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José Manuel Serrano © privat

„Ich möchte Kunst machen, ohne künstlich zu sein“ – JOSÉ MANUEL SERRANO im mica-Interview

Im Rahmen seines Artists in Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Von Oktober bis November 2016 war der argentinische Komponist JOSÉ MANUEL SERRANO zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph sprach mit ihm über die Unterschiede zwischen dem Musikleben in Lateinamerika und Europa, seine kompositorische Arbeitsweise und seine Erfahrungen, die er in Wien gemacht hat.

Sie haben gerade zwei Monate in Wien verbracht. Was sind Ihre Eindrücke?

José Manuel Serrano: Ich bin zwar schon oft in Europa gewesen – normalerweise reise ich im Schnitt zwei Mal im Jahr hierher –, aber ich war nicht allzu oft ein zweites Mal am selben Ort. Das wollte ich unbedingt einmal machen, und nun durfte ich Wien sehr ausführlich kennenlernen. Es hat mich sehr interessiert, wie es ist hier zu leben, auch mit dem großen Kulturangebot. Ich konnte Beziehungen zu Ensembles und KünstlerInnen vertiefen. Es gab auch zwei von KulturKontakt Austria initiierte Konzerte, bei denen meine Werke aufgeführt wurden: das erste mit dem Ensemble Reconsil (http://www.ensemblereconsil.com/) und das zweite war ein mir gewidmetes Porträtkonzert mit dem Ensemble Platypus. Ich bin sehr zufrieden und glücklich damit! Ich konnte auch über mögliche zukünftige Projekte sprechen, ziemlich konkret auch eines für das kommende Jahr planen – alles in allem war es hier in Wien eine sehr produktive Zeit!

Welche kulturellen Angebote haben Sie in Wien genutzt?

José Manuel Serrano: Ich war ein paar Mal bei Wien Modern und erlebte auch Uraufführungen von Werken befreundeter KomponistInnen. Ich besuchte mehrmals den Musikverein, dort auch Konzerte mit alter Musik, einige Museen und Galerien. Das alles war sehr anregend für mich.

“Der Austausch mit einer anderen Kultur, sollte jedem Menschen zustehen”

Sind Sie überhaupt zum Komponieren gekommen?

José Manuel Serrano: Ich habe vor kurzem ein Stück für das Ensemble Platypus abgeschlossen, das am 18. Jänner im Wiener Konzerthaus uraufgeführt wurde. Davor arbeitete ich an einem Streichquartett für das Quartetto Maurice aus Italien und dieses Stück werde ich jetzt zu Ende bringen. Ich komme nur in der Nacht zum Komponieren … v.a. im ersten Monat war ich ständig unterwegs … parallel hatte ich noch viel organisatorische Arbeit für mein Festival in Rio Negro zu erledigen, das demnächst stattfindet. Ja, es war eine sehr intensive Zeit!

Distat Terra Festival

Erzählen Sie ein wenig über Ihr Festival!

José Manuel Serrano: Wir sind eine Gruppe von Freunden, die das Distat Terra Festival organisieren. Ich bin zusätzlich der Künstlerische Leiter und für das Programm verantwortlich. Ich habe in den letzten Wochen sehr viel mit den KollegInnen via Skype, Whatsapp und Mail kommuniziert. Das Festival stellt alte und zeitgenössische Musik vor und einander gegenüber. Das Distat Terra Festival findet im Süden Argentiniens, in Choele Choel statt, einer kleinen Stadt in der Provinz Rio Negro. Es ist nun die zweite Ausgabe des Festivals in dieser Form, davor hieß es Ars Nova Choele Choel.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem Neue Musik Publikum in Europa, in Wien, und in Südamerika, z.B. bei Ihrem Festival oder in Buenos Aires?

José Manuel Serrano: In Argentinien, vor allem in Buenos Aires, hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr viel im Bereich der zeitgenössischen Musik getan. Es gibt z.B. im Teatro Colón verschiedene Konzertreihen, etwa mit allen Orchesterwerken von Iannis Xenakis oder mit experimenteller Kammermusik. Zum Ciclo de Conciertos de Música Contemporánea del Teatro San Martín werden die großen Namen wie Arditti Quartet, Ictus Ensemble, London Sinfonietta, Klangforum Wien, MusikFabrik, Quarteto Prometeo, Alter Ego, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Synergy Vocals oder Ensemble Recherche eingeladen.

