mica-Interview mit Ben Martin

Martin Rotheneder aka Ben Martin ist schon lange im österreichischen Musikbusiness unterwegs. Der aus St. Pölten stammende Musiker nennt zwar Jazz und Blues als seine musikalischen Wurzeln, doch im Laufe der Zeit hat er viele Genrewechsel durchgemacht. 2007 wurde die Electro-Pop-Band „I Am Cereals“ gegründet, mit der Ben Martin einige Erfolge feiern konnte. Da das Elektronische nicht seine ursprüngliche Musikbegeisterung ausgelöst hatte, begann er 2010 an eigenem Material zu feilen, in welchem er all seine musikalischen Einflüsse verarbeiten konnte. Mit Anne-Marie Darok sprach er über sein Label Violet Noise Records, das sommerliche Feeling auf seinem neuen Album “The Endless Stream Of Everything” (VÖ: 22.03.) und die besonderen Bedürfnisse der österreichischen Musikliebhaber.


Du bist ja ein alter Hase im Musikbusiness. Wie ist das für dich an einem Album zu arbeiten, neue Musik zu kreieren? Empfindest du das als Routine, oder ist noch immer dieser frische, kreative Prozess dabei?

Gewisse Dinge sind Routine, aber es ist trotzdem immer wieder aufs Neue spannend. Man lernt immer neue Dinge dazu und damit erweitert sich auch der Horizont.

„The Endless Stream Of Everything“ klingt wie ein jazziger Sommercocktail, und im Gegensatz zu deinem letzten Album „Born Under Dark Skies“ hat es einen sehr fröhlichen Unterton. Was hat sich in deinem musikalischen Tun in den letzten zwei Jahren verändert?
Das hat unmittelbar mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun. Als ich 2010 „Born Under Dark Skies“ aufgenommen habe, habe ich mir gleichzeitig zu viel Arbeit aufgehalst. Da waren zum einen eben die Aufnahme meines Soloalbums, zum anderen das neue „I Am Cereals“ Album und zusätzlich noch die Arbeit am Label. Und obwohl ich einiges auf den Weg gebracht habe, hatte ich das Gefühl, dass nicht viel weitergeht. Daraus hat sich dann eine starke Stresssituation entwickelt, die zu einer Neuralgie geführt hat. Dies hat klarerweise in mir sehr viel Unsicherheit ausgelöst. Als Folge habe ich angefangen, mich mit mir selbst und der Traurigkeit zu beschäftigen, die auch letztlich in der Musik zu hören ist. Während der Arbeit an „Born Under Dark Skies“ ist Schicht für Schicht diese Traurigkeit weggegangen, und ich habe mehr und mehr Positives gefühlt.

Das letzte Lied „The Big Man Arrives“ klang dann schon weniger melancholisch, und für mich war das eine Art Lichtblick. „Melody“ vom neuen Album greift das Thema von „The Big Man Arrives“ auf, was mir wiederum den Mut gegeben hat, „Born Under Dark Skies“ zu veröffentlichen. Ich finde es war eine gute Entscheidung, weil ja auch „Pirate Ships“ ein sehr wichtiges Lied geworden ist.

Wie viel Arbeit investierst du zurzeit in dein Label und deine Musik?
Im Grunde genommen ist neben meinem Job als künstlerischer Leiter im Frei:Raum die Arbeit für mein Label mein Hauptberuf. Ich verbringe meinen Tag damit, mit dem Marketing voranzukommen. Außerdem bin ich zuständig für das Booking, Pressematerial und den Vertrieb.

Wie bist du dazu gekommen, das Marketing zu übernehmen?

Ich habe schon früh begonnen, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich habe Kurse an der Uni belegt und Workshops besucht, war aber zunächst noch recht unsicher, ob ich mich wirklich auch in diesem Bereich versuchen sollte. Aber als ich dann bei Wohnzimmer Records unter Vertrag war, hatte ich die Gelegenheit zu beobachten, wie die Dinge wirklich laufen. Richtig gestartet habe ich dann 2007 mit der Gründung meines Labels Violet Noise Records.

Ich würde gerne wissen, wie du in der österreichischen Musikszene die Bereiche „Indie“ und „Mainstream“ siehst, und wo du selber stehst?
Es gibt eine Art von Mainstream Musik, die – ich sage es jetzt ein wenig abwertend – eine „Kommerzmusik“ ist. Das hat was mit den Zielen der Major Labels zu tun. Ich selber bin Songwriter für BMG und kriege immer Ausschreibungen dafür, wenn was für die Castingshows gesucht wird. Es handelt sich dann wirklich nur um eine rein kommerzielle Erfüllung von „feuchten Träumen“ der Marketingmanager. Es hat ja nichts mehr mit guter Musik zu tun, sondern es ist ein Nachbauen von Klischees, um Geld zu verdienen.
Indie wiederum wird mit einer bestimmten Art von Musik assoziiert. Vor allem in Österreich versteht man darunter Musik, die auf FM4 läuft, dabei bedeutet Indie ja nur, dass kein Major Label involviert ist.
Mittlerweile gibt es so viel Musik in Österreich, die nicht auf den Mainstream-Kanälen läuft, weil sie weder banal noch plakativ genug ist, die aber trotzdem theoretisch den Geschmack des Mainstream-Publikums erfüllen würde. Das was man bei uns als Mainstream bezeichnet und was auf den Formatradios läuft, ist meiner Meinung nach eine Lüge.

