MC Rhine (c) Rania Moslam

„Das Verlangen nach mehr Macht wächst täglich!“ – KAROLINA PREUSCHL im mica-Interview

KAROLINA PREUSCHL rappte für KOENIGLEOPOLD, etablierte sich als Solo-Act MC RHINE und als Performancekünstlerin COCO BECHAMEL, versucht mit der Hip-Hop-Formation KALTNADEL-CREW – laut Eigendefinition – weitestgehend unbekannt zu bleiben und steht seit jüngster Zeit mit Kollegin MARIE VERMONT (DNYE) alias WIEN DIESEL auf der Bühne. Warum man eine Kassette um 10.000 Euro verkaufen will, die Bühne ein Ort der Macht ist und mehr Frauen an den Technik-Reglern stehen sollten, erläutert KAROLINA PREUSCHL im Gespräch mit Julia Philomena.

Sie studieren seit 2012 an der Akademie der bildenden Künste in Wien und sind 2013 zunächst als Visual-Artist, später als Rapperin Teil von Koenigleopold gewesen. Hat Sie die Kunst zur Musik geführt, oder doch umgekehrt?

Karolina Preuschl: Ich komme aus einer Musikerfamilie, in der Trompete, Gitarre und von einem meiner Brüder ganz besonders gut Bass gespielt wird. Ich selbst habe als Kind Klavier und Geige gelernt, aber ich dachte mir, dass ich keine Musikerin werden kann, wenn ich nicht jeden Tag übe – und das wollte ich nicht. Mir war’s nicht so wichtig, die Noten perfekt lesen zu können oder grundsätzlich immer besser zu werden, weil ich das Musikmachen als Hobby gesehen habe. Ich habe mich mehr auf Zeichnen, räumliche Gestaltung oder Design konzentriert. Nach der Matura wollte ich Bühnengestaltung studieren weil mein Vater am Theater arbeitet und mich bei Inszenierungen schon immer das Visuelle begeistert hat. An der Uni habe ich begonnen mich mit Videokunst auseinanderzusetzen, und über meine Visuals bin ich ja auch zu Koenigleopold gekommen.

Wie kam es in weiterer Folge dazu, dass Sie für Koenigleopold gerappt haben und als MC RHINE solo Konzerte spielen?

Karolina Preuschl: Einer meiner Brüder, der einzige, der nicht Musiker ist, hat immer Hip-Hop gehört. Zu Hause lief entweder Jazz von den anderen Brüdern, oder eben Hip-Hop. Rap hat mich von klein auf begleitet und es war Zufall, dass meine Stimme Leo und Luki gefallen hat. Wir haben ein Feature ausprobiert, dann eine Single-Platte, und spätestes nach den beiden Musik-Videos „8th of March“ und „monchichi“ war ich fixer Bestandteil der Band. Eine sehr ungeplante Rückkehr zur Musik.

Die den Zugang verändert hat? Welche Möglichkeiten haben sich durch die Kollaboration mit Koenigleopold aufgetan?

Bild (c) Karolina Preuschl

Karolina Preuschl: Die Erfahrung, dass nicht die Perfektion der Schlüssel ist, war neu und sehr schön. Ich wurde in der Formation ernst genommen, konnte meine eigenen Texte schreiben, mich austoben und dank der Burschen die Bühne ausprobieren. Ich habe gemerkt, dass die Bühne ein Ort ist, an dem coole Seiten von mir zum Vorschein kommen, die ich nicht kannte. Auf der Bühne habe ich so viel Macht, die bis ins Letzte ausgespielt werden kann.

[…] es ist auch unser Ziel, dass die Musik unbekannt bleibt“

Haben Sie mit Koenigleopold zum ersten Mal getextet?

Karolina Preuschl: In der Kunstschule habe ich schon 2010 gemeinsam mit Myrrha Okto Dezim Guttata und Der Magister eine sehr geheime Hip-Hop-Band gegründet, die Kaltnadel-Crew, in der wir auch schon selbst getextet haben. Das Projekt gibt es übrigens immer noch. Wir haben ein Album auf Kassette veröffentlicht, das „10“ heißt, weil 10 Lieder oben sind, es nur 10 Stück gibt und eine Kassette 10.000 Euro kostet, also pro Track 1000 Euro. Hat natürlich noch niemand gekauft, aber es ist auch unser Ziel, dass die Musik unbekannt bleibt.

2015 haben Sie mit der Kaltnadel-Crew den „Ö1 Birds’ Song Contest“ gewonnen. Wie unbekannt sind Sie geblieben?

