„LAIKKA ist ein Gesamtkunstwerk, das aus Musik, Visuals, Graphik, Mode und Videos besteht“ – LAIKKA im mica-Interview

Das Duo LAIKKA, das Anfang 2021 mit „The Answer“ auffiel, besteht aus MORITZ WUNDERWALD und ALEX GRUEHN. Benannt haben sie sich nach Laika, der ersten Hündin im All – ein programmatischer Bandname also. Im Oktober haben LAIKKA – die Band  – ihr Debütalbum „Morning Glow“ (Fabrique Records) veröffentlicht. Im Interview mit Itta Francesca Ivellio-Vellin erzählen Moritz und Alex von ihren Anfängen, Eskapismus in die Kunst und medialer Hoffnungslosigkeit.

Moritz, du bist ursprünglich aus Augsburg, nicht wahr? Seit wann lebst du in Wien?

Moritz Wunderwald: Seit sieben Jahren bin ich in Wien und bin sehr glücklich hier.

LAIKKA
LAIKKA © Tim Cavadini

Wieso ist die Wahl damals auf Wien gefallen?

Moritz Wunderwald: Ich habe studiert bis letzten Sommer. Jetzt habe ich mich ein Jahr lang auf die Musik konzentriert und unlängst auf der Angewandten noch Digitale Kunst begonnen.

„…wir haben uns getroffen und einfach gemerkt, dass unsere Vorstellungen von Musik und Ästhetik zusammenpassen.“

Du bist ja ähnlich unterwegs, stimmt’s, Alex?

Alex Gruehn: Ja genau, ich mache eine Mischung aus Programmieren und Kunst [lacht].

Kommt daher eure Internet-Ästhetik?

Alex Gruehn: Ja genau, das ist eine Leidenschaft von uns und hat sich so entwickelt.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Moritz Wunderwald: Relativ zufällig. Das war so knapp vor zwei Jahren, als wir uns das erste Mal getroffen haben. Da hatte ich ein paar neue Songs geschrieben, die nicht mehr so ganz in das reingepasst haben, was ich davor gemacht hatte. Und wir haben uns getroffen und einfach gemerkt, dass unsere Vorstellungen von Musik und Ästhetik zusammenpassen.

LAIKKA – Morning Glow: Albumcover

Alex Gruehn: Dann haben wir uns in derselben Woche gleich noch einmal getroffen und den Song aufgenommen, der auch als erstes erschienen ist.

Wie funktioniert das mit der Produktion der Videos? Überlegt ihr euch da die Konzepte oder wird das geoutsourct?

Alex Gruehn: Die Konzepte überlegen wir uns eigentlich immer selber. Und dann arbeiten wir gerne auch mit verschiedenen Leuten zusammen, zum Beispiel mit der Künstlerin Rage, die mit uns das Video zu „The Glow“ produziert hat.

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Moritz Wunderwald: Ja, Rage malt eigentlich. Im Video hat sie eines ihrer Gemälde, eine Wüstenlandschaft, als 3D Image gestaltet, in der man sich bewegen kann.

Alex Gruehn: Der Song heißt ja „The Glow“ und im Text geht es viel um ein gleißendes Licht, vor dem man sich verstecken will.

Moritz Wunderwald: Das Bild von dem „Glow” als gleißendes Licht steht für den Druck, den man sich selbst macht und auch von außen bekommt. Ich verbinde mit dem Song das Gefühl, dass es auch okay ist, wenn man sich mal raushält und sich versteckt, also auf sich selbst schaut und dadurch auch neue Kraft findet.

Wie schafft ihr es, mit gesellschaftlichem Druck umzugehen? Wie sehr könnt ihr euch davon lösen, davor verstecken?

