„Mein ganzes Leben lang lerne ich hören“. Über die musikalische Welt von Herbert Willi

In Vorarlberg ist es in den vergangenen Jahren rund um den Komponisten HERBERT WILLI still geworden. Nun eröffnet das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Leo McFall die neue Saison mit Herbert Willis Trompetenkonzert „Eirene“ und Selina Ott als Solistin. Das ursprünglich für den Trompeter Reinhold Friedrich komponierte Werk ist ein hervorragendes Beispiel, um die kompositorische Lebens- und Denkwelt von Herbert Willi genauer zu beschreiben.

Sein Weg führe ihn stark über das innere Ohr, die Außenwahrnehmung über das Auge interessiere ihn wenig, merkt der Komponist an. Ausgangspunkt für sein künstlerisches Schaffen sind nicht allein die Beobachtung mittels Sinneswahrnehmungen oder Inspirationen von außen, sondern er schöpft aus mehreren „Quellen“, wie Herbert Willi sie nennt. Das sind beispielsweise die Spiritualität, der Rückzug in die Natur und die Zen-Meditation. Er hatte die Gelegenheit, diese bei einem renommierten Zen-Meister zu erlernen und praktiziert sie seit Jahrzehnten. „Durch jahrelanges So-Sein, ich nenne das bewusst nicht üben, kommt man irgendwann bei einem Raum an, dem Raum der Stille. Wichtig sind die Absichtslosigkeit und das Vertrauen darauf, dass daraus Musik entsteht“, fasst der Komponist seinen kreativen Schaffensprozess in Worte und ergänzt, dass man jahrelang dranbleiben müsse, bis in dem Raum der Stille wirkliche Stille einkehre. Wenn innerhalb des So-Seins Musik hörbar werde, schreibe er sie auf.

Dabei sei die Konzentration auf das Wesentliche essenziell wichtig, betont Herbert Willi und nennt den Komponisten Anton Webern als künstlerisch Seelenverwandten. „Mir imponiert, wenn Webern davon redet, dass er seine Musik innerlich gehört hat. Das ist für mich gut nachvollziehbar.“ Freilich fühlt sich Herbert Willi der 12-Tontechnik oder gar der seriellen Schule, die in Deutschland ab den 1960er-Jahren vorherrschend war, diametral entgegengesetzt. Und auch mit esoterischen Eingebungen oder mit Programmmusik hat sein kompositorischer Ausdruck nichts zu tun. Ein Naheverhältnis spürt Herbert Willi zu vielen musikalischen Stilrichtungen, wenn sie authentisch wirken und aus einer Quelle kommen, aus einer „Urnatur, die in jedem von uns drinnen ist.“ Das sei subjektiv das einzig Wichtige, wenn er Musik höre.

Durch die Musik in direktem Kontakt zu den Menschen

Herbert Willi (c) Victor Marin

Hinter allen Kompositionen, die Herbert Willi bislang komponiert hat, stehen Menschen und spezifische Instrumente, die ihn in seinem Schaffen maßgeblich lenken. Das ist mit ein Grund, weshalb in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Konzerte für Soloinstrumente und Orchester entstanden sind. Er lasse sich gerne auf einzelne Instrumente ein und frage danach, was beispielsweise eine Trompete ausmache und könne. Noch nie habe er komponiert, ohne zu wissen, für wen das Werk entstehen solle. Deshalb habe seine Musik auch immer mit den Musikern zu tun, erklärt Herbert Willi. Anlässlich der Uraufführung von „Eirene“ im Jahr 2002 stellte Reinhold Friedrich fest, dass es einen unerklärlichen Zauber „in diesem herrlichen Licht-Raum-Werk“ gebe, das dem Publikum und den Musikern große innere Freude bereite.“

In den Konzertkompositionen gibt es keine hierarchische Trennung zwischen dem Solisten und dem Orchester. Wichtig ist viel mehr, dass beide Parts gleichberechtigt miteinander zusammenwirken. Dahinter steht eine ganzheitliche Weltanschauung, die in die kompositorische Arbeit mit einfließt.

