Bild Sigrid Horn
Sigrid Horn & Band (c) Magdalena Blaszczuk

„Jedes Konzert ist auf seine Weise ein Highlight“ – SIGRID HORN im mica-Interview

Vor kurzem hat sie im Rahmen des Festivals ‘Ganz Wien’ in der Elbphilharmonie in Hamburg gespielt – und nun ist im März ihr  ihr neues Album „I bleib do“ erschienen. Daraus folgt für uns: wir bitten SIGRID HORN zum Interview. Jürgen Plank hat mit der Singer-Songwriterin auch über ihr Siegerlied vom Protestsongcontest 2019 gesprochen.

Seit wir zum letzten Mal miteinander gesprochen haben, ist einiges passiert: du hast unter anderen den Protestsongcontest gewonnen.

Sigrid Horn: Ja, es gab ziemlich viele Konzerte und ziemlich viel gutes Medienecho. Und der letzte Höhepunkt war vor kurzem ein Auftritt in der Elbphilharmonie in Hamburg. Jetzt gibt es noch das neue Album, im Rückblick ist also wirklich einiges passiert.

Zuerst zum Protestsongcontest: da hast du vor dem Sieg mit dem Lied „Baun“ schon zwei oder drei Mal teilgenommen. Wie war das?

Sigrid Horn: Der Sieg war sehr unerwartet. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dürfte aber mit dem Lied einen Nerv getroffen haben. Einerseits geht es um die Zersiedelung, andererseits um den Klimawandel und darum, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen und die Grenzen dicht machen.

Warum hat es dich überrascht, das sind ja Themen am Puls der Zeit?

Sigrid Horn:Es hat mich überrascht, weil man bei so einer Veranstaltung nur mit Ukulele und Klavier auf der Bühne eher Außenseiter ist.


Mir kommt vor, dass du gerade einen positiven Workflow hast. Wie erlebst du diese Zeit gerade?

Sigrid Horn: Ja, das ist eine schöne Welle. Das passt, weil es nichts ist, was mich überrollt. Ich habe das Gefühl, ich kann da gut mit.

Welle ist ein gutes Stichwort zum neuen Album, denn gleich im Text zum ersten Lied „Mea“ – Meer – kommen Wellen vor. Was war der Impuls das Lied zu schreiben?

Sigrid Horn: Meine Haut war salzig. Die Frage dahinter war: was macht Liebe mit uns? Und Liebe hat ähnliche Folgen wie ein Tag am Meer. Ich habe gewusst, dass ich keine Zeit für Urlaub haben werde, weil wir gerade das neue Album aufgenommen haben. Aber ich habe gewusst, dass es mit dem liebsten Menschen egal ist, ob man an der Adria sitzt oder am Donaukanal – dann ist alles schön. Man kann das Lied auch als trauriges Liebeslied interpretieren, es lässt vieles offen.

Wie war dein Auftritt in der Elbphilharmonie und wie kam es dazu?

Sigrid Horn: Das war im Rahmen des Festivals ‚Ganz Wien’, nach dem Falco-Song benannt. Ich wurde dafür vorgeschlagen und es hat geklappt. Da ging es zum einen um das Wienerlied und es haben Soyka und Stirner gespielt. Aber es ging auch um ganz neue Musik aus Wien, etwa von Alicia Edelweiss. In diesem Spannungsfeld hat sich das Festival bewegt.

Die Elbphilharmonie ist ein besonderer Ort, auch in Bezug auf die Raumakustik. Wie war es dort zu spielen?

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Sigrid Horn (c) Magdalena Blaszczuk

Sigrid Horn: Wir haben zu dritt gespielt und haben auch unseren Produzenten Felipe Scolfaro Crema dabei gehabt, den man unter anderem von Sketches On Duality kennt. Felipe hat uns live gemischt und sich sehr gut mit den Technikern vor Ort verstanden und so für uns für einen guten Bühnensound und Sound im Raum gesorgt und so waren alle hingerissen. Wir haben im kleinen Saal gespielt, darüber bin ich aber froh, denn der große Saal ist doch eher für Orchester. Davor hätte ich mich wahrscheinlich ziemlich gefürchtet. Im kleinen Saal habe ich mich wohl gefühlt. Der ist akustisch auch ausgefinkelt, da ist eine gewölbte Holzverkleidung und jeder Zentimeter ist irgendwie anders gestaltet und macht akustisch sehr viel her. Der Raum ist super für unser Setup geeignet: durch die Besetzung mit Harfe, Ukulele und Banjolele bzw. Concertina sind wir kammermusikalisch aufgestellt und passen in so einen Raum genau hinein.

Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Auftritt ein Highlight deiner Karriere ist?

Sigrid Horn: Ja, das war definitiv ein Highlight. Allein schon deshalb, weil wir in Deutschland waren und so viel positives Feedback bekommen haben. Ich war am meisten wegen der Frage nervös, ob mich die Leute überhaupt verstehen werden. Jedes Konzert ist auf seine Weise ein Highlight und es passiert immer etwas Besonderes, was davor noch nicht passiert ist. Das können auch schöne Begegnungen vor oder nach einem Konzert sein, es ist nie Dienst nach Vorschrift.

Ich will mit den Liedern die Leute schon aufrütteln“

Ich habe das neue Album als melancholisches Werk gehört, mit einer optimistischen Wendung zum Ende hin. Wolltest du diesen Spannungsbogen aufbauen?