Der auffälligste Unterschied beim Publikum scheint mir zu sein, dass es in Argentinien viel durchmischter ist: KünstlerInnen aus den unterschiedlichen Sparten und nicht-spezialisiertes Publikum, nicht so viele „Musik-Fachleute“ wie hier. Das ist nur eine Beschreibung der Unterschiede, die ich beobachtet habe, und keine Wertung in die eine oder andere Richtung. Ich habe auch einen großen Unterschied darin beobachtet, ob zeitgenössische Musik in einem einzelnen Konzert oder bei einem Festival wie Wien Modern gespielt wird. Letzteres war sehr gut besucht, bei kleineren Ensembles außerhalb von Veranstaltungsreihen ist das nicht unbedingt der Fall. In Buenos Aires ist das Interesse breiter und tiefer in der Gesellschaft verankert.
In Choele Choel ist das Publikum ganz anders zusammengesetzt. Wir bieten dort ja nicht ausschließlich neue, sondern auch alte Musik. Und davor gab es in diesem Ort auch kein Angebot von klassischer Musik. Das Publikum ist sehr gemischt, alte und junge Menschen, die zwischen 21 und 35 fehlen tendenziell, weil die gerade irgendwo in einer anderen Stadt eine Ausbildung machen oder einen Job gefunden haben. Manche kommen dann wieder in ihre Heimat zurück.

Sehen Sie auch Unterschiede, was die Musikschaffenden betrifft?

José Manuel Serrano: Was mir auch aufgefallen ist, und vielleicht hängt das mit einer grundsätzlich größeren Neugier zusammen, dass MusikerInnen und KomponistInnen in Argentinien viel mehr Wissen über andere künstlerische Disziplinen wie Literatur oder Bildende Kunst haben. Aber ich möchte hier nur meine persönlichen Eindrücke schildern, und niemanden damit beleidigen. Sie zählt für mich noch zu einer humanistisch gebildeten Gesellschaft. Heute werden die Kinder tendenziell viel stärker, aber einseitig gefördert. Eine Suche in der Jugend, in der Ausbildungszeit, nach dem, was einen anspricht, was einen fasziniert, ist oft nicht mehr möglich. Das funktioniert ein wenig nach der Pragmatismus-Theorie von William James.

Das Musikleben in Österreich und Argentinien

Ich nehme an, das Musikleben ist hier in Wien gänzlich anders organisiert als in Argentinien. Was ist Ihnen aufgefallen?

José Manuel Serrano: In Europa ist der Einfluss der Institutionen auf das Musikleben unglaublich groß. Das ist in Südamerika überhaupt nicht so. Ensembles, Veranstalter, KomponistInnen werden von diversen Einrichtungen gefördert, was wiederum großen Einfluss auf die Programmierung hat. Ich weiß, dass das ein heikles Thema ist, weil diese Institutionen die Geldgeber sind. Auch die akademischen Ausbildungsstätten spielen da eine wichtige Rolle, was manchmal dann politisch korrekte Themen in den Vordergrund rückt, die zwar wichtig, aber künstlerisch manchmal nicht sehr ergiebig sind. Dieses System beeinflusst auch die Ästhetiken, die dominieren, und sehr oft sehr konservativ sind.
In Argentinien gibt es z.B. viele Autodidakten, das kommt hier äußerst selten vor. Europa funktioniert immer noch mehr oder weniger nach dem Schul-Prinzip, das prägende Lehrerpersönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt. Und wenn man stilistisch keiner Schule zugeordnet werden kann, ist es sehr schwierig, ein Ensemble von seiner Musik zu überzeugen. Zusammenfassend sei gesagt: Die Institutionalisierung der Musikszene in Europa macht es für Individuen, die keiner davon angehören, ganz schön schwierig, weiterzukommen.

Dieser Eindruck wird wahrscheinlich durch den Größenunterschied zwischen Südamerika und dem Vielstaatenkontinent Europa und der damit einhergehenden enormen Dichte an Institutionen verschärft.

