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„KÜNSTLER:INNEN SOLLEN MIT IHREN ANLIEGEN NICHT MEHR ALLEINE DASTEHEN“ – DIE DJ-GEWERKSCHAFT DECK IM MICA INTERVIEW

Während Subwoofer in Clubs schlummern, haben sich Wiener DJs zu einer Gewerkschaft zusammengeschlossen. Mit der Gründung von DECK reagiere man auf Missstände, die durch die Corona-Pandemie noch sichtbarer geworden seien, so die Initiator*innen um STEVE HOPE, DJ PANDORA, ELECTRIC INDIGO, KOBERMANN, und DISASZT. Probleme innerhalb des Berufsfelds, die von unbezahlten Gagen bis hin zu sexualisierter Gewalt in der Clubkultur reichen, sollen im Fokus ihrer Arbeit stehen. Außerdem fordert DECK, den Berufsstand des DJs als Gewerbe anzuerkennen. Ansprechen möchte man mit diesen Forderungen „alle“. Wie das funktionieren soll, welche Ziele man verfolgt und warum man sich als DJ der Gewerkschaft anschließen sollte, erzählen die Verantwortlichen von DECK im Gespräch mit Christoph Benkeser.

DECK ist eine Gewerkschaft von DJs für DJs, die in Younion, eine Teilgewerkschaft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, eingegliedert ist. Wie funktioniert DECK?

Susanne Kirchmayr: DECK befindet sich gerade in der Gründungsphase, in der wir die konkreten, individuellen Arbeitsschwerpunkte, Kommunikationsabläufe und organisatorischen Strukturen herausarbeiten. Wir werden bei unseren Aktivitäten auch auf die Ressourcen der Younion zurückgreifen können. Das wird nötig sein, weil sich aufgrund des großen Interesses an DECK schon abzeichnet, dass viel Arbeit ansteht.

Existenzmanagement ist für freischaffende Künstler*innen oft ein Rätsel oder schwer zu durchschauen. Was kann DECK für DJs in Wien tun?

Susanne Kirchmayr: Wir wollen nicht nur für DJs in Wien da sein, sondern unsere Aktivitäten auf ganz Österreich ausdehnen. Dazu brauchen wir auch Mitglieder in den Bundesländern. Aber zurück zur Frage: DECK soll Orientierungshilfe bei den mühsamen Aspekten im Zusammenhang mit den oft prekären Arbeitsbedingungen von DJs leisten. Wir wollen nicht nur eine zentrale Anlaufstelle bei Fragen und Problemen sein, sondern auch durch Solidarisierung den Anliegen insgesamt ein größeres Gewicht geben und vermehrt Aufmerksamkeit zukommen lassen, um Hebel zur Verbesserung der Lage in Bewegung zu setzen.

Katja Dürrer: Deshalb ist eine Festanstellung oder generell das Beschäftigungsverhältnis nicht ausschlaggebendes Kriterium, um bei der Fachgruppe DECK gewerkschaftlich vertreten werden zu können.

Susanne Kirchmayr: Wir möchten unseren Mitgliedern Themen nahelegen, die viele von uns erst mal lieber ignorieren: ordentliche Buchhaltung, Sozialversicherung, Pensionsvorsorge und ähnlich öde Notwendigkeiten. Wir möchten außerdem die Voraussetzungen verbessern, richtig gut in dem Job zu werden: Workshops, Wissensvermittlung, Mentoring stehen auf unserem Plan. Zusätzlich legen wir einen Schwerpunkt auf Diversität und die Schaffung von Safe(r) Spaces, in denen sich Angehörige tendenziell marginalisierter und von Diskriminierung betroffener Gruppen entfalten können.

Mit der Gründung von DECK reagiert ihr auch auf Missstände innerhalb eines Berufsfeldes, die durch die Pandemie evident wurden. Welche Probleme stehen akut im Vordergrund?

Katja Dürrer: Die Pandemie hat die Probleme nur sichtbar gemacht, davon unabhängig gab es sie natürlich davor auch schon. Wir wollen einem Mangel der Informationsverfügbarkeit zu einschlägigen auch davor schon bekannten Problemen entgegensteuern – auch nach der Pandemie.

Steve Hope: Gerade in einer derartigen Krise ist eine Anlaufstelle für Künstler:innen sehr wichtig.

