Molly (c) Niko Havranek

„„Laut und langsam“ lautet die Devise“ – LARS ANDERSSON (MOLLY) im mica-Interview

MOLLY sind Österreichs Hoffnung in Sachen Shoegaze. LARS ANDERSSON (Gesang, Gitarre) erklärte Markus Deisenberger, weshalb das kommende Album experimenteller wird als das bisherige Song-Material und sprach über Klangteppiche, Fernbeziehungen und Slow-Motion-Rock.

Was ist Ihnen als Genrebezeichnung lieber: Dream Pop oder Shoegaze?

Lars Andersson: Shoegaze, weil wir eigentlich nicht mehr wirklich Pop machen und Shoegaze eher für die experimentelle Sparte steht. Für das aktuelle Album kommt mir vor, dass wir stärker in die experimentelle Richtung gehen. Noch lieber als Shoegaze wäre mir zurzeit deshalb entweder Post-Rock oder Art-Rock, weil Shoegaze eben auch nicht mehr so richtig passt.

Inwiefern geht es mehr in die experimentelle Richtung? Weil Sie sich musikalisch weg von den klassischen Songstrukturen des Pop entwickelt haben?

Lars Andersson: Genau. Von neun Songs auf dem Album sind acht über sechs Minuten lang. Wenn man das mit aktuellen Dream-Pop-Bands vergleicht, merkt man schnell, dass wir damit nicht mehr viel zu tun haben.

„Die Ergebnisse gehen weg vom klassischen Pop-Format (…)“

Wie kam es zu dieser Entwicklung? War das eine bewusste Entscheidung oder hat sich das einfach beim Spielen so entwickelt?

Lars Andersson: Bewusst ist bei uns wenig. Das ergibt sich beim Spielen, und natürlich nimmt die Art von Musik, die man gerade hört, einen starken Einfluss auf das, was man tut. Im Laufe der letzten vier Jahre, die die Band jetzt besteht, haben wir uns immer mehr in die Richtung entwickelt, dass die Songs während der Proben aus Jams entstehen. Die Ergebnisse gehen weg vom klassischen Pop-Format und in Richtung Sigur Ros, Explosions in the Sky oder Mogwai. Und der zweite Punkt ist, dass viele unsere Songs so langsam sind, dass eine klassische Abfolge von Chorus, Refrain, Chorus, Bridge, Refrain etc. sechs Minuten lang wird. Wir nennen das oft „Slow-Motion-Rock“, weil es uns so gut gefällt. „Laut und langsam“ lautet die Devise, die sich durch das aktuelle Album wie ein roter Faden zieht.

Aber der spezifische Shoegaze-Stil, der sich durch verhuschte Gitarren und flächige Sounds auszeichnet, wurde beibehalten – oder hat sich auch das verändert?

Lars Andersson: Das wurde schon beibehalten. Die Instrumentierung wurde beibehalten, aber wir wurden langsamer, lauter und experimenteller. Wir haben auch beobachtet, dass im Genre derzeit viel mit Synthesizern gearbeitet wird, weil es halt einfach ist, mit einem Synthie einen breiten Klangteppich auszulegen. Genau deshalb haben wir uns für das aktuelle Album die Limitierung gesetzt, absolut keine Synthesizer zu verwenden. Wir versuchen, den Teppich mit Gitarre, Schlagzeug, Bass und ab und zu mal ein wenig Klavier auszulegen.

„Wir wollen es so organisch wie möglich halten.“

Warum?

Lars Andersson: Weil wir zu dem Schluss kamen, dass der Synthesizer das Genre ein wenig korrumpiert hat, indem er ihm das Menschlich-Organische nahm. Wir wollen es so organisch wie möglich halten.

Waren die berühmten Shoegaze-Bands der ersten Stunde wie My Bloody Valentine, Pale Saints und Slowdive, die Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre für Furore sorgten, überhaupt ein Einfluss für Sie? Aufgrund Ihrer Jugend können Ihnen diese doch nur retrospektiv ein Begriff gewesen sein.

Lars Andersson: Slowdive war auf jeden Fall ein starker Einfluss. My Bloody Valentine gefallen uns gut, waren aber keine Blaupause. Dazu unterscheidet sich unsere Musik einfach zu stark von der ihren. Ich finde ja, dass das, was Slowdive machen, etwas anderes war, obwohl es auch als Shoegaze bezeichnet wird. Cleaner, ruhiger und emotionaler. Da haben wir uns eher etwas abgeschaut.

