Interview mit der künstlerischen und wissenschaftlichen Leiterin des Orpheus Trust, Primavera Gruber.

“Irgendwann wird das auch entsprechend honoriert werden.” Der vor zehn Jahren als Verein konstituierte Orpheus Trust, eine der bemerkenswertesten zivilgesellschaftlichen Initiativen dieses Landes, die sich um die Sammlung, Dokumentation und öffentliche Präsentation der vom Nationalsozialismus vertriebenen und verfolgten Komponisten unschätzbare Verdienste für Österreich erwarb, musste die Vereinstätigkeit im August dieses Jahres mangels öffentlicher Förderungen einstellen. In der Folge wurde beschlossen, die umfangreichen Sammlungsbestände der Akademie der Künste in Berlin zu übergeben. Das mica veröffentlichte die Erklärung, die die Abwickler des Vereins dazu abgaben, bereits in vollem Wortlaut (siehe Musiknachrichten vom 09.10.)

Der Orpheus Trust hat in den zehn Jahren seiner Existenz trotz einer nach sachlichen Kriterien und im Vergleich mit anderen Institutionen weit unter einer angemessenen Höhe liegenden Förderung durch die öffentliche Hand in über 300 Konzerten und anderen Veranstaltungen an die 3.000 verfolgte Musikschaffende der Öffentlichkeit präsentiert. 4.730 verfolgte Musikschaffende und 13.000 Kompositionen wurden recherchiert und dokumentiert, eine Bibliothek mit 1.300 Kompositionen und ca. 1.000 Büchern und Zeitschriften wurden zusammengetragen, ein Tonarchiv mit über 1.000 Titeln aufgebaut, zahlreiche Nachlässe und Nachlassteile (mit Originalen und Kopien) in Obhut genommen, erschlossen und zugänglich gemacht. Daneben wurden rund 3.000 Anfragen von verwandten Institutionen und Einzelpersonen beantwortet, eine umfangreiche Website geschaffen, 1.000 Proponenten und Mitglieder geworben, die mit regelmäßigen Informationsaussendungen und Programmen versorgt wurden.

Eine ‘Europäische Plattform für vom Nationalsozialismus verfolgte Musik’ wurde von Primavera Gruber bei einer Tagung in Paris im November 2005 erstmals vorgeschlagen und auf Initiative des Orpheus Trust (und aus Mitteln des Vereins finanziert) bei der Tagung ,Face the Music’ am 5. Mai 2006 von Konferenzteilnehmern aus sechs europäischen Ländern gegründet. Die Abwickler des Orpheus Trust sind nach wie vor die Ansprechpartner für die Koordination in Österreich und stehen für Informationen zur Verfügung.

Im folgenden Gespräch mit Heinz Rögl gibt die Gründerin und Leiterin des Orpheus Trust, Primavera Gruber, noch einmal Auskunft warum es so gekommen ist. Aber auch, wie es weitergehen könnte.    

HR: Der Orpheus-Trust war eine Organisation, die sich für die Musik der Vertriebenen in einem intelligenten und sinnvollen Mix aus Sammlungs- und attraktiver Veranstaltungstätigkeit einsetzte – von der Öffentlichkeit und den Medien immer wieder gelobt, aber ständig mit Finanzierungsproblemen konfrontiert. Wie kann man einem unbefangenen Beobachter das Faktum erklären, dass die Sammlungsbestände jetzt nach Berlin gehen müssen und nicht in Österreich bleiben?

