Monobrother (c) Lisa Zalud

„Jede Generation hat ihren eigenen Sound […]“ – MONOBROTHER im mica-Interview

MONOBROTHER ist zurück. Sechs Jahre nach seinem letzten Album Ungururuft der Musiker mit seinem neuen Release die Solodarität(Honigdachs) aus. Wolf Auer traf den Musiker zu einem Interview über seinen kreativen Schreibprozess, das Stadt-Land-Gefälle zwischen dem Mostviertel und Wien, Bauer und Bazi, Amadeus Award und Red Bull.

Die erste Singleauskopplung heißt „Stuwerboy“. Sie wurden in Wien geboren, sind im Mostviertel aufgewachsen und dann wieder zurück nach Wien gezogen. Wie ist Ihre Beziehung zu der Stadt? Aus Ihren Texten lässt sich eine leichte Hassliebe herauslesen.

Monobrother: Wien ist für mich unangefochten die beste Stadt, um zu leben und aufzuwachsen. Trotz einer gewissen grantigen Grundstimmung, die sich über die Jahre aber auch verändert hat, ist Wien für mich sehr positiv besetzt. Hier wohne ich und ich kann mir nicht vorstellen, in nächster Zeit wegzuziehen. Als ich zwölf, 13 Jahre alt war, sind wir ins Mostviertel gezogen. Ich war dann meine ganze Jugend über dort, was mich geprägt hat, vor allem sprachlich. Ich glaube, dass ich ein Kauderwelsch aus Wienerisch und Mostviertlerisch rede; jetzt bin ich für manche Wienerinnen und Wiener halt der Bauer und für manche Mostviertlerinnen und Mostviertel der Bazi. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich diese zwei innerösterreichischen Welten kenne.

Die Mostviertler Einflüsse werden ja auch in der Musik verarbeitet, zum Beispiel im Track „Mostblock“.

Monobrother: Ja, „Mostblock“ ist eine sehr schaurig-schöne Ode an die Sozialisation draußen.

Die Nummer habe ich geschrieben, weil ich nach wie vor gerne draußen bin, ich aber das Gefühl habe, dass das Stadt-Land-Gefälle mit jedem Besuch stärker wird. Ich fahre oft zu meinen Großeltern, zu denen ich ein sehr gutes Verhältnis habe. Eigentlich habe ich den Großteil des Albums dort geschrieben. In Wien habe ich es grob skizziert und dann im Mostviertel vollendet und aufgenommen.

Es gibt ein paar „gallische Dörfer“ im Mostviertel, was kulturelle Belange betrifft, wie den Kulturverein Böllerbauer in Haag, das Festival Hiesige & Dosige in Wieselburg und die Intertonale in Scheibbs. Das Lochness hat leider vor ein paar Jahren zugesperrt, da bin ich auf jeden Fall musikalisch erzogen worden. Ich liebe die Leute, die das veranstalten, die sich da auch total reintigern und versuchen, etwas Subkulturelleres zu etablieren oder auch irgendwie am Leben zu halten; denn sonst regiert da ja eher die kulturelle Ödnis mit Zeltfesten und Ähnlichem.

Monobrother (c) Wolf Auer

„[I]ch weiß ziemlich konkret, wie das Ergebnis ausschauen soll, “

Wird auch unterwegs aufgenommen, z.B. mit einem kleinen portablen Studio, oder ist das ein rein kreativer Schreibprozess?

Monobrother: Nein, ich nehme nie etwas auf, wenn ich unterwegs bin. Ich schaue, dass ich vorher schon alles unter Dach und Fach bringe, um dann mit dem fertigen Text und Beat zu Luki [Lukas Rawer; Anm.] ins Studio zu gehen. Natürlich wird dann noch ein wenig herumprobiert und mit Effekten gespielt, aber ich weiß ziemlich konkret, wie das Ergebnis ausschauen soll, und das machts dann auch einfacher für die Produzenten. In seltenen Fällen gibt es natürlich Phasen, wo alles ein bisschen hängt oder ich mit nicht ganz ausgereiften Ideen ins Studio komme. Da ist es dann cool, mit Produzenten zusammenzuarbeiten, die musikalische und mitunter auch textliche Skills haben und mir dabei helfen, die Richtung zu finden, in die die Reise gehen soll, oder auch konkrete Fragen stellen, was ich mit bestimmten Dingen aussagen will oder was das Grundprinzip einer Nummer ist.

Haben die Produzenten freie Hand beim Basteln der Beats oder machen Sie die gemeinsam?

Monobrother: Ich habe das Glück, das ich mit extrem guten Produzenten und Beatbastlern befreundet zu sein. Das hat sich alles sehr natürlich ergeben. Ich mache das ja auch nicht erst seit gestern. Es ist halt eine recht kleine Bubble, in der irgendwie eh jeder jeden kennt und ich bin sehr dankbar, dass mir Leute regelmäßig Beats schicken und mir diesen Abklapper-Prozess erleichtern. Beim neuen Album habe ich am Anfang sehr lange überlegt, ob und wie ich einen neuen Sound für mich schaffen soll. Ich wollte ein wenig weg vom klassischen Boom bap, aber jetzt auch nichts Unzugängliches machen, sondern eher eine Mischung finden. Ich glaube, dass mir das mit Lukas Rawer und vor allem Fid Mella gut gelungen ist, weil deren Beats einfach eine gute Mischung für mich darstellen.