Es läuft ja auch sehr wenig österreichische Musik im Radio, weder auf beispielweise Ö3 noch auf FM4.
Wenn österreichische Musik in den Formatradios läuft, klingt die ja so wie die internationalen Sachen. In Amerika beispielsweise ist der Mut da, neue Stilrichtungen zu probieren und zu veröffentlichen. Diese Musik kommt zwar auch nach Österreich, wird aber von den Bands nachgeahmt. Dass es hier aber genauso das Potenzial für neuartige Strömungen gibt, dafür fehlt uns noch das Selbstverständnis.

Ist es schwer Musiker oder Musikerin in Österreich zu sein?
Es ist nicht leicht. Vor allem wenn man als Musiker in diesen Zeiten – nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen Ländern – kompromisslos seine eigene Musik machen will. Als Solokünstler funktioniert das ein bisschen leichter. Als Beispiel fällt mir der Bernhard Eder ein, der sich eine gute Basis geschaffen hat, so dass er von seinem Schaffen leben kann. Das ist aber nicht die Norm. Viele haben, so wie ich, auch ein zweites Standbein; sie unterrichten, sind Tontechniker oder Studiobetreiber. Das Schöne ist ja, dass man mit Musik so viel machen kann. Mich erfüllt mein Job als künstlerischer Leiter im Frei:raum genauso, wie wenn ich selber Musik mache.

Es wird im privaten Bereich häufig abfällig und kritisch über österreichische Musik gesprochen. Fast scheint es so, als wäre von Haus aus das negative Denken da, dass Musik aus Österreich nie so gut sein kann, wie beispielsweise Musik aus England.
Es hat sich auf jeden Fall in den letzten zehn Jahren verbessert, da es viele positive Beispiele gibt. Was mich zuletzt sehr beeindruckt hat, war der Unterschied zwischen verschiedenen Konzertszenen. Während das Publikum bei österreichischen Indie Bands, aus dem Raum FM4, sehr steif ist und kaum Stimmung aufkommt, hat letztens ein Konzert von jungen Rappern aus Tschetschenien stattgefunden, wo die Post abgegangen ist. Ein selbstgefilmtes Handyvideo ist sogar auf Youtube gelandet, und hat am nächsten Tag über 1000 Klicks gehabt. Das lag an der eigenen, kleinen Community, die sich voll dafür begeistert, was ihre Musiker auf der Bühne machen.

Dazu ist das österreichische Publikum noch nicht in der Lage, und wenn, dann eher am Land als in der Stadt. Da ist die Übersättigung nicht so groß. Gutes Beispiel ist St. Pölten, wo es bis vor cirka zehn Jahren nur ein-zwei Locations für Konzerte gab. Heute gibt es eine Handvoll, und das ist ein absolutes Überangebot an Möglichkeiten. Die Leute wissen gar nicht wo sie hingehen sollen, und bleiben im Endeffekt Zuhause vor dem Fernseher, und die Studenten fahren nach Wien, weil es so nah ist.  Die Konsequenz ist, dass die Leute nicht mehr in der Lage sind, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Da spielt auch das Internet eine große Rolle, denn man kann sich schnell ein Urteil über alles machen, und wenn ein Lied von einer Band nicht gefällt, dann ist die Hemmschwelle zu hoch, als dass man dann auf jenes Konzert gehen würde.
Daraus kann man nur zwei Dinge schließen: Entweder macht man sich im Internet total rar, und gibt fast gar nichts her, oder man bemüht sich, alles, was im Internet kursiert perfekt, auf die Zielgruppe abzustimmen. Der beste Weg ist der Mittelweg.

Der erste Eindruck bleibt ja bekanntlich hängen, und der kann sehr schwer umgestürzt werden.
Es geht gar nicht nur um negativ oder positiv. 2004 habe ich ein Album veröffentlicht, auf dem das Wort Singer-Songwriter draufstand, was ich mir so nicht ausgesucht hatte. Mein nächstes Album war dann Indierock und keiner hat geschnallt, dass das was Neues ist, weil alle den Singer-Songwriter im Hinterkopf hatten und das neue Album danach beurteilt haben. Mit dem Image habe ich dann ziemlich zu kämpfen gehabt.

Welche Tourpläne hast du um dein Album zu promoten?

Im Frühjahr gibt es drei Konzerte. Zuerst in St. Pölten, quasi ein Heimspiel mit Ryan McGrath, einem kanadischen Singer-Songwriter, der Innsbruck zu seiner Wahlheimat gemacht hat. Dann geht es nach langer Zeit wieder mit Band nach Wien, und zuletzt dann in Innsbruck. Im Herbst ist dann eine große Tour durch Österreich geplant.

Hast du dir St. Pölten selber als ersten Anlaufpunkt für deine Tour ausgesucht?

Ja, dort lebe ich seit zweieinhalb Jahren wieder und habe einen großen Freundeskreis. Außerdem ist St. Pölten mein Testgebiet, weil das so ein überschaubarer, geschützter Bereich ist. Ich habe in mehreren Geschäften meine CDs liegen, und kann schauen, wer sich so für meine Musik interessiert. In einem Café habe ich ein Projekt laufen, das „Coffee Loves Records“. Dort bekommt man zu dem Getränk einen MP3 Player mit fünf Alben österreichischer Künstler zur Auswahl. Dem Besitzer bringt das ein bisschen mehr Kundschaft, und ich kann beobachten, wie die Leute auf die Musik reagieren. Da das Publikum dort eher Richtung 40 und drüber ist, ist es eine besonders interessante Angelegenheit für mich.

Fotos: Christoph Haiderer
Live-Auftritte:
06.04.2013 St. Pölten – Frei:raum
11.04.2013 Wien – B72
17.04.2013 Innsbruck – Die Bäckerei

http://www.benmartin.at/