mica-Interview mit Anbuley

Bis jetzt musste man etwas genauer hinsehen, um auf Anbuley Matilda Kanbong, kurz: Anbuley, aufmerksam zu werden. 2010 veröffentlichte die Sängerin mit dem UK-Produzenten Bert on Beats eine Maxi, hierzulande sang sie für Makossa & Megablast. Jetzt will sie kein Feature-Anhängsel mehr sein und macht ihr eigenes Ding. Kürzlich erschien die EP „Kemo’ Yoo Keke“, im Mai folgt auch schon die nächste. Im Juli wird Anbuley am Popfest erstmals live auftreten, ein Album soll bis Jahresende folgen. Sebastian Fasthuber hat die Sängerin mit internationalen Karrierechancen befragt.

Beginnen wir ganz am Anfang. Du bist schon in Österreich geboren. Wie sind deine Eltern nach Österreich gekommen?
Mein Vater hat studiert. Er hat ein Stipendium bekommen und hat meine Mutter mit nach Österreich genommen. Dadurch sind wir hier gelandet. Es war ursprünglich gar nicht geplant, dass wir da bleiben. Wir sind auch wieder zurück, als ich ein Kind war. Ich habe dann fünf Jahre in Ghana verbracht. Aber mein Vater hat dann den Job verloren, es hat dort nicht geklappt. Und so sind wir wieder zurückgekommen.

Ich schätze mal, dass du in den späten 80ern und frühen 90ern aufgewachsen bist. Hast du die üblichen Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Ich möchte jetzt gar nicht so drauf eingehen, aber es gibt heute mehr Rassismus als damals. Es klingt vielleicht komisch, aber es ist schwieriger geworden. Jetzt sind mehr dunkelhäutige Leute da als früher. Das kommt durch die Asylantengeschichte. Man wird halt immer in einen Topf geworfen. Der erste Eindruck zählt, und der erste Eindruck ist bei mir immer: Asylantin. Oder: Hure. Ich beschwere mich nicht, aber das ist halt da.

Bist du zweisprachig aufgewachsen?
Eigentlich sogar dreisprachig: Deutsch, Englisch und Ga. Die Hauptsprache in Ghana ist Englisch.

Mit welcher Musik bist du aufgewachsen?
Im Großen und Ganzen waren das Jazz und Funk. Mein Vater hat Fela Kuti und Isaac Hayes gehört. Er hatte eine riesige Plattensammlung und war ein totaler Musikliebhaber. Das war schon prägend. Mein Vater hätte auch gern selbst Musik gemacht, er hat sich aber aufs Studieren konzentriert.

Was waren deine ersten musikalischen Versuche?
In Ghana habe ich in der Schule gesungen. Das war so im Volksschulalter. Als ich nach Wien zurückgekommen bin, hat sich das ganz aufgehört. Lange habe ich gar keine Musik gemacht. Erst vor fünf Jahren hat das wieder begonnen. Es war nicht so, dass ich in der Zwischenzeit das Interesse verloren hätte. Ich wollte schon immer, aber ich habe mich nicht richtig getraut.

Wie ging es dann los?
Ich habe Gesangsstunden genommen und erste Versuche im Studio unternommen, u.a. habe ich mit Makossa & Megablast gearbeitet. Durch MySpace hat sich das dann in die Richtung entwickelt, dass ich mit verschiedenen Produzenten gearbeitet habe.



Du hast also übers Internet Produzenten kennengelernt, mit denen du dann einige Feature-Tracks gemacht hast?

Ich bin total übers Internet dazugekommen. Mittlerweile bin ich aber gar nicht mehr so heiß drauf. Du lernst verschiedene Leute kennen, machst mit denen Sachen und investierst sehr viel Zeit, ohne die Leute wirklich zu kennen. Am Ende hast du irgendwelche Tracks, die irgendwo veröffentlicht werden, ohne Kontrolle drüber zu haben. Eigentlich war das sehr mühsam. Ich habe teilweise schon ziemlich draufgezahlt. Zum Glück bin ich dann auf den Florian gestoßen, der jetzt mein Produzent ist.

