Dietmar Kirchner (c) Silvia Thurner
Dietmar Kirchner (c) Silvia Thurner

„Komponieren ist eine Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt“ – Der Komponist und Musiker Dietmar Kirchner im Porträt

Dietmar Kirchner ist vielen in Vorarlberg und über die Landesgrenzen hinaus als Kontrabassist bekannt. In den vergangenen Jahren hat sein Interesse für das Komponieren einen immer breiteren Raum eingenommen. Stets hellhörig und wissbegierig, mit welchen Mitteln er seinen individuellen künstlerischen Ideen Ausdruck verleihen kann, bezeichnet er sich selbst als musikalisch Forschenden. Die bildenden Künste inspirieren Dietmar Kirchner, insbesondere die zeitkritischen Bilder von Otto Dix und die Werke der aus Dresden stammenden Künstlerin Antoinette sprechen ihn an. Aktuell ist eine siebenteilige Sammlung für Streichquartett und Perkussion entstanden, die das renommierte Wiener Koehne Quartett zur Uraufführung bringen wird. Viel Assoziationsraum lassen die Titel wie „Finstergrün“, „Zwischenrot“ oder „Zwielicht weiß“ der einzelnen Sätze offen.

Kreativität entwickelt sich in der Auseinandersetzung

Seinen künstlerischen Schaffensprozess gestaltet Dietmar Kirchner langsam. Der Niederschrift der Noten gehe ein langer Prozess voraus, erläutert er seine Arbeitsweise. „Für mich ist es beim Komponieren wichtig, dass ich mir sehr lange Zeit lasse, bevor ich mit dem Schreiben der Musik beginne. Ich lege die Bilder neben mich und betrachte sie lange. Dabei mache ich Skizzen, grafische Notizen oder es fällt mir eine Melodie dazu ein. Kreativität ist keine Offenbarung, sie entwickelt sich mit der Auseinandersetzung. Ich muss mich lange mit einem Thema auseinandersetzen, das im Kopf x-mal durchdenken.“

In diesem Zusammenhang bringt Dietmar Kirchner einen für die Komponisten unserer Zeit sehr wesentlichen Gedanken ein. Während früher den meisten Komponisten ganze Orchester und Kammermusikensembles zur Verfügung gestanden seien, um ihre neuesten musikalischen Ideen zu erproben und aus Aufgeführtem zu lernen, sei dies aus Zeit- und Geldmangel heutzutage kaum oder gar nicht mehr möglich. „Wenn das möglich wäre, was würde da heraus wachsen?“, fragt Dietmar Kirchner. „Ohne Praxisbezug bleiben die Vorstellung in mir drinnen und ich kann nicht überprüfen wie meine Sachen in der Praxis wirklich tönen“.

In der Verbindung der Künste liegt viel Potenzial

Dietmar Kirchner wohnt in Hohenems und unterrichtet seit Jahren an den Musikschulen in Arbon und Romanshorn. Mit seiner Kunst verbindet er immer auch eine Gesellschaftskritik, denn von einer elitären, aus dem bürgerlichen Musikverständnis heraus entwickelten Kunstauffassung hält er nicht viel. Musik müsse auf der Höhe unserer Zeit auch Fragen unserer Zeit beantworten können, betont der Komponist und bemängelt damit gleichzeitig, dass das dauernde Rauf- und Runterspielen klassisch-romantischer Werke keine Antworten auf die Fragen der Gegenwart gebe.

„Komponisten haben immer die gesellschaftliche Wirklichkeit ihrer Zeit abgebildet, stießen auf Kritik und Unverständnis und später auf den Widerstand der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht nur Mozart, Beethoven und Wagner sind mit ihren Werken auf Widerstand gestoßen, sondern auch Verdis ‚Rigoletto‘, Puccinis ‚Butterfly‘ und Rossinis ‚Barbier von Sevilla‘ wurden ausgepfiffen und ‚Carmen‘ ist durchgefallen. Das wird leider immer wieder vergessen“, präzisiert Dietmar Kirchner. „Wir lieben vor allem den Zauberflöten-Mozart, nicht das Dissonanzenquartett KV 465 vom selben Komponisten.“

Als Musiker widmete sich Dietmar Kirchner jahrelang intensiv dem Jazz und spielte in unterschiedlichen Ensembles. Zahlreiche CDs dokumentieren seine musikalischen Tätigkeitsfelder. Im Gespräch räumt der Kontrabassist ein, dass sich sein Fokus in der letzten Zeit vom Musikmachen hin zum Komponieren verlagert habe. Über das Interesse und die Wertschätzung für seine Werke freut sich der Komponist.

