Bild Edi Nulz
Edi Nulz (c) Antonia Renner

„Man muss gemeinsam an etwas glauben“ – SIEGMAR BRECHER (EDI NULZ) im mica-Interview

Das in Wien und Berlin basierte Indie-Jazz-Trio EDI NULZ präsentierte Anfang März 2018 sein neues Album „El Perro Grande“. Der Bassklarinettist SIEGMAR BRECHER sprach mit Patrick Wurzwallner über Beweggründe, kollektive Ekstase und darüber, wie das alles überhaupt einen Sinn ergeben soll.

Wie kamen Sie auf den Bandnamen Edi Nulz?

Siegmar Brecher: Gleich zu Beginn die Klassiker-Frage, die wir bei fast jedem Konzert etwa dreimal beantworten müssen [lacht]. Kurz gesagt: Meine beiden Bandkollegen hatten früher mal eine Band namens Krachberg. Das Logo dieser Band war ein österreichisches Ortsschild, welches ebendiesen Namen trug. Als Konsequenz haben sich die beiden auf den Fahrten zu Konzerten eine ziemlich elaborierte Chronik für den besagten fiktiven Ort einfallen lassen und diese sogar in einem kleinen Büchlein niedergeschrieben. Sie beginnt folgendermaßen: „Der Ritter Edi Nulz ritt auf seinem Pferd Klaus Porlesch und seinem tapferen Knappen Boingo aus, um den bösen Drachen Gurglblast zu erlegen. An dieser Stelle wurde dann das Dorf Krachberg gegründet.“ Jedenfalls blieb der Name Edi Nulz einfach übrig. Valentin [Valentin Schuster; Anm.] und Julian [Julian Adam Pajzs; Anm.] gründeten unter diesem Namen später ein Free-Impro-Duo und haben mich einfach gefragt, ob ich einsteigen möchte. Es hat sofort Spaß gemacht. Nach zwei, drei Probekonzerten hat sich abgezeichnet, dass es sich lohnen könnte, so weiterzumachen. Zuerst hießen wir ja „Edi Nulz Haben Holz“, wegen der Referenz auf die Klarinette, aber das ist natürlich viel sperriger und bei Weitem nicht so catchy. Man hat sich da also schnell geeinigt. Die zwei haben ja auch eine endlose Liste von fiktiven Namen für alle möglichen Sachen. Was auch immer passiert, der Name wird einfach hinzugefügt und man kann dann im Bedarfsfall darauf zurückgreifen. Äußerst praktisch!

„Das Jazz-Trio ohne Kontrabass ist also nicht konzeptuell entstanden, sondern eine pragmatische Lösung“

Gitarre, Schlagzeug und Bassklarinette? Man könnte sagen, dass das ungewöhnlich ist, oder?

Siegmar Brecher: Tja, Edi Nulz entstand ja nicht am Reißbrett. Wir haben uns einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gefunden. Das Jazz-Trio ohne Kontrabass ist also nicht konzeptuell entstanden, sondern war eine pragmatische Lösung, die wir kreativ balancieren und gemeinsam umspielen. Diesbezüglich ist das also auch ein interessantes Feld für Experimente.

Ihr neues Album, das insgesamt bereits vierte, nennt sich „El Perro Grande“, also „der große Hund“. Was bedeutet der Titel?

Siegmar Brecher: Es handelt sich dabei nicht um den tatsächlichen Hund, sondern um besagtes Sternbild. 

Ist die cartoonhafte Leichtfüßigkeit im Umgang mit der deutschen Kante bezüglich Ihres Namens- und Titelhumors ein signifikantes Stilelement?

Siegmar Brecher: Das ist ein bisschen dem Umstand unserer jazzigen Herkunft geschuldet, wo alles immer cool und englisch sein musste. Wir sind diesbezüglich ziemlich „anti“, also eher nahezu „übertrieben“ deutsch [lacht].

Jazz ist aber schon okay, oder?

Siegmar Brecher: Natürlich ist Jazz okay, aber eben auch alles andere! Also kein Tribut an die Wurzeln, sondern eher an alles. Um zu präzisieren: Diese Band ist für mich schon ein Abbild dessen, was in den für uns interessanteren Teilen der Szene passiert, nämlich das stilistische Grenzen passé sind und alles, was gefällt, in die Musik einfließen darf. Die Bandbreite ist da relativ groß.

Was hat es mit Ihrem Label „Boomslang“ auf sich?

Siegmar Brecher: Es handelt sich dabei um ein kleines Label aus Vorarlberg. Betrieben wird es vom Schlagzeuger Alfred Vogel, der auch das Festival Bezau Beats im Bregenzerwald veranstaltet. Er hat sich als Fan geoutet und so führte eins zum anderen.

Wie viel Prozent Ihres musikalischen Schaffens dreht sich um Edi Nulz?

