KOFOMI #15 in Mittersill (9.-18. September 2010) – Abschlussbericht

Bemerkenswert und schlichtweg einzigartig: Das Komponisten- und Komponistinnenforum Mittersill – organisiert von Wolfgang Seierl und Hannes Raffaseder – ging in die 15. Runde und endete vergangenen Samstag mit dem Abschlusskonzert im BORG Mittersill. Das Forum unter dem Motto STROM beherbergte im paradiesischen Schachernhof über Mittersill als Gastkomponisten Wolfgang Danzmayr (A), Bill Drummond (UK), Cathy van Eck (NL), Dieter Kaufmann (A), Manuela Kerer (I), Gregory Mertl (USA), und Gérman Toro Pérez (COL/A),  weiters den Drummer und bildenden Künstler Vladimir Tarasov (RU/LIT) und etliche Gastkünstler. Ensemble in residence war „die reihe“.

Die Gäste: Annelie Gahl, Electric Indigo, Burkhard Stangl, LSD, Mia Zabelka, Hans-Joachim Roedelius, Wolfgang Schlögl, Giselher Smekal, Bernhard Gál und Johannes Kretz. Aber der Reihe nach: Aus Mittersill gibt es jedes Jahr sehr viel zu berichten, man is(s)t (und trinkt) 10 Tage zusammen, diskutiert, tauscht sich aus, macht vielleicht einen gemeinsamen Ausflug nach Kaprun, zum Hintersee oder nach Krimml, viele Babys und Kinder sind auch mit von der Partie, und vor allem: Es gibt jeden Tag Programm und Konzerte. Die Komponisten sollten (vielleicht) etwas Neues komponieren, das Ensemble probiert (und übt)  – und alle Künstler sind ständigen Kommentaren aller Teilnehmer ausgesetzt. Nirgendwo sonst bekommt man als Zaungast so viel mit. Und heuer war der Schachernhof samt Nebengebäuden gesteckt voll, kürzer verweilende Gäste mussten sogar in andere Unterkünfte ausweichen (essen konnten sie in der 3-Hauben-Küche der Familie Langer, und das viermal täglich – ich habe zwei wertvolle Kilo zugenommen).

Nach der Eröffnung am Freitag, 10.9. begann alles mit einem zweitägigen Symposion zum diesjährigen Thema. Anregend auch für das noch  Kommende. Wolfgang Seierl leitete es mit einem spannenden Vortrag über „Strom“ ein. Was wird mit diesem Wort verbunden? – Vom Donaustrom über Wellen (jedweder Art) bis hin zur Energie. Vom Magnetismus, Mesmerismus, Kandinsky / Mondrian über Chakra, Meditation und abstrakter Malerei bis zu transzendentalem Okkultismus und „höherer“ Wirklichkeit. Was liegt hinter den Dingen, was war die universale Welterklärung, und was die geistige Wende? Mit Strom heute assoziiert man auch elektronische Medien und nicht zuletzt auch Gehirnforschung und Neurologie.

Die Flötistin Hemma Geitzenauer (alias Hemma von der Schönen Au) erläuterte ihre „Klangmühle“ auf der Schiffmühle in Orth an der Donau, ein Projekt, das 2004-06 dort stattgefunden hatte. Sie machte Musik mit dem Donaustrom. Bernhard Gál, demnächst Salzburg, präsentierte eine Auswahl aktueller Klanginstallationen und Kompositionen. Er ist Klangkünstler, hört die Bezeichnung „Medienkünstler“ ungern, komponiert durchaus auch für akustische Instrumente. „Beyond categories“ nannte er seine Präsentation. Zu sehen und hören gab es Ausschnitte aus „Defragmentation“ bleue und red (1999-200), ein in den Berliner Wasserwerken gemeinsam mit Architektin Yuki Nori realisiertes Projekt, „textur #4“ (1999) führte nach Oman und Banja Luka, und „mil aquas“ (2009) nach Porto Alegre. Heinrich Deisl (skug) diskutierte Musikclubs – auch Wiener – als Ort soziokultureller Innovationen (vom berühmten Cotton Club in New York über den Techno-Club Berghain Berlin bis zu Studio 54. Debattiert wurde u. a. die „Fraktalisierung des Tanzverhaltens“ in den Clubs. Der in Belgrad geborene Kunstvermittler, Kurator und Journalist Ivan Ristič war auch  im Architekturzentrum Wien tätig, er porträtierte den Denkmalarchitekten Bogdan Bogdanovič, der in Jugoslawien an die zwanzig Gedenkstätten für die Opfer des Faschismus und die Freiheitskämpfer errichtet hatte. Und die Pianistin Manon Liu Winter eröffnete gute Assoziationen zum „Strom“-Thema und die Schnittstelle Klavier-Elektronik, sie präsentierte auch ein schönes Projekt, das sie gemeinsam mit Franz Hautzinger gemacht hatte.

