Manuel Fronhofer & Yasmin Vihaus (c) Katharina Jauk

„Wir waren ein paar Leute, die zu Themen, die sie interessierten, einfach schreiben wollten“ – MANUEL FRONHOFER und YASMIN VIHAUS (THE GAP) im mica-Interview

20 Jahre ist es nun her, dass mit THOMAS HEHER und MANUEL FRONHOFER zwei Publizistikstudenten den Entschluss fassten, ein Musikmagazin aus dem Nichts zu stampfen. Zwei Dekaden später steht der Name THE GAP für eines der bedeutendsten popkulturellen Sprachrohre des Landes. MANUEL FRONHOFER und Chefredakteurin YASMIN VIHAUS sprachen mit Michael Ternai über die Anfänge des Magazins, die inhaltliche Ausrichtung, den Blick auf das heimische Musikgeschehen und die Pläne für die Zukunft.

Gewähren Sie uns einen Blick in die Anfangstage? Wie hat bei The Gap vor zwanzig Jahren alles angefangen?

Manuel Fronhofer: Gegründet haben The Gap Thomas Heher und ich, wobei die Idee dazu ursprünglich von Thomas kam. Wir studierten beide zu dieser Zeit Publizistik und besuchten ein Tutorium zum Thema Musikkritik. Im Rahmen dieses Tutoriums lernten wir dann ein paar Leute kennen, die auch gerne schrieben und ähnliche musikalische Interessen hatten. Aus diesem Tutorium heraus ist dann schließlich der erste Autorenstamm entstanden. Mit dabei waren damals unter anderem Leute wie Holger Fleischmann, der heute bei der Presse arbeitet, Michi Huber, der beim Kurier tätig ist, und Ritchie Pettauer, der sich im Bereich digitale Kommunikation einen Namen gemacht hat. Die erste Ausgabe erschien in einer Auflage von 1000 Stück, wobei sich diese Zahl dann von Mal zu Mal gesteigert hat.

Das Magazin ist also gewissermaßen im DIY-Prinzip entstanden.

Manuel Fronhofer: Genau. Wir hatten, was das Produzieren eines Magazins betrifft, ja nicht wirklich Erfahrung. Wir waren ein paar Leute, die zu Themen, die sie interessierten, einfach schreiben wollten. Für einige von uns waren es überhaupt die ersten Texte, die jemals irgendwo publiziert wurden. Wenn man heute manche dieser Texte liest, muss man,  sagen wir mal so, zumindest schmunzeln. Aber nichtsdestotrotz bedeutete es den Startschuss.

War zu Beginn eigentlich vorstellbar, welche Richtung die ganze Geschichte einmal nehmen wird?

The Gap Nr. 1

Manuel Fronhofer: Große Pläne oder Vorstellungen darüber, was aus The Gap einmal werden könnte, hatten wir zu Beginn natürlich nicht. Wir wollten einfach ein Magazin machen und schauen, dass wir das auch irgendwie finanzieren können. Dass von uns jemand irgendwann einmal die Arbeit an dem Magazin zu seinem Job macht, das konnte erst einige Jahre später ernsthaft angedacht werden. Davor war The Gap für alle Beteiligten eher ein Hobby.
Thomas Heher ist dann nach zwei oder drei Jahren weggegangen, um sich anderen Projekten zu widmen. Neu hinzugekommen sind aber Leute wie Thomas Weber, Martin Mühl, Bernhard Schmidt, Iris Kern und Niko Alm. Und aus diesem Team heraus ist dann auch der erste Versuch einer großen Auflage von 40.000 Exemplaren entstanden. Ungefähr 90 Prozent von dieser Auflage haben wir damals in Wiesen, der damaligen Festivalhochburg  in Österreich, verteilt. Wir waren den ganzen Sommer bei fast jedem Konzert und Festival vor Ort und haben das Magazin so unter die Leute gebracht.

Anfangs handelte es sich bei The Gap um ein reines Musikmagazin. Ab wann begann sich das inhaltliche Spektrum zu erweitern? 