Deine Texte sind in Ga geschrieben. Was war der Grund dafür?
Ich muss gestehen, dass die Texte zwar von mir kommen, meine Mama sie jedoch übersetzt. Ich spreche kein flüssiges Ga mehr, ich erlerne es gerade erst wieder. Ich schreibe die Texte auf Englisch, sie übersetzt das dann und wir gehen das gemeinsam wieder durch.

Das ist eine super Geschichte. Und die Texte sind dann sicher jugendfrei.
(Lacht) Das wären sie ohne Mama auch.

Wovon handeln die Lieder?
Das ist immer sehr situationsbedingt. Auf der letzten EP ging es um die Unterdrückung der Frau. Laufend verlangen Leute von einem, etwas zu sein, was man nicht ist. Natürlich trifft das auch auf die Musikbranche zu. Und ein Song heißt übersetzt „Versteh dich selbst“. Da geht es stark um die Herkunftsfrage. Bei der neuen EP ist es ganz anders, da habe ich ein Lied, in dem es nur um Schuhe geht. Ich bin nämlich Schuhfetischistin. Was ich sagen will, ist: Es muss nicht immer alles problembeladen sein. Aber als wir die erste EP gemacht haben, war ich in einer schwierigen Phase, und das merkt man auch den Texten an.

Den Sound hast du gemeinsam mit Florian entwickelt?
Produzieren tu ich gar nicht, das macht er allein. Er hat einen Track von mir auf einem englischen Label gehört, ohne zu wissen, dass ich in Wien lebe und eine Wienerin bin. Afro-Wienerin, bitte sehr. Florian hat auch die Musik für Ösi Bua gemacht, dem genauen Gegenteil von mir. Er versucht immer, Folkloremusik im weitesten Sinne mit europäischer Clubmusik zu verbinden. Aber unsere Musik entwickelt sich gerade erst. Die erste EP war sehr ernsthaft, die neue wird leichter und fröhlicher, wobei die Beats schon erdig und energetisch sind. Momentan ist alles ein bisschen Kuduro-inspiriert.

Bis jetzt kennt man erst ein paar Tracks von dir. Was wird da noch kommen?
Wir wollen schon eine Bandbreite entwickeln. Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Man soll auch sitzen und zuhören können, ich will nicht nur Tanzsachen machen. Fürs Album machen wir vielleicht ein rootsiges Spoken-Word-Stück.

Wann soll das Album kommen?

Wir machen jetzt noch zwei EPs und danach noch drei oder vier weitere Songs. Das alles werden wir dann zu einem großen Album zusammenpacken. Auf jeden Fall soll das noch vor Weihnachten erscheinen. Ich freue mich sehr über die Zusammenarbeit. Ich habe schon mit vielen Produzenten gearbeitet. Zwischen uns passt es einfach, das macht mich sehr happy. Es muss eine Zusammenarbeit sein. Es ist nicht so einfach jemand zu finden, mit dem man zusammenarbeiten kann. Die meisten Produzenten wollen nur ihr Egoding durchziehen. Wenn ich gewusst hätte, was für Erfahrungen ich machen werde, hätte ich wahrscheinlich gar nicht mit der Musik angefangen. Man trifft auf arge Energien.

Ich vermute stark, dass du dir aber eh nichts gefallen lässt.
Nein, das kann ich nicht. Musik ist so eine Herzenssache, ich verliere dann einfach die Lust. Grad am Anfang macht man das alles eh ohne Kohle. Wenn man dann gleich um Credits rumstreiten muss, dann vergeht es einem. Es ist kein Job, wo man zur Arbeiterkammer gehen kann, wenn einem etwas nicht passt. Und du triffst ganz komische Leute. Eine Nummer, bei der ich mitgesungen habe, hat in einem anderen Land eine Auszeichnung bekommen, ich wurde aber nicht erwähnt. Ein New Yorker Produzent wollte ein Album mit mir machen und wollte auch gleich einen Exklusivvertrag unterschreiben, was ich dann lieber bleiben ließ. Man ist nicht geschützt und wird laufend erpresst. Ich habe auch mit anderen Frauen gesprochen, die singen. Die haben teils ähnliche Erfahrungen gemacht.

Im Video zu „Kemo’ Yoo Keke“ performst du sehr eindringlich. Ich nehme an, Tanz ist auch eine Leidenschaft von dir?

