Baer (c) Nikolaus Ostermann

„Man kann Eltern eine leichtere und Kindern eine tiefere Bedeutung zumuten.” – MATTHÄUS BÄR im mica-Interview

MATTHÄUS BÄR macht Kindermusik, die auch Eltern gefällt. Wie das funktioniert und weshalb sein neues Album „Zucker“ (Phonotron) von Selbstbestimmung handelt und in Richtung Synth-Pop der 1980er geht, verriet er Markus Deisenberger.

Meine sechs Jahre alte Tochter ist Fan. Wenn nach einer Bibi-&-Tina-CD Matthäus Bär kommt, bedeutet das für mich: durchatmen. Kein Gashupentechno, kein Pseudo-Hip-Hop, sondern geschmackvoller Kinder-Pop.

Matthäus Bär: Das war einer der Gründe, Musik für Kinder zu machen. Weil ich selbst mit dem Angebot nicht zufrieden war. Ich wollte etwas machen, was ich mir selbst vom Inhaltlichen, Ästhetischen und vom Klangbild her anhören würde, aber was auch Kinder verstehen. Man hört sich als Erwachsener ja immer auch die Musik seiner Kinder an, ob man will oder nicht.

Dazu muss man aber sagen, dass es speziell in Österreich wirklich wenig gibt. In Deutschland dagegen ist das Genre des neuen deutschen Kinderlieds, wo man bewusst vom Bild des Märchenonkels, der mit seiner Wandergitarre spielt und Zahnputzlieder vorträgt und den Ballermann-Produktionen wegwill, beliebt und erfolgreich. Je nachdem, was die Eltern hören, gibt es diese Genres dann auch für Kinder: Hip-Hop für Kinder, Punkrock für Kinder …

Das heißt, es wird absichtlich nach dem Geschmack der Eltern produziert?

Matthäus Bär: Das passiert ganz automatisch, glaube ich. Ich kenne jedenfalls keine Kinderband – und ich bin da auch sehr unbedarft hineingeschlittert –, die sich hingesetzt hätte und bewusst Musik für Kinder produziert hätte, um das große Geld damit zu verdienen. Den meisten ist das so passiert.

Womit wir bei der Frage wären: Wie sind Sie dazu gekommen? Musik für Kinder ist schließlich kein Studienfach, das man an der Popakademie belegt.

Matthäus Bär: Die Leute, die ich kenne und die Musik für Kinder machen, haben alle einen musikalischen Background, haben in einer Band gespielt und machen etwas, was auch ihren eigenen Kindern gefallen könnte. Der Gründervater des größten deutschen Kinder-Acts Deine Freunde etwa, die 2.000er-Hallen aufwärts bespielen, ist der ehemalige Schlagzeuger der Band Echt. Nachdem das Projekt Echt vorbei war, hat er seine Kontakte genutzt und die Band gestartet. Heut ist das ein fetter Universal-Act und wird deutschlandweit promotet. Plötzlich waren sie die Heilsbringer der Eltern-Kinder-Musik. Für drei Alben und vier Touren war das die Cashcow schlechthin.

„Man hört sich als Erwachsener ja immer auch die Musik seiner Kinder an, ob man will oder nicht.”

Wie schwer oder leicht ist es, als Kinderrockstar sein Publikum zu finden?

Matthäus Bär: Mein Publikum – das ist vielleicht auch musikabhängig, aber das merken wir bei Konzerten und Veranstaltungen, wo wir fehlgebucht wurden – sind klassische Bobos. Die FM4-Hörerschaft, die Kinder hat. So ehrlich muss man sein. Das hat sicherlich mit der „Awareness“ zu tun, so blöd das klingen mag. Eltern, denen es wichtig ist, dass ihre Kinder mit pädagogisch wertvollem Spielzeug spielen und sich gesund ernähren, legen eben auch Wert darauf, dass die Unterhaltung der Kinder ein gewisses Niveau hat, und beschäftigen sich damit. Das ist mit dem Besuch eines Kindertheaters vergleichbar. Auch dort hat man ein ganz bestimmtes Publikum. Die spannendsten Konzerte sind bei uns auch immer die, wo die Leute wegen des Konzertes, wegen der Musik kommen. Alle anderen Veranstaltungen, wo wir einfach reingebucht wurden, weil man als Ergänzung zu einem Kinderprogramm halt auch eine Band brauchte und es völlig egal ist, was genau da jetzt stattfindet – es könnte genauso eine AC/DC-Coverband spielen –, sind eher nicht so lustig.

