Lust auf Listen (zu Gast: das Gap)

Lust auf Listen (zu Gast: das Gap)Rund um jeden Jahreswechsel laufen in Musikredaktionen die Rechenschieber heiß. Platte, Single, DVD und Haarschnitt des Jahres müssen statistisch erfasst werden. Und was bringt’s? Offensichtlich besteht ein Bedürfnis danach, Erlebtes und Erkauftes Revue passieren zu lassen. Nun beteiligen sich auch andere Magazin-Ressorts an dem jährlichen Ritual, aber in keinem anderen Feld wird das derart manisch und ausufernd betrieben, wie im Bereich Musik.

Das Phänomen nennt sich “Listenwahn”. Während andere lediglich den Sportler, Film, Mensch oder das Game des Jahres bestimmen wollen, bewegen sich Musik-Rückblicke fast nie unter zwanzig Einträgen. Das hängt nur bedingt mit dem Umstand zusammen für das Hören von Musik weniger Zeit zu benötigen. Diese messend-wertende Logik, durch die sich Best-of-Listen auszeichnen, sagt auch einiges über die Auseinandersetzung mit Musik im Allgemeinen aus.

 

Listen bis zum Abwinken
Thomas Schultze betreibt seit 1998 eine Internetseite, die Listen der größten, deutschsprachigen Musikzeitschriften zusammenträgt – darunter /Rolling Stone/, /Intro/, /Spex/, /Visions/ oder /Musikexpress/. Es finden sich aber nicht nur unzählige Aufreihungen von besten Alben und Singles des jeweiligen Jahres. Ganz wie es den jeweiligen Redakteuren beliebt, wird auch über Punk, Debüts, fünf Jahrzehnte, die Neunziger oder die beste Single aller Zeiten abgestimmt. Genauso – nur noch größer und älter – funktioniert auch die von Julian White konzipierte Seite /rocklist.net/. Die Fülle von vorwiegend englischsprachigen Publikationen und Listen ist schlicht verwirrend. Wer soll hier noch den Überblick bewahren? Man müsste schon beklopft sein, wenn man sich hier ein Bild der verblichenen Generationen von Rockmusik machen wollte, anstatt eine handelsübliche Einführung zu lesen.

 

Denn in vielen Punkten gleicht das Erstellen solcher Listen dem beliebten Kaffeesatz-Lesen. Einschicken kann bei Leser-Befragungen wer Zeit und Interesse daran hat; repräsentativ ist das längst nicht. Außerdem verschwinden Platten, die zu früh oder zu spät veröffentlicht wurden, aus dem Bewusstsein der Wahlboheme. Vor allem aber dienen solche Listen nicht dazu, die eigene Wahrnehmung alljährlich mit einer undefinierten Masse abzugleichen. Wichtiger als die Unterschiede zwischen Leser- und Redaktionscharts sind deren Gemeinsamkeiten. Das lässt sich über Magazin-, Radio- oder Verkaufscharts gleichermaßen sagen. Verschiedenen Medien versuchen eine Definitionsmacht darüber zu erlangen, was beachtenswerte Musik sein soll. Sie dienen ihrer Leserschaft gegenüber als Identifikation und nach außen hin zur Distinktion. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn die “Platten für die Ewigkeit” in /Visions/ von Nirvana, Queens of The Stone Age und Rage Against The Machine angeführt werden, während der /Rolling Stone/ Bob Dylan, Beatles und Rolling Stones zu den Besten kürt. In seiner angestaubt-perfektionistischen Art muss Letzterer natürlich gleich 500 beste Alben anführen, deren höchster HipHop-Act auf Platz 71 ausgerechnet die Beastie Boys sind.
Derlei Vergleiche ließen sich endlos weiterführen und würden nur wieder die Linie eines bestimmten Blattes bestätigen. Gemeinsam haben diese Listen aber ein ausgeprägtes Misstrauen gegen Verkaufscharts. Denn diese wollen ja nur wieder neue Verkäufe ankurbeln, während man selbst ein ideologisches Gegengewicht bilden will. 1952 hatte der britische /NME/ damit begonnen – heute kann fast kein Magazin mehr ohne.

 

Kleine Gegenwehr
Eine andere Eigenart des Listenwahns ist, das eigene Geschichtsbild über Listen zu korrigieren. Während andere Menschen zu Argumenten greifen, hat sich rund um Popmusik ein ausformulierter Umgang mit der eigenen Vergangenheit erst selten durchgesetzt. Als Ergänzung und Kritik zu den Best-ofs existieren Listen zu sehr unterschiedlichen Aspekten: musikalisch einflussreichste Songs, am häufigsten gespielte Alben, weltveränderndste Tonträger, zensierte Songs, Politsongs, Rockfilme oder am meisten unterschätzte Alben. Das erweitert das Feld zwar beträchtlich, erklärt aber noch lange nicht, warum ein bestimmtes Album hervorragend – oder gar besser als ein anderes – sein soll. Hat es eine Subkultur losgetreten, einen Skandal beschworen, eine andere Spielweise etabliert oder ein kollektives Gefühl zu einer bestimmten Zeit auf den Punkt gebracht? Gründe gäbe es genug, aber Listen lassen diese offen. Dabei sind sich einige ihrer eigenen Schwachstellen bewusst. Thomas Schultze bespricht Platten, die auf seiner eigenen Seite selbst kaum vorkommen; /Spex/ nimmt in ihre “100 aus 100 Jahren” noch 17 persönliche Nummer Einsen außerhalb der Reihung hinzu. Aber die verdammte Lust auf Listen verdecken sie so gut wie ein Feigenblatt.