Susanne Kirchmayr: Bei DJs hat sich durch die Pandemie eine eklatante wirtschaftliche Verschlechterung ihrer Lage und die Notwendigkeit ergeben, auf ganz andere berufliche Wege auszuweichen – vor allem, wenn sie nicht international erfolgreich waren oder auf lokaler Ebene agierten. Nur wenige konnten zum Beispiel die Förderungen für Künstler:innen in Anspruch nehmen, da eine solche Einstufung für DJs nach wie vor ein steiniger Weg ist, der ganz besonderer Durchhaltekraft und vor allem großen Glücks bedarf. Andererseits haben diese meist eher jungen Leute auch sonst kein bereits etabliertes Unternehmen, mit dem sie über andere Schienen zu Wirtschaftsförderungen kommen konnten. Mit anderen Worten: Viele fallen durch die Maschen aller Auffangnetze, die unser Staat bietet.

Johannes Piller: Dazu kommt, dass wir uns dem Thema einer möglichen Altersarmut in dieser Berufssparte widmen. Damit soll sich endlich die Frage erübrigen, wie lange man sich als DJ dieser Tätigkeit widmen will.  

„WIR WOLLEN, DASS DJS ALS KULTURSCHAFFENDE GELTEN.“

Aktuell ist man als DJ in Österreich keinem Gewerbe zugeordnet. Man erhält keinen Zugang zum Sozialversicherungsfonds und keine Hilfen ohne gemeldete Einnahmen. Was sind die Hauptforderungen von DECK?

Steve Hope: Akzeptanz in Kunst und Kultur – damit man nicht mehr der subjektiven Willkür der Bürokratie ausgeliefert ist.

Susanne Kirchmayr: Außerdem wollen wir, dass DJs als Kulturschaffende gelten.

Katja Dürrer: Wir evaluieren laufend, was dafür erforderlich ist und analysieren die aktuellen Zustände und die daraus entstehende Probleme. Auf dieser Basis werden wir entsprechende Forderungen formulieren.

„DECK möchte alle erreichen“, sagst du, Steve, im Interview mit Der Standard. Warum sollte man als DJ Mitglied bei DECK werden?

Steve Hope: Der wichtigste Punkt einer Interessensvertretung ist gemeinschaftlich gegen Missstände anzukämpfen. Solidarität ist ein starkes Mittel um dagegen vorzugehen. Künstler:innen sollen mit ihren Anliegen und Herausforderungen nicht mehr alleine dastehen.

Katja Dürrer: DECK bietet nicht nur eine Anlaufstelle in Problemfällen, sondern eben auch diverse Informationsmöglichkeiten und Vernetzung, sowie in Zukunft auch Weiterbildungen. Wir wollen ein Sprachrohr sein, eine Vertretung, die sich für ihre Mitglieder organisiert stark macht.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Eine DJ identifiziert sich über Jahre mit dem sogenannten Underground, hat mehrere Platten auf internationalen Labels veröffentlicht und spielt in Techno-Clubs auf der ganzen Welt. Was treibt diese Person an, sich einer Gewerkschaft anzuschließen?

Susanne Kirchmayr: Solidarität und Förderung der nachkommenden Generationen, damit sich dieses kulturelle Umfeld, in dem ich mich zuhause fühle, weiterentwickeln und besser werden kann. Ich möchte gerne helfen, die Voraussetzungen für ein hohes, künstlerisches Niveau und einen fairen Zugang für oft benachteiligte Gruppen zu schaffen. Außerdem hätte es mir früher auch sehr geholfen, passende Informationen zu Möglichkeiten zur Sozialversicherung zu bekommen. Ich war ein paar Jahre lang gar nicht versichert.

Wie hat sich dieser Umstand ausgewirkt?

Susanne Kirchmayr: Damals war mir das ziemlich egal, aber mir war schon bewusst, dass das kein Dauerzustand sein kann. Ich war nur wegen der Krankenversicherung besorgt. An Pensionsansprüche oder eben deren Fehlen dachte ich nicht.

Das führt zum zweiten Beispiel, das konträr zum ersten liegt: Ein DJ, der am Wochenende zum Gaude in der Provinzdisco auflegt, kommerzielle Musik abspielt und dafür fünf Getränkebons von der Veranstalterin bekommt. Wie erreicht man so einen Künstler?

Steve Hope: Unabhängig davon, für wie gut oder schlecht jemand befunden wird, hat jede:r eine Stimme verdient.

„WIR MÜSSEN RAHMENBEDINGUNGEN SCHAFFEN, IN DENEN SICH BRILLANZ ENTWICKELN KANN.“

Ich frage weniger wertend, sondern eher, wie man solche DJs adressiert, um ihnen überhaupt eine Stimme geben zu können.

Steve Hope: Indem man allen, die sich für DJing interessieren, zeigt, dass wir für sie da sind. Dabei setzen wir auf Öffentlichkeitsarbeit, Workshops, Seminare, eventuelle Kooperation mit anderen Initiativen, Vernetzung mit Gleichgesinnten.

