Hannes Kerschbaumer © rol.art-images

„Klang als knetbare, formbare Masse“ – HANNES KERSCHBAUMER im mica-Interview

Es sei ein glücklicher Zufall, bei der diesjährigen Ausgabe von WIEN MODERN mit fünf Werken vertreten zu sein, sagt HANNES KERSCHBAUMER im mica-Interview. Die Liste der Preise und Auszeichnungen des Südtiroler Komponisten, der bei Gerd Kühr, Pierluigi Billone, Beat Furrer und Georg Friedrich Haas studierte, ist lang. 2017 wurde KERSCHBAUMER mit dem Erste Bank Kompositionspreis ausgezeichnet, gewann den Musiktheater-Wettbewerb der Haydn Stiftung und war Stipendiat des Composer-Conductor-Workshops in Grafenegg. Parallel ist Hannes Kerschbaumer mit richtigen Monsterprojekten bei zwei weiteren Festivals zeitgenössischer Musik beteiligt – den KLANGSPUREN Schwaz und TRANSART in Bozen. Anlass genug, den gefragten Komponisten, dessen Ästhetik um das kontinuierliche Denken kreist, zum Gespräch zu laden, das Ruth Ranacher mit ihm geführt hat.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus, gibt es den überhaupt?

Hannes Kerschbaumer: Tage, an denen ich komponiere, versuche ich relativ streng zu strukturieren. Mittlerweile werden meine Nächte auch immer kürzer. Den Großteil der Zeit nimmt bei mir die instrumentale Recherche im Vorfeld ein. Sie ist für mich notwendige Voraussetzung, um überhaupt einen klanglichen Diskurs entwickeln zu können. Dabei entdecke ich – teilweise auch ungewollt – Dinge, die meine Klangsprache unmittelbar bereichern. Die Klangrecherche am Instrument ist somit stets Ausgangspunkt. Mit der Zeit habe ich mir ein Repertoire an Klängen aufgebaut, die ich ohne „Kontakt mit dem Instrument“ abrufen kann. Und trotzdem muss ich die Klänge spüren. Wie funktioniert die Physis bei einem bestimmten Instrument? Die Klänge primär körperlich zu erfahren, ist für mich essenziell.

Ihnen wird ja auch zugeschrieben, Musik zu schaffen, die mit den Händen zu fassen ist.

Hannes Kerschbaumer: Mich interessieren Körperlichkeit und Haptik des Klanges. Und dies versuche ich durch vielschichtige Artikulationen von Gesten zu erreichen. Oder auch durch gezielte Steuerung von Klangbewegungen und -beziehungen innerhalb eines Klangkörpers und im Raum.

ZWISCHEN ZWEI VERMEINTLICHEN POLEN

Gilt diese Frage auch für die Klangerzeugung?

Hannes Kerschbaumer: Ja. In meinem Werk kritzung beispielsweise fokussiere ich mich auf die Frage, wie mit einem Bogen Klang erzeugt werden kann. Welches gestische Potenzial steckt in einer Bogenbewegung und wie lässt sich dieses auf verschiedene Klangobjekte übertragen? Nicht nur auf traditionelle „zivilisierte“ Instrumente, sondern auch auf rudimentäre Klangobjekte wie etwa einfache Holzleisten. Das Stück bewegt sich also zwischen zwei vermeintlichen Polen: dem extrem kultivierten Instrument Bratsche und einem sehr einfachen Klangerzeuger, einem Stück Holz. Durch Amalgamisierungsprozesse werden diese beiden Pole aufgehoben und eine Gleichwertigkeit von kultiviertem Instrument und rudimentärem Klangobjekt erzielt.

Mich hat die Formung reinen Klanges seit jeher fasziniert. Damit meine ich Klang weniger als Konstruktion von Harmonik oder Kontrapunktik, sondern vielmehr als knetbare, formbare Masse.

In den letzten Jahren interessiere ich mich konzentriert dafür, wie ich ausschließlich aus Linien Musik erzeugen kann …

… beginnend beim Rechercheprozess?

Hannes Kerschbaumer: Klanglich schon. Strukturell können auch Kunstwerke Impulsgeber sein. Ich bin prinzipiell sehr stark von visuellen Eindrücken beeinflusst. In schraffur waren es Zeichnungen von Renaissance-Künstlern. Durch gezieltes Setzen von Linien mit bestimmter Krümmung und Stärke sowie die genaue Dosierung der Dichte an Linien entsteht Bewegung im Bild. In den letzten Jahren nun interessiere ich mich konzentriert dafür, wie ich ausschließlich aus Linien Musik erzeugen kann. Dies geht einher mit dem kompletten Verzicht auf diskontinuierliche Melodieverläufe, an deren Stelle nun kontinuierliche Verläufe in Form von Glissandi treten. Die Arbeiten des bildenden Künstlers Mark Bradford haben mich in letzter Zeit immens inspiriert. Er erzeugt eine mehrdimensionale Dynamik anhand von vielfältigen Collagetechniken, die stark linear geprägt sind. Als ich „Grey Gardens“ von ihm gesehen habe, wusste ich: So könnte meine Musik klingen. Darin werden ausschließlich gerade Linien in verschiedenen Neigungswinkeln überlagert, wodurch eine unglaubliche Dynamik entsteht.

Wie würden Sie Ihren Zugang zu Ihren Kompositionen bezeichnen?

Hannes Kerschbaumer: Einerseits gibt es Werke, die stark linear geprägt sind, andere wiederum punktuell granular, in denen – ähnlich den Partikelsystemen in der Computeranimation – größere Gestalten durch winzige Klangpartikel erzeugt werden. Wie bei pedra.debris – interpretiert vom Ensemble Schallfeld. Ein sich stets wiederholender Impuls wird einem unablässigen Zerfallsprozess ausgesetzt, bis er sich schließlich in körnige Texturen aufgelöst hat.