Inwiefern?

Matthäus Bär: Auf den Schmäh, den wir haben, muss man sich schon ein bisschen einlassen. Die Zwangsbeschallung funktioniert mit unserer Musik nicht wirklich.

Das heißt, es ist schwer für Sie, neues Publikum zu erschließen?

Matthäus Bär: Ich verschließe mich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich würde mich freuen, wenn meine Musik in jeder Volksschule Österreichs gespielt werden würde. Aber ich muss das machen, was aus mir herauskommt. Ich könnte mich nicht hinsetzen und einen Ballermann-Hit komponieren. Das würde nicht funktionieren.  Ich habe schon oft überlegt, einen Skihüttenhit zu schreiben, aber dazu muss man schon speziell drauf sein. „Finger im Po, Mexiko“ – das musst du spüren. Das lässt sich nicht konstruieren.

Wie schwer ist es, ein Kinderrockstar zu sein und gleichzeitig bei den Eltern anzukommen?

Matthäus Bär: Gar nicht. Mir geht es darum, dass ein Song irgendeine Komponente hat, die sowohl Kinder als auch ihre Eltern trifft. Auf welcher Ebene, ob textlich oder musikalisch oder beides, ist erst mal egal. Beim Schreiben an Kinder zu denken, ist eine gute Übung. Da macht es nämlich keinen Sinn, sich supertolle Metaphern auszudenken, wenn sie die eigenen Kinder schon nicht verstehen. Das ist ein guter Filtermechanismus, der einen down to earth bringt.

„Mein Publikum (…) sind klassische Bobos.”

Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Musik für Kinder und Musik für Eltern?

Eingängigkeit beim Refrain etc. ist im Erwachsenenpop ja genauso gegeben. Gibt es textliche, thematische Unterschiede oder einen besonderen produktionstechnischen Zuckerguss?

Matthäus Bär: Nein, ich mache keinen Unterschied. Bei den Themen sind bis auf wenige Ausnahmen wie der Gelderwerb auch die gleichen interessant. Die zwischenmenschlichen Themen sind dieselben: verletzt sein, enttäuscht sein, Liebe und Zorn. Das gilt es in Worte zu fassen, die ein bestimmtes Thema auch für die junge Hörerschaft erfassbar machen. Ein Beispiel: Eine Freundin meiner Tochter sollte bei ihr übernachten und hat im letzten Moment abgesagt,  am nächsten Tag aber dann bei einer anderen Freundin übernachtet. Das habe ich in einen Song gepackt. Das Thema hat dann aber genauso für einen meiner Freunde gepasst, der von seiner Freundin verlassen wurde, die bei ihm auszog und auch woanders schlief. Eine Schnittmenge wie diese zu finden, ist unheimlich spannend.

Mozarts „Zauberflöte“ ist vielleicht das Werk der Musikgeschichte, das Dinge enthält, die für Erwachsene und Kinder gleichermaßen geeignet sind. Aber spätestens gegen Ende, wenn es um die Initiation in eine höhere Gesellschaftsstufe geht und das Märchenhafte ausgeblendet wird, steigen Kinder aus. Wenn man so will, ist die Zauberflöte daher das Beispiel, dass es für beide dann eben doch nicht geht. Gibt es Musik, die für Kinder und Eltern wirklich gleichermaßen geeignet ist?

Matthäus Bär: Ich finde, es muss nicht gleichermaßen sein. Ich fände es falsch, wenn ein Werk zwei unterschiedliche Adressaten hat und versucht, diese unterschiedlichen Adressaten mit verschiedenen Reizen zu ködern. Es geht immer nur, wenn ein und dieselbe Aussage für beide funktionieren muss. Im Animationsfilm passiert das, es passiert aber auch in einem Buch wie „Ronja Räubertochter“, das man als normale Abenteuergeschichte lesen kann, aber auch als Romeo-und-Julia-Geschichte oder Aufbereitung des Generationenkonflikts. Man muss nicht immer alles überladen, um ihm eine tiefere Bedeutung zu geben. Auch Erwachsene freuen sich mitunter über niederschwellige Themen.

