„Meine Geige ist nicht die brillanteste, kein modernes Solo-Instrument..“ – mica-Interview mit IRENE KEPL

IRENE KEPL ist eine umtriebige Violinistin – aufgewachsen im oberösterreichischen Kultur-Mekka Ottensheim, wohnt sie mittlerweile in Wien. Gerade ist das beeindruckende Album „Taschendrache“ (Slam Productions) erschienen, auf dem sie mit dem Drummer MARK HOLUB die Möglichkeiten von Geige und Schlagzeug auf intensive Weise abklopft. IRENE KEPL im Gespräch mit Clemens Marshall.

Sie stammen ja aus Ottensheim. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ein kulturelles gallisches Dorf ist?

Irene Kepl [lacht]: Das JO [Jugendzentrum Ottensheim] war einfach damals ein extrem offener, inspirierender Platz. Da war wirklich eine Kultur. Jetzt ist das für die heute Jungen schwieriger, jetzt gibt es das JO nicht mehr und die Leute sind rausgewachsen. Aber die Politik hat es unterstützt, dass die jungen Leute ihr eigenes Ding machten, und das hat einen mit 14, 15 durchaus gepusht, schräge Sachen anzuschauen und auch auszuprobieren.

Das hat Sie natürlich auch geprägt, dieses Umfeld.

Irene Kepl: Ja, das war der Platz, wo ich hingegangen bin, mein Bier getrunken habe und zum Beispiel zum Jazzfest Saalfelden mitgefahren bin.

Hat es für Sie irgendwelche Role Models gegeben, wegen denen Sie Violine lernen wollten?

Irene Kepl: Warum ich Geige spielen wollte, weiß keiner so richtig – ich auch nicht. Ich kann mich noch an den einen Tag bei uns zu Hause erinnern, an dem ich im Kinderzimmer am Fenster gestanden bin und gesagt habe: „Es wär jetzt schön, wenn ich Geige spielen könnte.“ Es gibt in Ottensheim eine Musikschule, wo im Keller Geige unterrichtet wird – vielleicht sind wir da einmal vorbeigegangen und ich habe gefragt, was das sei. Auf alle Fälle war ich eines von den Kindern, die begeistert dabei waren. Ich bin durchaus auch unterstützt worden, von meinem Vater, im ersten Jahr – aber ich wollte das selbst. Beim Geigelernen ist es so: Entweder man tut etwas, und dann kommt etwas raus dabei, oder man tut nix, und dann kommt nix – fertig! Talent ist dann nur das i-Tüpfelchen.

Haben Sie auch andere Instrumente gelernt?

Irene Kepl: Nein. Geigen, Geigen, Geigen, Geigen [lacht]! Ich fände Kontrabass recht cool, ich mag die Rolle dieses tiefen Instruments, aber klobig ist es halt schon. Ich spiele den Kontrabass schon auch gerne mal, aber genau zwei Minuten lang – dann hab ich Blasen auf jedem einzelnen Finger.

„Diese Konstellation führte uns in eine andere Richtung, jenseits der Sachen, die wir als Musiker gekannt haben.“

Zeitsprung zum neuen Album „Taschendrache“, das Sie mit Mark Holub aufgenommen haben. Das ist eine eher ungewöhnliche Konstellation: er Schlagzeug, Sie Geige.

Irene Kepl: Es war so, dass ich mit meinem Streichquartett Violet Spin in Wien gespielt habe, und er gerade von London hierhergezogen war. Er hat mich also gehört und nachher kontaktiert. Am Anfang habe ich überlegt, noch einen Kontrabassisten zu fragen, ob er mitspielen wolle, habe mich aber dann dagegen entschieden – ich wollt erst mal ihn kennenlernen. Dann haben wir uns zu zweit getroffen und uns gleich verstanden, auch musikalisch hat es vom ersten Moment an erstaunlich gut funktioniert. Es war spannend. Diese Konstellation führte uns in eine andere Richtung, jenseits der Sachen, die wir als Musiker gekannt haben. Das Wichtigste: Wir denken Bögen und Brüche ziemlich gleich, verstehen gleich, wie der andere was meint, und gehen damit um. Es funktioniert musikalisch, menschlich und praktisch einwandfrei. Die Dinge passieren recht natürlich.

Wie war denn der Zugang für das neue Album? Ist das reine Improvisation oder haben Sie sich im Vorhinein gewisse Richtlinien ausgemacht?