José Manuel Serrano: Ja, das stimmt natürlich. Ich habe bis zum Beginn meines Studiums, für das ich meinen kleinen Heimatort verlassen musste, nur Gitarren gesehen – keine einzige Klarinette, Flöte oder ein anderes Instrument! Die Konservatorien, die es nur in den großen Städten gibt, sind noch konservativer als die hier in Europa. Sie orientieren sich am 19. Jahrhundert.

Ich möchte noch einmal auf Europa zurückkommen: Die Veranstalter fördern nicht die Unterschiedlichkeit und Diversität, daher gewinnt immer die Mehrheit. Es fehlen die Plätze, an denen der Vielfalt in der Musik ein Podium gegeben wird. Ja, und was in Europa noch dazu kommt, ist, dass jedes Land seine nationale Musik promotet. Das hat zur Folge, dass gerade das Publikum in den Ländern, die ihre Musik finanziell gut unterstützen, wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder die USA, nur wenig Musik aus anderen Ländern kennt. In Italien, wo es nur wenig öffentliche Förderungen gibt, ist das ganz anders. Die Komponisten dort haben auch starke persönliche Stile entwickelt wie Luciano Berio, Pierluigi Billone, Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino, Luciano Berio oder Fausto Romitelli – sie sind alle ganz unterschiedlich.
Nachdem es in Argentinien praktisch keine öffentlichen Förderungen gibt, können wir internationale Musik ohne Kompromisse vorstellen. Wir sind nicht gezwungen, auf heimische Musik zu fokussieren. Das sollte sich meiner Meinung nach in Europa wirklich ändern: die Nationalität der KomponistInnen dürfte in den Förderungen, egal ob für Ensembles oder Veranstalter, keine Rolle mehr spielen. Die Qualität sollte das ausschlaggebende sein – aber es ist natürlich eine heikle Sache …

Nachdem offenbar das Musikleben in Argentinien ganz anders funktioniert als unseres hier in Österreich, schildern Sie doch bitte kurz Ihre musikalische Ausbildung.

José Manuel Serrano: Ich lernte Gitarre in meinem Heimatort im Alter von 14 bis 18 Jahren und ging dann nach La Plata City, in der Nähe von Buenos Aires, um Musik zu studieren. Dort ist die bekannteste und beste Universität Argentiniens. Leider ist das Niveau dort im Sinken. Meine KompositionslehrerInnen waren Mariano Etkin und María Cecilia Villanueva.
Etkin zählt zur älteren Generation der prägenden Figuren und ist im Mai 2016 gestorben. Villanueva hat auch international, v.a. in Deutschland, Karriere gemacht. Nach drei Jahren brach ich das Studium ab und nahm weiterhin bei Etkin Unterricht. Es gab dafür mehrere Gründe, einer war, dass im Studium der Anteil an pädagogischen Fächern extrem angestiegen ist und mich das weniger interessiert, v.a. in der Art und Weise, wie es dort unterrichtet wird und ein anderer war, dass meine Aktivitäten als Veranstalter zunahmen und ich Zeit dem Komponieren und meinen Auftritten widmen wollte.
Das theoretische Wissen wie Harmonielehre und Musikgeschichte habe ich mir großteils selbst angelesen. Ich habe zusätzlich sehr spezielle Interessen wie etwa Renaissance-Musik, späte Ars Nova – zu diesem Thema lese ich ständig musikwissenschaftliche Studien.
Zusätzlich besuchte ich zahlreiche Meisterkurse. Das sehe ich aber nicht so sehr als Unterricht, denn als Austausch mit anderen KomponistInnen, die Feedback auf die eigene Arbeit geben. Ich habe also keinen universitären Abschluss. Das kommt in Lateinamerika gar nicht so selten vor. Man muss auf jeden Fall in eine große Stadt gehen, wenn man Komposition studieren will. Dort sind laufend Konzerte und auch die spezialisierten Ensembles angesiedelt, von denen es 14 in Argentinien gibt. Leider ist das Niveau der MusikerInnen generell nicht besonders gut. Und wenn jemand wirklich gut ist, dann wird er Solist bzw. Solistin oder wandert aus. Für Konzerte kommen sie natürlich schon zurück …

Wie beginnen Sie eine neue Komposition?