PG: Da muss ich natürlich ziemlich weit zurückgehen. Zum Zeitpunkt der Gründung hatten wir die etwas naive Ansicht, dass es wichtig ist, dass unsere Initiative, die das Ziel hatte, vertriebene Musik aus dem Exil nach Österreich zurückzuholen, einfach zu arbeiten anfängt. Auch ohne schriftliche Finanzierungszusagen. Es wurde uns von Vertretern der Fördergeber, auf Seiten des Bundes vor allem durch den damaligen Sektionschef Dr. Temnitschka auch signalisiert, dass wir das tun sollten. Ich war damals auf diesem Gebiet noch alles andere als eine Expertin und ich konnte auch noch gar nicht abschätzen, dass wir einen derart überwältigenden ,Response’ haben würden, der natürlich sehr viel Arbeit bedeutete. Denn es stellte sich bereits nach kurzer Zeit heraus, dass es da nicht – wie anfänglich geschätzt – um 1000 Personen geht, sondern um 5.400, die wir mittlerweile im Archiv erfasst haben. Wir hatten trotzdem das Vertrauen in die Einsicht der Subventionsgeber und dachten uns, na ja, wir müssen halt einmal zeigen, was wir können. Irgendwann wird das auch entsprechend honoriert werden. Wurde es aber nie – vor allem seitens des Bundes nicht. 

HR: Es gab ja einige unvorhergesehe Aufgaben …

PG: Es kamen vor allem die großen Nachlässe: Fritz Spielmann, Franz Steiner, Hermann und Alfred Lunger, Kurt List, Erwin Weiss. Es war einfach so, dass Angehörige und Nachkommen von wichtigen Exilpersönlichkeiten uns diese anvertrauen wollten, weil sie von uns begeistert waren und das Gefühl hatten, dass wir wirklich gut arbeiten, ein   Vertrauen, das manche zum offiziellen Österreich nicht hatten. Oft haben wir auch gesagt, dass es sinnvoller sei, die Nachlässe bei einer anderen Institution zu deponieren, wo bereits ein Teil der Bestände war – so etwa im Fall des Nachlasses von Franz Mittler.

 

 

HR: Anders als bei anderen vergleichbaren Initiativen war das Medienecho über die Arbeit des Orpheus Trust zumeist sehr positiv.

PG: Das stimmt – und das hat uns natürlich auch sehr dazu ermutigt, weiterhin auch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen wie Festivals, Konzertreihen, Ausstellungen zu organisieren. Dadurch, dass die Medien über unsere Aktivitäten berichtet haben, wurden unglaublich viele Leute über das Thema Exilmusik informiert, wussten darüber Bescheid, kamen zu den Konzerten. Ein in dieser Hinsicht besonders tolles Projekt, das viele Menschen erreichte,  waren da etwa die “Klangwege” – das war diese über den gesamten Siebten Bezirk verstreute Klanginstallation. Das hatte enorme Breitenwirksamkeit, erreichte auch Menschen, die nie in ein Konzerthaus gehen.

HR: Es gab auch Kooperationen mit anderen, potenteren Veranstaltern wie ORF, Konzerthaus, Wiener Festwochen. Gab es da auch Querschüsse?

PG: Überhaupt nicht. Allerdings konnte es vorkommen, dass andere sich unsere Ideen zueigen machten, was zwar durchaus prinzipiell in unserem Sinn des Bekanntmachens war.  Aber oft “vergaßen” diese dann, uns als Ideenbringer zu erwähnen. Als kleine Institution, die um Finanzierung kämpft, hätten wir eine solche auch nach außen wirkende Anerkennung natürlich dringend gebraucht. Das konnte schon auch bitter sein, aber wir mussten damit zu leben lernen.

HR: Das Problem war ja auch, dass Orpheus Trust nicht nur im stillen Kämmerlein sammeln, dokumentieren und archivieren wollte, sondern eine vergessene, versunkene Kultur der Zwischenkriegszeit wieder sichtbar und lebendig machen wollte – dazu bedurfte es einer Veranstaltungstätigkeit, die auch etwas kostet.