„Vom Klang- und Denkwerkzeug zum Medium“ – die Erschließung der Elektronik für die Musik war das Thema von Johannes Kretz, seit 2008 Leiter des Zentrums für innovative Musiktechnologie (ZIMT) an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (mdw.ac.at/zimt). Er beleuchtete überaus informativ die verschiedenen Facetten von Computermusik, des Internet und der Netzwerkkunst, auch der Live-Elektronik als Medium im Saal. Was „computer aided composition“ kann, erläuterte er und was sein software-environment „KLANGPILOT“ zu leisten imstande ist. Aus seinem Oeuvre brachte er Klangbeispiele für „physical modelling“, für „constraint programming“ und „sound morphing“.

Im Netz kann er mit auf der ganzen Welt verstreuten Partnern „Quintett“ spielen ohne zu Hause den Pyjama ausziehen zu müssen. Und dann war da auch noch Bill Drummond, dem Heinrich Deisl Fragen stellte (oder zu stellen suchte, denn Drummond stellt alles in Frage). Der 1953 geborene Brite polarisierte natürlich auch die Meinungen der Forumsteilnehmer. Webseiten, „The 17“, Aktionen und „Scores“ sind die Konstante seiner Tätigkeit. Von  Drummond stammt die Aufforderung, alle „alte Musik“, also CDs, Downloads etc. sämtlich zu vernichten und selber Musik zu machen. Unter der Brücke in Mittersill malte er ein Graffiti (siehe Foto), dankenswerter Weise ohne Aufforderung, auf alle bereits passierte Musik zu verzichten und diese zu verbrennen oder wegzuschmeißen.

Die Umrahmung der offiziellen Eröffnung gestaltete der überaus liebenswerte Vladimir Tarasov, geboren in Archangelsk und später (seit 1968) in Riga und Vilnius/Litauen) einer der größten Jazz-Drummer des 20. Jahrhunderts.  Als Schlagzeuger spielte er mit dem Litauischen Symphonieorchester und anderen Symphonie-, Kammermusik-, und Jazzorchestern in Litauen, Europa und den USA sowie mit Andrew Cyrille, dem Rova Saxophone Quartet, Anthony Braxton, Lauren Newton und Josef Nadj. 1971 – 86 war er Mitglied des renommierten Jazztrios GTC, mehr als 100 CD-Produktionen. Tarasov ist auch als Komponist, bildender Künstler, Filmemacher, Aktionist und Pädagoge (u. a. in Kalifornien/USA) tätig. Er beschränkte sich auf eine virtuos mit den Fingern getrommelte kleine Trommel (was besonders Wolfgang Danzmayr begeisterte – siehe Schlusskonzert).

Am Samstag gab es im (Heu)-Stadel am Schachernhof ein „Chill in“ mit der Gruppe LSD (Daniel Lercher, Bernhard Schöberl, Gloria Damijan) und dann das „15 Jahre KOFOMI Fest“. Dort lernte man in vielerlei Gesprächen Dieter Kaufmann und Gattin Gunda König, Wolfgang (und Veronika) Danzmayr, die Südtiroler Italienerin Manuela Kerer, Bernhard Gál und Familie, Giselher Smekal (Komponist, „Zeitton“- und Ö1-Urgestein, wandelndes Musiklexikon), Hannes Raffaseder und Kurt Hörbst (kopfomi-Pfotograpf aus Abf[pf]altersbach) und (fast) alle anderen (neu) kennen und schätzen.