Karolina Preuschl: Das war sehr lustig! Hätten wir uns nicht gedacht, dass wir gut funktionieren. [lacht] Aber wir haben sogar schon 2013 unsere Unbekanntheit riskiert, weil wir im Wagner-Jahr bei einem andern Ö1-Wettberwerb teilgenommen haben, dem „WAGner DICH!“ mit „Walkürenritt“.

Sie haben gesagt, dass die Crew in der Kunst-Uni entstanden ist.

Karolina Preuschl: Die Kunst-Uni war für meine Musik schon sehr prägend. Ich habe gelernt, dass die Medien einander nicht ausschließen, sondern gut ergänzen. Ich find’s toll, dass ich in meiner Klasse alles ausprobieren darf, dass Übergreifendes spannend gefunden wird und im weitesten Sinne erwünscht ist. Abgesehen davon haben sich meine feministischen Ansätze verfestigt,  weil der Gender-Diskurs auf der Tagesordnung steht.

Feminismus wird in der Hip-Hop-Szene ja gerne überfahren. Inwiefern hat Koenigleopold am Beispiel von „8th of March“ mit dem Seximus gespielt? Schon der Titel verweist ja auf den internationalen Frauentag.

Karolina Preuschl: In erster Linie haben wir an Klischee-Videos von amerikanischen Rappern gedacht, in denen der Mann von nackten Frauen umschlugen wird. Wir haben das umgedreht und deswegen bin ich die Königin, die alles bekommt, was sie will. Die noblen Räumlichkeiten, die ja sehr gut zur Thematik passen, haben sich aus einem besonderen Umstand ergeben: als wir das Video drehen wollten, musste gerade das Haus meines verstorbenen Großvaters geräumt werden und ich habe vorgeschlagen, dass wir dort drehen. Wir waren ein größeres Team von Musikern, Künstlern und Filmemachern, die sich alle einbringen konnten. „Monchichi“ haben wir auch in dem Haus gedreht.

Ist der Wunsch, alleine oder mit anderen Frauen Musik zu machen – wie jetzt mit Wien Diesel – durch Ihre Position bei Koenigleopold gewachsen?

Karolina Preuschl: Das Verlangen nach mehr Macht wächst täglich! Bei Wien Diesel ist jetzt aber alles anders, vor allem sind wir ja optisch nicht präsent. Musikalisch war mir wichtig, mich vom klassischen Liedaufbau zu entfernen. Bei Koenigleopold gab es viel Improvisationsraum, aber wir hatten trotzdem oft Strophe-Refrain-Strophe. Mein Bedürfnis ist, an einem großen Ganzen zu arbeiten, und nicht an einer einzelnen Nummer. Bei einem Live-Set kann man gut den Spannungs-Aufbau planen, die Brüche, das Zuspitzen, die Explosion, den abrupten Abfall und plötzlichen Aufstieg, bis hin zum irritierenden Ende. Ich liebe es, mit Wien Diesel eine Dynamik herstellen und kontrollieren zu können.

Steht der Aspekt des Live-Erlebnisses bei Wien Diesel mehr im Vordergrund als bei Ihren bisherigen Projekten?

Karolina Preuschl: Der Live-Aspekt ist wichtig für Wien Diesel, vor allem weil er für jedes Konzert neu gedacht wird. Wir passen die Performance an den Kontext an. Das Intro ist zum Beispiel immer anders. Bei Hyperreality haben wir gewusst, dass ein junges, kulturinteressiertes Publikum der Wiener Festwochen da sein wird, also haben wir mit dem ORF Seitenblicke – Jingle begonnen und beim Popfest am Karlsplatz mit verzerrten Zither-Geräuschen. [lacht] Wir kichern uns gerne ins Fäustchen.

Arbeiten Sie an einer Platte?

Karolina Preuschl: Wir haben vor, ein Tape rauszubringen, aber da kann ich noch nichts Näheres verraten… [lacht], außer dass wir zwei coole Frauen sind, die coole Sachen machen!

Das Logo von Wien Diesel sind zwei durchtrainierte Männerkörper, dazwischen ein kleines Wien-Wappen.

Karoline Preuschl: Das ist der Cornetto-Körper von Vin Diesel, den wir mit Photoshop noch mal verzerrt haben. Der spielt in Filmen mit, in denen es um Autos, Motoren, Muskeln und Explosionen geht. Beifahrerin ist oft eine weinende Frau, die Angst hat und ihren Mann anhimmelt. [lacht] Es gibt ein Video auf Youtube, in dem Vin Diesel „Stay with me“ von Sam Smith singt. Weil wir das so schön finden, dass der Cornetto-Körper eine Liebes-Schnulze von einem schwulen Mann covert, der seinen One-Night-Stand anfleht, bei ihm zu bleiben, hören wir deshalb bei jedem Konzert mit dieser Nummer auf. Außerdem habe ich noch niemanden so falsch singen hören, ich liebe es!