Komponieren als Weg

Dietmar Kirchner beschreibt seine Entwicklung als Komponist als einen Weg. Angefangen habe er mit Stücken im barocken sowie klassisch-romantischen Stil. Im Laufe der Zeit habe er festgestellt, dass er zwar nette Stücke schreibe, die aber allesamt lediglich Stilkopien darstellen. „Während meines Studiums habe ich mich sehr intensiv mit ‚alter Musik‘ auseinandergesetzt. Stilübungen in Renaissance- und barockem Kontrapunkt sowie das Generalbassspiel und das für mich mühsame Partiturspiel habe ich immer gerne gemacht und mache ich noch heute. Alle diese Übungen sind von unschätzbarem Wert für mich, weil die Auseinandersetzung mit Komposition und Musiktheorie einen dicken roten Faden in die Vergangenheit zieht. Als heute lebender Komponist ist mir aber vor allem das Hier und Jetzt wichtig. Dieses zu beschreiben, erfordert eine andere Herangehensweise mit neuen Möglichkeiten.“ Kompositionsunterricht erhielt Dietmar Kirchner zuerst an der Zürcher Hochschule der Künste bei Benjamin Lang dann an der Anton Bruckner Privatuniversität bei Christoph Cech in Linz. Ihn suchte er, weil ihn die Nahtstellen zwischen Jazz und Neuer Musik interessierten. Später eröffnete ihm Karlheinz Stockhausens berühmter Aufsatz „Wie die Zeit vergeht …“ eine neue Welt. Dietmar Kirchner wollte mehr erfahren und kontaktierte den französischen Komponisten und Lehrer Fabien Lévy und den in Essen lehrenden Komponisten Michael Edwards. Unterricht via Skype macht es möglich, sich auch über räumliche Distanzen weiter zu bilden und diese Studien wiesen den Weg hin zur sogenannten spektralen Musik.

Ideen wie noch nie

Die aus Frankreich stammende Spektralmusik etablierte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und legt den Fokus auf die Obertonreihen, die bei jedem Ton mitschwingen, die Klangfarben und den Toncharakter bestimmen. Kürzlich setzte sich Dietmar Kirchner mit den Sounds eines Glockenschlags auseinander und analysierte das schwingende Tonspektrum. „Ich bin dabei auf Ideen gekommen wie noch nie, auf ganz andere Möglichkeiten, mit denen man komponieren kann“, erzählt er. Entstanden ist ein Stück, das im November vom ensemble plus uraufgeführt wird. „Für mich ist das wie mit der seriellen Musik, ich würde nie nur seriell oder algorithmisch komponieren wollen, aber die Möglichkeiten, die hinter dieser Art zu komponieren stehen, sind unglaublich“, erklärt der Komponist. „Ursprünglich habe ich sehr tonal komponiert. Jetzt sind mir festgelegte Tonhöhen nicht mehr so wichtig wie früher. Diese Last habe ich nun endlich abgelegt. Das macht mich auch beim Komponieren freier, ich kann mich jetzt mehr um das kümmern, was ich wirklich sagen möchte.“

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im März 2019 erschienen.

Termin:
Mittwoch, 27. März 2019, Alte Schmied Wien, 20 Uhr
Explorations II, Koehne Quartett, Werke von Michael Amann, Dietmar Kirchner, Dimitris Mousouras und Thomas Daniel Schlee

Link:
Dietmar Kirchner
Musikdokumentationsstelle Vorarlberg
Dietmar Krichner (music austria Musikdatenbank)