Das Eröffnungskonzert in der St. Annakirche mit der exzellenten achtköpfigen „reihe“ unter der Leitung von Gottfried Rabl (außer dem Kontrabassisten, Manager und der Seele des Unternehmens Rudolf Illavsky besetzt mit überwiegend jüngeren Musikern, davon 5 Frauen) brachte ein posthumes Webern-Werk (Trio für Steichtrio), von Rupert Huber das zu singende, besser zu hummende „Modem für Oswald“, „Damenspiel“ (2009) von Gabriele Proy, John Cages „4’33’’ mit nicht programmierten Straßendisputationen, die gerade von vor der Kirche (bei geöffneter Türe) zu verfolgen waren, weiters einen bemerkenswert schönen Satz aus dem Streichquartett „Faire ses adieux“ (1983) von Giselher Smekal und schließlich „Meditation on Violence“ (1999) for 9 knife players on metal objects von Andrea Sodomka. Bei letzterem werden die Instrumente ausschließlich mit Klingen und (japanischen) Messern gespielt, da taten sich vor allem die Herren Rabl (Percussion) und Illavsky hervor, sodass etwa die die neben Rabl sitzende Bratschistin Elaine Koene sichtbare Anzeichen von Furcht und Erschrecken zeigte.

KOFOMI- LAB I und II

Das ist eine schon länger bestehende Einrichtung, bei der im Gasthaus Bräurup die Gastkomponisten Einblicke in ihr Werk präsentieren und Gelegenheit zu Gespräch und Diskussion mit ihnen geboten wird. Der erste dieser Abende galt Cathy van Eck aus den Niederlanden, die zwei tolle Projekte bzw. „Sound-Kunststücke“ vorführte. „in blik“ arbeitet mit Mikrophon-Rückkopplungen und Computer (sonst wird es zu laut) und verschiebbaren Wänden. „Hearing Sirens“ zeigte sie zuallererst 2005 in Amsterdam auf den Straßen und Plätzen („wo so etwas nicht weiter auffällt“): Die Sirenen trägt sie wie nach außen gestülpte Ohren auf ihrem Kopf, und daraus erklingen vielfältige Geräusche und Sounds, natürlich keine, die man mit Sirenen assoziiert. Germàn Toro Pérez stellte zwei Stücke aus letzter Zeit vor. Diese beschäftigen sich (nicht zum ersten Mal bei diesem Komponisten) mit dem Maler Mark Rothko, einem der bedeutendsten Vertreter des abstrakten Expressionismus und mit dem bei uns fast unbekannten Peruaner José Maria Arguedas, einem der besten Dichter Lateinamerikas. Über bzw. inspiriert von Rothko schrieb Toro Pérez schon das vierte Stück (das erste schon zu seinen Anfängen). Wie Rothko versucht der Komponist „mit dem Hintergrund und Vordergrund (zu) arbeiten, die sich ineinander schieben, wobei dann das Hinten im Vordergrund ist“. Wenn das Material stark elektronisch verarbeitet wird, „ändert das nichts am Ausgangsproblem“. Toro Pérez kann sowohl mit Instrumenten und Orchester, als auch mit Elektronik arbeiten. – Der letzte Roman von Arguedas war eine Auseinandersetzung mit dem Selbstmord, den der Dichter 1969 dann tatsächlich verübte, ohne den Roman zu vollenden. Arguedas ist fast unübersetzbar, da er in einer Mischung aus Spanisch und Quechua-Sprache schrieb. Toro Pérez interessiert an dessen Dichtung die „Sprache als Bild“ (mehr als um die erzählten Geschichten geht es um Sprache). In „Wespensterben“ für Ensemble und Elektronik gibt es auch ein „Stottern“ („Ist das nicht besser, erhellender?“, es geht um „Ursprung und Ergebnis“).

Wolfgang Danzmayr bot einen Längsschnitt aus seinem Schaffen – am Anfang seiner „wilden Jahre“ stand die Auseinandersetzung mit  Elektroakustik – noch vor den digitalen Möglichkeiten, vor dem Synthesizer gab es den „Mehrfachgenerator“ („der hat auch schon Lautsprecher kaputt gemacht“ und das analoge Band („Roulette“, 1973). Weiters Stücke für Klavier und Tonband, eines mit einer Kadenz aus Tonbandschleifen (das Band wurde von Danzmayr über vier Tonköpfe händisch gezogen. Nach der Übersiedlung nach Salzburg als ORF-Aufnahmeleiter folgte (nach einer Krise im Komponieren) eine meditative Phase, es folgten „Tableaux“, eines (für 6 Klaviere, in Zwölfteltonintervalle umgestimmt) wurde unter der Leitung von Georg Friedrich Haas bei einem Grazer Musikprotokoll aufgeführt. Danzmayr machte auch Theatermusik, etwa für ein Hölderlin-Projekt mit Julian Schutting. Es gab später auch Streichquartette, auch inspiriert von Frauenfiguren, z. B. eine Primaballerina in Salzburg. Schon 1990 meinte Wolfgang Danzmayr: „Es muss auch klingen“. Er näherte sich wieder mehr der „Tradition“ an. Instrumente sollten dafür verwendet werden wofür sie gebaut wurden. An die Gestaltungsmöglichkeiten Danzmayrs, dreißig Jahre lang Salzburger ORF-Musikabteilungsleiter (bis vor zwei Jahren) kam man in der Diskussion nicht umhin. Er habe sehr eigenwillig gestaltet, junge Komponisten gefördert, immer mehr auf Studioproduktionen verzichtet, dafür umso mehr Konzertmitschnitte produziert.