„Es interessiert uns beide nicht, wie wir rüber kommen, wie wir am besten verkaufen können, oder berühmt werden“

Abgesehen von Vin Diesel, was ist Wien Diesel wichtig?

Karoline Preuschl: Es ist uns wichtig, dass wir machen können, was wir wollen und glücklicherweise wollen wir meistens dasselbe. Ich habe mir so gewünscht, mit einer Frau zu arbeiten und die Marie hat’s einfach drauf! Es interessiert uns beide nicht, wie wir rüber kommen, wie wir am besten verkaufen können, oder berühmt werden. Wir machen einfach.

Wie kann man sich den Arbeitsprozess vorstellen?

Karolina Preuschl: Eigentlich sehr klassisch. Wir proben regelmäßig, arbeiten teils konzeptuell und teils experimentell. Wenn uns was gefällt, schafft es der neue Abschnitt auf die Bühne, wenn wir die Idee doch nicht so gut finden, wird sie wieder verworfen. Ganz unkompliziert und harmonisch.

Bild (c) Karolina Preuschl

Was mich auch sehr freut ist, dass ich mich mit der Marie zum ersten Mal getraut habe, Instrumente aus dem Internet zu bestellen. Wir durchforsten gemeinsam Willhaben und kaufen ganz viele Sachen, am liebsten absurde Synthesizer. Wir arbeiten beide so viel mit dem Computer, dass wir für Wien Diesel nur analoges wollen. Marie ist als Grafikerin froh, wenn sie mal nicht in das Kastl starren muss. So haben wir einander auch kennengelernt, weil wir zum selben Zeitpunkt begonnen haben, uns mit Modularsynthesizern zu beschäftigen.

Stehen Sie ebenfalls leichtfüßig dem Publikum gegenüber? Oder gibt es eine Erwartungshaltung?

Karolina Preuschl: Ich erwarte mir nichts. Es ist jedes Mal anders, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es so viele Faktoren gibt, die eine Stimmung beeinflussen und die nicht kontrollierbar sind. Grundsätzlich finde ich auch fast jede Reaktion okay. Einmal hatte ich ein Solo-Konzert im brut und ein Mann aus dem Publikum hat begonnen Ukulele zu spielen. Da habe ich mich sehr geärgert, aber nur deswegen, weil ich Ukulele hasse. Sonst hätte mich nicht einmal das gestört. Es reicht mir, auf der Bühne diese Macht zu spüren und über alles drüber fahren zu können.

Was sind, neben Überfahren und in’s Fäustchen kichern, die weiteren Pläne für Wien Diesel und MC RHINE?

Karoline Preuschl: Wien Diesel wird seinen Lauf nehmen und als Solo-Act werde ich mich demnächst neu aufstellen. Im Rahmen des Progress Festivals im Waldviertel werde ich jetzt meinen letzten MC RHINE – Gig spielen. Aber danach ist es an der Zeit, dass ich etwas Neues ausprobiere. Vor allem mit Geräuschen, die ich als Instrumente verwenden möchte. Ich arbeite gerne autodidaktisch mit dem Körper, der Stimme und sehe mich dabei als Wissenschaftlerin, die selbst ihre Studien schreibt.

Ich bin in vieles hineingerutscht, ich habe viele Erfahrungen gemacht, aber ich habe noch nie mein eigenes Ding durchgezogen. Ich hätte mir früher auch nicht gedacht, dass ich etwas selber wollen kann. Aber der Punkt ist da, an dem ich etwas starten möchte, das von mir ausgeht. Mit neuem Namen, neuem Sound.

Und was ist dabei der größte Wunsch?

Karolina Preuschl: Ich möchte mehr Frauen auf der Bühne sehen, hinter den Reglern, hinter dem Mischpult, hinter allem. Die einander unterstützen, zuhören, inspirieren und weiterbringen. Das versuche ich zu schaffen, in dem ich es selber tue und dadurch hoffentlich signalisiere, dass es möglich ist, dass auch eine Frau die Technik bedient.

Vielen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

TERMINE:
Wald4tler Hoftheater, 25. & 26. August
WUK, 22.9.

Link:
Wien Diesel (Soundcloud)