Sigrid Horn: Für mich ist die Platte im Vergleich zur ersten total lustig und lebensbejahend. Und ich war ganz verwundert, dass alle gemeint haben: das ist wieder so traurig. Aber es war definitiv der Plan, das Lied „Aukuma“ ans Ende zu setzen. Ich will mit den Liedern die Leute schon aufrütteln. Ich will, dass sie ein Ventil für ihre Traurigkeit sind, genauso wie sie für mich ein Ventil dafür sind. Aber ich will, dass es einem am Schluss gut geht und man mit sich selbst versöhnt ist. Der Albumtitel „I bleib do“ deutet nicht nur an, dass ich mich wohl fühle, sondern hat auch etwas Widerständiges: ich bleibe da, ihr kriegt mich nicht weg.

Ist das auch ein Statement in Bezug auf dein eigenes Musikmachen?

Sigrid Horn: Genau, das kann man schon so sehen. Weil ich mich selbst immer sehr hinterfragt und mich reflektiert habe. Das ist auch wichtig. Wirklich zu dem Punkt zu kommen und sich einzugestehen: ich bin Musikerin, ich bin Künstlerin, ich lebe davon und mir geht es gut damit.

Diesen Moment der Entscheidung für das Künstlertum finde ich immer interessant, wie war dieser Moment bei dir?

Sigrid Horn: Das war ziemlich zeitgleich mit der Entscheidung ein zweites Album zu machen. Ich war ja davor auch schon Musikerin, aber die Entscheidung alles darauf zu setzen, war zirka im März 2019. Damals ging es darum, ob ich mich noch ein Mal für eine Stelle als Musiklehrerin an einer Schule bewerbe oder nicht. Da habe ich mir gedacht: Nein.

Bild Sigrid Horn & Band
Sigrid Horn & Band (c) Magdalena Blaszczuk

Das ist jetzt ungefähr ein Jahr her, kannst du eine Zwischenbilanz ziehen?

Sigrid Horn: Ja, ich habe immer noch Essen am Tisch gehabt und fühle mich wohl. Zeitlich wäre es sich sonst nicht ausgegangen, das neue Album aufzunehmen. Wir haben viel Zeit im Studio verbracht und haben sehr genau darauf geschaut, den Sound genau so zu machen, wie wir ihn haben wollen. Diese Zeit hätte ich sonst nicht gehabt und jetzt kommen einige Tour-Termine auf uns zu und das wäre sich auch nicht ausgegangen, weil man diese Flexibilität als Lehrerin einfach nicht hat.

Auf dem Album gibt es das Lied „Radl“, das habe ich fast wie eine Nummer von Bruce Springsteen gehört. Working class heroes – zwei Leute, die gegen alle Widerstände sagen: wir sind da und wir bleiben und wir lassen uns nicht unterkriegen.

Sigrid Horn: Das ist ein cooler Vergleich! Das Zitat im Lied – über das Fahrrad – ist ein Original-Zitat von meinem Opa. Das ist der einzige Auftragstext am Album, weil meine Mutter gemeint hat, ich soll doch einen Text zum 60-jährigen Hochzeitstag meiner Großeltern schreiben. Sie wollte nur ein paar Zeilen haben, aber ich habe mich hingesetzt und es ist ein Lied passiert.

Das ist also wirklich eine wahre Geschichte?

Sigrid Horn: Das ist alles wahr. Auch in Bezug auf den Schikurs. Der hat sich auf meine Mutter bezogen: sie hat am Hang hinterm Haus das Schifahren geübt und war beim Schikurs dann in der ersten Leistungsgruppe.

Wie war es für deine Großeltern dieses Lied zu hören?

Sigrid Horn: Sie sind sehr stolz und zeigen das Lied jedem, der auf Besuch kommt und sie haben mir beim Video geholfen, indem sie Fotos heraus gesucht haben. Die beiden sind starke Menschen, die Vorbilder für mich sind: meine Oma war auch in der Gewerkschaft und das steckt in dem Text auch drinnen.

Dieses Glück mit den liebsten Menschen überhaupt Musik zu machen, ist unbeschreiblich“

Du hast für das neue Album dein bewährtes Team um dich, mit Bernhard Scheiblauer und Sarah Metzler als Mitmusiker*innen. Ihr seid auch miteinander auf Tour, wie ist das so viel Zeit mit den Bandkollegen zu verbringen, die siehst du vermutlich öfters als die eigene Familie?

Sigrid Horn: Wir sind schon wie eine Familie, auf unsere Art und Weise, aber Bernhard kenne ich seit dem Kindergarten, Sarah kenne ich auch schon seit rund 10 Jahren. Und Felipe ist gut in unsere Gruppe hinein gewachsen. Dieses Glück mit den liebsten Menschen überhaupt Musik zu machen, ist unbeschreiblich. Das muss ich ganz ehrlich sagen, das macht die Platte sehr viel aus. Wir arbeiten miteinander, weil wir einander sehr gut verstehen und einander mögen.

Dein Album wird von dramatischen Bildern durchzogen, warum wolltest du solche Momente setzen?

Sigrid Horn: Ich empfinde das gar nicht als so dramatisch. Du beziehst dich vielleicht auf das Lied „Ripm“, das eine Antwort darauf war, dass mich nach dem ersten Album viele Leute nach Konzerten gefragt haben: geht es dir eh gut? Du schreibst so arge Lieder. Ja, ich reiße mir gerade mein Herz heraus und lege alles auf den Seziertisch und ihr könnt euch das alle anschauen. Ich weiß, das mir das hilft und habe die Hoffnung, dass es den Menschen hilft, die zuhören.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

 

Aufgrund der derzeitigen Lage durch die Ausbreitung des Coronavirus findet die Albumpräsentation am 18.3. 2020 um 19:30 via Livestream direkt aus dem Wohnzimmer der Künstlerin statt – anstelle eines Live-Konzerts im Rabenhof Theater. Nähere Details auf Sigrid Horns Facebook-Page. Das Interview wurde noch vor Beginn der Corona-Krise geführt.


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