Bild Johannes Maria Staud
Johannes Maria Staud (c) Priska Ketterer

„JETZT SIND WIR BEI DER POLITISCHEN OPER ANGELANGT“ – JOHANNES MARIA STAUD IM MICA-INTERVIEW

Der mit Familie in Wien lebende Komponist JOHANNES MARIA STAUD nimmt oft Reflexionen über philosophische Fragen, gesellschaftliche Prozesse oder politische Ereignisse als Anlass für seine kompositorische Arbeit. Anfang Dezember wird seine neue Oper „Die Weiden“ an der Wiener Staatsoper, dirigiert von Ingo Metzmacher, uraufgeführt. Isabella Klebinger und Michael Franz Woels trafen JOHANNES MARIA STAUD zwischen den intensiven, finalen Proben im Gebäude am Ring. Den Fragen ist ein Zitat aus der Literaturvorlage „The Willows“ vorangestellt:

„Yet what I felt of dread was no ordinary ghostly fear. It was infinitely greater, stranger, and seemed to arise from some dim ancestral sense of terror more profoundly disturbing than anything I had known or dreamed of.“ Algernon Blackwood, The Willows, 1907

Als Kind hat Sie Geografie sehr interessiert, Sie wollten ursprünglich Kartograf werden. Wo sehen Sie Verbindungen zwischen den Disziplinen Kartografie und Komposition?

Johannes Maria Staud: Geografische und meteorologische Begriffe haben mich immer interessiert. Was ist eine Landkarte, was ist ein Territorium, was ist eigentlich meine Partitur? Sie muss ja auch interpretiert werden, ist sie nun Landkarte oder schon Territorium? Solche semantischen Fragestellungen beschäftigen mich schon lange. 2001 habe ich das Stück „A Map Is Not The Territory“ oder 2008 „On Comparative Meteorology“ geschrieben. Das Zeichnen von Phantasielandkarten als Kind hat jedenfalls bei mir direkt in das Schreiben von Partituren geführt, in das Erfinden akustischen Neulands.

Sie haben das Genre Oper einmal als „modern-unzeitgemäß“ bezeichnet …

Johannes Maria Staud: Oper, das ist Musik mit Text in theatralisch inszenierten und gesungenen Bildern. Ich empfinde dieses Geschichten-Erzählen immer noch als überaus zeitgemäß und avantgardistisch – aber nicht in einem postmodernen Sinn. Die Moderne fließt schon eher in meinen Adern als die Postmoderne. Das heißt aber nicht, dass es hier nicht um Fortschritt geht. Ich habe auch meine Vorurteile gegenüber dem Gesang abgebaut. Wenn man für dieses Haus schreibt, sollte man sich mit der Operngattung schon irgendwie versöhnt haben. Aber ich verrate mich hier nicht ästhetisch, mache hier nicht etwas Bekömmlicheres. Die Erzählform darf natürlich schon unkonventionell sein, wie die zerklüftete Bauart von „Die Weiden“ verdeutlicht.

„DIE MODERNE FLIESST EHER IN MEINEN ADERN ALS DIE POSTMODERNE“

 Nachdem der Staatsoperndirektor Dominique Mayer 2014 ihr Stück „On Comparative Meteorology“ in der Carnegie Hall mit den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst gehört hatte, bekamen Sie die Anfrage, ein Auftragswerk für die Wiener Staatsoper zu komponieren. Bei der Wahl des Librettisten haben Sie sich wieder für den deutschen Lyriker Durs Grünbein entschieden. Was hat sich über die Jahre an ihrer Zusammenarbeit mit Durs Grünbein geändert, was zeichnet diese Zusammenarbeit im Speziellen aus?

Johannes Maria Staud: Wir haben uns über die Jahre besser kennengelernt. Der Prozess des Austausches während der Zusammenarbeit hat sich mittlerweile intensiviert, wir haben uns gemeinsam entwickelt. Es ist gut, mit jemandem zusammenzuarbeiten, von dem man weiß, wie er funktioniert und arbeitet und wieviel Druck man ihm setzen kann. Bei jeder Oper haben wir versucht, bei Struktur, Fokus und Besetzung anders heranzugehen – jetzt sind wir mit „Die Weiden“ bei der politischen Oper angelangt.

