Julia Lacherstorfer & Simon Zöchbauer / wellenklaenge (c) Theresa Pewal

„Lunz hat eine feurige und eine melancholische Seite“ – SIMON ZÖCHBAUER und JULIA LACHERSTORFER im mica-Interview

Heuer programmieren SIMON ZÖCHBAUER und JULIA LACHERSTORFER zum ersten Mal das Musikfestival WELLENKLÆNGE in Lunz am See. Unter dem Motto „Nordwind & Alpenglühen“ werden vom 13. bis zum 28. Juli  insbesondere Gruppen aus Skandinavien und aus dem Alpenraum zu hören sein. Mit Jürgen Plank sprachen die beiden unter anderem über die neuen Spielorte und das umfangreiche Workshop-Programm.

Wie kam es dazu, dass Sie das Festival wellenklænge programmieren?

Julia Lacherstorfer: Das ist so gekommen: Susi Heger, die Intendantin und Gründerin, hat sich 2016 bei uns gemeldet und gesagt, dass sie aufhören und sich rechtzeitig darum kümmern möchte, dass das Festival jemand übernimmt, den sie mag und schätzt. Sie hat uns gefragt, ob wir uns das vorstellen können. Wir hatten glücklicherweise eineinhalb Jahre lang Zeit, uns darauf vorzubereiten und jetzt ist unser erstes Jahr und wir haben die Intendanz für drei Jahre.

Haben Sie sofort zugesagt oder lange überlegt?

Simon Zöchbauer: Eigentlich haben wir zuerst Nein gesagt, weil wir uns gedacht haben: „Das ist zwar eine tolle Sache, aber wir sind so mit unseren musikalischen Projekten beschäftigt.“ Die Idee ist dann aber gesickert und wir sind darauf gekommen, dass man die Aufgaben zu zweit ein wenig aufteilen kann und dass wir auch vieles auf Reisen besprechen können, und so haben wir dann eingewilligt.

Die Hauptbühne ist direkt am See, welche neuen Orte haben Sie dem Festival hinzugefügt?

Simon Zöchbauer: Die Seebühne ist die Hauptbühne. Das ist auch der Ort, der das Publikum anzieht, weil er traumhaft schön und idyllisch ist. Dann gibt es die Reihe „Sacred Room“, die auf der Seebühne und in der Kirche stattfinden wird, um die Kirche als Klangkörper hervorzuheben. Das gab es auch schon früher. Neu ist das Amonhaus im Lunzer Stadtzentrum.

Julia Lacherstorfer: Das ist ein Hammerschmied-Haus.

Simon Zöchbauer: Da war eine Schmiede drinnen und im wunderschönen Innenhof wird die Matinee stattfinden. Und es gibt den Hausball im Rothschild-Pavillon, der wurde von Susi Heger teilweise auch schon bespielt.

Julia Lacherstorfer: Den Hausball wollen wir jedes Jahr fix im Programm haben. Und es gibt auch eine Märchenwanderung, die am Schloss Seehof vorbeiführt.

„Mit der Märchenwanderung habe ich mir selbst einen Wunsch erfüllt.“

Was ist denn die Märchenwanderung genau?

Julia Lacherstorfer: Mit der Märchenwanderung habe ich mir selbst einen Wunsch erfüllt. Ich kenne Helmut Wittmann schon sehr lange kenne und er hat mich als Kind intensiv begleitet, denn mein Vater hat immer die Musik gemacht, wenn Helmut seine Märchenerzählungen gemacht hat. Das Besondere ist, dass er alpenländische Märchen im oberösterreichischen Dialekt erzählt. Er ist einfach sehr gut im Erzählen und nimmt immer Bezug auf die Region: Wenn wir im Erlauftal wandern gehen, dann wird er Mythen und Märchen heraussuchen, die genau dort spielen. Mythen und Märchen sind ein ganz altes Kulturgut, ganz ähnlich der traditionellen Musik. Das ist ein altes Kulturgut, das etwas über unsere Herkunft erzählt, und das finde ich spannend. Das ist sowohl für Erwachsene als auch für Kinder fesselnd.

Das Festivalmotto lautet heuer „Nordwind & Alpenglühen“. Zwischen welchen Polen bewegen Sie sich somit im Programm?

Simon Zöchbauer: Für uns war es naheliegend, dass wir uns im ersten Jahr mit diesen beiden Polen auseinandersetzen: mit heimischer Musiksprache mit alpenländischem Bezug und mit nordischer Musiksprache. Wir beide beschäftigen uns schon sehr lange mit diesen beiden Einflüssen und haben da sehr viel entdeckt und viele Parallelen gezogen. Deswegen war es ein logischer Schritt, diese Gegenüberstellung im ersten Festivaljahr nach Lunz zu bringen.