Alex Gruehn: Das ist auch ein Grundthema bei uns. Darum geht es auch sehr viel im Album. Es gibt natürlich Unterschiede – es kommt darauf an, wo man lebt. Wenn man jetzt hier in Wien lebt: Hier gibt es genug Raum, dass man sich entfalten kann, wie man will – hier ist man nicht so eingeengt.

Moritz Wunderwald: Ich glaube, als Künstlerin oder Künstler hat man da oft auch eine relativ einfache Möglichkeit, Eskapismus zu schaffen, indem man sich Zeit für die Kunst nimmt und sich darin ein bisschen verliert. So ist es für mich – dadurch kann ich Druck gut abbauen. Ich kann mir da auch ein bisschen meine eigene Realität schaffen.

„…als Künstlerin oder Künstler hat man da oft auch eine relativ einfache Möglichkeit, Eskapismus zu schaffen…“

Dafür könnt ihr euch auf Bühnen austoben – soweit es die Pandemie erlaubt. Unter anderem wart ihr auch am Waves zu sehen.

Moritz Wunderwald: Ja, wir hatten den letzten Slot des ersten Tages im WUK Foyer, das war toll. Wir hatten endlich die Möglichkeit, viele der Visionen, die wir für unsere Live-Auftritte hatten, zu verwirklichen. Zum Beispiel mit einer großen Projektion zu arbeiten. Wir verwenden als Live-Intro ein Kunstwerk, das wir im Frühsommer für eine Galerie entworfen haben und das konnten wir da auf einer riesigen Projektionsfläche abspielen.

Alex Gruehn: Genau, das ganze Licht-Set-Up konnten wir da endlich ausprobieren. Wir haben den ersten Song im Februar 2020 veröffentlicht, also hat Laikka gestartet, als alles zugesperrt wurde. Wir hatten zu Beginn kaum die Möglichkeit, live aufzutreten.

LAIKKA
LAIKKA © Tim Cavadini

Moritz Wunderwald: Während der Corona-Zeit haben wir versucht, das beste daraus zu machen, was das Live-Spielen angeht. Wir haben eine Show selbst organisiert, sind beim Gürtel-Nightwalk in Wien aufgetreten und bei einem Kunstfestival im Wiener Umland. Aber ja, die Möglichkeiten waren und sind sehr begrenzt. Eine erste geplante Tour musste verschoben werden und so hoffen wir auf 2022 und sind vorsichtig optimistisch.

Ihr arbeitet also sehr transdisziplinär – bei euch geht es nicht nur um Musik.

Moritz Wunderwald: Ja, LAIKKA ist ein Gesamtkunstwerk, das aus Musik, Visuals, Graphik, Mode und Videos besteht. Wir wollen alles in Einklang bringen und auch möglichst viel davon selbst machen, sodass in jedem Teil, den die Öffentlichkeit sieht, so viel wie möglich von uns steckt.

Welche Rolle spielt Mode für euch?

Moritz Wunderwald: Ich spiele sehr gerne mit Outfits, die eher feminin codiert sind. Ich finde das zwar nicht so, weil Mode genderlos ist und es da nur um persönlichen Ausdruck gehen sollte und nicht darum, irgendwelchen Normen gerecht zu werden. Es ist auch in unseren Texten ein wichtiges Thema, dass wir klassische maskuline Stereotypen brechen – und das geht durch Mode sehr gut, weil viele Leute so stark darauf reagieren.

Normen zu entfliehen und Stereotype aufbrechen ist, wie ihr schon gesagt habt, in eurer Musik essenziell. Wie ist das am neuen Album vertreten?

Alex Gruehn: Der Albumtitel ist „Morning Glow“ – dieser Ausdruck hat für uns mehrere Bedeutungen. Insgesamt steht es aber für unsere bisherige Zeit gemeinsam, die Zeit, seit wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Ab da ist viel passiert, zum Beispiel was Selbstfindung angeht. Gerade die persönliche und künstlerische Auseinandersetzung mit Männlichkeit ist etwas, was mich schon mein ganzes Leben lang betrifft, nur vielleicht nie so bewusst wie jetzt.