José Manuel Serrano: Normalerweise arbeite ich additiv. Die Form ist sehr wichtig für mich. Ich schreibe, komme darauf zurück, überarbeite es, so erreiche ich eine rhapsodische Form, die sich entwickelt, aber keine konkrete Richtung hat, nicht fragmentiert ist. Daher verändere ich ständig. Ich habe auch mehrere Instrumente zuhause, eine Gitarre, eine Flöte, ein chinesisches Cello, auf denen ich herumprobiere. Die Dauer der Klänge ist für mich auch sehr wichtig, damit experimentiere ich so lange, bis es für mich passt. Wie lange dauert der Übergang von einem Ton zum anderen – da kann ich mich richtig festbeißen, das ist furchtbar! Da leide ich richtig! Das ändere ich manchmal hundert Mal, nehme mich selbst auf und korrigiere wieder … ich schreibe schrecklich langsam.
Manchmal zitiere ich aus Werken anderer KomponistInnen, allerdings so kurze Stellen, dass das nicht erkennbar ist. Mir geht es dabei um klangliche Reminiszenzen. Ich liebe z.B. Hector Berlioz, den habe ich schon zitiert. Es ist komisch, dass er im deutschsprachigen Raum kein gutes Standing hat. Aber wenn man sich die Aufnahmen aus diesen Ländern anhört, dann ist das kein Wunder … das muss man sich mal in den Aufnahmen vom Orchestre des Champs-Elysées anhören! Das klingt viel weicher, viel intimer!

Was wünschen Sie sich als Komponist?

José Manuel Serrano: Eine eigene musikalische Sprache zu haben – das ist das schwierigste überhaupt, etwas ausdrücken zu können, ohne Worte zu Hilfe zu nehmen. Ich möchte Kunst machen, ohne künstlich zu sein. Einen poetischen, aber nicht prosaischen Zugang zu Musik zu finden. Mit wenig viel sagen zu können!

Vielen Dank für das Gespräch!

Marie-Therese Rudolph


Zur Person
José Manuel Serrano, geboren 1982 in Argentinien, aufgewachsen in der Stadt Choele Choel, studierte Komposition bei Mariano Etkin und María Cecilia Villanueva. Seine Werke wurden in beinahe allen europäischen Staaten, Nordamerika, Japan und Argentinien von namhaften Ensembles wie dem Quarteto Prometeo (I), Ensemble Aleph (F), Ensemble Aventure (D), Ensemble XX. Jahrhundert (http://exxj.net/) (A), dem Lettischen Radiochor, East Coast Contemporary Ensemble (USA), Ensemble Platypus (http://www.platypus.or.at/) (A), The Riot Ensemble (UK), Divertimento Ensemble (I), Rhythm Method Quartet (USA), L’arsenale Ensemble (I), Antico Moderno Ensemble (USA) und dem Ensemble Reconsil (http://www.ensemblereconsil.com/) (A) aufgeführt.

Seine Musik wurde an internationalen Konzerthäusern und Theatern sowie bei Festivals wie Tage für Neue Musik (Zürich, 2012), MATA Festival (NYC, 2016), New Directions Festival (SWE, 2014), XXIII Festival Internacional de Música Contemporánea de la Habana (Kuba, 2009), L’Imaginaire Festival (Straßburg, 2013), Wiener Konzerthaus (2017) und Teatro Argentino de La Plata (ARG, 2012) gespielt.
Von 2007 bis 2014 war er Assistent für Komposition bei Mariano Etkin an der Nationaluniversität von La Plata. Im Rahmen von Workshops und Festivals besuchte er Meisterklassen bei Salvatore Sciarrino, Georg Friedrich Haas, Stefano Gervasoni, Tristan Murail, Michael Jarrell, David Lang, Joshua Fineberg, Lee Hyla, Michaël Lévinas, Toivo Tulev und anderen. Seit 2014 ist er Künstlerischer Leiter des Distat Terra Festival in der Stadt Choele Coel (ARG), das biennal stattfindet und sich alter und neuer Musik widmet.

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