Irene Kepl: Es ist total frei improvisiert. Was vielleicht interessant ist: Ich habe ja die Geige sozusagen mit Electronics erweitert – diese sind nicht mordskompliziert, sie funktionieren sehr physisch, was mir wichtig ist. Das richtige Timing für den Einsatz ist für mich das Um und Auf. Wie sich das Stück entwickelt, muss möglichst Hand und Fuß haben, es ist kein Ausruhen mit Electronics, sondern ein sehr bewusster Umgang.

Ja, die Nummer „Holz Hackende Flecken“ mit den schwebenden, pfeifenden Electronics hat mich an die „Eisen“-CD von Bulbul erinnert …

Irene Kepl: Da ist viel Feedback drin, verschobene Loops, die ich kontrolliere, deren Farben ich verändere …

Was ich an dem Album besonders beeindruckend finde, ist, dass Sie und Mark Holub da einen wirklichen Dialog miteinander entwickeln. Da hat niemand ein zu großes Ego?

Irene Kepl: Nein. Gleichzeitig aber muss man trotzdem viel geben. Man muss genug von sich preisgeben und gleichzeitig muss es im Dialog funktionieren. Keiner von uns nimmt sich deswegen bewusst zurück. Man will einfach wissen, was der andere macht.

„…. ein Schlagzeug-Geigen-Duo ist ja doch eher was Kleines, aber mit Zündstoff.“

Was steht denn hinter dem Albumtitel „Taschendrache“?

Irene Kepl: „Taschendrache“ ist eigentlich ein Feuerzeug. Als wir bei den Titeln für die CD waren, ist „Taschendrache“ vorgekommen und da haben wir uns gedacht, dass das in Verbindung mit dem Cover ganz gut passt. Und ein Schlagzeug-Geigen-Duo ist ja doch eher was Kleines, aber mit Zündstoff.

Einige Titel auf dem Album sind deutsch, andere englisch.

Irene Kepl: Genau, wir haben das ganz einfach gemacht: Die erste Nummer hat der Mark benannt, die zweite ich, und so ist es dann abwechselnd weitergegangen.

Ist es für Sie manchmal schwierig, sich an der Geige gegen ein Schlagzeug oder ein Saxophon durchzusetzen?

Irene Kepl: Meistens ist das kein Problem. Es kommt schon vor, dass, wenn ich etwa mit dem Gigi (Gigi Gratt) im GIS Orchestra spiele …

Wo über 20 Leute mitspielen …

Irene Kepl: … schon auch einmal verschwinde. Ich spiele gerne mit dem Mikro, ich stehe auf das DPA-Mikro. Und wenn man mich nicht mehr hört, dann hört man mich halt nicht mehr – das ist mir dann auch wurscht. Ich leg mein Ohr aufs Instrument und höre mich, weiß, was ich mache, und genieße den Gesamtklang.
Meine Geige ist nicht die brillanteste, kein modernes Solo-Instrument, das heute auch bei Orchestermusikerinnen und -musikern gefragt ist. Es ist ein sehr altes Instrument, das ich seit meinem 14. Lebensjahr habe. Das ist bei Freunden am Dachboden kaputt rumgelegen. Indem ich mich nur mit diesem Instrument beschäftigt habe, ist es heute klanglich ziemlich ausgecheckt. Es hat einen sehr dunklen und warmen Klang und viele Farben. Vor allem im Raum funktioniert die Geige großartig.

Haben Sie auf dieser Geige Ihre ersten Gehversuche gemacht?

Irene Kepl: Nein, ich habe mit sieben angefangen zu geigen, und mit 14 stellte sich dann die Frage, ob dieser Holzhaufen noch irgendwas kann. Wir haben sie reparieren lassen und seitdem immer wieder optimiert. Ich will genau mit diesem Instrument arbeiten und auch die Besonderheiten nutzen, die es hat.

Was würden Sie machen, wenn Sie Ihre Geige auf einer Konzertreise verlieren würden?

Irene Kepl: Im Moment wäre das blöd, weil ich mir keine neue leisten könnte [lacht]. Das wäre sicher seltsam, weil man in so langer Zeit so vieles miteinander erlebt hat – aber wenn etwas passiert, dann darf das auch nicht den Weltuntergang bedeuten.

Musik mit Hand und Fuß

Sie haben am Festival Music Unlimited im Schl8hof Wels mit dem Moekestra! gespielt, mit vier Schlagzeugern. Dann spielen Sie im Streichquartett, in der Combo Lobster, Ihrem Impro-Duo mit Mark Holub – Sie sind also auf den verschiedensten Baustellen unterwegs. Gibt es für Sie ein Projekt, wo Sie sagen: „Da bin ich zu Hause“?