Manuel Fronhofer: Wenn man so will, ist das schon in der ersten Ausgabe passiert. Wir hatten damals auch schon Filmthemen im Heft – und es gab sogar ein Curry-Rezept (lacht). Aber es stimmt schon, am Anfang war The Gap noch ganz eindeutig eine Musikzeitschrift.
Aus der Entscheidung, es mit einer größeren Auflage zu probieren, ergab sich dann schließlich auch die Entscheidung für eine größere inhaltliche Vielfalt im Heft. Uns war bewusst, dass wir den Themen, die immer schon mehr oder weniger präsent waren, noch mehr Gewicht geben müssen, um inhaltlich breiter und interessanter aufgestellt zu sein. Wir wollten wegkommen davon, dass The Gap als reines Musikmagazin wahrgenommen wird und haben das Magazin so angelegt, dass alles Platz haben sollte, was wir unter dem Begriff Popkultur verstanden.

The Gap hat sich dann irgendwann auch immer mehr gesellschaftspolitischen Themen gewidmet. War das eine bewusste Entscheidung?

Manuel Fronhofer: Das ist gleichzeitig mit der Öffnung hin zu anderen Themen passiert. Es sind damals Leute zu uns gestoßen, die eben in diesen anderen Bereichen etwas machen und in ihren Artikeln gesellschaftspolitische Themen aufgreifen wollten. So gesehen, gab es diesbezüglich keine dezidierte Entscheidung, es war vielmehr eine logische Folge der gesamten Entwicklung des Magazins.

„Leute, die sich sehr intensiv mit bestimmten Themen auseinandersetzen, werden immer ihre Medien suchen.“

Die Medienlandschaft hatte in den vergangenen Jahren aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung doch einiges zu kämpfen gehabt. Inwieweit hat sie auch The Gap betroffen? Wie schwierig ist es geworden, ein Printmagazin wirtschaftlich auf gesunden Beinen zu halten?

Manuel Fronhofer: Sagen wir einmal so: Es wird nicht unbedingt leichter. Das Einbrechen des Anzeigenmarkts, das vor ein paar Jahren eingesetzt hat, haben wir natürlich – wie viele andere auch – zu spüren bekommen. Wobei ich denke, dass wir diese Phase relativ gut durchgestanden haben und es uns auch heute noch verhältnismäßig gut geht. Das liegt, glaube ich, vor allem an unserer Ausrichtung als Special-Interest-Magazin.
Was die Zukunft betrifft, bin ich da relativ optimistisch. Leute, die sich sehr intensiv mit bestimmten Themen auseinandersetzen, werden immer ihre Medien suchen. Und genau das bedienen wir.

Wofür steht The Gap heute?

Yasmin Vihaus: Das, was The Gap heute ausmacht ist, dass es thematisch sehr viel verbindet. Vor allem was den popkulturellen Bereich betrifft. Von Musik, über Kunst, Creatives, Mode, Literatur bis hin zum Film ist sehr viel abgedeckt.
Ich denke, jemand, der kulturinteressiert ist, in Wien wohnt und zwischen 16 und 40 ist, findet bei uns die eine oder andere Story oder ein Thema, das ihn interessiert und auch weiterbringt.

Lässt sich eigentlich genau sagen, wie sich die Leserschaft von The Gap zusammensetzt?

Manuel Fronhofer: Das können wir aktuell nur aus der privaten Perspektive beantworten. Aus der eigenen Erfahrung würde ich sagen, dass der größte Teil unserer Leserschaft zwischen später Oberstufe und Ende des Studiums liegt.

Yasmin Vihaus: Ich glaube, dass ist auch genau die Phase, in der man sich am intensivsten mit den Themen der Popkultur auseinandersetzt.

Wenn man zurückblickt, gab es besonders schwierige bzw. sehr schöne Momente?

The Gap Nr. 162

Manuel Fronhofer: Natürlich stellen einen manche wirtschaftliche Aspekte immer wieder vor Schwierigkeiten. Und es kann auch mal passieren, dass die Motivation vorübergehend nachlässt. Aber das, denke ich, ist normal. Das Schöne an der Sache ist, dass man das ja nicht alleine macht, dass man ein Team hat, das einen auch in schweren Phasen mitträgt und im positiven Sinne antreibt. Die Menschen, die für The Gap arbeiten, sind fast zu so etwas wie einer kleinen Familie zusammengewachsen. Und das erleichtert die Arbeit natürlich sehr.
Ich persönlich finde es immer schön, wenn man – wie jetzt mit dem 20-jährigen Jubiläum – an einen Punkt angelangt, der einem eine gewisse Bestätigung gibt. Dass in den letzten 20 Jahren so viele Leute mit uns diesen Weg gegangen sind und wir so viele Menschen erreicht haben, ist ja nicht nichts. Als wir damals begonnen haben, hat sich wohl niemand von uns gedacht, dass sich The Gap in dieser Form entwickeln und es so lange bestehen würde.