Tags darauf riefen Wolfgang Danzmayr und seine Gattin Veronika zu einer spontanen kollektiven Aktion in die Hauskapelle am Schachernhof. Gunda König las und zeigte Parten (Trauerzettel) für verstorbene Mittersiller und Mittersillerinnen, daraufhin sangen oder skandierten zehn versammelte Teilnehmer eine freie Improvisation (manchmal auch mit schönen Choralharmonien), Maria Gstättner spielte dazu auf dem Fagott. Im  KOFOMI Lab II am selben Abend stellte sich Gregory Mertl vor, der im Rahmen eines Austauschprogramms mit Virginia für Mittersill nominiert wurde. Mertl komponiert manches (überaus versiert) so, als sei es um 1900-1920 entstanden. Er präsentierte „Afterglow of a kiss“ für Flöte und Ensemble, „Lover calls“ for seven cellos und „Recitative to an Absent Sky“ für Cello. Maria Gstättner, Fagottistin  der “reihe” und Komponistin und Improvisatorin, bekam die Noten dazu und machte im Lauf der Woche ein eigenes Stück daraus (siehe Schlusskonzert weiter unten).

Dieter Kaufmann
, Doyen der Elektroakustik, führte seine „Musik über Musik“, seine Auseinadersetzung mit Kultur und Natur vor: „La mer“ / O sancta acusmatica von Debussy mischte er mit Marseille-Orginalaufnahmen des Meeres von heute mit Debussys Kulturmeer in einem “Morphing“. Davon gibt es auch eine Fassung für das Klangforum, die ist „wieder anders“, der Raum und das „Klänge herumtragen“ werden darin erprobt. „Paganini“ als zweites Beispiel – mit dem Verkehrslärm in Kairo („KAIRO“). Zum Heine-Jahr machte Kaufmann in Salzburg eine Schumann-Fassung im Krebsgang (alle vier Sätze einer Symphonie) + „Deutschland ein Wintermärchen“). Die römische Novelle „Natura morta“ von Josef Winkler war der Ausgangspunkt für das „Requiem für Piccoletto“ im Mozartjahr 2006 – eine „Oper“, gesprochen von Gunda König, Buchstaben des 1. Kapitels, codiert für eine Geigerin (Elena Denisova) und für Sopran.

Ein „Denkmal für einen Bach“, besser ein Bächlein, entstand mit Aufnahmen von Gunda König am 11. April 2009, nachts. Das Bächlein wird durch Neubauten verbaut, erfuhren wir  … „Dem Publikum auf halbem Weg begegnen“, dagegen hat Dieter Kaufmann nichts. Und/aber  in seinen Kompositionen ist er jugendlicher, experimentierfreudiger und einfallsreicher als viele jüngere Komponisten.