Auf meiner allerersten CD ist ein Lied mit dem Titel „Ich will jetzt ein Eis“ drauf. Das habe ich eine Weile auch im Nachtprogramm im Fluc und anderen Lokalen für die Betrunkenen gespielt. Die freuen sich genauso über so eine Zeile. Bis ich einmal wo eingefahren bin …

Du spielst auf ein legendäres Konzert in Oberösterreich an?

Matthäus Bär: Ja, da war ich als Mitternachtseinlage auf einem Faschingsfest gebucht. Da dachte ich mir, dass ich denen die Schneid abkaufen muss, und sprang auf den Tisch. Es erwies sich als der falsche Ort und die falsche Zeit. Dass da ein Städter daherkommt und witzig zu sein versucht, ging den Gästen dort offenbar gehörig gegen den Strich. Nach Becherwürfen wurde ich von der Bühne geholt und durch den Hinterausgang nach draußen eskortiert. Auch das muss man einmal erlebt haben. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Man kann Eltern eine leichtere und Kindern eine tiefere Bedeutung zumuten. Kinder müssen auch nicht alles verstehen. Es geht mehr ums Feeling.

Die meiste Kindermusik sei musikalisch irgendwo zwischen Mist und Dreck zu verorten, schrieb Karl Fluch. Bei deiner Musik sei das anders. Warum?

Matthäus Bär: Wir betreiben auf jeden Fall einen hohen Aufwand, um etwas zu produzieren, was den technischen Anforderungen genügt, z. B. im Radio laufen könnte. Ich traue mich zu sagen, dass wir aufwendiger und qualitativ hochwertiger produzieren als manche, die im Radio gespielt werden. Einfach, weil wir das gerne so machen und uns die Zeit nehmen. Dafür dauert es dann auch seine Zeit. Allein den richtigen Drum-Sound zu finden ist ein langwieriger Prozess.

„Auch Erwachsene freuen sich mitunter über niederschwellige Themen.“

„Zucker“ ist bereits Ihr drittes Album. Was ist anders als bei den Vorgängern?

Matthäus Bär: Musikalisch habe ich immer gerne eine stilistische Vorlage. Bei der Veröffentlichung davor waren es 60er-Jahre-Schlager und Chansons. Dieses Mal war es 1980er-Jahre-Synthie-Pop. Cindy Lauper. Auch das erste Nena-Album hat mir eine Zeit lang sehr getaugt – auch weil es äußerst kindertauglich ist. „99 Luftballons“ ist ein gesellschaftskritisches Lied, das auch für Kinder funktioniert. Natürlich gibt es da auch schlechte Nummern drauf, aber „Nur geträumt“ ist auch 2018 noch gut. Und der Keyboarder hat damals Wahnsinns-Arrangements erarbeitet. Deshalb kaufte ich mir zwei alte Synthesizer und beschloss, mit dem nächsten Album in diese Richtung zu gehen. Inhaltlich hat es dieses Mal viel mit Selbstbestimmung und Selbstbestätigung zu tun. Wie man den eigenen Weg geht und zu sich selbst findet. Wer man ist und was man sein will.

Das letzte Album hast du mit Polkow aufgenommen. Dieses Mal …

Matthäus Bär: … läuft es unter meinem Namen. Letztes Mal bot sich das an, weil der PolkovSound zum Genre passte. Ich habe also dieses Mal ein paar Leute eingeladen mitzumachen. Das heißt, die Instrumente, die ich nicht selbst kann, wurden eingespielt.

Bei guter Kinderliteratur ist oft auch die Auflehnung gegen die Eltern ein Thema. So auch auf Ihrem Album in „Mach die Nacht zum Tag“, mehr aber noch in „Total egal“. Wie weit ist Matthäus Bär ein Kinderversteher?