Mit dem mumok als Aufführungsort findet Ihr Stück hauch.asche Eingang in einen Museumskontext. Wandert das Performative ins Museum?

Hannes Kerschbaumer: Orte, die das Zeitgenössische fördern, sollten grundsätzlich Orte für verschiedenste Kunstformen sein, die sich gegenseitig befruchten. Ich glaube auch, wenn man Musik in einen viel weiteren Kontext oder spezifisch gestaltete Räume einbindet, wie eben hier in eine Ausstellung, die Musik dadurch im besten Falle profitiert. Die Ausstellung „Naturgeschichten“ im mumok kann in Zusammenhang mit meinem Musiktheaterstück Gaia – a dystopian vision, das im Februar 2018 uraufgeführt wird, gebracht werden. Darin wird die mutwillige Zerstörung der Erde durch den Menschen thematisiert. Gina Mattiello hat dazu wunderbare Texte geschrieben. hauch.ausche ist eine Vorstudie dazu. Asche steht für die zerstörte Welt, Hauch für den menschlichen Atem. Stimme und Flöte werden wie ein einziger Organismus um Atem ringen, jeder Atemzug ein Ausstoß von zersprengten Worten.

Worauf richten Sie Ihren Fokus mit Ihren beiden Stücken schurf und schraffur, die im Rahmen des Konzerts für den Erste Bank Kompositionspreis zur Aufführung gelangen werden? Und in welcher Beziehung stehen die beiden zueinander?

Hannes Kerschbaumer: Bei beiden Stücken bildet eine einfache Linie die Grundsubstanz der zu formenden Materie. Für das Violin-Solostück schurf I, gab es die wunderbare Voraussetzung, dass die Interpretin Sophie Schafleitner eine unglaubliche Sensibilität und Virtuosität im gleichzeitigen Singen und Spielen entwickelt hat. Das Verschmelzen von Instrumentalistin und Instrument fasziniert mich sehr.  Durch eine spezielle Mikrofonierung der Geige wird es zudem möglich sein, stufenlos in das Instrument hinein zu zoomen, und in dessen im Inneren verborgenen Klanglichkeit zu schürfen. So ergeben sich Verschmelzung und Kontrapunktik. Es entsteht Dynamik. Ähnliches geschieht auch im Orchesterwerk schiefer, in dem durch Kompression und Überlagerung der Eindruck des Schürfens in verschiedene Klangschichten erzeugt wird.

DYNAMIK ALS ZENTRALER PARAMETER, UM GESTIK ZU ERZEUGEN

Verrät uns schon der Titel schiefer, dass Sie hier mit Schichtungen gearbeitet haben?

 Hannes Kerschbaumer: Ja, hier werden einzelne Klangqualitäten übereinander geschichtet, greifen und fahren ineinander, um tektonische Bewegungen wie das Schieben abzubilden. In letzter Zeit verwende ich häufig exponentielle Crescendi. Crescendi, die zum Schluss hin explosionsartig ausbrechen. Mit dieser Art von Dynamik glaube ich eine sehr große Sogwirkung erzeugen zu können, die das Stück stets nach vorne pusht. Der Paramater Dynamik ist für mich einer der spannendsten. Ich meine Dynamik als zentraler Parameter um Gestik zu erzeugen. Eine Gestik, die dem ähnlich ist, wie der Körper funktioniert. Das heißt, Musik nicht nur als etwas Emotionales wahrzunehmen, sondern als etwas Körperliches, als Körperbewegung. Wie führe ich die Hand, was kann eine bestimmte Geschwindigkeit in der Körperbewegung ausdrücken? Dadurch kann man so etwas wie Ausdruck erzeugen. So auch in der Musik.

Wann kam in Ihrer Musik die menschliche Stimme dazu?

Hannes Kerschbaumer: Explizit eingesetzt habe ich die Stimme erstmals 2010 im Rahmen einer Meisterklasse mit dem Arditti Quartett. Die Idee war, dass die Instrumentalisten zusätzlich auch Vokalperformer sind und sich dadurch ein komplexer Organismus an klanglichen Verbindungen entfalten kann. Dabei haben sich spannende Momente ergeben, beispielsweise wenn der Klang der Streicher durch einen Bocca-chiusa-Klang [Singen mit geschlossenem Mund, Anm.] aufgefangen wird. Es erklingt eine Resonanz, aber es ist weder das Instrument noch der Raum, sondern der Körper der Instrumentalisten schwingt. Das Instrument als Verlängerung des Körpers, und die Stimme als Zentrum des Körpers, die sich durch das Instrument moduliert ihren Weg nach Außen bahnt. Dabei kann ein ständiges Pulsieren von Innen nach Außen entstehen. Die Stimme als natürlicher Teil eines Ganzen, ein kontinuierliches Geben und Nehmen. Dieses Prinzip kommt wiederum auch in schraffur für Ensemble vor. Die Stimme als Modulator des Instrumentalklanges, als fein zu dosierender Verzerrer, der kontinuierliche Klangverläufe von zartesten Schwebungen bis hin zu rauen, nahezu elektronisch anmutenden Klängen erlaubt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Links:

Hannes Kerschbaumer
Klangspuren Schwaz
Festival Transart
Wien Modern
Hannes Kerschbaumer in der music austria Datenbank
Hannes Kerschbaumer auf der CD “Austrian Heartbeats #2 – selected by Georg Friedrich Haas