Wie kommt man überhaupt auf die Musik, die ja, als Sie ins Alter kamen, sich für Musik zu interessieren, längst passé war – zumindest, was die große mediale Aufmerksamkeit anbelangt?

Lars Andersson: Als wir anfingen, haben kurz davor My Bloody Valentine Reunion gefeiert, die ich dann auch beim Festival Primavera Sounds sah. Ride ebenso. Und kurz darauf haben sich dann auch noch Jesus and the Mary Chain wiedervereinigt. Da kann man schon von einem kleinen Revival sprechen, das sich in etwa ereignete, als wir anfingen. Andererseits kannte 2014 Shoegaze kaum jemand. Wenn wir Interviews gaben, haben die Leute teilweise von „Showgaze“ gesprochen, weil sie keine Ahnung hatten, was das ist. Vier Jahre später ist es wieder ein Begriff, mit dem die Alternative-Gemeinde etwas anfangen kann. Das heißt, dass sich in den letzten vier Jahren etwas bewegt haben muss. Das liegt an den Reunions und der interessanten Tatsache, dass die Bands heute viel größer sind als damals. Wenn man sich anschaut, was Slowdive zu ihrer Zeit in den 1990er-Jahren für Mini-Venues spielten, und das nie außerhalb von England, dass sie heute aber Headliner auf mittelgroßen Festivals sind und um die ganze Welt touren, ist das schon eine interessante Entwicklung.

Stimmt es, dass Sie einander in einer alten Landwirtschaft in Brixlegg gefunden haben?

Lars Andersson: Ja und nein. Ich habe der Journalistin damals mehrfach gesagt, dass es keine Landwirtschaft ist. Sie hat trotzdem darauf bestanden, es in den Artikel reinzuschreiben, und es hat sich bis heute hartnäckig gehalten. Meine Eltern haben hier ein Anwesen und da können wir so laut proben, wie wir wollen. Bis heute finden wir, dass die Umgebung mit den Bergen und Tieren eine tolle Inspirationsquelle für unsere Musik ist.

War von Anfang an klar, dass Sie diese Art von Musik machen wollen?

Lars Andersson: Ich hatte vorher ein Projekt, das in die Richtung Post-Rock und Shoegaze ging. Eigene Songs habe ich allerdings nie geschrieben. Mit Philip Dornauer hat das dann komischerweise plötzlich funktioniert. Wir haben beide die Band Aux Portes gespielt, die mittlerweile in Wien ansässig ist. Dort haben wir einander kennengelernt und sind draufgekommen, dass wir einen ähnlichen Musikgeschmack haben. In meinem ganzen Bekanntenkreis kannte ich damals keinen Einzigen, der mit dieser Musik etwas anfangen konnte. Das heißt, wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt: „Jetzt machen wir Shoegaze.“ Aber wir hatten den gleichen Musikgeschmack. Als wir begannen, gemeinsam zu spielen, ist MOLLY dabei rausgekommen.

Die Musik, die Sie machen, ist sehr soundabhängig. Wer großflächige Sounds ausbreitet, die nicht funktionieren, hat verloren. Wie groß ist da die Detailverliebtheit? Wie lange basteln Sie an den Sounds, bis Sie zufrieden sind?

Lars Andersson: Live sind wir zu zweit. Im Studio wollen wir nichts aufnehmen, was völlig anders klingt als das, was wir live spielen. Aber natürlich nimmt man manchmal nicht nur eine Gitarre auf, sondern vier, fünf und legt sie dann übereinander, damit es auf der Platte noch einmal eine andere Dimension bekommt.

„Zu zweit muss man einfach lauter sein.“

Wie kommt man dann live in die Nähe der ursprünglichen Aufnahmen?