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Moritz Wunderwald: Wir haben uns da auch gegenseitig immer viel Kraft und Bestätigung gegeben, so in unserer Entwicklung, seit wir uns kennengelernt haben. „Morning Glow“ bedeutet einerseits der Beginn eines neuen Tages, ein Neustart, und andererseits das Ende der Dunkelheit. Das Ende davon, dass man irgendwelchen Mustern, bewusst oder unbewusst, folgen muss. Das Ausbrechen von angelernten Gewohnheiten.

Also ein bisschen das Licht am Ende des Tunnels?

Moritz Wunderwald: Genau. Wir beschäftigen uns zwar nicht mit den großen Problemen der Weltpolitik, aber nichtsdestotrotz um gesellschaftlich relevante Themen. Es geht bei uns unter anderem um psychische Probleme oder Depressionen. Es geht auch darum, generell zu seinen eigenen Gefühlen zu stehen.

„Wir beschäftigen uns zwar nicht mit den großen Problemen der Weltpolitik, aber nichtsdestotrotz um gesellschaftlich relevante Themen.“

Wo wir auch wieder beim Ausbrechen aus männlichen Stereotypen sind.

Moritz Wunderwald: [lacht] Ja, genau. Wir wissen zwar mittlerweile alle, dass Männer auch Gefühle haben, aber es ist immer noch nicht so weit verbreitet, dass es auch okay ist, diese zu zeigen.

Die Pandemie, bzw. die Konsequenzen der Maßnahmen wie Isolation und Lockdown, hatten ja zur Folge, dass psychische Probleme massiv angestiegen sind. Dadurch wird das Thema langsam enttabuisiert, denn es geht immer mehr Menschen so, und man spricht langsam aber sicher auch darüber.

Alex Gruehn: Absolut. Es ist auch diese Unsicherheit, der man zu Zeiten wie diesen ausgesetzt ist. Auch Einsamkeit und Zukunftsangst spielen da mit rein.

Moritz Wunderwald: Unser Song „Dissolving“ beschäftigt sich genau mit diesem Thema: Selbstzweifel und Zukunftsängste, die in dieser Zeit sehr präsent waren.

Ein Song, der mir persönlich sehr gefällt, ist auch „The Answer“.

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Moritz Wunderwald: Zu „The Answer“ habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits ist der Song sehr positiv und ich verbinde auch ein gutes Gefühl mit ihm. Der Song spielt auch mit einer Spannung von dieser Anziehung, die nicht richtig erwidert werden kann. Man hält an jemandem fest, weiß aber gleichzeitig, dass es da nicht wirklich Hoffnung gibt. Aber, wie der Chorus sagt, „you give me the answer“, also tut einem die Person doch irgendwie sehr gut.

Alex Gruehn: Genau, es ist eine sehr ambivalente zwischenmenschliche Beziehung, um die es in dem Song geht.

Ihr trefft mit euren emotionalen Texten, die von Einsamkeit, Depressionen und, eben, ambivalenten zwischenmenschlichen Beziehungen handeln, sowie der Synth-Dream-Pop-Musik einen gewissen Zeitgeist.

Moritz Wunderwald: Ja klar. Dadurch, dass wir alle in den letzten Monaten dasselbe durchlebt haben, geht es vielen ähnlich, wodurch sich viele durch so eine Art Musik angesprochen fühlen.

Alex Gruehn: Absolut. Im Grunde braucht man sich nur die Berichterstattung in den Medien ansehen: Da wird quasi eine konstante Hoffnungslosigkeit transportiert, aus meiner Sicht eigentlich schon seit den 90ern. Die EDM-Zeit war ein bisschen die „YOLO- und Fuck-It“-Antwort darauf, und jetzt geht es wieder in die andere Richtung [lacht].

Danke für das Interview!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

 

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