Im Vergleich zu anderen aktuellen Hip-Hop-Releases hat das Album trotz der zum Teil futuristischen Beats einen angenehm Oldschool-Charakter. Wie nehmen Sie die momentane Entwicklung wahr? Die Grenzen fransen ja zunehmend aus, sodass Artists wie z. B. Mavi Phoenix genauso unter dem Genre Hip Hop laufen, wie RAF Camorra.

Monobrother: Also generell halte ich nicht viel diesen von Ab- und Eingrenzungsgeschichten, wobei ich mich immer wieder selbst dabei ertappe, in veralteten Mustern zu denken. Das sind dann immer so Schlagwörter oder Kampfbegriffe, die ich ja dann auch zum Teil selbst verwende, aber eigentlich ist das eine vollkommen subjektive Angelegenheit. Ich finde es gut, wenn Sachen immer undefinierbarer werden und keine Fronten aufgebaut werden, wo man irgendwelche absurden Zugehörigkeitsbekenntnisse ablegen muss. Jede Generation hat ihren eigenen Sound und damit muss man klarkommen. Man muss sich einen Sound ja nicht anhören, wenn man ihn nicht hören will. Früher ging’s halt viel um Bong, Schnellscheißerhosen und KRS-One, heute um Koki, Retro-Ästhetik und Lil’ irgendwer. Es ändert sich mittlerweile gefühlt stündlich.

Das Album erscheint auf „Honigdachs Records“, einem kleinen und familiären Label. Wie ist das, wenn man heutzutage noch „regulär“ – z. B. auf Vinyl – veröffentlicht? Schauen Sie da mit einem Auge auch auf die Streamingzahlen?

Monobrother: Ich glaube, wir sind uns alle der Tatsache bewusst, dass wir eine Nische bedienen, aber das macht das Ganze auch charmant für mich, weil es etwas schwieriger ist, einen Zugang dazu zu finden. Es ist prinzipiell schön, wenn die Platte rauskommt und Aufmerksamkeit bekommt, speziell weil ich zwei, drei Jahre daran gearbeitet habe; in erster Linie ist bei mir die Erleichterung groß, dass das Ding jetzt draußen ist, und was danach kommt, kann ich nicht beeinflussen.

Ich suche […] lange nach dem Feinschliff in der Musik […]“

Cover “Solodarität” Monobrother

Aber es ist jetzt nicht so, dass „Honigdachs“ sagt: „Vinyl schön und gut, aber die Streamingzahlen müssen stimmen“?

Monobrother: Sicher tut es gut, mit der Musik, von der du überzeugt bist und in die du jahrelange Arbeit investiert hast, Leute zu erreichen. Ich suche ja lange nach dem Feinschliff in der Musik, dem Schlüssel. In erster Linie muss es mir einmal selbst gefallen. Was ich da mache, ist vielleicht ein bisschen persönlichkeitsgestört. Da animiert eine Person eine Kunstfigur, um sich von ihr unterhalten zu lassen. Wenn das auch für andere funktioniert und aufgeht und dann auch noch Klicks bekommt, dann freut mich das natürlich. Aber für mich persönlich hat das keine Priorität. Ich sehe das eher als nette Begleiterscheinung, dass das auch angenommen wird.

Würde ein Vertrag mit einem Major-Label infrage kommen?

Monobrother: Nein, Majors haben überhaupt keinen Wert mehr heutzutage. Hatten sie ihn überhaupt jemals? Gut, du kannst dir viele unangenehme Dinge abnehmen lassen, das stimmt schon. Aber damit läufst du natürlich auch immer Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Du kannst dich vielleicht mal kurz aufblasen mit einem Major im Rücken, kannst dicke Vorschüsse kassieren, die du dann aber wieder abstottern muss, und man kann schöne, aufgeplusterte Videos drehen. Dann kommt vielleicht kurzzeitig etwas Ruhm, aber die Kurve geht dann wieder ziemlich steil nach unten. Ich glaube, die Fallhöhe ist schon ziemlich hart. Wenn du nicht permanent ablieferst und nicht ständig den Wünschen deiner Zielgruppe hinterherhechelst. Für mich wär’ das die Hölle. Du hast heutzutage alle Möglichkeiten, DIY zu arbeiten, und die versuchen wir zu nutzen.

Ich bin auch über die Jahre ein wenig vom Rap abgekommen und habe viel Punk gehört […]“

Monobrother (c) Lisa Zalud

Sie wurden ja sehr vom Linzer Sound geprägt in Ihrer Hip-Hop-Sozialisation, haben auch eine Kollaboration mit Skero gemacht. Verfolgen Sie diese Szene noch, im Speziellen Kroko Jack?