Susanne Kirchmayr: Ohne Ausprobieren keine neuen Errungenschaften. Ohne Fehler kein Erfolg. Solche DJs kann man wahrscheinlich über Mundpropaganda am besten erreichen. Bei ernsthaftem Interesse an der Materie werden sie wohl Bekannte haben, die schon tiefer in der Szene verwurzelt sind und bei denen wiederum die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie bereits von DECK gehört haben und diese Initiative interessant finden.

Katja Dürrer: Wir planen deshalb Informationsveranstaltungen, wo die Möglichkeit auch für Noch-nicht- oder Gerade-werdende-DJs besteht, uns kennenzulernen.

Susanne Kirchmayr: Man sollte solche Leute jedenfalls nicht in ihrem Potential unterschätzen. Wir haben wohl alle nicht mit den renommiertesten Auftritten und mit perfektem Handwerk angefangen. Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Brillanz entwickeln kann – darum geht es.

Ich spreche beide Beispiele an, weil sich sie in zwei Welten verortet sind. Gleichzeitig setzt die Beteiligung an einer Gewerkschaft ein kollektives Problembewusstsein voraus. Wie lässt sich der Anspruch, „alle“ zu erreichen, damit in Einklang bringen?

Steve Hope: Wie uns die aktuelle Situation zeigt, sitzen wir alle im selben Boot. Die Corona-Krise wirkt wie ein Vergrößerungsglas.

Katja Dürrer: Natürlich ist uns bewusst, dass es Unterschiede gibt. Gleichzeitig gibt es mehr Überschneidungen als wir gedacht hätten. Daher ist ein kollektives Problembewusstsein überfällig.

Johannes Piller: So vielschichtig Künstler:innen sind, sind auch die Herausforderungen, mit denen wir uns befassen wollen.

Susanne Kirchmayr: Da ist ein gewisses Maß an Empathie gefragt. Aber ich denke, dass Menschen, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen, dafür grundsätzlich gerüstet sind.

Die Frage geht mit einer konkreten Forderung von DECK einher: die künstlerische Tätigkeit als Gewerbe anzuerkennen. Wo zieht DECK die Grenze zum Künstler*innen-Dasein, wer soll Anspruch darauf haben?

Susanne Kirchmayr: Die Beantwortung dieser Fragen wird Teil unserer Arbeit sein. Es recht offen zu halten, ist mir ein persönliches Anliegen. Schließlich glaube ich nicht, dass es notwendig ist, selber Musik zu machen und zu veröffentlichen, um künstlerisch hochwertige DJ-Mixes zu liefern.

Steve Hope: Wir sehen es als unserer Aufgabe, mit den verantwortlichen Stellen in Gespräche zu treten, um diesen Kriterienkatalog zu entwickeln. Uns ist wichtig, unsere Mitglieder in diesen Prozess zu involvieren.

Gewerkschaften institutionalisieren ein Berufsfeld, sie sind der Schritt hin zu Anerkennung und Professionalisierung. Das geht mit Statuten und Diskussionen einher. Ich frage bewusst plump: Wie vertritt man eine DJ-Gewerkschaft, die auch Spaß macht?

Steve Hope: Kunst war und ist immer politisch.

Diesen Stehsatz wollte ich vermeiden …

Susanne Kirchmayr: Wenn man etwas bewegen und nach ein paar Jahren die Früchte der Arbeit ernten kann, macht es Spaß.

Katja Dürrer: Dabei ist alles Politik. Hier können wir sie aktiv gestalten, das macht auch Spaß.

Johannes Piller: Man vertritt eine DJ-Gewerkschaft genauso wie eine IG Clubkultur und eine Vienna Club Commission: indem Strukturen erarbeitet werden für eine Kultur, die – wenn überhaupt – als Stiefkind behandelt wurde. Das darf Spaß machen, selbst wenn es politisch ist.

Eine gut geführte Gewerkschaft besitzt als äußerstes Druckmittel den Streik. Welche Druckmittel kann DECK als Interessenverband für DJs ausspielen?

Katja Dürrer: Clubkultur ist ein gemeinsames Projekt von Veranstalter:innen, Clubs, DJs, den Besucher:innen und vielen mehr. Es geht uns daher in erster Linie um Vermittlung und Lösung von Problemen, nicht um Druckmittel.

Trotzdem würde ich einwenden: Selbst beste Lösungen bleiben ohne Wirkung, wenn sie keinen gesellschaftlichen Druck aufbauen. Wie sieht DECK das?

DECK: Wir fungieren als Vermittler:in, nicht als verurteilende Institution. Wenn es seitens des Aggressors keine Einsicht gibt, wird die Fachgruppe die Öffentlichkeitsarbeit als Mittel nutzen. Missstände gehören aufgeDECKt!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser