe musikalisch das Ruder aus der Hand gegeben, was sehr gut war. Zuerst musste ich mich einmal hinsetzen und meine ganze alte Arbeitsweise als Texter loswerden. Ich glaube, auf dem ganzen Album ist keine einzige Zeile, die eine Lücke ausfüllt oder nur einem Reim dient. Das war sehr harte Arbeit.

Besonders das Stück „Kopf unter Wasser“ klingt sehr nach Bewusstseinsstrom, als würdest du einfach aufschreiben, was dir an Bildern durch den Kopf geht. Erzähl’ mal übers Texten.
Genau so funktioniert es. Ich musste lernen, auf das zu hören, was sich in mir drin abspielt, und es geraderaus zu sagen, ohne etwas zu beschönigen. Natürlich muss man dafür dann auch die richtigen Worte und Reime finden, denn es ist immer noch Rapmusik, was ich mache. Inzwischen fällt es mir aber nicht mehr schwer, was ich denke, zu Papier zu bringen. Wichtig war, alles so zu verpacken, dass es ehrlich klingt, ohne aber kitschig zu werden.

Bist das wirklich 1:1 du, von dem da in den Songs die Rede ist?
Das ist definitiv so. Das war auch der Kampf mit mir selber. Ich habe zu meinen Produzenten gesagt: Wenn ich wieder in alte Muster verfalle oder eine Rolle spiele, dann sagt mir das sofort. Und das haben sie mir auch oft genug gesagt. Ich bin immer wieder raus aus dem Studio und habe zu Hause neu mit einem Text begonnen. Ich habe für dieses Album so viel wie noch nie geschrieben. Das zeigt sich daran, dass wir eineinhalb Jahre an dem Album gearbeitet haben. Früher hätte ich das praktisch allein in drei, vier Monaten gemacht.

Wer hat mitgemacht?
Wie immer war Stickle mit dabei. Dazu kam Steddy, der auch Drummer von H-Blockx und Timid Tiger ist, den kenne ich auch schon lange. Die beiden haben auch gemeinsam das Casper-Album gemacht. Früher habe ich einfach irgendeinen Produzenten angerufen, wenn ich einen Beat gebraucht habe. Diesmal sollte alles musikalischer und wie aus einem Guss klingen.

Wir sitzen hier in einem Linzer Kino. Wie sieht es mit den vielfältigen Filmbezügen in deinen Stücken aus?
Die könnte ich gar nicht unterbinden. Ich bin ein großer Filmfan und habe ungefähr jeden Film gesehen, den es gibt. Das fließt immer ein. Beim Titel habe ich allerdings ursprünglich gar nicht an den Film „Magnolia“ gedacht, sondern an die Blume. Es geht auf dem Album um eine Person, die verwelkt ist und wieder erblüht. Und das passt auch jetzt im März sehr gut, wo der Winter endlich vorbei ist und die schöne warme Zeit kommt.

Von der Rolle des bösen Buben zum Typen, der über Blumen rappt, ist es aber schon ein weiter Weg. Wie sind die Reaktionen, haben sich Leute abgewandt von dir?
Das war mir von Anfang an klar, dass das passieren würde. Aber es haben sich weniger Leute abfällig geäußert, als ich dachte. Die HipHop-Hörer wachsen auch mit, kommt mir vor. Und mir ist auch schon aufgefallen, dass ich mit meinen neuen Stücken viele neue Leute erreiche, die mit meinen früheren Sachen nichts anfangen konnten.

Rappst du jetzt für ein erwachseneres Publikum?

Ja, schwierig zu sagen. Gewisse Aussagen auf dem Album versteht man als Teenager vielleicht nicht ganz, weil man die entsprechenden Erfahrungen noch nicht gemacht hat. Auf der anderen Seite sind auf dem Album nicht nur Songs drauf, die ausschließlich Leute über 25 hören können. Ich glaube, dass es auch junge Leute goutieren können, wenn Rap von der Schimpferei wegkommt.

Generell scheint es wieder mehr unterschiedliche Ansätze zu geben im HipHop, eine größere Vielfalt.
Definitiv. Rap macht mehr Spaß als vor ein paar Jahren. Früher musste man sich fast genieren, wenn man sagte, man ist Rapper. Die Leute haben dich direkt für einen Idioten gehalten. Wobei wir Rapper alle selbst daran Schuld hatten, indem wir mit allerlei Blödsinn kokettiert haben.

Im HipHop geht es auch darum, mit seinen Veröffentlichungen zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Den scheinst du gerade erwischt zu haben.
Ja, es passt perfekt. Das ist ein Glück. Wir haben ja nicht versucht, einen Trend zu erwischen, sondern sehr lang an dem Album gearbeitet. Da war der Trend noch lange nicht in Sicht.

Du scheinst nicht unbedingt ein Typ zu sein, der sich im Licht der Öffentlichkeit sonnt. Was ist dein Antrieb?

