Bild Wolfgang Muthspiel
Wolfgang Muthspiel (c) Laura Pleifer

„Jazz ist für mich der Umgang mit der Improvisation […]“ – WOLFGANG MUTHSPIEL im mica-Interview

Nach zwei vielumjubelten Veröffentlichungen im Quintett kehrt der Jazzgitarrist WOLFGANG MUTHSPIEL auf seinem neuen Album „Angular Blues“ (ECM Records; VÖ: 20.03.) wieder zum Trio-Format zurück. Was er in seinen neuen Stücken gemeinsam mit dem Schlagzeuger BRIAN BLADE und dem Bassisten SCOTT COLLEY einmal mehr zu Gehör bringt, ist ein wunderbar fließender Jazzklang wohliger Wärme, der sich auf die sanfteste Art erschließt. WOLFGANG MUTHSPIEL sprach mit Michael Ternai über seine Beweggründe, wieder im Trio aufzunehmen, die besondere Bedeutung, die die akustische Gitarre für ihn hat, und darüber, wie er Jazz für sich interpretiert.

„Angular Blues“ ist das erste Album seit Langem, das du wieder im Trio aufgenommen hast. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewogen?

Wolfgang Muthspiel: Ich habe nach den Quintett-Alben einfach wieder Lust auf das Trio-Format verspürt. Im Grunde genommen ist die Trio-Besetzung ja eigentlich auch meine Kerndisziplin, da ich meine ersten Schritte im Jazz in diesem Format getätigt habe. Gemeinsam mit Alex Deutsch und Peter Herbert. Wir haben damals sehr viel zusammen gespielt, haben obsessiv geprobt und viel erforscht. Und wir taten das mit einer großen Hingabe. In dieser Zeit hat sich das Trio zu meiner wichtigsten Besetzung entwickelt. Für mich an einem Trio besonders reizvoll ist, dass man, speziell was die Harmonik betrifft, sehr viel selbst gestalten kann.
Als ich das Konzertangebot in Tokio bekommen habe, habe ich gleich bei Brian und Scott nachgefragt, ob sie nicht Lust hätten, mit mir diese Konzerte zu spielen. Nachdem sie zugesagt hatten, habe ich mich auch gleich darangemacht, ein spezielles Programm für uns zu schreiben. Dass wir das Album dort auch gleich aufgenommen haben, ist einer relativ spontanen Entscheidung entsprungen. Ich hatte das Gefühl, dass die Nummern wirklich gut aufgegangen sind und ein richtig schöner Fluss entstanden ist, in dem wir uns sehr wohl gefühlt haben. Nach den sechs Konzerten sind wir dann gleich ins Studio und haben die Stücke an einem Nachmittag eingespielt.

Du hast in den letzten Jahren viel mit dem Bassisten Larry Grenadier gespielt und aufgenommen. Mit Scott Colley ist jetzt ein neuer Bassist mit an Bord. Ist es das erste Mal, dass du mit ihm zusammenspielst?

Wolfgang Muthspiel: Nein. Ich habe mit Scott schon in den 1990er-Jahren in New York gespielt. Er ist auch auf einem meiner ganz frühen Alben zu hören. Ich glaube, auf „Daily Mirror“, der ersten Veröffentlichung auf meinem Label „Material Records“. Auf der hat damals Rebekka Bakken gesungen. Und Brian war am Schlagzeug auch dabei. Das war 2001.

Bild Wolfgang Muthspiel Trio
Wolfgang Muthspiel Trio (c) ECM

„Die Akustikgitarre steht für ein ganz anderen Klang […]“

Auf deinem neuen Album finden sich gleich drei Stücke, die du mit der akustischen Gitarre spielst. Das war ja schon länger nicht der Fall.

Wolfgang Muthspiel: Die Akustikgitarre ist ja eigentlich mein Hauptinstrument. Sie ist mir in gewisser Weise näher und hat für mich auch einen hohen Stellenwert, weil ich mit ihr das Gitarrespielen begonnen habe. Die Akustikgitarre steht für ein ganz anderen Klang und auch in spieltechnischer Hinsicht unterscheidet sie sich stark von einer E-Gitarre. Auch beim Schreiben von Nummern passieren bei einer akustischen Gitarre andere Dinge als bei einer elektrischen. Sie ermöglicht dir, in eine ganz eigene Musikwelt einzutauchen. Daher würde ich Stücke, die für eine akustische Gitarre geschrieben sind, auch nie mit der E-Gitarre spielen und umgekehrt.
Klarerweise ist die Kombination von akustischer Gitarre und Schlagzeug, die sich auch auf dem Album wiederfindet, nicht ganz unheikel, da das Schlagzeug von der Lautstärke her doch um einiges dominanter ist. Aber mit Brian Blade funktionierte das immer sehr gut. Der ist in seinem Spiel zwar immer sehr interaktiv, deckt aber den akustischen Klang der Gitarre nicht zu.