Siegmar Brecher: Ganz klar ist Edi Nulz mein derzeitiges Hauptprojekt und Steckenpferd, mit dem ich auch am meisten unterwegs bin. Also nahezu hundert Prozent! Ich denke meinen Kollegen geht es da ähnlich. Die Band hat sich glücklicherweise auch gut entwickelt.

Bild Edi Nulz
Edi Nulz (c) Antonia Renner

Gibt es andere Projekte neben Edi Nulz?

Siegmar Brecher: Ja, eins wurde letztes Jahr speziell für ein Carte-Blanche-Konzert in der Schweiz gegründet. Ich spiele da mit dem Pianisten Georg Vogel und dem Kontrabassisten Andreas Waelti. Zweimal haben wir gespielt, aber seitdem hieß es bisher ausschließlich Edi Nulz. Es ist also etwas, was bereits darauf wartet, in Zukunft mehr Zeit gewidmet zu bekommen. Julian und Valentin haben außerdem ein Progressive-Metal-Duo namens PeroPero.

Buchen Sie Ihre Shows selbst?

Siegmar Brecher: Zurzeit bucht Valentin die meisten Shows – meiner Ansicht nach macht er auch einen ziemlich guten Job.  Leider gibt es in unserem Bereich wenig gute Booker, die sich der Sache auch wirklich hingeben. Die meisten sind ja selber Musikerinnen und Musiker und versuchen, nebenbei etwas zu verdienen – dementsprechend ist dann leider auch der Output. Wir haben da auch nicht die besten Erfahrungen gemacht, also machen wir das Booking jetzt selbst.

Von der Musik leben, geht das?

Siegmar Brecher: Im Prinzip geht das bereits seit dem Studium. Natürlich ist das Unterrichten ein zusätzliches Standbein. Ohne das wäre es, ehrlich gesagt, schon ziemlich hardcore. Selbst wenn man es hinkriegt, viel zu spielen, bedeutet es in vielerlei Hinsicht, auf ein gesundes Privat- und Sozialleben zu verzichten – eine sehr schlechte Work-Life-Balance also. Mit Anfang zwanzig denk man ja auch, dass es supergeil ist, die ganze Zeit auf Tour und unterwegs zu sein. Irgendein US-Drummer, dem ich mal begegnet bin, hat es dahingehend sehr treffend formuliert: „Well, you know, it’s a young man’s game!“ Die Realität holt aber schnell ein, wenn man vom Leben nichts hat außer Transit, Backstage-Räume, Soundcheck-Stress und Biere danach. Eine ziemlich harte Kante auf Dauer. Das zweite Standbein gibt einem einfach die Sicherheit und die Möglichkeit, sowohl den dienstleisterischen als auch freischaffenden Aspekt des professionellen Musikerdaseins schätzen zu können. Es ist ja auch extrem wichtig, nicht die Passion zu verlieren und nicht zu vergessen, warum man das alles eigentlich macht. Auf der Bühne ist es ja immer supergeil, alles andere ist das Anstrengende.

Wie funktioniert die Arbeitsaufteilung bei Ihnen?

Siegmar Brecher: Wir befinden uns in der extrem glücklichen Situation einer absoluten Drittelung mit klaren Zuständigkeiten. Ich bin Marketingmanager, Finanzminister und kümmere mich auch um die sozialen Medien, Valentin hat das Booking und Veranstaltungsmanagement über und Julian kümmert sich um sämtliche technischen Belange sowie um Grafik und Video. Wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden, was so anfällt, und gleichen uns gegenseitig auch gut aus. Das Valentin und Julian in Berlin wohnen, besteht unser kompositorischer Workflow hauptsächlich aus geblockten Einheiten. Wir nehmen uns dann Zeit und fahren ein paar Tage wohin, um aus dem Alltag auszubrechen, neue Ideen zu entwickeln und diese gemeinsam auszuformulieren.

Nehmen Sie selbst auf oder gehen Sie ins Studio?

Siegmar Brecher: Wir gehen ins Studio. Wie arbeiten bereits seit unserem zweiten Album „An der vulgären Kante“ mit den Tonproduzenten unseres Vertrauens Markus Abendroth und Peter Thomas von „Zodiaque“ zusammen. Soundmäßig bewegen sich die beiden auch nur bedingt im Jazzbereich und machen eher elaborierten Indie-Sound wie beispielsweise Deerhoof.

„Was wir aber alle wollen ist, eine gewisse Brachialität im Sound und nicht das glattgebügelte Jazzding […]“

Sind Sie Soundfetischisten, Analog-digital-Nerds oder eher Pragmatiker?