PG: Ja natürlich. Es geht doch um Menschen. Es hatte von den Fördergebern auch niemand etwas dagegen, nur wurde uns dann halt immer gesagt, da sind die anderen zuständig. Das war das Spiel. Wobei ich die Vertreter der Stadt Wien ja durchaus verstehe, wenn sie argumentierten, das könnten sie nicht alles allein finanzieren, das sei ein gesamtösterreichisches Thema, also Bundessache. Peter Marboe hat ja das große Fritz Spielmann-Festival möglich gemacht, von Andreas Mailath-Pokorny kam die erste große Subventionserhöhung, ohne die wir das “Klangwege”-Projekt im Bezirk Neubau nicht hätten durchführen können. Zum 10-Jahres-Jubiläum wollten wird diese Klanginstallation in ganz Wien machen, da hieß es aus Wien, ja gerne, aber nicht alleine, sondern nur, wenn sich auch der Bund beteiligt.

HR: Wann gab es von eurer Seite das erste Signal, dass es so nicht weitergeht?

PG: Schon 2004, also vor zwei Jahren. Das haben wir auch in unseren Jahresbericht hineingeschrieben und allen Subventionsgebern gesagt und auch schriftlich als Warnung ausgesandt. Die Reaktion war eine minimale Erhöhung vonseiten des BKA-Kunst (30.000 Euro für 2005). Wir haben auch wirklich intensiv versucht, Sponsoren zu gewinnen. 2005 gab es dennoch umfangreiche Aktivitäten: Das Frankreich-Festival ,Douce France?’ mit Symposion, Buchpublikation, zwei Ausstellungen und 10 Konzerten. Dennoch: Keine Reaktion, Resultat null. Ende 2005 hat der Vorstand  gesagt, es geht nicht mehr. Wir schrieben an dreißig Institutionen im Ausland, schilderten unsere Lage und fragten, ob sie imstande wären, unsere Bestände unter ihrem Dach aufzunehmen und die Aktivitäten in unserem Sinne auch fortzuführen. In österreichischen und in internationalen Medien gab es viele Solidaritätsbekundungen.

HR: Es wurde in einer Zeitung unterstellt, du hättest diesen Schritt im Alleingang gemacht?

PG: Die Entscheidung wurde im Vorstand getroffen, in dem ich keine Stimme habe. Es war unser Vorsitzender Randol Schoenberg, der diesen Brief, den wir an die verschiedenen Institutionen geschickt haben verfasst und gezeichnet hat. Und über sämtliche Reaktionen und Angebote wurde umfassend informiert, nicht nur der Vorstand, sondern auch der Beirat, dem Persönlichkeiten wie Prof. Reinhard Kapp und Olga Neuwirth angehörten. Es wurde schließlich eine Auswahl der drei besten Angebote vorgenommen – das war das Diaspora Museum in Tel Aviv, das Leo Baeck Institute in New York und eben das Archiv der Akademie der Künste in Berlin. Wir haben die Entscheidung nicht nur mit den Mitgliedern, sondern auch mit den Nachlassspendern besprochen, die – teils mit blutenden Herzen – ihr Einverständnis dazu gaben, dass wir das machen sollen. Natürlich wird man heute von manchen Kulturpolitikern hören, nein, wir hätten es doch gerne anders gewollt; aber rechtzeitig ausreichend Geld gegeben hat niemand.

 

 

HR: In der besagten Wiener Zeitung wurde die Behauptung kolportiert, Prof. Gerold Gruber hätte seitens der Musikuniversität ein Angebot gestellt, das geeignet wäre, die Bestände für Österreich zu retten und den Orpheus Trust aufzufangen. Und dass man auf sein Angebot nicht reagiert hätte?

PG: Professor Gruber war als Herausgeber einer Zeitschrift der Musikuniversität in unserm Mail-Verteiler, hat von uns wie alle Journalisten regelmäßig Informationen und Aussendungen bezogen. Das Angebot vom Juni 2006 – erstellt ein halbes Jahr nach der Einholung der Angebote durch den Orpheus Trust und nach den Auflösungsbeschlüssen der Generalversammlung – wurde von Vorstand und Beirat, trotz der bereits getroffenen und bekannt gemachten Entscheidung für Berlin evaluiert und im August 2006 vom Vorsitzenden Randy Schoenberg dankend abgelehnt. Es war nicht sehr konkret und dort, wo es konkreter war, zu wenig, verglichen mit unseren eigenen bisherigen Ressourcen.

