„Man kann Lieder hören, ohne den Text zu 100 Prozent verstehen zu müssen“ – CULK im mica-Interview

Patriachat und Popmusik? Gender-Gap und E-Gitarren? Unter anderem zwischen diesen Koordinaten bewegt sich die Wiener Band CULK mit ihrem zweiten Album „Zerstreuen über Euch“, das bei Siluh erschienen ist und am 30. Oktober 2020 im WUK präsentiert wird. Jürgen Plank hat SOPHIE LÖW und CHRISTOPH KUHN zum Interview getroffen: Ein Gespräch über Binnenreime, den Kampf gegen Ungerechtigkeiten, über abgesagte bzw. verschobene Konzerte und das Musikmachen nach dem Corona-Lockdown.

Im Pressetext zum neuen Album steht, dass es eine Kampfansage gegen tief verwurzelte patriarchale Strukturen ist. Wogegen richtet es sich konkret?

Sophie Löw: Die Texte der einzelnen Songs sind inhaltlich miteinander verbunden. Prinzipiell ist das Album keine Antwort auf gesellschaftliche Probleme oder Missstände in Geschlechter-Machtverhältnissen. Es ist ein Aufzeigen und ein Anschauen von Problematiken. Dieses Aufzeigen manifestiert sich in verschiedenen Themen am Album. 

Gibt es dafür ein Beispiel?

Sophie Löw: Im Lied „Nacht“ erzähle ich zum Beispiel von meiner Erfahrung, dass ich mit 25 Jahren noch immer nicht die Freiheit verspüre, total gelöst nachts alleine nach Hause zu gehen. Die Straße beziehungsweise die Nacht ist kein Ort, an dem Gleichberechtigung herrscht. Im Lied „Jahre später“ geht es um eine Frau, die nicht weiß oder nie gelernt hat, welche Rechte sie hat und was normal ist und was nicht. Sie wurde unfair behandelt und Grenzen wurden überschritten und das kann sie erst viele Jahre später verstehen. Es geht einerseits um den Kampf gegen Ungerechtigkeiten und darum, dass man zuerst Strukturen verstehen muss, um den Kampf zu beginnen.

„Insgesamt war die musikalische Arbeit an den Liedern nicht sehr schwierig“

Wie war denn der Arbeitsprozess am neuen Album?

Cover Zerstreuen über Euch
Cover “Zerstreuen über Euch“

Christoph Kuhn: Das war von Lied zu Lied sehr unterschiedlich. Es gab Arbeitsprozesse an Liedern, die ziemlich locker von der Hand gegangen sind. Und es gab Arbeitsprozesse an Liedern, die ein bisschen schwieriger waren, wenn es die Findung der endgültigen Form anbelangte. Insgesamt war die musikalische Arbeit an den Liedern nicht sehr schwierig. Auch weil wir untereinander gut befreundet sind und uns einen guten Umgang miteinander erarbeitet haben.

Was hat sich im Vergleich zum ersten Album geändert?

Christoph Kuhn: Im Gegensatz zum ersten Album haben wir beim Songwriting darauf geachtet, dass der Text an sich mehr Raum bekommt und die Instrumentierung ein bisschen mehr zurückgenommen wird. Beziehungsweise, dass der Text mehr in die Musik eingebettet wird, sodass Sophies Stimme mehr Raum bekommt.

Sophie Löw: Man merkt schon, dass die Zuhörenden mehr Zugang zu den Inhalten finden. Und das ist auf jeden Fall sehr schön.

Schon bevor Bob Dylan den Literatur-Nobelpreis bekommen hat, sind Songtexte etwa bei Protestliedern im Zentrum gestanden. Kann man auf poetische Weise leichter dafür sorgen, dass sich Inhalte bei den Zuhörenden verfangen?

Sophie Löw: Ich glaube es ist schon gut, wenn man Texte schreibt, die auch abseits der Musik einen guten Lesefluss und inhaltlichen Wert haben. Durch eine lyrische Verpackung ist der Zeigefinger nicht so zu sehen, das war mir beim Schreiben ein Anliegen. Durch den lyrischen Mantel ist ein Text ein Angebot an die Hörenden, sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Man wird dazu nicht gezwungen. Ich glaube schon: Man kann Lieder hören, ohne den Text zu 100 Prozent verstehen zu müssen. Man präsentiert einen Inhalt auf lyrische Weise und dadurch sind die Leute zugänglicher, das glaube ich schon.

Im Lied „Dichterin“ heißt es: „Ich bin kein Dichter, doch ich schreibe Gedichte.“ Was wolltest du damit transportieren?

Sophie Löw: Im Lied geht es darum, dass auf Menschen vergessen wird, wenn sie in der Sprache nicht repräsentiert werden. Oder es wird nicht so viel Wert auf sie gelegt. Ich werde also kein Dichter sein, sondern eine Dichterin und ich werde kein Texter sein, sondern eine Texterin. Die Sprache ist auch eine Machtdemonstration, wenn Menschen nicht Teil einer Sprache sein können.

Auf das Schreiben an sich hast du dich mit dem Lied nicht bezogen?