Auch sind seit Langem wieder ein paar Standards zu hören.

Wolfgang Muthspiel: Ich habe mir gedacht, dass ich durchaus auch mal wieder auf Standards zurückgreifen kann, wenn ich schon mit diesen beiden Musikern in einem Jazzclub spiele. Standards zu spielen stellt für mich jetzt nicht etwas Ungewöhnliches dar. Außer bei Konzerten spiele ich eigentlich immer schon Standards und arbeite schon seit Ewigkeiten an ihnen. Ich fand es dieses Mal einfach passend, sie wieder einmal auf einer Platte öffentlich zu machen. Für mich stellen Standards irgendwie eine Kerndisziplin des Jazz dar. Sie sind eine Grundinfo, die fast alle Jazzer irgendwie miteinander verbindet.

„Man schafft sich kompositorisch einen Raum, den man ständig improvisatorisch beleben und erweitern muss.“

Würdest du dein neues Album eigentlich als klassisches Jazzalbum bezeichnen? Wie definierst du für dich eigentlich Jazz?

Wolfgang Muthspiel: Jazz ist für mich der Umgang mit der Improvisation, die Tatsache, dass Stücke auf Papier niedergeschrieben eine Länge von ein oder zwei DIN-A4-Seiten haben, aber gespielt acht Minuten dauern. Man schafft sich kompositorisch einen Raum, den man ständig improvisatorisch beleben und erweitern muss. Der Großteil der Musik entsteht im Moment, in der Konversation, die man über diesen Raum führt. Das ist das Jazzelement meiner Musik.

Welche Grundidee, welches Konzept stecken hinter dem Album?

Wolfgang Muthspiel: Ein wirklich benennbares Konzept steckt nicht hinter dem Album. Vielmehr war es mir ein Anliegen, dem Trio Stoff zu liefern, welcher zu einer Art Konversation führt, der über die Klischees des Jazz hinausgeht. Aber nicht einmal dieser Gedanke war konkret ausformuliert.
Ich suche eigentlich immer nach Stücken, die für mich eine gewisse Stimmung haben, in die ich mich gerne hineinbegebe. Wenn ich diese Zellen gefunden habe, versuche ich, sie kompositorisch so auszuweiten, dass ein starkes Gebäude entsteht, in dem wir als Trio dann agieren können. Da geht es auch darum, dass man nicht zu viel ausschreibt. Aber auch nicht zu wenig. Es soll spezifisch, gleichzeitig aber auch frei genug sein.
„Hüttengriff“ zum Beispiel ist wahrscheinlich das einfachste Stück, das ich je geschrieben habe. Das können von den Akkorden her prinzipiell alle spielen, die erst zwei Monate Gitarre spielen. Es ist sehr einfach und daher auch der Titel „Hüttengriffe“. Das Stück ist ein Spiel mit der Idee des Anfangs, mit der Idee des Amateurs, was ein schöner Aspekt der Gitarre ist, da diese sich in diesem Punkt sehr von anderen Instrumenten unterscheidet. Ich habe auch gewusst, dass ich dieses Stück mit den beiden sehr gut spielen kann, weil sie nicht versuchen, es irgendwie krampfhaft komplex zu machen.

Gehört es zu deinem Selbstverständnis, dass du als Bandleader auch deinen Mitmusikern Raum zur Entfaltung bietest? Für dich steht ganz offensichtlich die Gesamtheit der Musik im Vordergrund und nicht das Zurschaustellen der eigenen Fähigkeiten.

Wolfgang Muthspiel: Absolut. Ich würde sogar sagen, dass ich absolut abhängig von den Beiträgen der anderen bin. Ich brauche sie unbedingt. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur meine eigene Sprache sprechen will, spiele ich ein Solokonzert. Sobald man mit anderen spielt, ist man für jeden Beitrag der anderen dankbar. Und noch dazu steht meine ganze improvisatorische Welt sehr im Zusammenhang mit dem, was die anderen spielen. So ticke ich einfach als Improvisator. Die befriedigendsten Momente, die ich in der Musik erlebe, sind immer die sehr interaktiven, die, die den Moment wahrnehmen und feiern. Ich finde es sehr spannend, wenn von einem Konzert zum nächsten in ein und demselben Stück immer etwas anderes passiert.