HR: Berlin – die Rettung?

PG: Das Archiv der Akademie der Künste ist eine überaus renommierte, abgesicherte Institution, es hat an die 1000 Nachlässe, darunter die der österreichischen Exilmusiker Hanns Eisler und Arthur Schnabel. Unsere Bestände, die dort als Sammlung “Orpheus Trust” als ein Bestand archiviert werden, sind in solchem Ambiente sicher sehr gut aufgehoben. In den intensiven Verhandlungen wurden die meisten unserer Sonderwünsche erfüllt. Und vor allem: Weil das eine sehr renommierte Institution für den gesamten deutschen Sprachraum ist, wird sie auch sehr intensiv genützt, vielleicht mehr als irgendein Archiv hier in Österreich.

HR: Wie steht es mit einer Nachfolgeorganisation?

PG: Wir haben da bereits recht konkrete Pläne. Was die Forschung betrifft: Wir hatten ein dreijährig finanziertes Projekt beim Österreichischen Wissenschaftsfonds (Adunka, Gruber, Scheit, Suchy, Schneider; Projektleitung Jürg Stenzl). Auf dieser Grundlage werden wir in ca. vier Jahren in der Lage sein, ein ,Österreichisches Handbuch der verfolgten Musik’ fertig stellen zu können. Für mich persönlich ist das eine absolute Priorität, die es auch notwendig machte, mich aus der aufwendigen und so ergebnisschwachen Subventions-Bittstellerei endlich freizuspielen.
Ende August fragten wir Mitglieder und Interessenten, ob sie weiter informiert werden wollen, das Echo war überwältigend positiv: Viele interessierte Personen wollen zumindest informiert werden, was auf dem Gebiet geschieht. Wir sind noch in der Phase der Abwicklung des Orpheus Trust, aber wir werden in einer Nachfolgeorganisation diese Informationsaufgabe und auch die Koordination zur ,Europäischen Plattform für NS-Verfolgte Musik’ strukturiert übernehmen. Es ist ja nicht so, dass es mit der Exilforschung zu Ende geht. Es gibt ja auch in Wien etliche Institutionen mit Beständen – es steht ja nichts im Weg, dass diese eigene Initiativen entwickeln. Wir kooperieren gerne.   

HR: Was kann die unter der Federführung des Orpheus Trust gegründete Europäische Plattform leisten?

PG: Es gab eine Konferenz in Paris im November 2005, da waren sieben Vertreter vergleichbarer Institutionen vor allem aus Frankreich und Deutschland vertreten, alle in einer vergleichbaren Situation: die Exilmusik ist noch bei weitem unerforscht, es gibt sehr viel zu tun, bei überall sehr knappen Mitteln. Um Synergien herzustellen und zu bündeln, verstärkt zusammenzuarbeiten, habe ich vorgeschlagen, dass wir eine Europäische Plattform bilden. Diese konnte ich dann bei der Konferenz “Face the music” im Mai 2006 in Wien, die wir im Auftrag des Außenministeriums konzipiert haben, zur Gründung verhelfen. Da ist am 5. Mai die Gründungsresolution verabschiedet worden, die mittlerweile von über 300 Personen, die in der Exilmusikforschung tätig sind, unterzeichnet wurde. Die Institutionalisierung in Berlin ist jetzt in der Sondierungsphase, es ist ja wichtig, dass solche Initiativen nicht immer wieder plötzlich ohne Mittel dastehen. Ich bin für die Koordination zuständig. Selbstverständlich sind da alle jene, die in Wien tätig sind oder jetzt erst etwas machen wollen, herzlich eingeladen, sich an dieser Plattform zu beteiligen.
Es geht also bei uns auch weiter, aber in einer neu dimensionierten Form, die hoffentlich weniger Probleme beim Betrieb haben wird.