Ja, ich tanze sehr gern. Auch wenn ich Lieder schreibe oder im Studio bin, bewege ich mich. Es ist eigentlich Tanz, was ich mache. Ich tanze auch privat viel. Dadurch erspare ich mir das Fitnessstudio.

Und mit der Mischung aus europäischen und afrikanischen Elementen hast du jetzt auch etwas gefunden, in dem du dich musikalisch wiederfindest.
Genau. Für mich ist diese Mischung total wertvoll. Manche missverstehen mich, wenn ich sage, ich bin eine Afro-Wienerin. Aber ich sehe in den Spiegel und sehe mich so. Ich bin ein Mensch, der findet, es gehört alles zusammengefasst. Man kann nicht etwas weglassen, das wäre nur halb. Ich finde es schön, dass ich beides leben darf. Durch meine Musik habe ich eine Verbindung zu meiner Vergangenheit, zu meinen Wurzeln. Ich kann Wienerin sein und kann auch meine Wurzeln in mir tragen. Ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Es ist, als hätte ich mich gefunden. Es ist alles perfekt und alles da.

Ich nehme an, deine Familie ist sehr stolz auf dich.
Mein Vater ist leider verstorben, dem hätte das sehr, sehr gefallen. Meiner Mutter taugt es natürlich total.

Mit ein bisschen Glück könnte deine Musik sehr weite Kreise ziehen, zumal sie so international klingt wie sonst kaum etwas, das aus Österreich kommt.
Natürlich will ich das. Aber dafür braucht man ein Paket. Du musst was anbieten können. Dazu braucht es auch ein Team mit Leuten, mit denen du perfekt zusammenarbeiten kannst. Ich gehe keine Kompromisse ein. Dieses Ding bedeutet mir so viel, dass ich das nicht verwässern möchte. Vieles würde schneller gehen, aber wir gehen teilweise lieber langsamere und bewusstere Schritte. Internationales Interesse ist auf jeden Fall schon da, gerade in Amerika. Denen taugt es sehr.

Wie sieht es finanziell aus? Butterst du noch rein oder kommt auch schon was raus?
Es steckt wahnsinnig viel Arbeit dahinter, aber die Leute schätzen sie nicht mehr richtig. Momentan geht’s grad irgendwie. Aber man muss ständig investieren. Viele Leute wollen sich etwas nehmen, geben aber nichts zurück. Es kommt was rein, aber es ist nicht genug.

Du hättest in Mirjam Ungers Frauenmusik-Film „Oh Yeah, She Performs!“ mitspielen sollen. Warum wurde daraus nichts?
Ich wollte schon mitmachen, aber es war einfach zu früh. Ich wollte mich nicht zu Hause filmen lassen und viel mehr hatte ich noch nicht herzuzeigen, denn Florian und ich waren noch nicht soweit. Die Mirjam und ihr Team waren eh ganz lieb, es ist urschade. Die hätten ihren Dreh sogar ausgeweitet für uns, aber wir waren erst am Starten.

Wie bist du eigentlich zu Seayou Records gekommen? Obwohl da in letzter Zeit auch andere Sachen erschienen sind, gilt es doch eher als Indielabel für Gitarrenpop oder Folk.
Ich hab den Ili von Seayou auch über MySpace kennengelernt. Heute nützt das kein Mensch mehr, aber da konnte man noch mehr Kontakte knüpfen mit anderen Musikern. Bei Facebook haben jetzt alle Musiker ihr Fanseiten. Persönlich kannst du da als Musiker eigentlich nicht mehr kommunizieren. Verbindungsmäßig bringt das nichts.

Wenn ich nichts übersehen habe, steht die Live-Premiere von Anbuley noch bevor – stimmt’s?
Ja, bis jetzt gab es nur Featuring-Sachen. Der nächste Schritt wird ein eigenes Konzert sein. Ich werde heuer beim Popfest auftreten. Auch dazu braucht es ein gutes Paket, an dem wir noch intensiv arbeiten müssen. Es braucht gute Visuals braucht es, vielleicht auch Tänzer auf der Bühne. Es muss ein gewisses Bild und einen gewisse Standard erfüllen. Ich mache lieber etwas nicht, bevor ich es hundertprozentig mache. Jetzt mache ich es richtig.

 

http://www.myspace.com/anbuley
http://www.seayourecords.com/