Bei der Wahl des Themas gab es ebenfalls keine Vorgaben. Bei Ihrer ersten gemeinsamen Oper „Berenice“ mit Durs Grünbein 2004 für die Münchner Biennale, die Wiener Festwochen und die Berliner Festspiele diente Edgar Allan Poe als Literaturvorlage, die zweite mit dem Titel „Die Antilope“ aus dem Jahr 2014 für das Theater Luzern und das Lucerne Festival bezog sich auf die Salonkomödie „Eleutheria“absurdes Theater von Samuel Beckett. Nun dient die Schauergeschichte „The Willows“ von Algernon Blackwood als Inspirationsquelle. Wie kam es zur Auswahl dieser unheimlichen Erzählung aus dem frühen 20. Jahrhundert?

Johannes Maria Staud: Im angelsächsischen Bereich ist das Werk von Algernon Blackwood etwas bekannter, weil er als Vorbild für H. P. Lovecraft galt, der „The Willows“ einmal als die perfekte Horrorgeschichte bezeichnete. „The Willows“, diese naturmagische Geschichte, endet mit einer Bedrohung durch eine andere Sphäre. Der Wald wirkt in unserer Oper „Die Weiden“ als tiefen-psychologisches Thema. Es sind die Toten, die einen unfreiwilligen Tod gestorben sind, die hier Kontakt aufnehmen. Die wandernden Weiden sind ja schon von Shakespears „Macbeth“ bekannt und auch die deutsche Romantik spielt bei „Die Weiden“ definitiv mit herein; sei es Weber, aber auch Wagner. Als Referenzen im Horrorfilmgenre könnte man Filme wie „The Blair Witch Project“ oder „Antichrist“ von Lars van Trier anführen. Die Oper „Die Weiden“ spielt wie die Literaturvorlage „The Willows“ ebenfalls in den Donau-Auen, nimmt aber Bezug auf die jüdisch-ungarischen Todesopfer in der Region Hainburg, die beim Todesmarsch, dem Massaker von Engerau im Jahr 1945, kurz vor Kriegsende gewaltsam zu Tode kamen. Die ungarischen Opfer jüdischen Glaubens waren zum Bau des Ostwalls in die Grenzregion gebracht worden. Zwangsarbeiter, die für den Marsch zu schwach waren, wurden in Engerau von SS-Schergen erschossen. In unserer Oper lassen wir diese Opfer gleichsam wiederauferstehen und sprechen. Unsere Hauptfigur Lea ist halluzinativ begabt, sie sieht Tote: einen Oberförster, eine Wasserleiche oder während einer fremdenfeindlichen Veranstaltung auf dem Marktplatz einer Kleinstadt ihre Eltern, die einst aus dem Land am Strom fliehen mussten, in das Lea nun mit ihrem neuen Freund gereist ist.

„WIR THEMATISIEREN DIE RÜCKKEHR VON BESIEGT GEGLAUBTEN GEISTERN“

Mittlerweile ist durch diesen Rechtsruck im Land ja das Unempathische, das Nicht-Empfindsame für den Mitmenschen, zum Common Sense geworden. Heute kann man ungestraft Dinge sagen, die vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wären – ein Blick in Internetforen genügt. Kein Politiker tritt heute zurück, wenn er öffentlich davon spricht ,Asylweber zu konzentrieren. Man sieht eine Verrohung der Sprache. Wir haben dieses menschenverachtend Unemphatische schon einmal an diesem Strom hier miterlebt. Mich erinnert unsere Zeit punktuell an die Zeit des Austrofaschismus im letzten Jahrhundert. Man versucht von rechtspopulistischer Seite die Pressefreiheit auszuhöhlen, kritische Journalisten unter Druck zu setzen, das BVT sturmreif zu schießen, die Justiz zu attackieren – mit dem Ziel irgendwann mit absoluter Mehrheit an die Macht zu kommen, um dann alles in Frage zu stellen, was Generationen für uns erkämpft haben – angefangen bei den Menschenrechten und der freien Meinungsäußerung. Ein Blick nach Polen oder Ungarn sollte uns Warnung genug sein.

Als Jugendlicher hatten Sie auch eine Rockmusik-Phase – Bands wie Nirvana oder The Velvet Underground waren Vorbilder – bevor sie sich dann mit 17 Jahren der ernsten und klassischen Musik zuwandten. Wie sehr denken Sie schwingt diese Zeit noch zum Teil in ihren Kompositionen mit?