Irene Kepl: Ich mag Musik, die ehrlich ist. Ich mache keine Volksmusik und keine volkstümliche Musik, aber ansonsten: Es muss einfach Hand und Fuß haben. Ich habe auch bei Birgit Denk & die Novaks gespielt, weil ich finde, dass das funktioniert. Da habe ich mich einbringen können und sie waren happy damit. Ich arbeite einfach gerne mit Musikerinnen und Musikern zusammen, weil jede Konstellation auch anders funktioniert. Mit dem Streichquartett Violet Spin etwa decken wir ein recht breites Spektrum ab: von frei bis komponiert, von Jazz über Groove bis hin zum Zeitgenössischen. Das klingt jetzt nach groß und viel. Aber wir sind nur zu viert und unser gemeinsamer Zugang ist ein unkomplizierter. Deswegen, denke ich, kommen wir, kommt unser Ding auch so gut an. Ich sehe es ja auch nicht so, dass zeitgenössische oder improvisierte Musik kompliziert ist. Es ist mir fremd, dass das fremd sein kann.

Weil Sie gesagt haben, Sie machen keine Volksmusik – aber Sie machen schon zeitgenössische Abhandlungen der Volksmusik, da gab es die Interpretation von Morgensterns „Galgenlieder“ …

Irene Kepl: Das ist zeitgenössische Musik.

Aber mit Hackbrett.

Irene Kepl: Genau.

Können Sie sich an ein Konzert erinnern, wo Ihr Werk auf Unverständnis gestoßen ist oder sogar einen kleinen Skandal verursacht hat?

Irene Kepl: Hm. Ich habe für den Tonart Chor in Ottensheim komponiert und da habe ich ein Stück weiterentwickelt, das ich das Jahr davor für die Wiener Festwochen geschrieben hatte. Dieses Stück war für diese Partie, für die Musikschülerinnen und -schüler von Ottensheim und den Chor, total avantgardistisch. Es geht bei dem Stück um Radiorauschen und der Chor ist anders eingesetzt als üblich. Aber es ist alles genau notiert. Da haben sich manche teilweise schwergetan. Ich finde es trotzdem super, dass sie das gemacht haben, aber ich habe auch gemerkt, dass das für das Publikum teilweise ein bisschen hart war. Ich glaube, die Leute dürfen nicht immer so eine Ernsthaftigkeit reinlegen. Natürlich handelt es sich bei dem Stück um kein Geplinkel, aber es ist ein Spiel mit Radiorauschen, formal aufgebaut und gebrochen.

Generell aber werden meine Stücke erstaunlich gut angenommen, vor allem dann, wenn ich mit gewissem Gegenwind rechne. Ich habe einmal von den Donaufestwochen Strudengau einen Kompositionsauftrag erhalten. Das Festival in Saxen in Oberösterreich macht zwar hauptsächlich Barockmusik, aber es gibt auch eine zeitgenössische Musikschiene. Und für diese habe ich etwas komponiert.
Es ist in dem Stück um August Strindberg gegangen, und mit dem habe ich schon auch meine Probleme gehabt. Er schreibt geschickt und genauso geschickt lässt er auch sein Frauenbild in die Texte reinfließen – und damit muss man dann umgehen. Ich habe die Verbindung zu Frida Strindberg, die in Saxen gelebt hat und über die August Strindberg überhaupt erst dorthin gekommen ist, aufgezeigt. Ihr habe ich das Stück, das den Titel „Broken Line“ trägt, auch gewidmet.
Musikalisch ist es mir darum gegangen, dass mit der Form zum Ende hin gebrochen wird. Ich war erstaunt, wie das Publikum das Stück verstanden hat. Ich habe Glück gehabt, dass sich die Leute total darauf eingelassen haben. Ich versuche, meine Kompositionen immer zu schärfen und nichts zu schreiben, was mir unwichtig ist. Also wenn mir ein Ton unwichtig ist, dann schreibe ich ihn nicht hin – dann schreibe ich das anders auf.

Also das Projekt mit dem Tonart Chor in Ottensheim ist wahrscheinlich das, was einem kleinen Skandal am nächsten gekommen ist.

Gleichzeitig muss man sagen, dass es ja interessant ist, die Grenzen auszuloten.

Irene Kepl: Genau, da kann man wieder auf das JO in Ottensheim zurückkommen: Wenn man mit so crazy Sachen aufwächst, diese immer wieder hört und die Leute kennenlernt, die das machen, dann hat man einen ganz anderen Zugang. Da stellt sich oft nicht die Frage: „Ist das jetzt gut oder schlecht?“ Sondern: „Was macht das mit mir?“ Das ist das, worum es mir geht.

Und was möchten Sie auslösen?