Du veröffentlichst seit Jahren auf „ECM Records“. Inwieweit hilft es, mit so einem renommierten Label zusammenzuarbeiten?

Wolfgang Muthspiel: Die Tatsache, dass ich das auf diesem Label machen kann, ist für mich großartig, weil es für mich in meiner eigenen Entwicklung sehr wichtig war. Sehr viel Musik von diesem Label hat mich maßgeblich beeinflusst. Es ist ein fantastisches Haus, in dem ich meine Musik machen kann. Da bin ich sehr dankbar dafür.

„Egal ob nun nach einer enthusiastischen Lobeshymne oder nach einem Verriss, man muss immer bei sich bleiben.“

Wie wichtig ist dir positives Feedback?

Albumcover Angular Blues 300
Albumcover “Angular Blues”

Wolfgang Muthspiel: Natürlich ist jeder positive Response hilfreich, er begünstigt die Arbeitsumstände. Aber man muss aufpassen, dass man die eigene Sicht auf die Musik nicht mit die der anderen verwechselt. In jeder Hinsicht. Egal ob nun nach einer enthusiastischen Lobeshymne oder nach einem Verriss, man muss immer bei sich bleiben.
Positives Feedback ist schön und manchmal kann die eine oder andere positive Kritik im Sinne von Werbung für die Musik auch wirklich helfen. Dann wird es dann vielleicht leichter mit dem Booking. Das ist schon ein wichtiger Aspekt.
Auf eine komische Art und Weise glaube ich aber bzw. bin ich mir sicher, dass die Rezeption und das Standing im Business nicht wirklich ein Feedback für die Qualität der Musik sind. Ich bin dankbar, dass es gut läuft, aber es gibt so viele Fälle, wo dieses Verhältnis in die eine oder andere Richtung disparat ist. Es gibt sehr Erfolgreiches, das aber super uninteressant ist, und super Interessantes, das unerfolgreich ist.
Es sind sehr viel Einsatz und viel Idealismus notwendig, dass dieses ganze Werkl läuft. Es ist nicht so, dass ich aufwache und aus zwanzig Angeboten wählen kann. Man muss dann schon sehr genau abwägen. Das ist alles kein Selbstläufer. Ohne diesen Einsatz und diese bedingungslose Hingabe geht es nicht. Das ist die gleiche Geschichte bei allen Musikerinnen und Musikern, die das letzten Endes ein Leben lang machen wollen.

Du genießt in der internationalen Jazzszene mittlerweile ein hohes Standing. Die Leute, mit denen du spielst, zählen zu echten Größen. Was ist das Besondere, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten? 

Wolfgang Muthspiel: Bei mir ist es so, dass ich eigentlich immer mit einem Pool von Musikern zusammenarbeite, die ich, wie etwa Brian Blade oder Larry Grenadier, schon seit Ewigkeiten kenne. Es sind üblicherweise langfristige Beziehungen.
Ich glaube, dass es ein gewisser Ausdruck von meinem Gitarrenspiel ist, mit dem sie gerne zu tun haben. Es ist für mich eine Ehre, dass sie mit mir spielen. Einen allzu großen businessmäßigen Grund haben sie ja nicht, es zu tun. Sie wollen es einfach. Es ist eine Art von Wechselwirkung. Man lernt voneinander, man verbringt Zeit miteinander, man entscheidet, eine gewisse Lebenszeit miteinander zu verbringen, und so weiter. Aus diesem Grund ist es auch so, dass ich, wenn ich Stücke schreibe, auch immer an meine Mitmusiker denke, damit sie so gut wie möglich klingen und so frei wie möglich agieren können.

Wie sehen deine Erwartungen bezüglich des Albums aus?

Wolfgang Muthspiel: Es ist noch sehr früh. Ich habe bislang noch sehr wenige Reaktionen vernommen. Ich hoffe einfach, dass es viel gehört wird und es mir viele neue Räume eröffnet, in denen ich in Zukunft mit diesem Programm spielen kann. Aber das ist noch alles ein bisschen in den Sternen. Let‘s see what happens.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

Links:
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ECM Records

 

Hinweis: Dieses Interview wurde noch vor der Einführung der Maßnahmen gegen das Coronavirus seitens der Bundesregierung geführt.