Monobrother: Skero hat mir damals den Kopf-im-Gnack-Beat vorgespielt. Er wollte diese Riesennummer umsetzen und hat das dann auch großartig und visuell sehr aufwendig gemacht. Gerade Kroko Jack alias Markee alias Tibor Foco etc. hat eine riesige Pionierarbeit geleistet, da kann man ihm nur dankbar sein. Sonst muss ich sagen – ich weiß nicht, ob das altersbedingt ist –, dass ich diesen Wunsch, ständig am neuesten Stand zu sein, verloren habe. Ich bin auch über die Jahre ein wenig vom Rap abgekommen und habe viel Punk gehört, was sich in manchen Songs widerspiegelt. Ich habe jetzt keinen Genre-Wechsel vollzogen, habe aber speziell im letzten Jahr wesentlich mehr Nicht-Rap als Rap gehört. Idles und Sleaford Mods zum Beispiel. Aber nach wie vor auch viele ältere, österreichische Musik.

Gibt es irgendwelche österreichischen Artists, die Sie am Schirm haben oder mit denen Sie vielleicht einmal zusammenarbeiten möchten?

Monobrother: Die Leute aus dem „Honigdachs“-Umfeld stellen für mich auf jeden Fall eine gegen- und wechselseitige Inspiration dar. Es ist sehr konstruktiv, wenn die Leute um einen herum immer am Schreiben und am Tun sind und sich das dermaßen zu Herzen nehmen, das ich fast schon gezwungenermaßen oft in einen Bann gezogen werde. Sonst gibts natürlich einige – so wie zum Beispiel Böser Wolf, Def Ill, Worst Messiah, Karäil –, die ich auch gern höre.

Sie haben ja eine recht gute Innsbruck-Connection, Chrisfader und Testa haben Beats für das neue Album gemacht. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Monobrother: Chrisfader kenne ich schon länger. „Duzz Down Sans“ sind ein freundschaftlich verbundenes Label mit gewissen Überschneidungen, da läuft man sich öfter über den Weg.

Monobrother (c) Archiv Monobrother

[D]as gehört meiner Meinung nach mit allen Mitteln boykottiert“

Die Red Bull Music Academy steht ja kurz vor der Schließung. Gab es da jemals einen Bezug dazu? Die Ambivalenz zwischen der ja eigentlich guten Arbeit der Academy und der dahinterstehenden Marke ist in letzter Zeit öfter diskutiert worden.

Monobrother: Nein, ich bin niemals eingeladen worden, noch hätte ich zugesagt. Da steht ein Typ dahinter, der einen Fernsehkanal betreibt und permanent Rechtsextremisten eine Plattform bietet, und das gehört meiner Meinung nach mit allen Mitteln boykottiert.

Wie war das 2014 beim Amadeus Award eigentlich?

Monobrother: Ich habe die Nominierung für den Amadeus Award abgelehnt und in einem offenen Brief begründet, warum. Ich bin nicht hingegangen und wurde dann auch aus der Nominierungsliste gestrichen worden. Das war eigentlich die ganze Geschichte.

Am 25. April ist Releaseparty von „Solodarität“ in der Wiener Arena, was steht in Zukunft noch an? Sind irgendwelche Festivals geplant?

Monobrother: Wir spielen jetzt mal eine kleine, vorsommerliche Tour mit Katharsis, die auch vor Kurzem ihr Album „Katharsis“ auf „Honigdachs“ veröffentlicht haben. Ich halte das Album für eines der besten österreichischen Rapalben der letzten Zeit. Die Kombination aus DRK und Digga Mindz schätze ich extrem und für mich geht das gut auf. Jetzt spielen wir mal in Wien, Linz und Graz. Nach dem Sommer wollen wir schauen, dass noch ein paar Bookings reinkommen und auch Westösterreich bespielen. Ich freue mich auf jeden Fall, wieder live zu spielen.

Bevorzugen Sie das Livespielen oder die Studioarbeit?

Monobrother: Macht mir beides Spaß, im Studio kann man herumprobieren und hantieren, beim Livespielen ist immer ein Das-muss-jetzt-sitzen-Druck dabei. Vor einem Auftritt sitze ich gerne stundenlang am Klo herum und mache mir Gedanken darüber, wie ich mein Leben schnellstmöglich beenden könnte, aber danach verspüre ich für mindestens zwei Wochen nie gekannte Glücksgefühle. Um die Bookings kümmert sich Dent [Christian König, Tivoli Agency; Anm.], ein guter Freund von uns, was sehr erleichternd ist für uns alle. Wir ersparen es uns jetzt, selbst die Veranstalter anzuschreiben. Es ist eine Zeit lang recht ermüdend gewesen, weil man glaubt, keinen Einfluss auf Bookings nehmen zu können. Ich glaube, das war für uns alle ganz gut, dass die Tour mit Kreiml & Samurai letztes Jahr so aufgegangen ist und dass unsere Musik dadurch vielleicht wieder mehr in den Fokus gerückt ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Wolf Auer

Links:
Monobrother (Facebook)
Honigdachs (Website)

Termine:
25. April – Wien, Arena Wien, “Solodarität” Release-Party
4. Mai – Linz, KAPU
11. Mai – Graz, ppc