Lars Andersson: Man dreht einfach lauter auf [lacht]. Zu zweit muss man einfach lauter sein. Wenn die Soundingenieure das checken, dann schaffen wir es auch, nur mit Schlagzeug, Gitarre, Stimme und dem Basspedal, das Philip neben dem Schlagzeugspiel noch bedient, einen breiten Soundteppich auszulegen. Wenn es so klingt wie im Proberaum, dann passt es gut, denn im Proberaum klingt es schon echt fett. Der Minimalismus inspiriert uns aber auch. Wir haben uns immer gesagt, dass wir uns auf eine Basis beschränken müssen, die auch live noch umsetzbar ist, damit wir uns nicht auf Ableton in Tüfteleien verlieren.

Sie bauen auch Aufnahmen aus der Natur in Ihre Musik ein. Wie darf man sich das vorstellen? Sind Sie aktiv auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Sounds?

Lars Andersson: In unseren ersten Song damals haben wir das Meer eingebaut, das ich in Portugal aufgenommen habe. Das hat natürlich eine Verbindung zu den Lyrics, die ich für diesen Song geschrieben habe, hergestellt und den Songs für mich extrem persönlich gemacht. Jedes Mal, wenn ich das Lied höre, kann ich mich an den Moment zurückerinnern, als wir das aufnahmen. Für die zweite Single „As Years Go By“ wollten wir das beibehalten, weil wir uns dachten, die Songs irgendwann gemeinsam auf ein Album zu geben. Jetzt ist es so, dass wir die beiden Songs nicht auf dem Album haben, uns aber trotzdem gedacht haben, es wäre cool, wenn wir als Tiroler Band ein paar Sounds aus den Bergen auf der Platte hätten.

Deshalb haben wir Regen, Wind, Ziegen und noch etwas, an das mich gerade nicht erinnern kann, aufgenommen. Dies vier Sounds sind jetzt auch auf dem aktuellen Album, das im Februar 2019 rauskommt, was dem Album einen organischen Touch verleihen soll.

„Wenn man mit Druck auf eine bestimmte Erwartungshaltung hinarbeitet, verliert man sich“

In der Presse war von „Klangwelten höher als die Alpen“, einem „Versprechen für die Zukunft“ und „großen Erwartungen“ zu lesen. Welche Erwartungen haben Sie an das kommende Album?

Lars Andersson: Mit Erwartungen tun wir uns schwer. Wir machen einfach die Musik, die wir machen wollen. Ich glaube, es bleibt am authentischsten, wenn man sich darüber so wenige Gedanken wie möglich macht. Abstellen kann man es freilich nicht ganz. Aber: Was auch immer passiert, passiert. Wenn man mit Druck auf eine bestimmte Erwartungshaltung hinarbeitet, verliert man sich und die Authentizität bleibt auf der Strecke. Es ist in den letzten Jahren eine Menge passiert, ohne dass wir darauf hingesteuert hätten.

Wie schwer ist es für Sie, konsistent wirklich gute Musik zu machen? Phillip Dornauer, der Schlagzeug, Bass und Synthesizer spielt, lebt in Wien, Sie leben in Tirol. Sie führen also eine Fernbeziehung und treffen einander nur ab und an, um gemeinsam an der Musik zu arbeiten.

Molly (c) Niko Havranek

Lars Andersson: Wir treffen uns ungefähr einmal im Monat und verbringen dann zwischen zwei und vier intensive Tage miteinander. Eigentlich ist das nicht viel weniger, als andere Bands mit Proben verbringen. Bei denen verteilt sich die Zeit halt anders. In den Pausen zwischen unseren Sessions haben wir dann Zeit, um uns um andere Dinge zu kümmern, um die Lyrics zum Beispiel oder die Ausarbeitung einer Gitarrenlinie. Für uns ist die Fernbeziehung nicht wirklich ein Problem. Wenn konkrete Gigs anstehen, treffen wir uns halt intensiver, um das Repertoire noch einmal durchzuspielen oder Ähnliches. Bei vielen bekannteren Bands, die schon länger zusammen sind, ist das auch gelebte Realität. Da wohnen die Bandmitglieder oft sogar in unterschiedlichen Ländern, führen völlig unterschiedliche Leben und kommen zusammen, um gemeinsam an einem neuen Album zu arbeiten.

Sie wurden als junge, relativ unbekannte Band für den Amadeus Austrian Music Award nominiert. Hat das etwas bewirkt, indem es das Interesse an Ihnen verstärkte oder Ihnen einen Motivationsschub gab?