Matthäus Bär: Ob die Auflehnung notwendig ist, weiß ich nicht. Es geht um Selbstdefinition. Nach dem Motto: „Es ist eh cool, was du sagst, aber eigentlich ist es auch Blödsinn.“ Irgendwann macht das entwicklungstechnisch jede und jeder mal mit. Im Zuge des Älterwerdens ist es ein probates Mittel, Dingen, die die Eltern sagen, nicht zuzustimmen.

Wenn ich mir die Kinderliteratur anschaue, die ich meiner Tochter vorlese, gibt es zwei Kosmen: den von Laura Stern und den von Astrid Lindgren.

Matthäus Bär: Nicht zu vergessen Conny – das opportunistischste Kind der Welt.

Genau. Wenn man Conny oder Laura nimmt und das dort vermittelte Weltbild dann dem einer Pippi Langstrumpf gegenüberstellt, ist Pippi geradezu anarchistisch im Vergleich zu der biederen Angepasstheit mancher deutscher Kinderbücher. Zu welchem Kosmos fühlt sich Matthäus Bär mit seinem Liedgut zugehörig?

Matthäus Bär: Ich hoffe schon, dass ich zum selbstbestimmten Kosmos gehöre. Aber ich bin ja kein Kind und kann deshalb nur erahnen, was ein Kind fühlt und spürt. Auf dem aktuellen Album gibt es zum ersten Mal einen Song mit einer richtigen Story. Alle anderen waren immer nur Stimmungsbilder – ein Gefühl, das ich in möglichst leicht verständliche Worte zu packen versuchte. Dass es da auch einmal das Gefühl des Widerstandes, des Aufbegehrens gibt, gehört einfach dazu. Vielleicht sind die Aufbegehrungslieder aber auch eher Ausdruck dessen, dass ich mich als Vater ganz oft dabei ertappe, viel mehr der Conny-Vater zu sein, als ich eigentlich sein will. Vielleicht muss ich deshalb meinen Kindern diese Stimme geben, die sich an mich richtet und mir ausrichten lässt: „Eigentlich bist du ein Trottel.“

Die letzte Nummer des Albums heißt „Elternlied“. In ihm steckt eine große Wahrheit: Das, was Eltern am meisten wollen, ist länger zu schlafen. Gilt es da zum Schluss die Sympathie, die man vorher ein wenig verspielt hat, zurückerobern?

Matthäus Bär [lacht]: Nein, das muss mir egal sein. Es würde zu weit gehen, wenn ich die Sorgen der Eltern mitdenken müsste. Auch wenn nach „Ich will jetzt ein Eis“ die Kinder zum Leidwesen der Eltern Eis einfordern, darf mich das nicht weiter stören.

Gehen wir noch einmal zum Publikum zurück. Ihre Musik könnte, auch wenn sie vielleicht auf eine gewisse Hörerschaft beschränkt ist, ebenso gut auch ein größeres Publikum ansprechen, oder?

Matthäus Bär: Da sind wir bei der Frage angelangt, warum Ö3 immer nur Lieder spielt, die sich gleich anhören, und dann Hörertests durchführt, bei denen sie den Leuten die Nummern vorspielen, die sie kennen und die ihnen gefallen. Dann kommt das Ergebnis: „Mir gefällt das, was ich kenne.“ Eine ständige Selbstbestätigung des Marktes ist das. Genau deshalb passiert dort auch nie etwas Neues.

Werden Sie denn auf Ö3 oder FM4 gespielt?

Matthäus Bär: Auf FM4 ja, aber nicht in der Rotation. Robert Rotifer hat uns ein paar Mal gespielt.

Was bringt die Zukunft?

Matthäus Bär: Ich würde mich gerne in Richtung Kinderliteratur entwickeln. Dass muss kein Epos werden, aber etwas Längeres zu schreiben, würde mich sehr reizen.

Sehen Sie das auch als Möglichkeit, aus der Blase auszubrechen?

Matthäus Bär: Auch. Die sich selbst beweihräuchernde Indie-Blase nervt einen irgendwann und man ist froh – so viel Spaß das auch machen mag –, einmal in einen anderen Kontext zu treten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

 

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