Einfach Musik machen. Ich wollte das immer, schon mit zehn Jahren. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war als Jugendlicher immer, dass ich irgendwann mal eine CD von mir im Regal stehen haben will. Ich habe nie davon geträumt, krass in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich wollte einfach, dass die Leute meine CD in die Hand nehmen und meine Musik hören. Das ist immer noch meine Motivation, auch wenn alles viel besser gekommen ist, als ich es mir erträumt habe. Ich verdiene Geld damit und kann das wieder in neue Projekte reinstecken. Wenn das nicht ginge, müsste ich wieder arbeiten gehen.

Du hast die letzten Jahre immer von der Musik gelebt?

Ja. Ich habe nebenbei immer auch viel produziert und für andere Popkünstler geschrieben.

Du lebst seit langem in Berlin. Wie ist dein Verhältnis zu Linz?

Ich wurde in Gmunden geboren und bin auch viel bei meinen Großeltern dort gewesen, weil meine Eltern noch ziemlich jung waren. Aber ansonsten war ich mein ganzes Leben lang hier in Linz. Erst Spallerhof, dann Urfahr. Um Erfolg haben zu können, musste ich weggehen. So ist das leider. Auch bei mir haben anschließend einige Leute gesagt: Schau, jetzt wird er ein Piefke. Eine Zeit lang war ich auch trotzig deswegen. Aber jetzt bin ich mit meiner Herkunft im Reinen und freue mich jedes Mal, wenn ich herkomme. Was viel zu selten der Fall ist. Aber nach acht Jahren in Berlin bin ich dort halt auch schon zu Hause. Man muss auch sagen, dass ich zum Teil aus Linz abgehaut bin, weil ich hier den falschen Umgang hatte.

Hattest du früher keinen Kontakt zur Linzer HipHop-Szene? Die war doch auch damals extrem lebendig.
Das stimmt. Aber ich hatte kaum Kontakt zu den Leuten, weil ich rein auf der Battleschiene gefahren bin. Das war nicht so beliebt. Ich hätte hier nie was reißen können, drum bin ich auch bei der ersten Gelegenheit weg. Aber ich kenne schon ein paar Leute aus der Szene, den Flip von Texta zum Beispiel. Der hat mich einmal in der Kapu auftreten lassen. Musikalisch sind die Sachen, die in Linz passieren, gut und innovativ. Leider geht halt sehr wenig. Dafür fehlt es in Österreich allein schon an den Medien. FM4 spielt ab und zu was, aber in der breiten Öffentlichkeit findet HipHop überhaupt nicht statt.

Auf der Limited Edition deines Albums gibt es eine Nummer gemeinsam mit Landsmann Gerard. Wie kam es dazu?
Den kenne ich schon lange. Der kommt aus Wels, glaube ich. Wir haben vor zehn Jahren auch schon mal einen Song zusammen gemacht, aber da waren wir noch ganz, ganz jung. Mein Produzent hat auch einige Sachen auf seiner Platte, die jetzt dann mal ansteht, produziert. Drum haben wir uns im Studio getroffen.

Blöde Frage: Fühlst du dich eigentlich als österreichischer Künstler?
Die Frage kommt wahnsinnig oft, aber ich habe das nie so gesehen. Wir sind doch eh fast gleich. Ich finde das einerseits komisch, wenn deutsche Medien immer „Der Österreicher“ über mich schreiben, als hätte das so eine Riesenbedeutung. Und ich finde es auch doof, wenn mir Leute aus Österreich schreiben, sie seien wegen mir stolz auf ihr Land. Mir kommt das so ähnlich vor wie bei den Oscars, wo jetzt alle ausflippen, weil Österreicher zwei Preise bekommen haben. Mir ist das egal, wo ich herkomme. Ich würde das nie zum Thema machen.

Passt der Name Chakuza überhaupt noch zu deiner Musik?
Eine Namensänderung stand im Raum. Ich wollte mich fast schon Chak nennen, weil alle meine Kumpels so sagen und ich mich teilweise selber schon so vorstelle. Aber dann hätte ich verleugnet, was ich vorher gemacht habe, und das will ich nicht. Ich stehe dazu, aber ich habe mich verändert. Von A nach B. Insofern ist Chakuza okay. Mittlerweile haben die Leute gecheckt, dass ich nicht mehr ganz der Chakuza von damals bin.

Wirst du Liveauftritte komplett mit den neuen Songs bestreiten oder kommt auch der alte Chakuza wieder vor?
Wir planen das gerade. Ich werde zu dem Album mit Band auftreten und da haben wir schon vor, ein paar alte Sachen reinzumischen – aber in neuen Arrangements und auch mit neuen Texten. Es war ja nicht alles Mist, was ich früher gemacht habe. Manches macht mir auch heute noch Spaß.

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