Julia Lacherstorfer: Es hat auch ein bisschen damit zu tun, dass diese Mischung aus Bergen und Wasser in Lunz uns an nordische Gegenden erinnert hat. Es kann sehr kalt sein und sehr warm – Lunz hat eine feurige und eine melancholische Seite, wie das auch bei alpenländischer Volksmusik ist, die feurig und energetisch ist. Und im Gegensatz dazu die nordische Musik, die eine tiefe und melancholische Seite hat, die zum See so wunderbar passt.

Sie haben eine schwedische Gruppe namens Kraja eingeladen, die a cappella singt. Warum wollten Sie Kraja nach Lunz bringen?

Julia Lacherstorfer: Ich habe Kraja vor ungefähr drei Jahren im Wiener Konzerthaus gehört und hatte sie auch vorher schon gekannt. Für mich ist der Klangkörper bei Kraja faszinierend, die vier Sängerinnen sind wie ein Instrument. Und es ist faszinierend, wie sie traditionelle Lieder arrangieren und intonieren und was sie aus diesem Genre machen. Das ist schwer zu beschreiben, aber wenn man in diesen Klang eingetaucht ist, dann hat das fast etwas Göttliches.

„Zeitgenössisches Musikgeschehen abzubilden ist uns genauso wichtig wie unserer Vorgängerin.“

Gab es Vorgaben für die Programmierung des Festivals?

Simon Zöchbauer: Wir hatten absolut freie Hand, auch was das Format und die Länge des Festivals betraf. Wir haben festgestellt, dass es schon vieles gab, was wir bei einem Festival genauso machen würden. Zeitgenössisches Musikgeschehen abzubilden ist uns genauso wichtig wie unserer Vorgängerin.

Es wird auch Workshops im Rahmen von wellenklænge geben. Was wird man bei der „Schallwellen-Musikwerkstatt“ lernen können?

Julia Lacherstorfer: Die „Schallwellen-Musikwerkstatt“ ist eine Mischung aus einer Musikantenwoche nach österreichischem Vorbild und einer Art Fiddle-School, wie es das in ganz Europa gibt. Es gibt sogenannte Ethno-Camps, bei denen einander Leute treffen, die aus der Folkszene kommen. Die „Musikwerkstatt“ ist eben eine Mischung dieser beiden Zugänge.

Bild Julia Lacherstorfer & Simon Zöchbauer / wellenklaenge
Julia Lacherstorfer & Simon Zöchbauer / wellenklaenge (c) Theresa Pewal

Wer wird zum Beispiel Workshops anleiten?

Julia Lacherstorfer: Es wird ein Geiger von den Shetland-Inseln dabei sein, der in Norwegen lebt und ganz stark in der keltischen Musiktradition verwurzelt ist. Kevin Henderson ist einer der ganz wenigen Geiger, die noch diesen Shetland-Stil spielen, er ist ein guter Lehrer für den keltischen Stil. Die Geigerin Johanna Kugler von Black Market Tune wird ebenfalls unterrichten, sie spielt schon, seit sie auf zwei Füßen stehen kann. Außerdem werden auch traditionelle Tänze vermittelt. Wenn wir von Tradition reden, dann hat das nie etwas Ausgrenzendes.

Simon Zöchbauer: Und Julia selbst wird auch Workshops geben, ich glaube, dass sie als Referentin viel weiterzugeben hat. Im Rahmen des Festivals wird es auch eine „Composer-Performer Masterclass“ geben. Es war uns auch wichtig, diesem Spannungsfeld aus Kreation und Performance einen Platz zu geben.

„Unser Anspruch ist es, die Leute herauszufordern und ihre Hörgewohnheiten zu erweitern.“

Was wäre ein schönes Ergebnis Ihres ersten Festival-Jahres? In welcher Stimmung könnte das Publikum von den wellenklænge weggehen?

Simon Zöchbauer: Es wäre toll, wenn wir jeden Tag schönes Wetter hätten, denn dann könnten wir immer auf der Seebühne sein. Dort herrscht eine richtige Festivalstimmung, weil Sommer ist und die Leute entspannt sind und dort zum Urlauben hinfahren. Wir sind gut verkauft, bald ist das vierte Konzert ausverkauft und die anderen füllen sich auch gut. Da sind wir schon sehr zufrieden. Wie soll man vom Festival fortgehen? Inspiriert, mit neuen Eindrücken, in einer guten Stimmung. Es wäre schön, wenn wir das weitergeben könnten.

Und was wünschen Sie sich?

Julia Lacherstorfer: Ich wünsche mir, dass wir alle Konzerte ausverkaufen. Diese Konzerte sind oft ein magisches Erlebnis. Unser Anspruch ist es, die Leute herauszufordern und ihre Hörgewohnheiten zu erweitern. Aber gleichzeitig wollen wir viele glückliche Menschen sehen. Es soll ein anspruchsvolles Programm sein, das die Leute glücklicher macht, als sie es vorher waren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

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wellenklænge – Festival für zeitgenössische Strömungen
Nordwind & Alpenglühen
13. – 28.7.2018
Lunz am See

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