„Es gibt hierzulande einfach genügend gute Musikerinnen und Musiker, über die es sich zu schreiben und berichten lohnt.“

Wer The Gap kennt, weiß, dass es auch der heimischen Musikszene viel Platz einräumt und dies eigentlich schon lange vor dem sogenannten Hype des österreichischen Pop passiert ist.

Yasmin Vihaus: Wenn ein österreichisches Musikmagazin Musik aus Österreich nicht zum Thema machen würde, würde, denke ich, etwas fehlen. Es gibt hierzulande einfach genügend gute Musikerinnen und Musiker, über die es sich zu schreiben und berichten lohnt. Daher ist es auch naheliegend, sich intensiv mit der heimischen Musikszene zu beschäftigen.
Für die Künstlerinnen und Künstler bietet The Gap ganz einfach die Möglichkeit, sich zu präsentieren, vielleicht mit einem ersten Interview auf sich aufmerksam zu machen. Viele empfinden es als Bestätigung, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, sie in die Auslage stellen. Demgegenüber bieten wir unseren Leserinnen und Lesern die Gelegenheit, Bands kennenzulernen, die sie davor vielleicht noch nicht auf ihrem Radar gehabt haben und für die sie sich begeistern könnten.

Manuel Fronhofer: Bei uns ist es so, dass sich der Anteil internationaler im Vergleich zu heimischen Acts über die Jahre gedreht hat. Aktuell berichten wir in der Musik etwa zu 80 Prozent über Sachen aus Österreich. Das liegt auch daran, dass Artikel über österreichische Bands – vor allem online – viel besser funktionieren als zum Beispiel die hundertste Rezension des neuen Arcade Fire-Albums. Die interessiert relativ wenige Leute, weil sie eine solche woanders auch schon gelesen haben. Wenn wir uns aber lokalen Künstlerinnen und Künstlern widmen, zu denen unsere Leserinnen und Leser einen Bezug haben und mit denen wir inhaltlich etwas Besonderes machen können, spricht das deutlich mehr Leute an.

Wie sehen die zukünftigen Pläne aus? Gibt es bereits konkrete Vorhaben?

Yasmin Vihaus: Wir haben uns im Rahmen unserer 20-jährigen Bestehens natürlich auch viel mit uns beschäftigt und uns die Frage gestellt, wo wir in Zukunft thematisch den Fokus setzen wollen. Wir müssen online sicher einiges mehr tun, um relevant zu bleiben. Die Dinge passieren heute einfach viel schneller, und dahingehend hat unsere Website schon noch viel Luft nach oben.
Inhaltlich wird The Gap im Großen und Ganzen so bleiben wie es jetzt ist, mit dem Unterschied, dass vielleicht kreativwirtschaftliche Themen noch mehr in den Vordergrund gerückt werden.

Manuel Fronhofer: Das ist auf jeden Fall ein Punkt, den wir ganz vorne auf der Liste stehen haben. Wir wollen in der Zukunft mehr als noch bis jetzt neben Themen der Popkultur verstärkt Inhalte bringen, die für Leute interessant sind, die im weiten Bereich Kreativwirtschaft tätig sind. The Gap soll in gewisser Weise das Medium für die Kreativen werden. 

Yasmin Vihaus: Das ist vielleicht sogar ein Stück Erwachsenwerden kurz vor dem 21. Geburtstag. Dass man quasi jene mitnimmt und bindet, die vor zehn Jahren schon The Gap-Leser waren und jetzt in der Kreativbranche tätig sind. Gleichzeitig wollen wir natürlich weiter auch für die Jungen da sein. Der Spagat, den wir da versuchen, ist zugegeben schon ein sehr breiter, aber er ist auch einer, der uns wirklich erfüllt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Ternai

20 Jahre The GAP Geburtstagsfest

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