Lars Andersson: Wir haben vor vier Monaten bei unserem Innsbruck-Konzert gemerkt, dass es super voll war. Dann haben wir mit den Leuten geredet und viele von ihnen erzählten uns, sie seien über die FM4-Nominierung auf uns gestoßen. Also das war schon eine gute Promotion, weil man den Amadeus einfach kennt, und es war auch motivierend. Ich hätte es allerdings seltsam gefunden, hätten wir den Preis gewonnen, weil wir zu der Zeit noch nicht einmal ein Album draußen hatten. Aber vielleicht tut sich ja in Zukunft etwas auf, wer weiß.

„Songs, die schöne Melodien und eine gute Foundation haben.“

Ein großer Nachteil ist, dass das Genre nicht gerade für exaltierte Bühnenshows bekannt ist. Als ich in den 1980er-Jahren My Bloody Valentine sah, bestand das Konzert zur Hälfte aus dem tatsächlichen Spiel und zur anderen Hälfte aus Gitarrenstimmen. Wie läuft das bei Ihnen ab? Oder ist es bei Ihnen gar nicht so, dass Sie den Blick größtenteils auf Ihre Effektgeräte gerichtet habt?

Lars Andersson: Generell trachten wir danach, dass hinter den ganzen Effekten gute Songs stecken. Songs, die man auch akustisch spielen kann, die also auch ohne das ganze Drumherum ihre Wirkung entfalten. Songs, die schöne Melodien und eine gute Foundation haben. Live ist es natürlich so, dass eine Shoegaze-Show etwas völlig anderes als eine Indie-Show ist. Wenn man auf ein x-beliebiges Indie-Konzert geht und keinen Song kennt, wird es schnell einmal langweilig. Auf einem Shoegaze- oder Post-Rock-Konzert kann man auch Spaß haben, ohne einen einzigen Song zu kennen, weil es um die Ästhetik geht, um die Vibrationen, damit man sich in der Musik verlieren kann. Ein My-Bloody-Valentine-Konzert etwa ist auch extrem laut, weil es beabsichtigt ist, dass die Leute von einer ersten Überwältigung an in eine Art Trance fallen. Obwohl wir viel auf unsere Effektgeräte starren, versuchen wir auch, sehr, sehr viel Energie in unsere Performances zu stecken. Aber da wir so viel zu tun haben, weil wir viele Geräte zu bedienen haben, können wir natürlich nicht herumhüpfen wie Rihanna.

„Es ist keine Ansammlung von einzelnen Songs, sondern geht in eine konzeptuelle Richtung (…)“

Kommen wir noch einmal zum kommenden Album zurück. Die Songs darauf sind länger und experimenteller als bisher. Was gibt es sonst noch darüber zu sagen?

Lars Andersson: Wichtig war uns, dass es wirklich aus einem Guss ist, weshalb wir uns dazu entschieden, es innerhalb von zwei Wochen im Studio aufzunehmen. Davor war der Plan, die alten Songs zu nehmen, dazu neue zu schreiben und das Ganze dann gemeinsam auf ein Album zu pressen. Das erschien uns letztlich aber irgendwie nicht mehr passend, denn so wäre es ein Mischmasch aus aktuellen und vier Jahre alten Songs geworden, die damals ganz anders aufgenommen wurden als das, was wir jetzt machen. Demgegenüber ist das Album, wie es jetzt ist, aus einem Guss. Die Nummern stimmen auch thematisch zusammen. Die einzige Ausnahme ist vielleicht die Nummer „Glimpse“, die zwar alt ist, die wir allerdings völlig neu aufgenommen haben, damit sie zu dem neuen Material passt. Selbst da haben wir lange überlegt, ob wir das machen sollen, aber wir mögen den Song einfach zu gerne, er funktioniert als Closer gut und er passt auch thematisch zu unserem neuen Material.

Das heißt, Ihr Augenmerk lag darauf, dass das Album als Gesamtkonzept funktioniert?

Lars Andersson: Genau. Es ist keine Ansammlung von einzelnen Songs, sondern geht in eine konzeptuelle Richtung, ohne dass man es gleich als Konzeptalbum wahrnehmen müsste. Wenn wir ein Album herausbringen, dann muss alles zusammenpassen und als Ganzes stimmig sein, um als Gesamtkunstwerk wahrgenommen werden zu können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

 

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