Johannes Maria Staud: Ich bin immer noch von Rockmusik beeinflusst. Bis ich vor zehn Jahren aus England wieder nach Österreich gezogen bin, habe ich mich intensiver mit Rockmusik beschäftigt und von diesen Erfahrungen zehre ich immer noch: von Bands wie Vampire Weekend etwa oder Portugal. The Man. Textlich ist in der Oper ein wenig Pulp zu finden, die Art des Textens von Jarvis Cocker habe ich Durs Grünbein nahegelegt. Es finden sich in der Oper „Die Weiden“ dreieinhalb Songs als populär-musikalische „Inseln“. Wenn meine kompositorische Sprache nicht ausreichte, habe ich sozusagen Zuflucht zur Rockmusik genommen – es darf dabei aber nie nach Musical klingen.

„WIE KARPFEN WOHL KLINGEN WÜRDEN, WENN SIE SPRECHEN KÖNNTEN“

Wie kann man sich generell den Prozess der Libretto-Entwicklung vorstellen?

Johannes Maria Staud: Diese Oper ist keine Vertonung eines fertigen Librettos. Wir haben schon in einem frühen Stadium mit der deutschen Regisseurin Andrea Moses zusammengearbeitet, die sich mit ihrem Dramaturgie-Team eingemengt hat. Das Libretto wurde thematisch gemeinsam entwickelt – gerade, wenn man eine Geschichte selber erfindet, braucht man dieses Korrektiv. In den Bildern erleben wir eine Flussreise, ein Stationen-Drama. Es wird viel gesungen, auch gesprochen. Es gibt sechs Bilder und vier Passagen dazwischen, einen Prolog, ein Vorspiel, einen Epilog und eine Umbaumusik, ein Zwischenspiel. Die Passagen verbinden die Bilder, in ihnen ist der Fluss der Hauptprotagonist, da tritt sehr viel Live-Elektronik zu jeweils einem tiefen Solo-Instrument auf. Ich habe versucht, auf akustischem Wege Wasserklänge zu generieren – die naturnahen Sphären werden durch eine Lautübersetzung von Wind, Wasser, Blubbern erzeugt – und mir überlegt, wie Karpfen wohl klingen würden, wenn sie sprechen könnten.

Ein zentrales Element der Oper, die sie als künstlerische Form einer Gegenwartsanalyse bezeichnet haben, ist der Fluss Dorma. Könnte man darunter die „schlafende Donau“ verstehen? Welchen Mythos symbolisiert dieser schlafende Strom, der sich durch Europa schlängelt?

Johannes Maria Staud: Der Name hat bei uns für viel interne Diskussion gesorgt, dem gingen viele Überlegungen voraus – wir wollten den Fluss nicht einfach Donau nennen. Schlussendlich ist es einfach dieses Bild vom Land am großen Strom, der die Völker verbunden und nicht getrennt hat. Heute steht in Europa ein Abgrenzen im Vordergrund, eine gewisse Kleinstaaterei nach dem Prinzip „Wir gegen die anderen“. Ein Fluss ist eine starke Metapher, man kann ihn nicht wirklich aufhalten, auch wenn man ihn reguliert. Schlafend auch deshalb, weil so ein Strom auch aufwachen und in unregelmäßigen Abständen über die Ufer treten kann. Man hätte natürlich hier noch andere Themen aufmachen können: den Umweltschutz oder die Klimaerwärmung – aber diese Türen haben wir zugelassen. Uns interessiert hier mehr, was mit den Menschen am Strom passiert, die auf Hassparolen anspringen. Der Fluss als ewig Fließender ist ein guter Kontrapunkt dazu. Aber man muss natürlich aufpassen, dass man in keinster Weise geschichtsrelativistisch agiert. Nur weil man diese Verbrechen am Strom in ein Verhältnis zur Ewigkeit eines fließenden Flusses setzt, werden sie schließlich nicht weniger schlimm. Ich hoffe jedenfalls, dass sich das Gespenst der Demagogie und des Populismus in baldiger Zukunft durch unsere Zivilgesellschaft besiegen lässt. Ich bleibe Optimist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Isabella Klebinger und Michael Franz Woels

Link:
Johannes Maria Staud (Karsten Witt Musikmanagement)
Wiener Staatsoper
Johannes Maria Staud (music austria Datenbank)