 

In der Königsklasse der Listenmeierei findet sich ein Projekt aus dem Jahr 1987, das es sich vorgenommen hatte, die Intelligenzija der Musikindustrie über die Top 100 abstimmen zu lassen. Etwa fünfzig Schreiber, Verleger und Radiomacher aus vorwiegend, aber nicht ausschließlich englischsprachigen Ländern traten dazu an. Der Frauenanteil der Gruppe wäre heute vermutlich ähnlich bitter und verschwindend gering. Aber trotz all der Internationalität werden einmal mehr die Beatles, Bruce Springsteen und die Rolling Stones in Stein gemeißelt. Demgegenüber wirkt das Projekt von Michael Schimmel höchst durchdacht und kühn. Mit einem komplizierten Punktesystem und exorbitantem Rechenaufwand versucht er die definitiven Besten eines Jahrgangs zu ermitteln. Aus nicht näher definierten Gründen gewichtet er deutsche Acts zwar über, kommt aber zu erstaunlichen Ergebnissen. Dann waren 2005 insgesamt also doch The Arcade Fire einsame Spitze?

 

Feuilleton, Retter des Abendlands
Der Vorwurf bleibt, dass Listen ihren Einträgen gegenüber stumm sind. Die offensichtliche Lösung liegt in Beipacktexten. Magazine wie der /NME/ oder /Les Inrockuptibles/ bieten vermehrt Spezialausgaben an, die sich mit dem vergangenen Jahrzehnten Popmusik ausführlich beschäftigen und offene Listen zur Vertiefung anbieten. Auch das deutsche Feuilleton hat in den letzten Jahren seine Pop-Seiten entdeckt. Gleich zwei Kolumnen in der /Zeit/, eine Basis-Diskothek von Reclam und – am lautesten – die 50-bändige Diskothek der /Süddeutschen Zeitung/ versuchen sich an der Vergangenheit. Denn nach den immer schmäler werdenden Generationen von Philharmonie-Besuchern, wächst der Bedarf nach einem alternativen Bildungsschatz. Und doch beginnt hier ein neues Problem. Während Best-of-Listen noch harmlos und angreifbar sind, basteln solche kommentierten Selektionen an einem vorgeblich argumentierten Popmusik-Kanon. Die Auswahlkriterien und Zusammenhänge bleiben jedoch unklar. Denn oft machen es soziale, technologische oder juristische Veränderungen erst möglich, dass sich bestimmte Musikstile entfalten. Das Wechselspiel von Gesellschaft und Musik bleibt aber viel zu häufig im Dunkeln, die Brennweite zu gering. Stattdessen dominieren weit weniger riskante Anekdoten und Biographisches. Auf die Schnelle darf es auch mal ganz subjektiv sein.

 

In der Popmusik haben Rückblicke zurzeit Konjunktur. Abgesehen von musikalischen Trends, die versuchen älteren Stilen eine frische Seite abzugewinnen, existieren eine Reihe von historischen Übersichten und Zusammenstellungen. In ihrer Methode und Ausrichtung sind sie durchaus verschieden, zeigen aber im Detail weniger Unterschiede, als man vermuten könnte. Diese Form der reihenden Geschichtsschreibung bevorzugt bestimmte, subkulturell geprägte Musik und dient vorwiegend einer ganz bestimmten – bürgerlichen, weißen, männlichen – Käuferschicht als historisches Korrektiv. Die Fixierung auf einzelne Komponisten früherer Tage droht sich fortzusetzen. Beatles sind der neue Beethoven? Damit wäre Popmusik erschreckend eindimensional. Viel eher braucht es viele Schichten und Verbindungslinien, die die Breite und Vielfalt von Popmusik widerspiegeln. Denn Jugendbewegungen, Liedformen, Tantiemenstreitigkeiten, Politik, Verstärkertypen, Software oder bildende Kunst sind größer als jede Liste.

 

Stefan Niederwieser

 

zu Gast: das Gap. Dieser Artikel wurde dem mica von der Musikzeitschrift “The Gap” zur Verfügung gestellt. Der Artikel ist in der aktuellen Ausgabe 072 abgedruckt.

 

Fotos: mica Archiv