Irene Kepl: Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur das machen, was mich persönlich interessiert und bewegt. Ich beschäftige mich gerne mit kompositorischen Fragen, bei denen ich die Lösung noch gar nicht kenne.
Es ist bei mir so, dass ich bei den Stücken immer einen gewissen Ansatz suche. Bei dem Stück für die Wiener Festwochen ist es um Erinnerungskultur gegangen, um Monumente, die Geschichte, Zeugen, Massen gegen den Einzelnen – das sind natürlich auch spannende Themen für den Chor. Da habe ich zuerst lange nach Ansätzen gesucht und recherchiert. Ein Teil des Stücks beschäftigt sich mit den Morsezeichen, und zwar formal sehr klar: Da gibt es einen langen und einen kurzen Ton. Dann habe ich mit Botschaften experimentiert und komponiert.
Kommunikation ist mir wichtig, auf mehreren Ebenen. Insofern komponiere ich nicht für die Schublade, sondern freue mich über jede Aufführung.

„Man muss eben permanent Ideen produzieren und dran sein.“

Trotz der recht breiten Auftragslage und Ihrer Vielseitigkeit: Ist es schwierig für Sie, als freie Komponistin zu leben?

Irene Kepl [lacht]: Ja! Mir kommt es manchmal vor, als ob ich mehr mit dem Einreichen, Überlegen und Kontakten beschäftigt bin als mit dem Komponieren und Musizieren.

Also mit Dingen, die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben.

Irene Kepl: Ja, diese Dinge machen wahrscheinlich 70 Prozent von dem aus, was man macht. Ich habe die Talentförderprämie des Landes Oberösterreich, den Theodor-Körner-Preis, zwei Jahre lang bekommen. Das war schon super – aber eben auch noch zu wenig. Das läuft alles jetzt irgendwann aus. Man muss eben permanent Ideen produzieren und dran sein.
Ich bin im Moment wieder sehr motiviert, aber manchmal fragt man sich schon, wenn man den Großteil der Zeit damit verbringt, Formulare auszufüllen, welchen Beruf man eigentlich tatsächlich hat – zum Großteil bin ich in Wirklichkeit meine eigene Sekretärin …

Ich habe gehört, dass Sie – auch als Ausgleich – Shiatsu machen. Trifft das noch immer zu?

Irene Kepl: Lustigerweise fang ich genau jetzt wieder mehr damit an. Ich habe mir jetzt einen Shiatsu-Raum angesehen, wo ich rein kann. Dort gebe ich dann Behandlungen. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich mich dazu entschlossen, mich rein auf die Musik zu konzentrieren – aber jetzt will ich auch das wieder machen.

Beeinflusst Shiatsu Ihre Kompositionsweise?

Irene Kepl: Als ich damit angefangen habe, wollte ich ja etwas ganz anderes als Geigenspielen machen – aber in Wirklichkeit sind sich die beiden Dinge doch sehr ähnlich. Man gestaltet eine Stunde mit dem Menschen, der da ist. Da geht es wie beim Geigenspielen um Balance, um Atmung. Shiatsu ist wahrscheinlich mehr wie freies Improvisieren als wie Komponieren, weil man im Jetzt ist. Und das ist der Unterschied zwischen freiem Improvisieren und Komponieren: Beim Komponieren kannst du überlegen, was schlüssig ist und wo du hinwillst, welche Instrumente, damit etwas stimmig wird, wie funktionieren usw.? Du hast quasi alle Zeit der Welt, um ein Stück zu formen. Und bei Shiatsu musst du direkt reagieren, da geht es darum, sich auf das einzulassen, was jetzt ist, einen Anfang zu machen und einen Schluss, dass das möglichst stimmig ist mit dem Menschen, der gerade da ist und diese oder jene Stimmung und Beschwerden mitgebracht hat.

Um beim Agieren und Reagieren zu bleiben: Jetzt, wo das neue Album „Taschendrache“ draußen ist, was sind denn Ihre nächsten Pläne?

Irene Kepl:
Wir haben am 2. Februar ein Konzert im Brucknerhaus in Linz, in der Reihe „Musik im Raum“, die ich vor drei Jahren mitbegründet habe. In Österreich ist auch gerade viel in Planung, aber bisher ist noch nichts konkret genug. Im April haben wir eine England-Tournee, und wir haben E-Mails aus New York von einem bekannten Jazz-Magazin bekommen, wo ein Redakteur unbedingt etwas über uns schreiben möchte, wenn wir denn in New York spielen. Das Kulturforum New York hat sofort zurückgeschrieben und will mit uns zusammenarbeiten. Das werden wir auf alle Fälle machen!

Clemens Marschall

Fotos Irene Kepl © Matthias Halibrand

http://www.irenekepl.at