Siegmar Brecher: Julian würde da jetzt wahrscheinlich mehr dazu sagen, aber ich sehe mich eher als Pragmatiker. Was wir aber alle wollen, ist eine gewisse Brachialität im Sound und nicht das glattgebügelte Jazz-Ding. Schließlich sind wir im Kern eine Liveband und versuchen, diese Art von Energie natürlich irgendwie auf Tonträger zu bannen – ein nahezu unmögliches Unterfangen, aber wir geben wirklich unser Bestes, es hinzukriegen. Auch dem technischen Perfektionswahnsinn geben wir uns nicht hin und korrigieren so gut wie nie. Der Ehrgeiz liegt eher in der klanglichen Kontextualisierung, was bedeutet, brachiale Dinge auch brachial zu bringen, um den dynamischen und leiseren Momenten im Kontrast dazu mehr Kraft zu verleihen.

Gibt es eine Art Sound-Konsens, der die musikalischen Hörgewohnheiten und Vorlieben der einzelnen Bandmitglieder einigermaßen auf den Punkt bringt?

Albumcover El Perro Grande
Albumcover “El Perro Grande”

Siegmar Brecher: Obwohl wir in dieser Hinsicht sehr verschieden sind, könnte man tatsächlich Deerhoof als Referenz nennen, die in unseren Augen auch total kompromisslos sind, was ihren Sound und ihre Ästhetik betrifft und machen, was sie wollen. Im traditionellen Jazzbereich gibt es, was die Sound- und Klangvorstellung betrifft, relativ wenig zu holen, weswegen wir uns da eher über den Tellerrand hinaus orientieren. Meine Bandkollegen sind, was das betrifft, deutlich mehr dahinter und begeistern sich auch sehr für Rock und Metal und diese Arten des Zugangs, was ich zumeist sehr erfrischend finde und durchaus begrüße.

Wo sind Sie dann?

Siegmar Brecher [lacht]: Na ja, ich bin der Bassklarinettist, der verzweifelt versucht, da mitzuhalten. Mein Instrument ist schlichtweg nicht dafür konzipiert, mit dem Volumen einer gesättigt verstärkten Gitarre und einem auch unsanft gespielten Schlagzeug zu wetteifern. Aber Gott sei Dank bin ich ja inzwischen der zweitlauteste Klarinettist der Welt, nur noch getoppt von Rudi Mahall [lacht].

Haben Sie Vorbilder, was Ihr Instrument betrifft?

Siegmar Brecher: Eigentlich habe ich ja Saxofon studiert, dann aber relativ schnell die Bassklarinette für mich entdeckt und mich quasi umentschieden. Die Gründe dafür liegen natürlich in der Klanglichkeit, jedoch spielt auch die Tatsache, dass die Bassklarinette in jedem Kontext einen popkulturell noch deutlich unbehafteteren Ruf als das Saxofon genießt, eine große Rolle. Das ist natürlich ein großer Vorteil, um relativ referenz- und vorbildfrei loszuspielen. Man ist einfach weniger determiniert, gewisse Dinge tun zu müssen, und das ist natürlich unglaublich befreiend. Abgesehen davon ist es einfach ein geiles Instrument und bietet durch diese Noch-nicht-zu-Ende-Prozeduralisierung wahnsinnig viele Möglichkeiten. Mich begeistern da eigentlich alle meine Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise Susanna Gartmayer und auch Rudi Mahall, weil eben jede und jeder speziell klingt.

Wie viel Jazz steckt also in Edi Nulz?

Siegmar Brecher: Wir fühlen uns Frank Zappa kompositorisch deutlich näher als klassischem Jazz. Wir spielen schon mit Themen, aber so, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Es gibt auch Teile, die man als Solopassagen bezeichnen könnte, aber letztendlich lassen wir uns immer sehr offen, wo es überall hingehen kann. Es darf ja auch für einen selbst nicht langweilig werden und es muss schließlich Raum dafür geben, einander immer wieder überraschen zu können. Das ist ja auch der konsensuelle Grundantrieb und Anspruch. Impro wird zum Thema und Thema zu Impro, obwohl das zugrunde liegende Material an sich durchaus konkret ist. Natürlich müssen etliche Grundbedingungen erfüllt sein, damit das zufriedenstellend funktionieren kann. Man muss sich eben sehr miteinander und mit dem eigenen Material auseinandersetzen und sich natürlich auch einigermaßen auf seinem Instrument zurechtfinden, aber wenn das wie bei uns glücklicherweise der Fall ist, kann man gemeinsam ziemlich aus dem normativen Spielbereich ausscheren und sich kollektiv schön aus dem Fenster lehnen.

Sind Sie Freunde?

Siegmar Brecher: Ja! Ich glaube, man kann zwar Musik machen, ohne befreundet zu sein, aber eine Band ist eben nicht ohne Grund eine Band. Man muss gemeinsam an etwas glauben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Patrick Wurzwallner

Links:
Edi Nulz
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Boomslang Records