Manuela Kerer
, eine junge Komponistin, deren Namen man sich immer mehr merken muss, ist es auch. Manuela, die sich viel mit Klang und Klangfarben beschäftigt, ist „nebenbei“ auch Psychologin und Strafrechtlerin (vielleicht bald zweifache Doktorin). In einem neuen Werk (Uraufführung 2010) behandelt sie den Schlaf aus neurowissenschaftlicher Sicht. Schlaf verarbeitet Informationen. Und besonders interessant (dazu ein Ausschnitt von 3 1/2 Minuten) ist der Übergang von der Non-REM-Phase zur REM-Phase, vom Traum zum Tiefschlaf. Puls- und Atemfrequenzen verändern sich messbar. – Eine Monddüne bei Antoine de Saint-Exupery verführte sie zum Gebrauch von Schalldämpfern (Metalldämpfern). – Als Strafrechtlerin vertonte sie Gesetze des italienischen Strafgesetzbuches (die wurden auch im Mittelalter noch den Leuten vorgesungen). Eine Begegnung mit dem Senat in Rom und dem Verhalten der Politiker im Parlament (Zeitunglesen, Gähnen, Zwischenrufe machen) macht sie zu dem absurden Musiktheater „Poli“(tik) Polo“, das vergangenes Jahr sehr erfolgreich bei einem Münchener Festival aufgeführt wurde und sehr positiv in der „Süddeutschen“ kritisiert und besprochen wurde. Schließlich brachte sie – aus Schwaz, wo sie bei den „Klangspuren“ bei der Pilzwanderung (Friedrich Cerha war heuer der Experte) mit dabei war – den Zitherspieler Martin Mallaun (wohnhaft im nahe gelegenen St. Johann in Tirol) mit, der aus ihrem Stück „Omonéro“ (zu deutsch „Schwarzer Peter“) vorspielte. „Ich lache gern“, sagt Manuela Kerer. Und führte mit dem Publikum auch noch ihr „Ohren-Zuhaltestück“ auf.

Am Mittwoch wurde ein neuer Anton Webern-Park in Mittersill eröffnet und Mia Zabelka gastierte auf der Bürglhütte (über Stuhlfelden) und im Nationalparkzentrum Mittersill (mit Hans Joachim Roedelius und Wolfgang Schlögl).

Am Donnerstag sah man im „Ein Klang Kino“ (im BORG, das alte Kino wurde vor zwei Jahren überschwemmt und zerstört) Filme und Videos, zunächst die besten vom IGNM-Wettbewerb „Wind um Neue Musik“ 2009 (u. a. von Gunter Schneider, Florian Kmet, Christian Mühlbacher, Wolfgang Seierl, Claudia Zawadil). Es folgten Arbeiten von Bernhard Gál („Textur IV“), Burkhard Friedrich & Kurt Hörbst („Cittá utopica“, eine ÖMV-Gelände-Serenade; das Projekt wird auch bei Wien Modern im Schömerhaus zu sehen sein!). Zum Schluss, wunderbar (und meist ungeduldig mit den eigenen Werken) von ihm moderiert, „Soundgames“ von Vladimir Tarasov, meist in Zusammenarbeit mit russischen Künstlern. Das waren Ausschnitte aus Projekten mit wie Trommeln klingenden Felsen in Aserbeidschan, mit Blick aus dem Fenster und russischen Gesängen des Männerchores der Roten Armee, mit einem zweiten Pantomimen und Musik aus Billardkugeln … Man müsste davon einmal eine Ausstellung machen, wo man die Filme zur Gänze sehen kann.

Am Freitag, 17.9. präsentierten SchülerInnen des BORG die Ergebnisse der drei Workshop-Ensembles, die Burkhard Friedrich geleitet hatte. Sie spielten snare drum und Becken, Keyboard, Gitarre, Tom-Tom, Metallophon. Regenbaum/claves, Kachon, Glockenspiel, E-Piano u. a. und vereinigten sich in „sound copies Mittersill“ in einem Zuspielband mit Umgebungsaufnahmen. Toll.

Abend gab es – als Premiere – ein Konzert mit einem anderen Burkhard (Stangl) – Elektronik &Gitarre, Electric Indigo (Susanne Kirchmayr) – Elektronik und Annelie Gahl – Geige. Also mit Musiker(inne)n dreier verschiedener Genres. Fürs erste Mal schon sehr eindrucksvoll. Annelie, Solistin und Mitglied der Camerata Salzburg und des Concentus Musicus, erstmals öffentlich improvisierend erprobte die ihr anvertrauten Tools für die Violine wie ein mit neuem Spielzeug beschenktes Kind, Susanne brachte auch Rhythmus und Groove ein und Burkhard glänzte zwischendurch als Rock-Gitarrist.