Sophie Löw: Ich habe mich auf Worte und die Macht, die hinter Worten steckt, bezogen.

Ihr wart schon auf Tour in Deutschland, wie war das? Habt ihr Unterschiede beim Touren zwischen Österreich und Deutschland bemerkt?

Christoph Kuhn: Prinzipiell sind die Strecken kürzer in Österreich, aber das Touren in Deutschland ist aufregender, weil man neues Terrain betritt, neue Städte kennen lernt und in Clubs spielt, in denen man meistens noch nicht war. In Deutschland sprechen einen die Leute nach dem Konzert öfters an.

Sophie Löw: Ich stimme Christoph zu, für mich ist der Unterschied, dass wir die Leute im Publikum meist nicht persönlich kennen. Das ist eine schöne Erfahrung für mich und wenn man die Leute persönlich kennt, hemmt mich das ein bisschen in meiner Performance und dass ist der größte Unterschied zum Spielen in Österreich. 

Bild Culk
Culk (c) Antonia Mayer

Welchen Hintergrund hat das Lied „Nacht“? Stecken da persönliche Erfahrungen dahinter oder was hat es mit diesem Lied auf sich?

Sophie Löw: Generell ist der Wunsch nach Freiheit sehr groß, wenn man am Abend als Frau alleine unterwegs ist. Ich habe auch mit Freundinnen darüber gesprochen und das ist ein Thema, dass einen das ganze Leben lang begleitet: einerseits wird man so erzogen, dass man nachts aufpassen soll und man entwickelt dann auch Schutzmechanismen. Ich will einfach nicht mehr Angst haben, wenn ich alleine nachts nach Hause gehe. Als Kind oder als junges Mädchen dachte ich mir: wenn ich mal 25 Jahre alt bin, werde ich keine Angst mehr haben – oder kein ungutes Gefühl. Aber das stimmt leider nicht. Im Text erzähle ich von Schutzmechanismen, davon, dass man etwa absichtlich die Straßenseite wechselt. Oder dass man noch ein zweites Paar Schuhe mit hat, das keine Absätze hat, damit man beim Gehen nicht so laut klackert.

„Es geht auch um Wörter, die interessant sind und zum Thema passen und der Text ergibt sich dann meistens wie ein Puzzle“

Die Texte schreibst ja alle du. Mir ist aufgefallen, dass du immer wieder Binnenreime verwendest. Feilst du solange an Texten, bis eben ein Reim innerhalb einer Zeile entsteht oder ergibt sich das von selbst?

Sophie Löw: Zuerst habe ich ein Thema im Kopf, über das ich schreiben will. Dann sammle ich Phrasen dazu, die ich inhaltlich wichtig und sprachlich schön finde. Es geht auch um Wörter, die interessant sind und zum Thema passen. Der Text ergibt sich dann meistens wie ein Puzzle.

Ihr werdet euer neues Album im WUK präsentieren. Wie seid ihr aufs WUK als Präsentationsort gekommen?

Bild Culk
Culk (c) Antonia Mayer

Sophie Löw: Das WUK ist in Wien eine echt tolle Location und in Corona-Zeiten gibt es dort eine schöne Möglichkeit, ein Sitzkonzert zu machen, für das genügend Platz ist. Und dort hat es auch etwas Feierliches, finde ich. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, ein Open-Air-Konzert zu spielen, aber wir brauchen für unsere Musik einen Ort, der geschlossen ist. So funktioniert es immer am besten und so können wir am besten Intimität mit dem Publikum aufbauen.

Christoph Kuhn: Schön ist im WUK auch, dass man dort im Innenhof mit den Menschen reden kann, die beim Konzert waren.

Das Stichwort Corona ist schon gefallen: Wie ist es euch in den letzten Monaten gegangen? Wurden viele Konzerte abgesagt?

Christoph Kuhn: Ja, es sind leider schon viele Gigs ausgefallen. Wir hatten für Herbst eine Deutschland-Tour geplant, die mussten wir leider auf Mai 2021verschieben. Im Sommer hätten wir bei einigen Festivals gespielt, die wir leider absagen bzw. ebenfalls verschieben mussten.

Sophie Löw: Es war zum Teil schon hart, das zu akzeptieren. Leider geht es heute vielen Kulturschaffenden so. Das Album haben wir kurz nach dem Lockdown mit Wolfgang Möstl aufgenommen und insofern war das damals eine intensive, schöne Zeit.

Die Zeit des Lockdowns hatte eine düstere Stimmung, hat diese Zeit insofern zu euch als Band und zu den Aufnahmen für das neue Album gepasst?

Sophie Löw: Vielleicht. Ich bringe in meine Texte immer einen düsteren Vibe hinein und die Instrumentierung geht auch in diese Richtung. Andere Leute kriegen es oft gar nicht so mit, dass wir es als Band eigentlich immer sehr lustig haben. Es ist eine Stärke von uns, dass wir uns zu viert von der Energie her oben halten können.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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Culk live – Albumrealease-Konzert
30.10.2020 WUK, Wien

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Siluh Records