Aus Formen und Farben werden Töne und Klänge

Herbert Willi hat eine Doppelbegabung sowohl als Komponist als auch als bildender Künstler, die das Komponieren wesentlich beeinflusst. Als Synästhetiker verbindet der Komponist mit Tönen oder Klängen auch Formen, Licht und Farben. Überdies leitet ihn in seinem Komponieren eine Analogie zur Abstraktion in der Malerei. Durch stete Reduktion klingt schließlich das, was in der bildenden Kunst als Punkt und Strich optisch vorstellbar ist.

Den künstlerischen Schaffensprozess in Worte zu fassen ist ein schwieriges Unterfangen, weil vieles zusammenspielt. Der Musikwissenschaftler Lutz Lesle hat im Rahmen einer CD-Besprechung Herbert Willis Musik in Gegensatzpaaren beschrieben, wie beispielweise „Naturlaut und Menschlärm, Stille und Aufruhr, Arkadien und Breughelland.“ Vor allem mit den extremen Kontrasten könne er viel anfangen, unterstreicht Herbert Willi: „Linie, wo Musik fließt und das Gegenteil: tak,tak,tak. Das sind für mich die Extreme, da bin ich auch wieder beim Innen und Außen. Bin ich mit dem Auge oder mit dem Ohr unterwegs, oder im Idealfall noch tiefer?“

Lebensgefühl der asiatischen Welt

Während Herbert Willis Zugang zur Entstehung seiner Musik in Mitteleuropa mitunter skeptisch betrachtet wird, wurden und werden seine Kompositionen im asiatischen Raum unmittelbar und mit einem erfrischend unkomplizierten Zugang wahrgenommen. Besonders in Korea und in Japan feierte Herbert Willi in den vergangenen Jahren herausragende Erfolge.

Mit Asien ist der Komponist über zwei Gesellschaften verbunden, die deren Präsidentin Sonja Steindl-Kwon sowohl in Österreich als auch in Korea gegründet hat. Die „Herbert Willi Society“ war und ist Gewähr für die Aufführung von Musik des Montafoner Komponisten, insbesondere in Korea und Japan. Seit im Jahr 2007 Herbert Willi als Composer in Residence“ beim Pacific Music Festival in Sapporo im Mittelpunkt stand und viele seiner Kompositionen zur Aufführung gebracht wurden, war der Komponist immer wieder in Asien. Allerdings könnte er sich nicht vorstellen, ganz dort zu leben. Herbert Willi begibt sich gerne an Orte, wo er sich der „Urnatur“ verbunden fühlt. Dorthin zieht er sich immer wieder für längere Zeit zurück, um in der Distanz zur Welt, aber ganz bei sich neue Musik zu schöpfen. Einige Jahre fand er in der Toskana einen idealen Rückzugsort, seit jeher ist es auch die Bergwelt des Montafons.

Hoffnungsfroher Blick in die Zukunft

Gut und gerne arbeitet Herbert Willi mit Jugendlichen zusammen. Erst vor wenigen Wochen probte er mit der Camerata prima la musica Wien, die mit Harald Krumpöck am Pult und unter der Patronanz der Wiener Philharmoniker sein neuestes Orchesterwerk zur Uraufführung gebracht hat.

Überhaupt setzt der naturverbundene Künstler in die junge Generation, die sich global für einen sozialen, umfassenden und effizienten Klimaschutz und Frieden engagiert, eine große Hoffnung für eine bessere Zukunft. Diesen bedeutenden Grundfragen stellt sich Herbert Willi auch mit seiner Musik und zu diesem Themenkreis wird in den kommenden Jahren in Asien ein großes gesellschaftsübergreifendes Jugendprojekt stattfinden, in das er als Komponist eingebunden ist.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, im September 2021 erschienen.

Termin:

Samstag, 18. September 2021, Montforthaus Feldkirch, 19.30 Uhr
Sonntag, 19. September 2021, Festspielhaus Bregenz, 17.00 Uhr
Symphonieorchester Vorarlberg, Leo McFall, Selina Ott, Trompete

Herbert Willi, „Eirene“, Konzert für Trompete und Orchester (aus dem Zyklus „Montafon“); Sergej Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 3, op. 30

Links:
Herbert Willi (Musikdokumentation Vorarlberg)
Herbert Willi Society
Herbert Willi (Schott Verlag)