Das KOFOMI #15 – Schlusskonzert mit dem Ensemble der „reihe“ unter zwei Dirigenten (alternierend Danzmayr und Rabl) brachte die obligaten Mittersill-Uraufführungen. Vladimir Tarasov (Schlagzeug) leitete ein mit „Thinking of Khlebnikov“ für Perkussion und Ensemble: Das Stück beschäftigt sich mit dem Futurismus und mit Kurt Schwitters „Ursonate“. Tarasov: „Futurism has mainly a percussive sound. That is fascinating for a drummer.” Von Wolfgang Danzmayr hörte man “Strömungen” für Klarinette, Fagott, Streichquintett und Tamburino piccolo. Danzmayr baute darin nachträglich die Mitwirkung Tarasovs ein und der machte das ausgezeichnet. Die Komposition wurde angeregt durch das Symposionsthema „Strom“. „Verschiedene Strömungen – an der Oberfläche bei den Flüssen und in den Tiefen von Ozeanen bis zum scheinbar unbewegten Wasser eines klaren Sees – sind das Thema… Ein abrupter Wechsel- wie das Kentern eines Bootes – eröffnet eine unvorhergesehene Dimension“ (Danzmayr). Von Germán Toro Pérez „Ecos III / Mittersill“ für Kontrabass, Streichtrio und Live-Elektronik.  Das war die Stunde von Rudolf Illavsky, der Flageolett-Töne bis zum 17. Oberton auf der G-Saite zu spielen hatte. Illavsky fluchte zu Beginn der Proben, nach der Aufführung sagte er: „Das werde ich wieder aufführen“. Die Töne der Bassgeige „bleiben in der Live-Elektronik hängen“ und so baut sich allmählich ein spektraler Klang auf. Zunächst blieb allerdings – was immer passieren kann – Gérman auf dem Computer die Elektronik „hängen“ und es musste unterbrochen und zehn Minuten später von vorne gespielt werden. Es war umso eindrucksvoller.

Im Nebenraum erfreuten in der erzwungenen Reparaturpause dafür Cathy van Eck und Maria Gstättner mit ihren  Kompositionen. „Song Nr. 3“ zeigt Cathy mit einer „Maske“ aus Papier vor dem Gesicht und einem rückkoppelnden Tonabnehmer hinter der Maske sowie einem Mikrophon in der Hand. Die Soundeffekte waren verblüffend. Mit ihrer elektronischen Assistenz spielte Maria Gstättner dann ihre neue Version nach Gregory Mertl: Blicke durch „Recitative to an Absent Sky“, das sich als eines der tollsten Stücke des Abends erwies. Von Gregory Mertl – nun wieder im „Konzertsaal“ des BORG-Foyers – sodann „Madra’s Musings“, gespielt vom Frauen-Trio der „reihe“ Sabine Nova (Violine), Elaine Koene (Viola) und Julia Reth (Harfe). Ein gutes Stück, von dem vor allen zu sagen ist, dass es hinreißend schön gespielt wurde. Bill Drummond, bereits am Vortag in Richtung Wales zu einer neuen „The 17“-Aktion abgereist, lieferte auch den Red-Army Choir (auf Band): „K Cera Cera“ sowie seinen „Score 361. At the concert“, auszuführen vom Publikum mit geschlossenen Augen genau 17 Sekunden lang: Applaus. Na ja. Manuela Kerer steuerte „Aneddoto“ für 8 Instrumente bei, ein gutes, witziges Ensemblestück, sowie rei(hihi), zu dem sich die reihe-Musiker auf die Treppe im Foyer begeben, sich mit Hindernissen Plätze tauschend in einer Reihe aufstellen und mit ernsten Gesichtern stumme Grimassen schneiden, ohne selber dabei zu lachen.

Krönung des Abends: Dieter Kaufmanns „Trauermusik zum Webern-Berg-Gedenken“ für Sprecherin (Gunda König) und Ensemble mit Texten von Theodor Storm („Schließe mir die Augen beide [und nicht Augenbinde, wie im Abendprogramm falsch von einem ahnungslosen Journalisten vertippt] mit den lieben Händen zu] geht doch alles was ich leide … [heißt es in der nächsten Zeile, wie soll sich das auf „Binde“ reimen?] Die Sätze der Komposition (II Für Webern III Für Berg) beziehen sich auf den Tod der beiden Komponisten vor fünfundsechzig bzw. fünfundsiebzig Jahren und sind eine schöne, auch ergreifende  Hommage auf die Zwölftonkomposition. Dennoch auch ein wenig ironisch, wenn die Sprecherin im Epilog rezitiert: UND WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND, DANN LEBEN SIE NOCH HEUTE!“.
Heinz Rögl

Fotos 1, 2, 4, 7, 9, 12, 13, 14, 15: Kurt Hoerbst
Fotos 3, 6, 10, 11: Heinz Rögl
Fotos 5, 8: Matthias Husinsky

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